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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Fünfundvierzigstes Kapitel.

Noah Claypole wird von Fagin als Spion verwandt.

Der alte Mann stand am andern Morgen beizeiten auf und erwartete ungeduldig seinen neuen Verbündeten, der sich erst nach einem endlos scheinenden Ausbleiben zeigte und sogleich mit Gier über das Frühstück herfiel.

»Bolter,« sagte der Jude, sich ihm gegenüber setzend.

»Was gibt's?« erwiderte Noah. »Fordert nichts von mir, bis ich mit'm Essen fertig bin. Das ist der große Fehler hier. Es wird einem niemals Zeit genug bei den Mahlzeiten gelassen.«

»Ei, Ihr könnt doch sprechen beim Essen,« sagte der Jude, vom Grunde seines Herzens des jungen Freundes Eßgier verwünschend.

»Und es geht obendrein noch besser, wenn ich spreche,« versetzte Bolter, ein ungeheueres Stück Brot abschneidend. »Wo steckt denn Charlotte?«

»Ich habe sie ausgeschickt heute morgen mit dem anderen jungen Frauenzimmer, weil ich wünschte zu sein allein.«

»Wollte nur, daß Ihr der Dirne erst gesagt hättet, sie sollte Brotschnitte mit Butter rösten. Nun schwatzt aber nur zu – werde mich nicht stören lassen,« sagte Noah, und es schien in der Tat wenig auf sich zu haben mit der Besorgnis, daß er sich stören lassen dürfte, denn er war offenbar entschlossen, wacker fortzuarbeiten.

»Ihr habt gestern gemacht Eure Sachen gut,« sagte der Jude; »sehr schön. Sechs Schillinge, neun Pence und 'nen halben Penny am allerersten Tage! Das Schratzchen wird Euch machen reich.«

»Vergeßt nicht die drei Bierkannen und den Milchtopf,« erwiderte Bolter.

»Nein, nein, mein Lieber. Die Bierkannen waren große Geniebeweise, der Milchtopf aber war ein vollkommenes Meisterstück.«

»Ging wohl an für 'nen Anfänger,« bemerkte Mr. Bolter selbstgefällig. »Die Bierkannen nahm ich von 'nem Sout'raingitter 'runter, und der Milchtopf stand draußen vor 'nem Gasthofe; ich dachte also, er möchte rostig werden durch den Regen oder sich erkälten, wißt Ihr. Ha, ha, ha!«

Der Jude stimmte in Mr. Bolters Gelächter, der seine Beschäftigung rüstig weiter fortsetzte, des Scheines halber herzlich ein und sagte, sich über den Tisch hinüberlehnend: »Ihr müßt mir ausrichten etwas, mein Lieber, das erfordert große Sorgfalt und Vorsicht.«

»Fagin,« entgegnete Noah, »Ihr dürft aber nichts Gefährliches von mir verlangen und mich nicht wieder in Polizeigerichte schicken; denn ein für allemal, das gefällt mir nicht, und ich will's nicht.«

»'s ist dabei nicht die geringste Gefahr – Ihr sollt bloß baldowern ein Frauenzimmer.«

»Ein altes?«

»Ein junges.«

»Nun darauf versteh' ich mich gut genug – trieb's schon mit Glück, als ich noch in die Schule ging. Was soll ich denn auskundschaften von der jungen Person?«

»Wohin sie geht, mit wem sie verkehrt, und wo möglich, was sie sagt; Euch merken die Straße, wenn's eine Straße, oder das Haus, wenn's ist ein Haus und mir bringen so viel Kunde, wie Ihr nur vermögt.«

»Was gebt Ihr mir dafür?« fragte Noah begierig.

