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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Dreiundvierzigstes Kapitel.

In welchem berichtet wird, wie sich der gepfefferte Baldowerer in Verlegenheiten benahm.

»Also Ihr selber waret Eurer Freund – nicht wahr?« fragte Mr. Bolter, sonst Claypole, als er, nach zwischen ihm und Fagin besiegeltem Vertrage, in des Juden Wohnung geführt worden war. »Dummkopf, der ich bin – ich hätt's mir doch gestern abend schon denken können!«

»Jedermann ist sein eigener Freund,« erwiderte Fagin. »Es gibt Tausendkünstler, die da sagen, Nummer Drei wäre die Zauberzahl, und andere sagen Nummer Sieben. Aber es ist nicht wahr, mein Freund. Nummer Eins ist's!«

»Ha, ha, ha! Nummer Eins für immer!«

»In einer kleinen Genossenschaft, wie die unsrige ist,« sagte der Jude, der eine Erklärung für nötig hielt, »haben wir eine allgemeine Nummer Eins; das will sagen, Ihr könnt Euch nicht betrachten als Nummer Eins, ohne mich und all die andern jungen Leute als dieselbe zu betrachten zugleich.«

»Das wär' der Teufel!«

»Ihr seht wohl,« fuhr der Jude fort, sich anstellend, als ob er die Unterbrechung nicht beachtete, »unser Nutzen und Schaden ist eins so ganz, daß es nicht sein kann anders. Zum Beispiel, es ist Euer Zweck und Absicht, zu sorgen für Nummer Eins – das heißt für Euch selbst.«

»Ganz recht, ganz recht.«

»Sehr wohl – Ihr könnt aber nicht sorgen für Euch selber, Nummer Eins, ohne zugleich zu sorgen für mich, Nummer Eins.«

»Nummer Zwei wollt Ihr sagen,« fiel Mr. Bolter ein, der die Tugend der Selbstliebe im allerhöchsten Maße besaß.

»Nein, nein!« entgegnete der Jude. »Ich bin von derselben Wichtigkeit für Euch, wie Ihr es seid selbst.«

»Hört,« unterbrach Mr. Bolter, »Ihr seid ein sehr netter Mann, und ich halte sehr viel von Euch; aber so dicke Freunde, wie Ihr mit dem allen meint, sind wir doch noch nicht.«

»Bedenkt doch, bedenkt doch nur!« sagte der Jude achselzuckend und die Hände ausstreckend. »Ihr habt getan, was sehr hübsch war, und ich ehre und liebe Euch deshalb; aber 's ist auch derart, daß es Euch zugleich einbringen kann die Kravatte, die so leicht ist einzuknüpfen und so schwer wieder aufzubinden – den Strick nämlich!«

Mr. Bolter legte die Hand an sein Halstuch, als wenn es ihm unbequem eng säße, und murmelte eine Art von Beistimmung.

»Der Galgen,« fuhr Fagin fort, »der Galgen, mein Lieber, ist ein häßlicher Wegweiser, der zeigt um eine sehr scharfe Ecke und hat gemacht ein Ende der Weiterreise vieler mutvoller, wackerer Leute auf der großen Heerstraße. Euch zu halten auf der bequemen Straße, und zu bleiben dem Galgen fern, muß sein Euer Nummer Eins, mein Lieber.«

»Natürlich,« fiel Mr. Bolter ein; »aber wozu redet Ihr von solchen Dingen?«

»Bloß um Euch zu zeigen meine Meinung deutlich,« erwiderte Fagin, die Augenbrauen emporziehend. »Ihr könnt das nicht allein, sondern hängt dabei ab von mir, und ich hänge ab von Euch, wenn mein kleines Geschäft soll haben guten Fortgang. Das erste ist Eure Nummer Eins, das zweite ist meine Nummer Eins. Je mehr Euch liegt am Herzen Eure Nummer Eins, desto mehr müßt Ihr sein besorgt für meine; und so kommen wir endlich wieder zurück auf das, was ich Euch sagte gleich anfangs – daß Sorge für Nummer Eins kommt uns allen zu gut, und lassen wir's fehlen daran, gehen wir zugrunde miteinander alle.«

»Das ist wohl wahr,« bemerkte Bolter gedankenvoll. »Ihr seid, meiner Treu, ein geriebener alter Gesell!«

Fagin erkannte mit innigstem Vergnügen, daß dies keine bloße Schmeichelei war, sondern daß er seinem Rekruten eine bedeutende Vorstellung von seiner Verschlagenheit und Gewalt beigebracht hatte, was beim Beginn ihrer beiderseitigen Bekanntschaft von großer Wichtigkeit war. Um den Eindruck, den er auf den jungen Menschen gemacht hatte, noch zu verstärken, ließ er ihn einige Blicke in die Großartigkeit und den Umfang seiner Operationen tun, wobei er, seinem Zwecke gemäß, Wahrheit und Dichtung so geschickt miteinander vermischte, daß Mr. Bolters Hochachtung gegen ihn sichtlich zunahm und er zugleich eine Zutat heilsamer Furcht erhielt, welche bei ihm zu erwecken äußerst wünschenswert war.

