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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150717
projectidd499eb3a
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Einundvierzigstes Kapitel.

Welches neue Entdeckungen enthält und zeigt, daß Überraschungen, gleich Unglücksfällen, selten allein kommen.

Roses Lage war in der Tat nicht wenig schwierig, denn während sie das lebhafte Verlangen empfand, das geheimnisvolle Dunkel zu durchdringen, das Olivers Geschichte umhüllte, konnte sie doch nicht umhin, das Vertrauen zu ehren, welches die Unglückliche, mit der sie soeben gesprochen, in sie, als ein junges argloses Mädchen, gesetzt hatte. Die Worte und das ganze Wesen derselben hatten Rose tief gerührt, und ihrer Zuneigung für ihren jugendlichen Schützling gesellte sich der ebenso heiße Wunsch hinzu, das Gefühl der Reue in der Verlorenen zu erwecken und ihr neue Lebenshoffnung einzuflößen.

Mrs. Maylie hatte beabsichtigt, nur drei Tage in London zu verweilen und dann auf einige Wochen nach einem entfernten Orte an der Seeküste abzureisen. Es war Mitternacht zwischen dem ersten und zweiten Tage. Für welche Schritte konnte sich Rose binnen achtundvierzig Stunden entscheiden? und wie konnte sie die Reise aufzuschieben suchen, ohne Vermutungen zu wecken, daß sich etwas Besonderes ereignet hätte?

Mr. Losberne weilte im Hause und beabsichtigte auch noch die beiden folgenden Tage zu bleiben; allein Rose kannte die ungestüme Lebhaftigkeit des Ehrenmannes zu wohl, und dachte sich im voraus zu deutlich den Zorn, welchen er im ersten Ausbruche seiner Entrüstung auf das Werkzeug der zweiten Entführung Olivers werfen würde, um es zu unternehmen, ihm das Geheimnis, solange ihre Gegenvorstellungen zugunsten Nancys von keiner Seite unterstützt wurden, anzuvertrauen. Dies waren die Gründe, welche Rose zu dem Entschlusse bewogen, ihre Tante nur mit der größten Vorsicht von der Sache in Kenntnis zu setzen, da dieselbe, wie sie voraussah, nicht verfehlen würde, sich mit dem würdigen Doktor über die Angelegenheit zu beraten. Aus denselben Gründen war nicht daran zu denken, sich an einen Rechtskundigen zu wenden, selbst wenn sie gewußt, wie sie sich dabei zu benehmen hätte. Einmal stieg der Gedanke in ihr auf, Harrys Beistand in Anspruch zu nehmen; allein er weckte die Erinnerung an ihr letztes Scheiden von ihm wieder auf, und es erschien ihr unwürdig, ihn wieder in ihre Nähe zu ziehen, da es ihm – und bei dieser Vorstellung traten ihr die Tränen in die Augen – jetzt vielleicht gelungen war, sie zu vergessen und auf eine andere Art glücklich zu sein.

Durch diese wechselnden Betrachtungen aufgeregt und sich bald für diese, bald für jene Maßregel entscheidend, bald alle verwerfend, brachte Rose die Nacht in schlafloser Bangigkeit hin und faßte, nachdem sie am folgenden Tage die Sache abermals überlegt hatte, den verzweifelten Entschluß, trotz aller Bedenken Harry Maylie zu Rate zu ziehen.

»Wenn es ihm auch peinlich sein wird, hierher zurückzukehren, ach! wie peinlich wird es für mich sein!« dachte sie sinnend. »Doch vielleicht kommt er nicht; er wird vielleicht schriftlich antworten oder auch kommen und mich ängstlich zu meiden suchen – wie damals, als er fortreiste. Ich hatte es nicht erwartet; doch es war für uns beide besser – viel besser«; und Rose legte hier die Feder nieder und wandte sich hinweg, gleichsam als ob sie zu vermeiden wünschte, daß auch nur das Papier, das ihre Botschaft ausrichten sollte, ein Zeuge ihrer Tränen wäre.

