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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Achtundvierzigstes Kapitel.

Sikes' Flucht.

In der ganzen großen Hauptstadt war an diesem Morgen sicher keine so greuliche, ruchlose Tat geschehen. Die Sonne – die helle Sonne, die nicht bloß Licht, sondern neues Leben, Hoffnung und rüstige Frische den Menschen zurückbringt – ging strahlend auf über der menschenerfüllten Stadt und ergoß ihren Glanz durch kostbar bemalte Scheiben wie durch papierverklebte Fenster und hinein in den himmelanstrebenden Dom wie in die schlechteste, niedrigste Hütte. Sie erhellte auch das Gemach, in welchem die ermordete Nancy lag. Sikes bemühte sich, dem Eindringen ihres Lichtes zu wehren, jedoch vergeblich, und hatte das Mädchen beim ungewissen Dämmerscheine des Morgens einen fürchterlichen Anblick dargeboten, so war ihre blutige Gestalt bei voller Tageshelle noch zehnmal unheimlicher und schauerlicher anzuschauen.

Sikes war aus Furcht nicht von der Stelle gewichen. Er hatte ein leises Ächzen der jammervoll Daliegenden vernommen, ein Zucken ihrer Hand gewahrt und aber- und abermals geschlagen, denn Schrecken und Angst waren bei ihm zu der Erbitterung des Hasses hinzugekommen. Er warf eine Decke über sie; doch es war noch fürchterlicher, im Geiste ihre Augen zu schauen, nach ihm sich wenden und dann emporstarren zu sehen, als wenn sie des Himmels Rache herabriefen. Er entfernte die Decke wieder, und da lag der schreckliche Leichnam, aus dessen Wunden das Blut noch langsam hervorquoll.

Er zündete Feuer an und steckte den Knotenstock hinein, an welchem Haare der Ermordeten klebten, die er, trotz seiner Eisenfestigkeit, mit Zagen von den Flammen ergreifen sah, und ließ ihn darin, bis er zerbrach und zu Asche verbrannte. Er wusch sich und rieb seine Kleider ab. Sie hatten Flecke, die nicht ausgehen wollten, und er schnitt die Stücke heraus und verbrannte sie. Das ganze Gemach war blutbefleckt – sogar die Füße des Hundes waren blutig.

Er hatte während dieser ganzen Zeit nicht nach der Leiche zurückgesehen, nicht ein einziges Mal, und ging, den Hund mit sich fortziehend, ohne hinzublicken nach der Tür, verschloß sie und verließ das Haus. – Er schritt quer über die Straße und schaute nach dem Fenster hinauf, um sich zu überzeugen, daß von außen nichts zu sehen wäre. Das Fenster war durch den Vorhang verhüllt, den sie aufziehen wollte, um dem Lichte freien Zugang zu verschaffen, das sie aber nie wiedersehen sollte. Ihre Leiche lag ganz in der Nähe – er wußte es – und wie hell die Sonne das Fenster erleuchtete!

Es war ihm jedoch Erleichterung, das Zimmer verlassen zu haben; er pfiff dem Hunde und entfernte sich eiligen Schrittes. Er ging durch Islington und über Highgate-Hill, ungewiß, wohin er sich wenden sollte, hatte endlich Hampstead hinter sich gelassen, befand sich im Freien, legte sich hinter eine Hecke, schlief ein, erwachte jedoch bald wieder und irrte von neuem umher, bald eilend, bald zögernd, rastlos selbst, wenn er bisweilen rastete. In Hendon gedachte er irgendwo einzukehren, allein sogar die Kinder vor den Türen schienen ihn argwöhnisch anzublicken, der Mut fehlte ihm, einen Trunk oder einen Bissen Brot zu fordern, und er suchte das Freie wieder auf, obwohl ihn die vierstündige Wanderung, die ihn immer und immer wieder auf denselben Fleck zurückführte, fast gänzlich erschöpft hatte.