»Dies gegenseitige Vertrauen ist es,« sagte der Jude, »was mich tröstet wegen schwerer Verluste. Erst gestern morgen verlor ich meinen besten Gehilfen.«

»Ist er Euch davon gegangen?« fragte Mr. Bolter.

»Ganz wider seinen Willen,« antwortete Fagin. »Er war beschuldigt des Versuchs eines Taschendiebstahls, und sie fanden bei ihm eine silberne Schnupftabaksdose. Es war seine eigene, mein Lieber, seine eigene, denn er schnupfte selbst, und die Dose war ihm sehr wert. Er ward wieder vorbeschieden auf heute, denn sie meinten herbeischaffen zu können den Eigentümer. O, er war wert fünfzig silberne Dosen, und ich würde sie darum geben, wenn ich ihn hätte wieder. Ihr solltet gekannt haben den Baldowerer, mein Lieber; solltet gekannt haben den Gepfefferten!«

»Ich hoffe ihn noch kennen zu lernen – meint Ihr nicht, Fagin?«

»Ich muß es bezweifeln,« erwiderte der Jude seufzend. »Wenn vorgebracht wird kein neues Zeugnis gegen ihn, so werden wir ihn freilich haben wieder nach ein sechs oder acht Wochen; sonst aber wird er gerumpelt, und auf lebenslang, sicher auf lebenslang; denn sie wissen's, welch ein gescheiter Bursch ist der Baldowerer.«

»Was wollt Ihr damit sagen, daß er gerumpelt würde?« fragte Mr. Bolter. »Warum sprecht Ihr in solchen Ausdrücken zu mir, da Ihr doch wißt, daß ich sie nicht verstehen kann?«

Fagin war im Begriff, ihm zu sagen, daß Rumpeln soviel als Deportieren bedeute, allein in demselben Augenblicke trat Master Bates mit den Händen in den Beinkleidertaschen und einem halbkomisch-trübseligen Gesichte herein.

»'s ist vorbei mit ihm, Fagin,« sagte er, nachdem er seinem neuen Kameraden gebührend vorgestellt worden war.

»Was willst du sagen damit?« fragte der Jude mit bebenden Lippen.

»Sie haben den Herrn ausgespürt, dem die Dose gehörte, und noch mehrere Anklagen vorgebracht – der Gepfefferte erhält freie Überfahrt,« antwortete Master Bates. »Ich muß ä vollständigen Traueranzug haben, Fagin, und ä Hutband, ihn zu besuchen, eh' er seine Reise antritt. 's is doch die Möglichkeit! – Jack Dawkins – der große Jack Dawkins – der Baldowerer – der gepfefferte Baldowerer – und wird gerumpelt wegen 'ner lumpigen Schnupftabaksdose! – wegen 'ner erbärmlichen Dorfdruckerei!Taschendiebstahl. Ich hätt's nimmermehr geglaubt, daß er's unter 'ner goldnen Uhr mit Kette und Petschaften zum mindesten getan haben würde. Nein, wenn er noch 'nem reichen alten Herrn seine ganze MassummeGeld. und alles geganftgeraubt. hätte, so daß er doch abreiste wie ä Gentleman! – aber so – wie ä gemeiner Dorfdrucker! – ohne Ruhm, ohne Ehre!«

Also seine Gefühle für den unglücklichen Freund ausdrückend, nahm Master Bates entrüstet und niedergeschlagen auf dem ersten besten Stuhle Platz.

