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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150717
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Vierzigstes Kapitel.

Eine seltsame Zusammenkunft, die eine Folge von den im vorigen Kapitel erzählten Ereignissen ist.

Nancy hatte ihr ganzes Leben in den Straßen und den ekelhaftesten Höhlen des Lasters der Hauptstadt zugebracht, dabei aber immer noch sich einen Rest von der Natur des Weibes bewahrt; und als sie die leichten, der Tür sich nähernden Schritte vernahm und des weiten Abstandes der Personen gedachte, die das Gemach im nächsten Augenblicke einschließen würde, fühlte sie sich durch die Last ihrer tiefen Schmach gänzlich zu Boden gedrückt und fuhr in sich zusammen, wie wenn sie die Gegenwart der Dame kaum zu ertragen vermöchte, bei welcher sie vorgelassen zu werden gebeten hatte.

Allein gegen die besseren Gefühle kämpfte der Stolz an – die Sünde der Niedrigsten und Verworfensten wie der Höchststehenden und im Guten befestigt sich Dünkenden. Die elende Genossin von Dieben und Bösewichtern aller Art, die tiefgesunkene Bewohnerin der gemeinsten Schlupfwinkel, die Genossin der Auswürflinge der Gefängnisse und der Galeeren, die selbst im Galgenbereiche Lebende – selbst diese mit Schmach und Schande Beladene empfand zu viel Stolz, um auch nur einen schwachen Schimmer des weiblichen Gefühls zu verraten, welches ihr als Schwäche erschien, während es noch das einzige Band war zwischen ihr und der besseren Menschheit, deren äußere Spuren und Kennzeichen alle ihr wüstes Leben bei ihr vertilgt hatte.

Sie erhob die Augen zur Genüge, um zu gewahren, daß die Gestalt, welche jetzt erschien, die eines zartgebauten, holden Mädchens war; sie senkte die Blicke nieder und sagte, den Kopf mit angenommener Gleichgültigkeit emporwerfend: »Es hat schwer gehalten, zu Ihnen gelassen zu werden, Lady. Wär' ich empfindlich gewesen und fortgegangen, wie es viele getan haben würden, Sie möchten es dereinst bereut haben, und nicht ohne Grund.«

»Es tut mir leid, wenn man Sie unartig behandelt hat,« erwiderte Rose. »Denken Sie nicht mehr daran und sagen Sie mir, weshalb Sie mich zu sprechen wünschen.«

Der gütige Ton, in welchem sie antwortete, ihre freundlich klingende Stimme, ihr sanftes Wesen und der Umstand, daß sie so gar keinen Hochmut, kein Mißfallen zeigte, überraschten Nancy dergestalt, daß sie in einen Tränenstrom ausbrach.

»O Lady, Lady!« rief sie, die aufgehobenen Hände leidenschaftlich ringend, »wenn mehrere Ihresgleichen wären, würden weniger meinesgleichen sein – gewiß – gewiß!«

»Setzen Sie sich,« sagte Rose; »Ihre Worte gehen mir in der Tat an das Herz. Wenn Sie in bedürftiger Lage oder sonst unglücklich sind, so werde ich mich glücklich schätzen, Ihnen, wenn ich es vermag, beizustehen – glauben Sie es mir. Setzen Sie sich.«

»Lassen Sie mich nur stehen, Lady,« sagte das Mädchen, noch immer Tränen vergießend, »und reden Sie nicht so gütig zu mir, bis Sie mich besser kennen lernen. Doch es wird spät. Ist – ist – jene Tür verschlossen?«

»Ja,« erwiderte Rose, einige Schritte zurückweichend, als ob sie im Notfalle der Hilfe nahe zu sein wünschte. »Weshalb aber?«

»Weil ich im Begriff bin, mein Leben und das Leben anderer in Ihre Hände zu legen. Ich bin das Mädchen, das den kleinen Oliver zu Fagin, dem alten Juden, an jenem Abende wieder zurückschleppte, als er das Haus in Pentonville verließ.«

»Sie!« sagte Rose Maylie.

»Ja, ich Lady. Ich bin die Schändliche, von der Sie ohne Zweifel gehört haben, die unter Dieben lebt und die, Gott helfe mir! so lange ich zurückdenken kann, kein besseres Leben oder freundlichere Worte, als meine Genossen mir geben, gekannt hat. Ja, weichen Sie nur immerhin entsetzt vor mir zurück, Lady. Ich bin jünger, als Sie nach meinem Aussehen glauben mögen: allein ich bin daran gewöhnt, und die ärmsten Frauen entziehen sich meiner Berührung, wenn ich durch die dicht gedrängten Straßen gehe.«

»Wie schrecklich!« sagte Rose, sich von dem Mädchen unwillkürlich noch weiter entfernend.