Um neun Uhr abends wagte er sich endlich in ein kleines Gasthaus in Hatfield hinein. Im Schenkstübchen am Feuer saßen einige ländliche Arbeiter. Sie machten Platz für den unbekannten Gast, allein er setzte sich in den fernsten Winkel und aß und trank allein, seinem ermüdeten Hund von Zeit zu Zeit ein Stück zuwerfend. Die Arbeiter unterhielten sich von ganz gewöhnlichen Dingen, und er schlummerte schon ein, als lärmend ein Mann eintrat, der halb Hausierer, halb Marktschreier zu sein schien und sogleich anfing, seine Waren ruhmrednerisch und unter mannigfachen Scherzen, wie sie zu dem Orte sich schicken mochten, anzupreisen.

»Diese Kügelchen hier,« sagte er in Erwiderung auf eine Frage eines der Arbeiter, »sind ein untrügliches und unfehlbares Mittel, aus allerlei Art Zeug alle Arten von Flecken auszutilgen. Hat eine Dame ihre Ehre befleckt, so braucht sie nur ein solches Kügelchen zu genießen. Will ein Herr seine Ehre beweisen, kann er's ebensogut mit 'nem solchen Kügelchen tun als mit 'ner Pistolenkugel und noch besser, denn der Geschmack ist viel schlechter. Wer kauft? Das Stück 'nen Penny – oder auch zwei Halbpence oder vier Heller – mir ist's ganz gleich. Sie gehen so reißend ab, daß sie nur selten zu haben sind; vierzehn Wassermühlen, sechs Dampfmaschinen und eine galvanische Batterie sind unaufhörlich in Arbeit und können nicht schnell genug fabrizieren, um die Käufer zu befriedigen, obgleich die angestellten Arbeiter sich totarbeiten, und die Witwen mit zwanzig Pfund jährlich für jedes Kind pensioniert werden und mit 'ner Prämie für Zwillinge. Alle Flecke gehn davon aus, Fettflecke, Wein- und Farbe- und Wasser- und Blutflecke. Schauen Sie hier! Da ist ein Fleck auf dem Hute 'nes Gentleman, den ich 'runterbringen werde, eh' er mir 'nen Krug Ale bringen lassen kann.«

»Wollt Ihr wohl meinen Hut liegen lassen!« rief Sikes emporschreckend.

»Sir,« fuhr der Hausierer, den Arbeitern zublinzelnd, fort, »ich werde den Fleck 'runter haben, eh' Sie zu mir herkommen können. Gentlemen, Sie bemerken den dunkeln Fleck auf dem Hute des Gentleman, nicht größer als ein Schilling, aber dicker als eine halbe Krone. Gleichviel ob's ein Fettfleck ist, oder ein Wein-, ein Farbe-, ein Wasser- oder ein Blutfleck –«

Er kam nicht weiter, denn Sikes stieß mit einer schrecklichen Verwünschung den Tisch um, entriß ihm den Hut, schritt wütend aus dem Hause hinaus und wandte sich in derselben Verwirrung und Unentschlossenheit, die ihn, ihm selber zum Trotze, den ganzen Tag nicht hatte verlassen wollen, wieder nach der Stadt zurück. Vor dem Posthause stand eine Londoner Diligence, und sorgfältig den Schein ihrer Laternen meidend, näherte er sich ahnungsvoll, um zu horchen.

Er hatte eine Zeitlang dagestanden, als ein Wildwärter zu dem Kondukteur trat, der am Fenster des Bureaus auf seine Abfertigung wartete, und ihn fragte, ob es nichts Neues gäbe.

»Das Korn ist ein bissel gestiegen,« lautete die Antwort. »Auch hörte ich von 'ner Mordtat, begangen in der Gegend von Spitalsfield – doch wer weiß? es wird entsetzlich gelogen.«

»Es ist vollkommen wahr,« nahm ein Reisender das Wort. »Es ist eine höchst schauderhafte Mordtat gewesen.«

»Ist sie denn an einem Manne oder an einer Frau begangen, Sir?«

»An einem Mädchen, und man sagte –«

Hier wurde der Kutscher ungeduldig und rief dem Kondukteur zu, daß er sich beeilen möchte.

