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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Zweiundvierzigstes Kapitel.

Ein alter Bekannter von Oliver läßt entschiedene Geniespuren blicken und wird ein öffentlicher Charakter in der Hauptstadt.

Gerade an dem Abende, an welchem Nancy ihre selbstauferlegte Mission bei Rose Maylie erfüllte, wanderten auf der großen nach Norden führenden Heerstraße zwei Personen nach London, denen wir einige Aufmerksamkeit widmen müssen. Die eine derselben, eine Mannsperson, gehörte zu den langen, knöchernen Gestalten, die als Knaben wie verkümmerte Männer, und wenn sie fast Männer sind, wie zu früh groß gewordene Knaben aussehen. Die zweite, ein Frauenzimmer, war jung, aber derb und kräftig, was sie auch sein mußte, um unter der schweren Bürde auf ihrem Rücken nicht zu erliegen. Ihr Begleiter trug nur weniges und leichtes Gepäck an einem Stocke über der Schulter und konnte daher um so leichter, zumal da ihm auch die Länge seiner Beine zustatten kam, stets einige Schritte weit voran sein, woran er es auch ebensowenig fehlen ließ, wie an häufigen Vorwürfen, die er seiner Gefährtin wegen ihrer Langsamkeit machte. Sie hatten Highgate hinter sich, als er stillstand und ihr ungeduldig zurief: »Kannst du nicht geschwinder gehen? Was schleichst du immer so faul von weitem nach, Charlotte?«

»'s ist 'ne schwere Tracht, das kannst du nur glauben,« erwiderte sie, fast atemlos herankommend.

»Schwer? Was ist das für Schwätzen – wozu hab' ich dich?« fuhr Noah Claypole (denn er war es) fort und legte sein kleines Bündel auf die andere Schulter. »Und nun stehst du schon wieder still? Bei dir muß auch der Beste die Geduld verlieren.«

»Ist es noch weit?« fragte Charlotte, indem ihr die Schweißtropfen über das Gesicht herabströmten.

»Noch weit? Wir sind schon so gut wie da. Sieh hin – dort sind die Lichter von London.«

»Dann sind wir wenigstens noch zwei gute Meilen davon entfernt,« sagte Charlotte verzweiflungsvoll.

»Zwei Meilen oder zwanzig ist auch einerlei; steh' auf und mach' fort, oder du bekommst Fußtritte,« warnte Noah mit vor Zorn noch mehr als gewöhnlich geröteter Nase, und Charlotte stand auf und schritt wieder neben ihm her.

»Wo denkst du für diese Nacht einzukehren, Noah?« fragte sie nach einiger Zeit.

»Was weiß ich's?« antwortete Mr. Claypole, den das lange Gehen verdrießlich gemacht hatte.

»Doch in der Nähe?«

»Nein, nicht in der Nähe.«

»Warum denn nicht?«

»Wenn ich dir sage, daß ich das will oder nicht will, so ist's genug, ohne daß du zu fragen brauchst, warum oder weshalb,« entgegnete Noah mit Würde.

»Ich frage ja nur – brauchst ja nicht so böse darüber zu werden.«

»Das wär' mir wohl ein recht kluger Streich, im ersten besten Wirtshause vor der Stadt einzukehren, daß Sowerberry, wenn er uns etwa nachsetzte, seine alte Nase hereinsteckte und uns gleich wieder fest hätte und mit Handschellen zurückbrächte! Nein, ich werde in die engsten Straßen einlenken, die ich finden kann, und nicht eher Halt machen, als bis wir das entlegenste Gasthaus gefunden haben. Du kannst deinem Schöpfer danken, daß ich Pfiffigkeit für dich mit habe; denn wenn wir nicht auf meinen Rat erst den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hätten, so wärst du schon vor acht Tagen eingesperrt, und dir wäre recht geschehen als 'ner dummen Gans.«

»Ich weiß es, daß ich nicht so klug bin wie du; aber wirf nur nicht alle Schuld auf mich allein. Wär' ich eingesperrt, würdest du es doch auch sein.«

»Du weißt doch wohl, daß du das Geld aus dem Ladentische nahmst?«

»O ja, liebster Noah; aber ich nahm es für dich.«

»Nahm ich's hin und trug's bei mir?«

»Nein; du vertrautest mir und ließest 's mich tragen, und das war doch gut von dir,« sagte Charlotte, ihn unter das Kinn klopfend und ihren Arm in den seinigen legend.