»Was schwätzest du, daß er hätte weder Ruhm noch Ehre!« rief Fagin, seinem Zöglinge einen zornigen Blick zuwerfend, aus. »Ist er nicht immer gegangen über euch allen – hat's einer von euch ihm tun können gleich – nur von fern tun können gleich – wie?«

»Freilich, freilich! Aber sollt's einen denn nicht jammern,« entgegnete Charley, »sollte man nicht des Teufels werden vor Verdruß, daß nichts davon vor Gericht verlautet, daß niemand nur zur Hälfte erfährt, wer und was er gewesen ist? Welch 'nen elenden Titel wird er im Newgatekalender bekommen – kommt vielleicht nicht mal 'nein! O weh, o weh, was es für ä Jammer ist!«

»Ah! wenn du's so meinst,« sagte der Jude mit vergnügtem Kichern und ihm die Hand reichend, »wenn du's so meinst, das ist ein andres. Schaut, mein Lieber,« fuhr er, zu Bolter sich wendend, fort, »schaut, wie stolz sie sind auf ihren Stand und Beruf! Ist es nicht zu sehen eine Lust?«

Mr. Bolter nickte Beistimmung, und der Jude trat mit freudigem Stolze zu Charley, klopfte ihm auf die Schulter und sagte tröstend: »Sei nur ohne Sorgen, Charley; es wird schon kommen an den Tag, und er wird's selbst schon zeigen, was er ist gewesen, und wird keine Schande bringen über seine alten Kameraden und Lehrer. Bedenkt auch nur, wie jung er noch ist! Ist's nicht schon eine große Auszeichnung, bei seinen Jahren gerumpelt zu werden auf lebenslang?«

»Ja freilich – daran hatt' ich nicht gedacht – 's ist freilich ehrenvoll genug!« erwiderte Charley, einigermaßen getröstet.

»Er wird haben alles, was er braucht,« fuhr der Jude fort; »wird in DovesGefängnis. gehalten werden wie ein Gentleman, alle Tage haben sein Bier und Geld in der Tasche, zu spielen Bild oder Schrift, wenn er's nicht kann ausgeben.«

»Wahr und wahrhaftig?« rief Charley aus.

»Ganz gewiß, ganz gewiß!« sagte Fagin. »Und wir werden ihm schaffen 'nen Advokaten – den zungenfertigsten, der wird sein zu finden – zu führen seine Verteid'gung; und wenn er will, kann er auch halten eine Rede selbst, und wir werden's lesen alles in den Blättern. Was sagst du, Charley?«

»Prächtig, prächtig!« rief Master Bates aus. »O, es ist mir, als wenn ich ihn vor mir sähe, wie er die alten Perücken bei der Nase herumzieht, wie sie sich abstrap'zieren, wichtig und feierlich aussehen, und er so vertraulich und gemütlich zu ihnen spricht, als wenn er des Richters eigener Sohn wäre und 'ne Rede bei Tisch hielte – ha, ha, ha!«

»Aber Charley,« sagte der Jude, »wir müssen ersinnen, ein Mittel in Erfahrung zu bringen, wie er sich macht heute und was ihm passiert.«

»Soll ich hingehen?« entgegnete Master Bates eifrig, denn er versprach sich jetzt den köstlichsten Genuß von einem Schauspiele, bei welchem der Baldowerer, den er noch vor kurzem als einen Gegenstand des Mitleids und Verdrusses betrachtet, in der ersten glänzenden Rolle auftreten sollte.

»Nicht um alles in der Welt,« antwortete Fagin.

»So schickt den da – den Neuangeworbenen hin,« riet Charley; »den kennt niemand.«

»Kein schlechter Rat,« sagte der Jude. »Was meint Ihr, mein Lieber?«

»Nein, nein,« erwiderte Mr. Bolter kopfschüttelnd; »nichts davon, 's ist mein Fach nicht.«

»Was habt Ihr ihm denn für ä Fach zugeteilt, Fagin?« fragte Charley Bates, Noahs schlottrige Gestalt mit großem Widerwillen betrachtend. »Sich den Rücken zu decken, wenn was zu riskieren ist, und alles aufzuessen, wenn wir in guter Ruhe zu Haus sitzen?«

»Geht dich nichts an,« fiel Mr. Bolter ein; »und nimm dir keine Freiheiten heraus gegen Leute, die über dir sind, Knirps, oder du wirst erfahren, daß du vor die unrechte Schmiede gekommen bist.«

Master Bates belachte die prahlerische Drohung so ausgelassen, daß es einige Zeit währte, bevor Fagin vermitteln und Mr. Bolter vorstellen konnte, daß er bei einem Besuche des Polizeiamts durchaus keine Gefahr liefe; denn von seiner kleinen Affäre würde noch ebensowenig Kunde nach der Hauptstadt, wo man ihn am wenigsten vermute, gelangt sein, wie ein Steckbrief; und sollte es das Unglück gewollt haben, so würde er sich, gut verkleidet, nirgend in ganz London mit größerer Sicherheit aufhalten können, als eben auf der Polizei, wo er ohne Zweifel am letzten gesucht werden dürfte.