Sie hatte die Feder schon zwanzigmal wieder ergriffen und sie ebensooft wieder zur Seite gelegt und die Fassung der allerersten Zeile ihres Schreibens hin und her überlegt, ohne auch nur eine Silbe niedergeschrieben zu haben, als Oliver, der mit Mr. Giles von einer Wanderung durch die Stadt zurückgekehrt war, in atemloser Hast und lebhafter Unruhe in das Zimmer trat, wie wenn ein neues Unglück zu fürchten wäre.

»Oliver, warum siehst du so erschreckt aus?« fragte Rose, ihm entgegentretend. »Rede, mein Kind!«

»Ich kann kaum; mir ist es, als ob ich ersticken müßte,« erwiderte der Knabe. »Ach! daß ich ihn doch noch gesehen habe, und daß Sie sich überzeugen werden, daß ich Ihnen die reine Wahrheit erzählt habe!«

»Ich habe nie daran gezweifelt, daß du die Wahrheit gesprochen hast, mein Liebling,« versetzte Rose besänftigend. »Doch was bedeutet dies alles – von wem ist die Rede?«

»Ich habe den Herrn gesehen,« erwiderte der Knabe, »den Herrn, der so gütig gegen mich war – Mr. Brownlow, von dem wir so oft gesprochen haben.«

»Wo?« fragte Rose.

»Er stieg eben aus einem Wagen und ging in ein Haus,« erwiderte Oliver, indem Freudentränen aus seinen Augen hervorstürzten. »Ich redete ihn nicht an – ich konnte nicht, denn er sah mich nicht, und ich zitterte so, daß ich nicht imstande war, zu ihm zu gehen. Aber Giles erkundigte sich, ob er in dem Hause wohnte, und man sagte Ja. Sehen Sie,« fuhr er fort, ein Stück Papier entfaltend, »hier steht es; da wohnt er – ich will sogleich hingehen. O Gott! ich werde mich nicht fassen können, wenn ich ihn sehe und seine Stimme wieder höre!«

Rose Maylie hatte unter diesen und noch vielen ähnlichen Ausrufen der Freude des Knaben große Mühe, Mr. Brownlows Adresse zu lesen, ›Craven Street, Strand‹; sie beschloß indes nach einiger Zeit, Olivers Entdeckung ohne Säumen zu benutzen.

»Schnell!« sagte sie, »gib Befehl, einen Mietwagen kommen zu lassen, und halte dich bereit, mich zu begleiten. Ich werde dich, ohne einen Augenblick zu verlieren, hinbringen und will nur erst meiner Tante sagen, daß wir auf eine Stunde ausfahren wollen: ich werde ebenso rasch fertig sein wie du selbst.«

Es bedurfte bei Oliver keiner Mahnung zur Eile, und in weniger als fünf Minuten befanden sie sich auf dem Wege nach der bezeichneten Straße. Als sie angelangt waren, ließ Rose Oliver unter dem Vorwande, den alten Herrn auf sein Erscheinen vorzubereiten, allein im Wagen, stieg aus und schickte durch den Diener ihre Karte mit der Bitte hinauf, Mr. Brownlow in sehr dringenden Angelegenheiten sprechen zu dürfen. Der Diener kehrte bald wieder zurück, um sie zu ersuchen, hinaufzukommen. Sie folgte ihm in eins der oberen Zimmer, wo sie einen ältlichen, in einem dunkelgrünen Rocke sich präsentierenden Herrn, in dessen Mienen unverkennbare Herzensgüte sich ausdrückte, fand. Nicht weit von ihm erblickte sie einen zweiten alten Herrn in Nankingbeinkleidern und Gamaschen, der nicht absonderlich wohlwollend aussah und dasaß, die Hände auf den Knauf eines schweren Spazierstocks gestützt und das Kinn auf demselben ruhend lassend.