»Wenn Ihr's gut ausrichtet, ein Pfund, mein Lieber – ja, ja, ein Pfund,« erwiderte Fagin, der ihn so sehr wie möglich für die Sache zu interessieren wünschte; »und das ist so viel, als ich noch nie habe gegeben für ein Stück Arbeit, wobei nicht war viel zu gewinnen.«

»Wer ist denn das Frauenzimmer?«

»Eine der Unsern.«

»Hm – so! Ihr setzt Mißtrauen in sie?«

»Sie hat sich gewandt zu neuen Liebhabern, und ich muß wissen, wer die mögen sein.«

»Verstehe schon – um das Vergnügen zu haben, sie kennen zu lernen, wenn es respektable Leute sind – wie? Ha, ha, ha! Verlaßt Euch auf mich.«

»Wußte wohl, daß ich's würde können.«

»Natürlich, natürlich! Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann geh' ich los?«

»Ihr sollt das alles hören von mir, mein Lieber, zu seiner Zeit. Haltet Euch bereit nur und überlaßt das übrige mir.«

Sechs Abende saß der Kundschafter gestiefelt und in seinem Kärrneranzuge da, bereit, auf einen Wink von Fagin zu beginnen, und Abend für Abend kehrte der Jude verdrießlich nach Hause zurück und sagte, daß es noch nicht Zeit wäre. Am siebenten – einem Sonntag Abend – trat er mit einem Vergnügen ein, das er nicht zu verbergen imstande war.

»Sie geht aus heute abend,« sagte er, »und ich bin gewiß, daß sie geht hin da, wo ist zu erforschen, was ich wünsche zu wissen; denn sie hat allein gesessen den ganzen Tag, und der Mann, vor dem sie sich fürchtet, wird erst zurückkehren gegen Tagesanbruch. Kommt, kommt! Folgt mir geschwind!«

Des Juden Erregtheit steckte auch Noah an, der sogleich aufsprang. Sie verließen das Haus, eilten durch ein Straßen- und Gassenlabyrinth und langten endlich vor einem Gasthause an, in welchem Noah die Krüppel erkannte. Es war elf Uhr vorüber und die Tür verschlossen; sie öffnete sich aber auf ein leises Pfeifen des Juden und schloß sich wieder, als sie geräuschlos hineingegangen waren. Fagin flüsterte kaum, sondern besprach sich mit dem jüdischen Jünglinge durch stumme Zeichen, wies darauf nach dem kleinen Fenster hin und bedeutete Noah, auf einen Stuhl zu steigen und sich die im anstoßenden Zimmer befindliche Person anzusehen.

»Ist das das Frauenzimmer?« flüsterte Noah. »Sie sieht vor sich nieder, und das Licht steht hinter ihr. Ich kann ihr Gesicht nicht erkennen.«

»Bleibt ruhig stehen,« flüsterte Fagin und gab Barney ein Zeichen, der sogleich hinausging, nach ein paar Augenblicken in dem anstoßenden Zimmer erschien, das Licht, unter dem Vorwande, es zu schneuzen, vor das Frauenzimmer – Nancy – hinstellte, sie anredete und dadurch veranlaßte, den Kopf emporzuheben.

»Jetzt seh' ich sie,« flüsterte Noah.

»Deutlich?«

»Würde sie unter Tausenden wiedererkennen.«

Nancy stand auf und schickte sich zum Fortgehen an. Er stieg eilig von dem Stuhle herunter und trat sacht mit Fagin hinter einen Vorhang; gleich darauf ging Nancy durch das Zimmer und aus dem Hause hinaus.

»Pst!« rief Barney, der ihr die Haustür geöffnet, »jetzt.«

Noah wechselte einen Blick mit Fagin und schlüpfte hinaus.

»Links,« flüsterte Barney; »haltet Euch linker Hand und auf der anderen Seite.«

Noah sah Nancy beim Laternenscheine schon in einiger Entfernung. Er eilte ihr nach, folgte ihr so nahe, wie es ihm rätlich erschien, und hielt sich auf der anderen Seite, um sie desto besser beobachten zu können. Sie sah sich ängstlich ein paarmal um und stand einmal still, um einige ihr dicht nachfolgende Männer vorüber zu lassen. Sie schien im Weitergehen Mut zu gewinnen und einen sicheren und festeren Schritt anzunehmen. Der Kundschafter hielt sich in gemessener Entfernung hinter ihr und ließ sie nicht aus den Augen.

 

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