Es verhielt sich in der Tat so; allein es war Mr. Claypoles Weise nicht, in irgend jemand ein blindes und törichtes Vertrauen zu setzen, und wir lassen ihm nur Gerechtigkeit widerfahren, wenn wir bemerken, daß er Charlotten lediglich deshalb so sehr vertraut hatte, damit das Geld, wenn sie verfolgt würden, bei ihr gefunden werden möchte. Er ließ sich jedoch bei dieser Gelegenheit natürlich auf keine Darlegung seiner Beweggründe ein, und beide wanderten im zärtlichsten Einvernehmen miteinander weiter.

Seinem vorsichtigen Plane zufolge schritt Mr. Claypole, ohne anzuhalten, bis nach dem Engel von Islington weiter, wo er aus dem beginnenden Gedränge der Fußgänger und Fuhrwerke sehr scharfsinnig schloß, daß London nunmehr ernstlich anfinge. Er schaute nun einen Augenblick umher, welche Straßen die belebtesten und also am meisten zu meidenden schienen, lenkte in St. Johns Road ein und befand sich bald tief in dem Gewirre obskurer und schmutziger Straßen und Gassen zwischen Grays Inn Lane und Smithfield, einem Stadtteile mitten in London, der trotz der allgemeinen Fortschritte und ungemeiner Verschönerungen abscheulich geblieben ist.

Noah schaute fortwährend nach einem Gasthause aus, wie er es sich bei seinen Zwecken und seiner Lage wünschenswert dachte, stand endlich vor dem elendesten still, das er bis dahin gesehen hatte, und erklärte, hier für die Nacht einkehren zu wollen.

»Gib mir nun das Bündel,« sagte er, es seiner Begleiterin abnehmend, »und sprich nicht, außer wenn du angeredet wirst. Wie nennt sich das Haus? Was steht da – d-r-e-i –?«

»Krüppel,« fiel Charlotte ein.

»Drei Krüppel – ein sehr guter Name,« bemerkte Noah. »Halt dich dicht hinter mir – vorwärts!«

Er stieß die gebrechliche Tür mit den Schultern auf, und beide gingen hinein. Im Schenkstübchen war niemand, als ein junger Mensch, ein Jude, der in einem schmutzigen Zeitungsblatte las. Er starrte Noah und Noah starrte ihn an.

»Sind dies die drei Krüppel?« fragte Noah.

»So nennt sich das Haus.«

»Wir trafen 'nen Gentleman, der uns hierher rekommandiert hat,« fuhr Noah, Charlotte anstoßend, fort, vielleicht um sie aufmerksam auf seine List zu machen, sich Achtung zu verschaffen, oder vielleicht um sie zu erinnern, ihn nicht zu verraten. »Wir möchten hier übernachten.«

»Ich weiß nicht, ob es geht an,« erwiderte Barney – denn er war der dienende Geist dieses Hauses – »will aber anfragen.«

»Bringt uns unterdes in die Gaststube und gebt uns 'nen Mund voll kaltes Fleisch und 'nen Schluck Bier,« sagte Noah.

Barney führte die müden Reisenden in ein Hinterzimmer, brachte ihnen die geforderten Erfrischungen, teilte ihnen zugleich mit, daß sie über Nacht bleiben könnten, und ließ das liebenswürdige Pärchen allein. – Das Zimmer, in welches er sie geführt hatte, befand sich unmittelbar hinter dem Schenkstübchen und lag einige Fuß niedriger, so daß man aus jenem, wenn man von einem Diminutivfensterchen etwas hoch in der Wand einen Vorhang zurückschob, ohne bemerkt zu werden, genau sehen und hören konnte, was die Gäste darin vornahmen oder sprachen. Noah und Charlotte hatten sich kaum zu ihrem Imbisse niedergesetzt, als Fagin im Schenkstübchen erschien, um nach einem seiner jungen Zöglinge zu fragen.

»Pst!« sagte Barney; »es sind nebenan Fremde.«

»Fremde?« wiederholte Fagin flüsternd.

»Ja – nicht aus der Stadt, kurioses Volk; und ich müßte irren sehr, wenn sie nicht was wären für Euch.«

Fagin stieg sogleich auf einen Stuhl und sah durch das kleine Fenster, wie Noah tapfer schmauste und Charlotten von Zeit zu Zeit homöopathische Dosen zuteilte.