»Ah!« sagte der Herr im grünen Rocke, eilfertig und mit Zuvorkommenheit aufspringend, »ah, entschuldigen Sie, mein gnädiges Fräulein – ich glaubte, es wäre irgendeine zudringliche Person, die – Sie werden mich gütigst entschuldigen. Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Mr. Brownlow, wenn ich nicht irre, Sir?« sagte Rose, nachdem sie auf den andern Herrn einen Blick geworfen hatte.

»So ist mein Name, ja,« erwiderte der alte Herr. »Dies ist mein Freund, Mr. Grimwig. Grimwig, Sie haben wohl die Gefälligkeit und verlassen uns auf einige Minuten.«

»Ich glaube nicht, daß es notwendig sein wird, den Herrn zu bemühen,« bemerkte Rose. »Wenn ich nicht irre, so ist ihm die Angelegenheit, in welcher ich Sie zu sprechen wünsche, nicht fremd.«

Brownlow gab seine Einwilligung durch eine leichte Kopfneigung zu erkennen, und Grimwig, der eine sehr steife Verbeugung gemacht hatte und aufgestanden war, machte eine zweite sehr steife Verbeugung und nahm wieder Platz.

»Was ich Ihnen mitzuteilen habe, wird Sie ohne Zweifel sehr überraschen,« begann Rose etwas verlegen. »Sie erwiesen einst einem mir sehr teuern jungen Freunde viel Wohlwollen und Güte, und ich bin überzeugt, daß es Sie freuen wird, wieder von ihm zu hören.«

»Einem jungen Freunde!« sagte Mr. Brownlow. »Darf ich seinen Namen wissen?«

»Oliver Twist,« erwiderte Rose.

Kaum waren die Worte ihrem Munde entflohen, als Grimwig, der sich gestellt hatte, als ob ihn der Inhalt eines auf dem Tisch liegenden großen Buches lebhaft interessierte, dasselbe mit großem Geräusche zuschlug, sich zurücklehnte, wobei sein Antlitz den Ausdruck des äußersten Erstaunens annahm, und lange mit großen, stieren Augen dasaß, worauf er, als ob er sich schämte, so viel innere Bewegung an den Tag gelegt zu haben, sich in seine vorige Stellung gleichsam wieder zurückschnellte und, indem er gerade vor sich hinstarrte, einen langen pfeifenden Ton erschallen ließ, der nicht in der leeren Luft, sondern in den innersten Höhlen seines Magens zu ersterben schien.

Mr. Brownlow war nicht weniger erstaunt, wiewohl sein Erstaunen sich auf eine weit minder seltsame Art kundgab. Er rückte seinen Stuhl näher zu Rose heran und sagte: »Erzeigen Sie mir den Gefallen, mein liebes gnädiges Fräulein, die Güte und das Wohlwollen, von welchem Sie reden, und wovon, Sie ausgenommen, niemand weiß, gänzlich außer Frage zu lassen; und wenn sie irgend Beweise herbeizubringen vermögen, welche geeignet sind, mir die üble Meinung zu benehmen, die ich vormals von dem genannten unglücklichen Kinde zu hegen mich bewogen fand, so teilen Sie sie mir mit – ich bitte dringend darum.«

»Ein böser Bube – ich will meinen Kopf aufessen, wenn er es nicht ist,« brummte Grimwig in sich hinein wie ein Bauchredner und ohne einen Gesichtsmuskel in Bewegung zu setzen.

»Der Knabe besitzt einen reinen Sinn und ein warmes Herz,« sagte Rose, vor Unmut errötend; »und die Allmacht, der es gefallen, ihm Prüfungen, die über seine Jahre hinausgingen, aufzuerlegen, hat in seiner Brust Gefühle und Gesinnungen keimen lassen, welche Unzähligen Ehre machen würden, die seine Jahre sechsfach zählen.«

»Ich bin erst einundsechzig,« bemerkte Grimwig mit derselben starren Unbeweglichkeit, »und da es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn dieser Oliver nicht wenigstens zwölf Jahr alt ist, so sehe ich das Zutreffende der Bemerkung nicht ein.«

»Achten Sie nicht auf meinen Freund, Miß Maylie,« sagte Brownlow; »er meint es doch nicht so.«

»Das tut er allerdings,« brummte Grimwig vor sich hin.