»Komme schon,« rief der Kondukteur heraustretend zurück, »wie auch die reiche junge Dame schon kommt, die sich in mich verlieben wird, ich weiß nur nicht, wann.«

Er stieg hinauf, stieß in sein Horn, und die Diligence rasselte fort.

Sikes stand da, anscheinend unbewegt und nur zweifelhaft, wohin er sich wenden sollte. Endlich schlug er den Weg nach St. Albans ein.

Als er die Stadt hinter sich hatte und sich in der Finsternis auf der einsamen Straße befand, bemächtigte sich seiner eine Beängstigung, so furchtbar, wie wenn sie ihm das Herz abdrücken wollte. Alles um ihn her, wirkliche Gegenstände wie Schatten, ob es sich regen mochte oder nicht, nahm eine schreckliche Gestalt an; allein noch unendlich fürchterlicher war die greuliche der Erschlagenen, die ihm dicht auf den Fersen mit feierlichen, geisterhaften Schritten nachfolgte. Er sah sie deutlich in der Finsternis, hörte ihre Kleider in den Blättern rauschen, und jeder Windhauch führte seinem Ohre ihr letztes leises Ächzen zu. Stand er still, so tat sie es ihm nach; lief er, so folgte sie ihm auch – nicht im Laufe, was ihm eine Herzenserleichterung gewesen sein würde – sondern wie eine Leiche, begabt nur mit mechanischer Bewegungskraft und getragen von einem traurigen, langsam daherrauschenden und sich weder verstärkenden noch abnehmenden Lufthauche.

Mehreremal drehte er sich mit einem verzweifelten Entschlusse um, gewillt, das Phantom zu verscheuchen, und wenn es ihn mit seinen Blicken tötete; aber dann stand ihm das Haar zu Berge und das Blut still, denn die Gestalt hatte sich mit ihm umgedreht und war fortwährend hinter ihm. Am Morgen war sie vor ihm hergegangen – jetzt folgte sie ihm. Er stellte sich mit dem Rücken an die Wand eines steilen Grabens und hatte das Gefühl, daß sie in deutlichen Umrissen gegen den kalten Nachthimmel abstechend vor ihm stand. Er warf sich nieder auf die Straße, und sie stand ihm zu Häupten, aufgerichtet, stumm und regungslos, gleich einem lebendigen Grabsteine mit blutgeschriebener Inschrift.

Sage niemand, daß Mörder der Gerechtigkeit entgingen oder daß die Vorsehung schlummere! Der Mörder Sikes erduldete in einer einzigen Minute die Angst und Pein eines gewaltsamen Todes hundertfach.

Er erblickte einen Schuppen in einem Felde, welcher ein Obdach für die Nacht darbot. Vor der Tür desselben standen drei hohe Pappelbäume, die das Innere noch finsterer machten, und der Wind säuselte unheimlich in ihren Blättern. Es war unmöglich, er konnte nicht bis zu Tagesanbruch fortwandern und streckte sich dicht an der Wand nieder – um neuen Qualen zum Raube zu werden. Denn jetzt trat ein Gesicht vor ihn, noch schrecklich beharrlicher und grausiger als das, welchem er entronnen war. Zwei starre, halbgeöffnete Augen, glanzlos und gläsern, erschienen ihm mitten in der Finsternis, hatten ihr eignes Licht, gaben aber keins von sich. Es waren ihrer nur zwei, aber sie waren überall. Bedeckte er seine Augen, so stand sein Zimmer mit allem, was es enthielt, so deutlich vor ihm, wie wenn er sich darin befände. Alles war an seinem Orte, auch die Leiche an dem ihrigen, und ihre Augen waren so gläsern und starr, wie in der Minute, als er hinausschlich. Er sprang auf und eilte wieder in das Freie. Die Gestalt war hinter ihm. Er ging in den Schuppen zurück und drückte sich wieder dicht an die Wand, und die Augen waren wieder da, noch bevor er sich niedergelegt hatte.