»Aha!« flüsterte Fagin, zu Barney sich umdrehend, »die Miene des Burschen könnte gefallen mir. Er würde uns sein können nützlich, denn er versteht's schon, zu kirren die Dirne. Sei stiller als eine Maus, mein Lieber, daß ich sie höre sprechen.«

Er schaute abermals durch das kleine Fenster, und zwar mit einem Gesichte, das einem alten Gespenst angehört haben könnte.

»Ich denke also von jetzt ab ein Gentleman zu sein,« sagte Noah, die Beine ausstreckend und ein Gespräch fortsetzend, dessen Anfang dem Juden entgangen war. »Nichts mehr von Särgen und Aufwarten bei Herrschaften, Charlotte, sondern nunmehr wie ein Gentleman gelebt; und wenn du willst, sollst du 'ne Dame werden.«

»Ei, das möcht' ich freilich wohl, lieber Noah,« antwortete Charlotte; »aber es gibt nicht alle Tage Ladenkassen zu leeren und so, daß man nachher gut davonkommt.«

»Hol' der Geier alle Ladenkassen!« rief Noah aus, »es gibt noch mehr Dinge, die geleert werden können.«

»Was meinst du denn?« fragte Charlotte.

»Taschen, Strickbeutel, Häuser, Postkutschen, Banken,« erwiderte Mr. Claypole, dem der Mut wuchs, indem ihm der Porter zu Kopfe stieg.

»Du kannst das aber nicht alles, lieber Noah,« sagte Charlotte.

»Ich werde mich nach Genossen umsehen, die es vermögen,« versetzte Noah. »Sie werden uns auf die eine oder andere Weise gebrauchen können. Du bist selbst soviel wie fünfzig Weibsbilder wert; denn ich hab' nie eins gekannt, das so voll List und Trug steckte, wie du, wenn ich dir freie Hand lasse.«

»Jemine, wie du flattieren kannst!« rief Charlotte aus und drückte ihm einen Kuß auf den häßlichen Mund.

»Laß gut sein,« sagte Noah mit großer Würde sich von ihr losmachend; »sei ja nicht zu zärtlich, wenn ich böse mit dir bin. Ich wollte, daß ich Hauptmann 'ner Bande wär', hätte sie unter der Zucht und folgte ihnen allerwärts nach, ohn' daß sie's selber wüßten. Das wär' so was für mich, wenn's guten Profit abwürfe; und hör', wenn's uns nur glückte, daß uns einige Gentlemen von dieser Sorte in den Wurf kämen, es wär' uns soviel wert, wie unsre Zwanzigpfundnote – besonders da wir eigentlich nicht wissen, wie wir sie loswerden sollen.«

Mr. Claypole blickte bei diesen Worten mit äußerst weiser Miene in den Porterkrug hinein, trank, nickte Charlotte herablassend zu und stand im Begriff, einen zweiten Zug zu tun, als die Tür sich auftat und die Erscheinung eines Unbekannten ihn unterbrach. Der Unbekannte war Mr. Fagin. Er hatte seine einnehmendste Miene angenommen, näherte sich mit einer sehr tiefen Verbeugung, nahm an einem Tische dicht neben dem, an welchem das Pärchen saß, Platz und rief dem grinsenden Barney zu, ihm einen Trunk zu bringen.

»Ein angenehmer Abend, Sir, nur kühl für die Jahreszeit,« hub er händereibend an. »Sie kommen vom Lande herein, wie ich sehe, Sir?«

»Woran sehen Sie denn das?« fragte Noah Claypole.

»Wir haben nicht in London soviel Staub, wie Sie mitbringen,« erwiderte der Jude, nach Noahs und Charlottens Schuhen und den Bündeln hinzeigend.

»Sie sind mir ein pfiffiger Gesell,« versetzte Noah mit Lachen. »Hör' nur an, was er sagt, Charlotte.«

»Ei nun, mein Lieber, man muß wohl sein pfiffig in dieser Stadt,« fuhr der Jude, vertraulich flüsternd mit dem Finger an die Nase schlagend, fort, – eine Geste, die Noah sogleich nachahmte, doch nicht mit vollständigem Gelingen, da seine Nase nicht groß genug dazu war. Fagin schien jedoch den Versuch so auszulegen, als wenn ihm Noah vollkommen hätte beipflichten wollen, und schob dem letzteren sehr freundschaftlich den soeben von Barney kredenzten Krug zu.