Mr. Bolter ließ sich endlich durch diese und ähnliche Vorstellungen, noch mehr aber durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, freilich mit der verdrießlichsten Miene, einzuwilligen, die Sendung zu übernehmen. Fagin versah ihn sogleich mit einem Kärrnerkittel, manchesternen Kniehosen, ledernen Beinlingen, einem Hut mit Weggeldszetteln und einer Peitsche, und zweifelte um so weniger am Erfolge, da Mr. Bolter obendrein die Ungelenkheit eines Kärrners im vollkommensten Maße besaß. Der Baldowerer wurde ihm genau beschrieben, und Master Bates geleitete ihn durch Nebengassen nach Bow-Street, wies ihn zurecht, erteilte ihm jede sonst nötige Auskunft, forderte ihn zur Eile auf und versprach, seine Rückkehr an der Stelle, wo er ihn verließ, zu erwarten.

Master Bates' Weisungen waren so genau gewesen, daß sich Noah Claypole oder Morris Bolter, wie der Leser will, sehr leicht, und ohne fragen zu müssen, zurechtfand. Er drängte sich durch einen hauptsächlich aus Frauenzimmern bestehenden Haufen hinein in das düstere und schmutzige Gerichtszimmer. Vor den Schranken standen ein paar Weiber, die ihren bewundernden Angehörigen oder Bekannten zunickten, während der Gerichtsschreiber zwei Polizisten und einem einfach gekleideten, über den Tisch lehnenden Manne Zeugenaussagen vorlas und ein Gefängniswärter lässig dastand und von Zeit zu Zeit Ruhe oder »das Kind hinauszuschaffen« gebot, wenn ein ungebührliches Geflüster oder der Aufschrei eines Säuglings eine Störung verursachte. Noah blickte scharf umher nach dem Baldowerer, bemerkte Leute genug, welche Geschwister oder Eltern des Gepfefferten hätten sein können, aber niemand, auf den die Beschreibung gepaßt hätte, die ihm von Jack Dawkins selbst gegeben worden war. Endlich waren die vor den Schranken stehenden Frauenzimmer abgeurteilt und entfernt, und nunmehr erschien ein Angeklagter, der ohne Frage der Baldowerer war.

Jack ging vor dem Gefängniswärter, den Hut in der rechten Hand haltend und die Linke in der Beinkleidertasche, keck genug einher und fragte, sobald er auf der Angeklagtenbank stand, sogleich mit hörbarer Stimme, warum man ihn an die schimpfliche Stelle geführt habe?

»Willst du wohl den Mund halten?« rief ihm der Schließer zu.

»Bin ich kein Engländer?« rief der Baldowerer zurück. »Wo sind meine Freiheiten?«

»Wirst sie bald genug bekommen,« entgegnete der Schließer, »und zwar mit Pfeffer dazu.«

»Je nun, wenn sie mir gekränkt werden, so wird sich's schon finden, was der Staatssekretär für die innern Angelegenheiten den OberschenkelnRichtern. zu sagen hat,« fuhr Jack Dawkins fort. »Jetzo aber – holla, was gibt's hier? Wollen die Friedensrichter nicht so gut sein, diese kleine Sache abzumachen und mich nicht aufzuhalten, indem sie die Zeitungen lesen? Ich hab' 'nen Gentleman nach der City bestellt, bin ein Mann von Wort und auch sehr pünktlich in Geschäften: er wird daher fortgehen, wenn ich nicht zur bestimmten Zeit da bin, und es könnte 'ne Klage auf Schadenersatz geben gegen die, die mich aufgehalten haben. – He, Binnfaden,Amtsdiener. wie heißen die beiden AbroscheSpitzbuben. da auf der Richterbank?« wandte er sich zu dem Gefängniswärter, was die Nächststehenden dermaßen kitzelte, daß sie fast so herzlich lachten, wie es Master Bates selbst getan haben würde, wenn er die spaßhafte Frage gehört hätte.

»Ruhe da!« rief der Schließer.

Einer der Friedensrichter fragte nach der Ursache des Geräusches.