»Nein, er tut es nicht,« beharrte Brownlow, der offenbar immer erzürnter wurde.

»Er will seinen Kopf aufessen, wenn er es nicht tut,« beteuerte Grimwig.

»Er verdiente, ihn zu verlieren, wenn er es täte,« entgegnen Brownlow.

»Und er möchte denjenigen sehen, der es zu versuchen wagte, ihm den Kopf zu nehmen,« erwiderte Grimwig, seinen Stock mit Heftigkeit gegen den Fußboden stoßend.

Nachdem die alten Herren soweit gediehen waren, nahmen beide eine Prise Schnupftabak und drückten darauf, gemäß ihrer unabänderlichen Gewohnheit, einander die Hände.

»Und nun, Miß Maylie,« begann Brownlow, sich wieder zu Rose wendend, »lassen Sie uns zu dem Gegenstande zurückkehren, an welchem Ihre Menschenliebe einen so großen Anteil nimmt. Darf ich wissen, welche Kunde Sie von dem armen Knaben besitzen? Erlauben Sie mir, Ihnen vorher mitzuteilen, daß ich, um ihn ausfindig zu machen, alle mir zu Gebote stehenden Mittel erschöpft habe, und daß seit meiner Reise außer Landes meine erste Meinung, daß er mich belogen und durch seine ehemaligen Genossen beredet gewesen, mich zu bestehlen, bedeutend erschüttert worden ist.«

Rose, welcher diese Rede Zeit gelassen hatte, ihre Gedanken zu sammeln, berichtete nun Brownlow alles, was sich mit Oliver zugetragen, seit er das Haus desselben verlassen, und verschwieg ihm einstweilen nur Nancys unter vier Augen ihm anzuvertrauende Mitteilungen. Sie schloß mit der Versicherung, daß der einzige Kummer, den der Knabe seit einigen Monaten empfunden, dem Umstande zuzuschreiben sei, daß er seinen ehemaligen Wohltäter und Freund nirgends habe finden können.

»Gott sei Dank!« rief der alte Herr. »Diese Nachricht macht mich glücklich, sehr glücklich. Doch Sie haben mir nicht gesagt, wo er sich gegenwärtig befindet, Miß Maylie. Verzeihen Sie mir – doch weshalb haben Sie ihn nicht mitgebracht?«

»Er wartet im Wagen vor der Tür,« erwiderte Rose.

»Vor meiner Tür?« rief der alte Herr freudig überrascht aus, eilte, ohne ein Wort zu sagen, hinaus, die Treppe hinunter, sprang auf den Wagentritt und in den Wagen hinein.

Sobald er fort war, hob Grimwig den Kopf empor, balancierte seinen Stuhl auf einem Hinterbeine, und beschrieb, ohne aufzustehen und mit Hilfe seines Stocks und des Tisches, drei ganze Kreise. Nachdem er die Evolution glücklich ausgeführt hatte, sprang er auf und humpelte nach besten Kräften zum wenigsten ein Dutzend Mal im Zimmer auf und ab, blieb plötzlich vor Rose stehen und küßte sie ohne alle weitere Einleitung.

»Pst!« sagte er, als Rose, über dieses ungewöhnliche Verfahren ein wenig erschreckt, aufstand; »seien Sie ohne Furcht. Ich bin alt genug, um Ihr Großvater zu sein. Sie sind ein wackres, ein sehr gutes Mädchen – ich habe Sie lieb. Da kommen sie!«

Bei diesen Worten warf er sich mit einer geschickten Wendung auf seinen Sitz, und in demselben Augenblicke trat Brownlow mit Oliver herein, den Grimwig sehr gnädig begrüßte. Ach, wenn die Freude dieses Augenblicks Roses einzige Belohnung gewesen wäre für alle ihre Sorge und Angst um Oliver, sie würde sich hinlänglich belohnt gefühlt haben.