»Gutes Getränk,« entgegnete Fagin. »Wer es will immer trinken, muß immer leeren etwas, eine Ladenkasse, eine Tasche, einen Strickbeutel, ein Haus, eine Postkutsche oder eine Bank.«

Mr. Claypole sank rückwärts auf seinen Stuhl und wandte sein kreideweiß gewordenes und grenzenlos bestürztes Gesicht vom Juden nach Charlotten.

»Seien Sie ohne Sorgen meinetwegen, mein Lieber,« sagte Fagin näher rückend. »Ha, ha, ha! – es war ein Glück, daß niemand Sie hörte als ich zufällig – es war ein großes Glück für Sie.«

»Ich nahm's nicht heraus,« stotterte Noah, die Füße nicht mehr wie ein unabhängiger Gentleman ausstreckend, sondern so tief unter den Stuhl ziehend, als er konnte. »Sie hat's ganz allein getan, und du hast's Charlotte; du weißt, daß du's hast.«

»Es ist gleichviel, mein Lieber, wer es hat oder wer es tat,« fiel der Jude ein, doch nichtsdestoweniger mit Falkenaugen nach dem Mädchen und den beiden Bündeln hinblickend. »'s ist mein Geschäft auch, und Sie gefallen deswegen mir.«

»Was ist Ihr Geschäft?« fragte Noah, sich einigermaßen wieder fassend.

»Nun, dasselbe, das angefangen haben Sie,« antwortete Fagin, »und die Wirtsleute hier treiben es auch. Sie sind eingegangen zur rechten Tür, und sind hier so sicher wie in Abrahams Schoß. Es gibt kein sichreres Haus in der Stadt, als die Krüppel; das heißt, wenn ich's will, und ich habe gefaßt eine Neigung zu Ihnen und dem jungen Frauenzimmer. Sie wissen nun Bescheid und können sich beruhigen vollkommen.«

Noah blickte ihn trotz dieser Versicherung noch immer furchtsam und argwöhnisch an und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her. Fagin nickte Charlotten freundlich zu, sprach ihr leise Mut zu und fuhr fort: »Ich will Ihnen sagen noch mehr. Ich hab' einen Freund, der Ihren Herzenswunsch, glaub' ich, kann befriedigen und Ihnen Gelegenheit geben, zu arbeiten vorerst in dem Geschäftszweige, der Ihnen gefällt am besten, und Sie lehren alle andern.«

»Sie sprechen, als wenn es Ihr Ernst wäre,« bemerkte Noah.

»Wenn ich nicht spräche im Ernst, welchen Nutzen könnt' ich haben davon?« versetzte der Jude achselzuckend. »Kommen Sie – lassen Sie mich reden mit Ihnen ein Wörtchen draußen!«

»Es tut nicht not, daß wir uns die Mühe geben, hinauszugehen,« sagte Noah, die Beine allmählich wieder unter dem Stuhle hervorziehend. »Sie kann unterdes das Reisegepäck in unsere Kammer tragen. Charlotte, bring' die Bündel hinauf!«

Charlotte gehorchte dem mit großer Würde gegebenen Befehle ohne die mindeste Zögerung, hob die beiden Bündel auf und ging hinaus.

»Hab' ich sie nicht ganz gut in der Zucht?« fragte Noah im Tone eines Wärters, der ein wildes Tier gezähmt hat.

»O vortrefflich,« erwiderte Fagin, ihn auf die Schulter schlagend. »Sie sind ein Genie, mein Lieber.«

»Würde schwerlich hier sein, wenn ich's nicht wäre,« versetzte Noah. »Doch verlieren Sie keine Zeit, denn sie wird bald wieder dasein.«

»Sehr wohl! Was meinen Sie – wenn Ihnen gefiele mein Freund, was könnten Sie tun Besseres, als zu treten mit ihm in Verbindung?« sagte Fagin.

»Es kommt darauf an, ob er gute Geschäfte macht,« entgegnete Noah, dem Juden mit dem einen seiner kleinen Augen pfiffig zublinzelnd.

»Er beschäftigt eine Menge Leute und hat die beste Gesellschaft von allen, die treiben das Geschäft.«

»Echte Stadtbursche?«

»'s ist kein Nicht-Lond'ner drunter, und er würde Sie nicht einmal annehmen, selbst auf meine Empfehlung nicht, wenn es ihm nicht fehlte eben jetzt an Gehilfen.«

»Würd' ich 'rausrücken müssen?« fragte Noah, an seine Beinkleidertaschen schlagend.

»Ohne zwanzig Pfund ging's an unmöglich,« erwiderte Fagin auf das bestimmteste.