»Hier steht ein Taschendieb, Ihr Edlen.«

»Ist der Knabe schon hier gewesen?«

»Hätt's schon manchmal sein sollen, Ihr Edlen. Überall sonst ist er schon lange genug gewesen. Ich kenne ihn sehr wohl, Ihr Edlen.«

»So! Ihr kennt mich also?« rief der Baldowerer, sich anstellend, als wenn er die Angabe aufzeichnete. »Sehr wohl. Das setzt 'ne Klage wegen Beschimpfung meines guten Namens.«

Es wurde abermals gelacht und abermals Ruhe geboten.

»Wo sind die Zeugen?« begann der Gerichtsschreiber.

»Ach, so ist's recht!« fiel Jack Dawkins ein. »Ja, wo sind die Zeugen? Ich möchte doch das Pläsier haben, sie zu sehen!«

Sein Wunsch wurde augenblicklich erfüllt, denn es trat ein Polizist vor, der gesehen hatte, daß der Angeklagte einem Herrn das Taschentuch aus der Tasche gezogen, und da es ein sehr altes gewesen, nachdem er Gebrauch davon gemacht, wieder hineingesteckt hatte. Er hatte deshalb den Täter verhaftet und bei demselben eine silberne Schnupftabaksdose mit dem Namen des Eigentümers auf dem Deckel gefunden. Der Eigentümer der Dose war gleichfalls gegenwärtig, beschwor, daß die Dose die seinige wäre und daß er sie vermißt hätte, sobald er sich Bahn aus dem Gedränge gemacht, in welchem (wie sich fand) der Angeklagte das fragliche Taschentuch entwendet und zurückgegeben. Er hatte auch bemerkt, daß sich ein junger Gentleman eiligst von ihm entfernt, und der junge Gentleman war eben der Baldowerer.

»Hast du eine Frage an den Zeugen zu richten, Knabe?« fragte der Friedensrichter.

»Ich mag mich nicht erniedrigen, mit ihm in Unterredung zu treten,« entgegnete Jack Dawkins.

»Hast du überhaupt was zu sagen?«

»Hörst du die Frage Seiner Edlen nicht, ob du etwas zu sagen hättest?« fiel der Schließer, den stummen Baldowerer mit dem Ellenbogen anstoßend, ein.

»Bitt' um Vergebung,« sagte Jack, zerstreut aufblickend. »Redeten Sie mich an?«

»Ihr Edlen,« bemerkte der Schließer, »ich hab' mein Lebtag noch keinen solchen jungen Erzspitzbuben gesehen. Willst du was sagen, Bursch?«

»Nein,« entgegnete der Baldowerer, »hier nicht; dies ist nicht das rechte Kaufhaus für die Gerechtigkeit, und außerdem frühstückt mein Advokat heute morgen bei dem Vizepräsidenten des Hauses der Gemeinen. Jedoch werden wir, ich und er und eine sehr reputierliche Bekanntschaft, anderwärts sprechen, und zwar so, daß die Richterperücken wünschen werden, daß sie niemals geboren oder daß sie von ihren Bedienten aufgehängt sein möchten, statt mich hier heute morgen zu prozessieren. Ich will –«

»Er ist vollständig überführt; ins Gefängnis mit ihm – man bringe ihn hinaus!« rief der Gerichtsschreiber.

»Komm her, Bursch',« sagte der Schließer.

»Komme schon,« sagte der Baldowerer, seinen Hut mit der flachen Hand glättend, und wandte sich darauf nach der Richterbank: »Es hilft Ihnen nichts, Gentlemen, und wenn Sie auch noch so bestürzt aussehen. Ich werde kein Erbarmen mit Ihnen haben, für keinen Heller nicht. Sie werden dafür büßen, und ich möchte um vieles nicht an Ihrer Stelle sein. Ich würde die Freiheit nicht annehmen, und wenn Sie mich auf den bloßen Knien darum anflehten. Binnfaden, führ' mich ab ins Gefängnis!«

Der Schließer zog ihn beim Kragen heraus, Jack drohte, die Sache vors Parlament zu bringen, und lächelte darauf den Schließer mit der behaglichsten Selbstzufriedenheit an.

Sobald ihn Noah hatte fortschleppen sehen, eilte er zu Master Bates zurück, der ihn in einem angemessenen Verstecke erwartet hatte und sich zeigte, sobald er sich vergewissert, daß niemand seinem neuen Bekannten nachfolgte. Sie gingen schleunigst miteinander nach Hause, um Fagin die erfreuliche Kunde zu bringen, daß sich der Baldowerer vollkommen ehrenhaft benommen und sich einen glänzenden Namen gemacht habe.

 

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