Er bebte an allen Gliedern, und kalter Angstschweiß bedeckte ihn von Kopf bis zu Füßen, als plötzlich aus weiter Ferne verwirrtes Rufen und Schreien an sein Ohr drang. Es erschien ihm als eine Wohltat, eine wirkliche Ursache zu Furcht und Schrecken zu erhalten. Kraft und Mut kehrten ihm bei der Aussicht auf persönliche Gefahr zurück, er raffte sich auf, eilte hinaus und sah den Himmel weithin von einer furchtbaren Feuersbrunst gerötet. Die Sturmglocke ertönte, und lauter und lauter wurde der Lärm und das Getöse. Es war ihm, als wäre ein neues Leben in ihm erwacht. Er rannte, sein Hund wie toll vor ihm her, nach der Richtung hin, über Hecken und Gräben, Mauern und Tore, kein Hindernis achtend, und langte atemlos an.

Es standen viele Häuser in Flammen, und die Angst, das Geräusch, die Verwirrung waren grenzenlos. Er schrie selbst mit, bis er heiser war, und stürzte sich, um seinem Gedächtnisse und sich selbst zu entfliehen, in den dichtesten Haufen, arbeitete bald an den Spritzen, erstieg bald auf wankenden Leitern die höchsten Dachgiebel, war überall und trotzte jeder Gefahr; allein er schien ein bezaubertes Leben zu haben und empfand, bis der Tag graute, keine Spur von Ermüdung, trug nicht die kleinste Brandwunde, keine Beule, keine Schramme davon.

Als jedoch die wahnsinnige Aufregung vorüber war, kehrte ihm mit zehnfacher Gewalt das schreckliche Bewußtsein seines Verbrechens zurück. Er blickte argwöhnisch umher, denn die Leute standen hier und da beieinander und redeten untereinander, und er fürchtete, der Gegenstand ihrer Gespräche zu sein. Der Hund gehorchte seinem Winke, und beide stahlen sich davon. Die Wärter einer Spritze forderten ihn auf, ihren Morgenimbiß mit ihnen zu teilen. Er nahm ein Stück Brot und einen Trunk Bier an. Sie waren aus London und fingen an, von der Mordtat zu sprechen. »Er ist nach Birmingham gegangen,« sagte einer von ihnen, »aber sie werden ihn bald fassen, denn die Polizei hat ihre Späher schon ausgeschickt, und bis morgen wird nur der eine Schrei im ganzen Lande sein. ›Wo ist der Mörder?‹«

Er eilte fort und ging, solange die Füße ihn tragen wollten, warf sich an einem entlegenen Orte nieder, verfiel in einen langen, aber unruhigen, oft unterbrochenen Schlaf, setzte unentschlossen und ungewiß, geängstet von der Furcht vor einer zweiten einsamen Nacht, seine Wanderung wieder fort und faßte plötzlich den verzweifelten Entschluß, nach London zurückzukehren.

»Kann doch wenigstens dort mit jemand sprechen,« dachte er, »und hab' ein gutes Versteck. Sie suchen mich da am letzten. Ich halte mich 'ne Woche still, zwinge Fagin, zu blechen und schiffe 'nüber nach Frankreich. Gott verdamm mich, ich wag's!«

Sein Plan war, nach Dunkelwerden auf Schleichwegen Fagins Wohnung zu erreichen. Aber der mit ihm vermißte Hund konnte seine Entdeckung und Verhaftung veranlassen. Er beschloß, ihn zu ersäufen, hob einen schweren Stein auf und knüpfte denselben in sein Taschentuch. Ein Gewässer war in der Nähe, er lockte den Hund, allein lange mit vergeblicher Mühe; die Blicke seines brutalen Herrn mochten den Instinkt des Tieres noch verschärft haben. Sikes schmeichelte und drohte, der Hund kroch endlich zu ihm heran, sprang aber, als er sich plötzlich gefaßt fühlte, zurück, lief davon, und Sikes mußte seine Wanderung allein fortsetzen.

 

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