»Es ist aber noch jemand, den wir nicht vergessen dürfen,« sagte Brownlow, nach der Klingelschnur greifend.

»Sage Mrs. Bedwin, sie möchte einmal heraufkommen,« befahl er dem hereintretenden Diener.

Die bejahrte Haushälterin erschien sogleich, machte ihren Knicks und blieb, des Befehls des Herrn gewärtig, an der Türe stehen.

»Mein Gott, Sie werden ja alle Tage blinder,« sagte Brownlow ein wenig verdrießlich.

»Mag wohl sein, Sir,« erwiderte die gute Alte. »In meinen Jahren pflegen die Augen nicht schärfer zu werden, Sir.«

»Das hätte ich Ihnen auch sagen können,« entgegnete Brownlow. »Doch setzen Sie Ihre Brille auf und sehen Sie zu, ob Sie nicht selbst entdecken können, weshalb ich Sie habe heraufkommen lassen.«

Die alte Frau begann sogleich in ihren Taschen zu wühlen; aber Olivers Geduld hielt die Probe nicht aus, er überließ sich dem Drange seiner Gefühle und warf sich in ihre Arme.

»Gott sei mir gnädig! – es ist mein unschuldiger Knabe!« rief sie aus, indem sie ihn zärtlich in die Arme drückte.

»Meine liebe alte Pflegemutter!« rief Oliver.

»Gott, ich wußte es wohl, daß er zurückkehren würde! Wie gesund und blühend er aussieht, und er ist obendrein wie 'nes Edelmanns Sohn gekleidet! Wo bist du so lange, so lange gewesen? Ach! es ist dasselbe süße Gesichtchen, aber nicht so blaß; dasselbe sanfte Auge, aber nicht so trübe. Sie sind mir gar nicht aus dem Sinne gekommen und ihr stilles Lächeln auch nicht; ich habe sie Tag für Tag neben meinen lieben Kindern gesehen, die, seit ich ein glückliches junges Weib war, tot und dahingegangen sind.«

Sich so ihrer Redseligkeit überlassend und Oliver bald von sich haltend, um ihn genauer ansehen zu können, und ihn bald zärtlich an die Brust drückend und ihm die Locken aus dem Gesichte streichend, weinte und lachte die gute alte Seele in einem Atem.

Brownlow überließ beide dem Austausch ihrer Gefühle und führte Rose in ein anderes Zimmer, wo sie ihm einen ausführlichen Bericht über die Unterredung mit Nancy erstattete, die ihn nicht wenig überraschte und in Verwirrung und Unruhe setzte. Rose teilte ihm auch ihre Gründe mit, weshalb sie nicht ihren Freund Losberne zunächst zum Vertrauten gemacht hätte. Der alte Herr äußerte, sie habe daran sehr klug getan, und erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor selbst in Beratung zu treten. Um ihm hierzu eine baldige Gelegenheit zu verschaffen, wurde verabredet, daß er noch an demselben Abend in der Villa vorsprechen und daß mittlerweile Mrs. Maylie von allem, was vorgefallen war, vorsichtig in Kenntnis gesetzt werden sollte. Sobald diese vorläufigen Bestimmungen getroffen waren, kehrten Rose und Oliver wieder nach Hause zurück.

Rose hatte das Maß der Entrüstung des trefflichen Doktors keineswegs überschätzt; denn kaum war ihm Nancys Erzählung mitgeteilt worden, als er seinen Zorn in einem Strome von Verwünschungen und Drohungen ergoß, sie zum ersten Schlachtopfer des vereinten Scharfsinnes der Herrn Blathers und Duff zu machen gelobte und sogar den Hut aufsetzte, in der Absicht, fortzueilen und den Beistand der genannten Ehrenmänner in Anspruch zu nehmen. Und er würde im ersten Losstürmen sein Vorhaben, ohne die Folgen des allergeringsten Nachdenkens zu würdigen, ohne Zweifel ausgeführt haben, wenn er nicht zurückgehalten worden wäre, teils durch das ebenso große Ungestüm Brownlows, der selbst ein reizbares Temperament besaß, und teils durch die Gründe und Gegenvorstellungen, die man für die zweckdienlichsten erachtete, ihn von seinem unbesonnenen Verfahren zurückzubringen.