»Aber zwanzig Pfund – 's ist ein Haufen Geld!«

»Eine Kleinigkeit, wenn Sie nicht können loswerden die Banknote.«

»Wann könnt' ich Ihren Freund sehen?«

»Morgen früh.«

»Wo?«

»Hier.«

»Hm! – Wie hoch ist der Lohn?«

»Sie leben wie ein Gentleman – haben Kost und Wohnung und Tabak und Branntwein frei – die Hälfte von allem, was Sie verdienen und was das junge Frauenzimmer verdient.«

Es ist sehr zweifelhaft, ob Noah Claypole, so sehr bedeutend seine Habgier auch war, auf diese glänzenden Bedingungen eingegangen sein würde, wenn er hätte vollkommen frei handeln können; allein er bedachte, daß es, wenn er nein sagte, in der Gewalt seines neuen Bekannten stand, ihn augenblicklich den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern. Er erklärte daher, daß ihm der Vorschlag Fagins nicht ganz unannehmbar schiene.

»Aber sehen Sie,« setzte er hinzu, »da sie imstande ist, ein gutes Stück Arbeit auszurichten, so möcht' ich etwas recht Leichtes zugeteilt bekommen. Was würde jetzt wohl für mich passen? Es müßte so etwas sein, wobei ich mich nicht eben anzustrengen brauche und wobei keine Gefahr wäre.«

»Meine Freund brauchte jemand, der was Rechtes leisten könnte im Spionierfache – was sagen Sie dazu?« entgegnete der Jude.

»Gefällt mir nicht ganz übel, und bisweilen möcht' ich wohl darin arbeiten,« sagte Noah zögernd; »aber es wirft nur für sich selber nichts ab, wissen Sie.«

»Freilich,« pflichtete Fagin ihm bei. »Was sagen Sie zu den alten Damen? Ihnen nehmen die Strickbeutel und Packete und dann laufen um die Ecke – damit wird gemacht viel Geld.«

»Schreien diese aber nicht fürchterlich, oder kratzen auch bisweilen?« wandte Noah kopfschüttelnd ein. »Ich habe keine Lust dazu. Ist kein anderes Fach offen?«

»Halt, ja!« sagte der Jude, die Hand auf Noahs Knie legend. »Das Schratzchenbehandeln!«

»Was ist denn das?«

»Die Schratzchen sind die kleinen Kinder, die mit Sixpencen und Schillingen ausgeschickt werden von ihren Müttern, um einzuholen allerhand; und das Behandeln ist wegnehmen ihnen das Geld, das sie immer haben in den Händen, und sie dann stoßen in die Straßenrinne und ganz langsam davon gehen, als wenn geschehen wäre nichts, als daß ein Kind wäre gefallen und hätte sich Schaden getan ein wenig. Ha, ha, ha!«

»Ha, ha, ha!« stimmte Mr. Claypole ein und warf außer sich vor Vergnügen die Füße hoch in die Luft. »Beim Deuker, ja, das ist das Rechte!«

»Gewiß, gewiß,« sagte Fagin; »Sie können haben prachtvolle Bezirke in Camden-Town und Battle-Bridge und solchen Gegenden mehr, wo immer ausgeschickt werden viele und zu jeder Tagesstunde niederwerfen so manche Schrätzchen, wie Sie wollen nur.«

»Ich bin alles wohl zufrieden,« sagte Noah, als er sich von seiner Ekstase wieder erholt hatte und Charlotte zurückgekehrt war. »Welche Zeit bestimmen wir auf morgen?«

»Nun, belieben Sie zehn Uhr?«

Noah nickte.

»Welchen Namen soll ich nennen meinem Freunde?«

»Mr. Bolter; Mr. Morris Bolter – dies ist Mrs. Bolter.«

»Ich bin Mrs. Bolters gehorsamer Diener,« sagte Fagin, sich mit grotesker Galanterie verbeugend. »Ich hoffe, Sie recht bald noch besser kennen zu lernen.«

»Hörst du, was der Herr sagt, Charlotte?« herrschte ihr Mr. Claypole zu.

»Ja, lieber Noah,« antwortete Charlotte, die Hand ausstreckend.

Mr. Morris Bolter, sonst Claypole, wandte sich zu dem Juden und sagte: »Noah ist der Schmeichelname, den sie mir gibt.«

»O, ich verstehe – verstehe vollkommen,« erwiderte Fagin, für diesmal die Wahrheit redend. »Gute Nacht! Gute Nacht!«

 

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