»Was ist aber zum Geier zu tun?« sagte der hitzige Doktor, als sie in das Zimmer zu den beiden Damen getreten waren. »Wir sollen doch nicht all' das männliche und weibliche Gesindel unsers Danks versichern und es bitten, hundert oder ein paar hundert Pfund als ein geringes Zeichen unserer Achtung und als einen kleinen Beweis unserer Erkenntlichkeit für ihre Güte gegen Oliver anzunehmen?«

»Das eben nicht,« erwiderte Brownlow mit Lachen; »allein wir müssen besonnen und mit großer Vorsicht handeln.«

»Besonnen und vorsichtig!« rief der Doktor aus. »Ich würde die Halunken samt und sonders zum –«

»Es ist einerlei, zu wem Sie sie schicken würden,« unterbrach ihn Brownlow. »Doch fragen Sie sich selbst, ob wir, wir mögen sie schicken, wohin wir wollen, eine Hoffnung haben, dadurch zum Ziele zu gelangen.«

»Zu welchem Ziele?« fragte der Doktor.

»Dem einfachen Ziele, zu erforschen, wer Olivers Eltern gewesen sind, und ihm seine Erbschaft wieder zuzuwenden, um welche er, sofern alle vorliegenden Angaben begründet sind, schändlich betrogen worden ist.«

»Ah!« sagte Losberne, sich mit dem Schnupftuche Kühlung zuwehend, »das hätte ich bald vergessen.«

»Sie begreifen also,« fuhr Brownlow fort. »Was würden wir denn Gutes stiften, wenn wir, angenommen, es wäre ausführbar, ohne die Sicherheit des armen Mädchens zu gefährden, die Bösewichter dem Arme der Gerechtigkeit überlieferten?«

»Das Gute, daß einige von ihnen baumelten und die übrigen deportiert würden,« meinte der Doktor.

»Sehr wohl,« erwiderte Brownlow lächelnd; »allein sie werden dafür seiner Zeit ohne Zweifel schon selber sorgen, und wenn wir ihnen vorgreifen, so scheint mir's, wir werden eine arge Don-Quixoterie begehen und unserm oder doch Olivers Interesse, was aber dasselbe ist, gerade zuwiderhandeln.«

»Wieso denn?« fragte der Doktor.

»Ist es nicht klar genug,« erwiderte Brownlow, »daß es uns äußerst schwer werden wird, dem Geheimnisse auf den Grund zu kommen, wenn wir nicht imstande sind, Monks zum Beichten zu bringen? Das kann aber nur durch List geschehen und dadurch, daß wir ihn fassen, wenn er eben nicht von dem übrigen Gelichter umgeben ist. Denn gesetzt auch, daß er aufgegriffen würde – wir haben keine Beweise wider ihn. Er hat (soviel wir wissen, oder so weit es aus den Umständen hervorgeht) an keinem Diebstahle oder Raube der Bande teilgenommen. Wenn er auch nicht freigesprochen werden würde, so ist es doch sehr unwahrscheinlich, daß er eine weitere Strafe erhielte als die, daß man ihn eine Zeitlang als Landstreicher einsperrte, und sein Mund würde dann hinterher für immer so fest geschlossen sein, daß wir unsere Zwecke ebensowenig erreichten, wie wenn er taub, stumm, blind und blödsinnig wäre.«

»Ich frage Sie abermals,« sagte der Doktor heftig, »ob Sie das dem Mädchen gegebene Versprechen vernünftigerweise für bindend halten – ein Versprechen, das in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben ist, aber wirklich –«

»Ich bitte, lassen Sie den Punkt unerörtert, mein verehrtes junges Fräulein,« sagte Brownlow, Rose zuvorkommend; »das Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube nicht, daß es unsern Schritten auch nur im mindesten hinderlich sein wird. Doch bevor wir bestimmte Entschließungen in betreff der zu ergreifenden Maßregeln fassen können, müssen wir notwendig das Mädchen sehen, um von ihr zu hören, ob sie uns so oder anders dazu verhelfen will oder kann, Monks' habhaft zu werden, oder wenn nicht, sie wenigstens zu bewegen, uns seine Person zu beschreiben und uns zu sagen, wo er sich zu verstecken pflegt, oder wo er sonst zu finden sein mag. Das kann nun vor dem nächsten Sonntag Abend nicht geschehen, und heute ist Dienstag. Mein Rat ist daher, daß wir uns bis dahin vollkommen ruhig und die Sache selbst vor Oliver geheim halten.«

Obgleich Mr. Losberne zu dem Vorschlage, fünf ganze Tage untätig zu sein, die sauerste Miene machte, so mußte er doch zugeben, im Augenblicke keinen bessern Rat zu wissen; und da sowohl Rose wie Mrs. Maylie auf Brownlows Seite traten, so wurde des letzteren Rat endlich allerseits gebilligt.

»Ich nähme gern den Beistand meines Freundes Grimwig in Anspruch,« sagte Brownlow. »Er ist ein wunderlicher Kauz, besitzt aber sehr viel Scharfblick und könnte uns von wesentlichem Nutzen sein. Er ist Rechtsgelehrter von Haus aus und entsagte lediglich aus Unmut darüber, daß ihm binnen zehn Jahren nur ein einziger Prozeß anvertraut wurde, dem Advokatenstande. Sie mögen indes selbst entscheiden, ob das eine Empfehlung ist oder nicht.«

»Ich habe nichts dawider, daß Sie ihren Freund zuziehen, wenn ich auch den meinigen zuziehen darf,« sagte Losberne, und erwiderte auf Brownlows Frage, wer derselbe wäre: »der Sohn Mrs. Maylies und Miß Roses – sehr alter Freund.«

Roses Wangen wurden purpurn; sie machte jedoch keine hörbare Einwendung gegen den Vorschlag (vielleicht weil sie erkannte, daß sie doch jedenfalls in einer hoffnungslosen Minorität bleiben würde), und Harry Maylie und Grimwig wurden daher zu Mitgliedern des Komitees ernannt.

»Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt,« sagte Mrs. Maylie, »wie noch die geringste Aussicht vorhanden ist, unsere Nachforschungen mit Erfolg fortzusetzen. Ich werde bei einer uns alle so sehr interessierenden Sache weder Mühe noch Kosten sparen und gern hier bleiben, und wenn es sein muß, zwölf Monate, solange Sie mir sagen können, daß noch Hoffnung vorhanden ist.«

»Gut,« versetzte Brownlow; »und da ich auf Ihren Gesichtern lese, daß Sie mich fragen wollen, wie es zugegangen ist, daß ich nicht zur Stelle war, Olivers Erzählung zu bestätigen, und daß ich das Land so plötzlich verlassen, so erlauben Sie mir, die Forderung zu stellen, daß mir nicht eher Fragen vorgelegt werden, als bis ich es für geeignet erachte, denselben durch meine Geschichte zuvorzukommen. Glauben Sie mir, meine Forderung hat ihren guten Grund; denn wenn ich von ihr abginge, könnte ich vielleicht Hoffnungen erwecken, welche nie verwirklicht würden und nur alle schon hinlänglich zahlreichen Schwierigkeiten und Täuschungen noch vermehrten. – Meine Herrschaften, wir sind zum Abendessen gerufen, und Oliver, der einsam im anstoßenden Zimmer verweilt, wird am Ende glauben, daß wir seiner müde geworden wären und einen finsteren Anschlag ausdächten, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.«

Mit diesen Worten reichte der alte Herr Mrs. Maylie die Hand und führte sie in das Speisezimmer; Losberne folgte mit Rose, und die Beratung hatte damit ein Ende.

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