»Danken Sie auf Ihren Knieen dem Himmel, geehrte Lady,« rief die Unglückliche aus, »daß Sie Angehörige haben, die Sie in Ihrer Jugend bewacht und gepflegt, und daß Sie niemals, wie ich seit der frühesten Kindheit, von Kälte und Hunger, von Völlerei und Trunkenheit, und – und von noch etwas viel Schlimmerem, als dieses alles ist, umgeben gewesen sind. Ich darf es sagen, denn elende Gassen und wüste Höhlen sind meine Behausung gewesen und werden mein Sterbebett sein.«

»Ich bemitleide Sie!« sagte Rose mit bebender Stimme. »Es ist ja herzzerreißend, Sie anzuhören.«

»Gottes Segen über Sie und Ihre Güte!« erwiderte das Mädchen. »Wenn Sie wüßten, wie es mir bisweilen zumute ist, Sie würden mich bedauern, glauben Sie mir. Doch ich habe mich fortgeschlichen von Leuten, die mich sicherlich ermorden würden, wüßten sie, daß ich hier gewesen bin, um Sie von Dingen, die ich ihnen abgehorcht habe, in Kenntnis zu setzen. Ist Ihnen ein Mensch namens Monks bekannt?«

Rosa verneinte.

»Er kennt Sie,« fuhr das Mädchen fort, »und wußte, daß Sie hier wohnten, denn nur dadurch, daß er es einem anderen sagte, ward es mir möglich, Sie aufzufinden.«

»Ich habe den Namen niemals nennen hören,« sagte Rose.

»Nun, so führt er unter uns einen andern, was ich wohl schon früher vermutet habe. Vor einiger Zeit und bald nachdem Oliver in der Nacht des beabsichtigten Raubes in Ihr Haus gehoben wurde, behorchte ich diesen Menschen, auf welchen ich Verdacht geworfen, als er mit Fagin eine Unterredung hatte. Ich erfuhr bei der Gelegenheit, daß Monks – der Mann, nach welchem ich Sie vorhin fragte –«

»Wohl, ich verstehe schon,« sagte Rose.

»Daß Monks den Knaben an eben dem Tage, als wir ihn verloren, mit zwei von unsern Knaben zufällig erblickte und sogleich in ihm das Kind erkannt hatte, welchem er auflauerte, wiewohl ich mir nicht erklären konnte, weshalb. Er wurde mit Fagin darüber einig, daß der Jude, falls Oliver wieder zurückgebracht würde, eine gewisse Summe und noch mehr erhalten solle, wenn er einen Dieb aus ihm machte, was Monks zu irgend einem Zweck wünschte.«

»Zu welchem Zwecke?« fragte Rose.

»Als ich horchte, um es zu erlauschen, erblickte er meinen Schatten an der Wand,« fuhr das Mädchen fort, »und es gibt außer mir nicht sehr viele Menschen, die, um der Entdeckung zu entgehen, zeitig genug sich aus dem Hause gefunden hätten. Mir gelang es indes, und ich sah ihn erst am gestrigen Abende wieder.«

»Und was trug sich da zu?«

»Ich will es Ihnen sagen, Lady. Er kam gestern wieder zu Fagin. Sie gingen wieder die Treppe hinauf; ich versteckte mich und hüllte mich so ein, daß mich mein Schatten nicht verraten konnte und horchte abermals an der Tür. Die ersten Worte, die ich Monks sagen hörte, waren diese: ›So liegen denn die einzigen Beweise, daß der Oliver der Knabe ist, auf dem Grunde des Stromes und die alte Hexe, die sie von seiner Mutter erhielt, verfault in ihrem Sarge.‹ Sie lachten und sprachen von der glücklichen Ausführung des Streichs, und Monks, der noch weiter von dem Knaben sprach und sehr ingrimmig wurde, sagte: obwohl er des jungen Teufels Geld jetzt sicher genug hätte, so würde er es doch lieber auf andere Art erlangt haben; denn welch' eine Lust würde es sein, das prahlerische Testament des Vaters dadurch über den Haufen zu werfen, daß man den Knaben durch alle Gefängnisse der Hauptstadt hetzte und ihn dann wegen eines todeswürdigen Verbrechens vor Gericht zöge, was Fagin leicht würde veranstalten können, nachdem er ihn obendrein mit großem Vorteile benutzt haben würde.«

»Was ist dies alles?« rief Rose entsetzt aus.

»Die Wahrheit, Lady, obwohl es von meinen Lippen kommt,« versetzte das Mädchen. »Dann sagte er, unter Verwünschungen, die für mein Ohr gewöhnlich genug sind, den Ihrigen aber fremd und schauerlich klingen müßten, er würde es tun, wenn er seinen Haß ohne Gefahr für seinen eigenen Hals dadurch befriedigen könnte, daß er dem Knaben das Leben nähme; es dürfte aber zu gefährlich sein; er würde ihm jedoch überall im Leben auflauern und könnte, wenn er sich die Geburt und Lebensgeschichte des Knaben zu Nutz machte, ihm dennoch Schaden genug zufügen. ›Kurzum, Fagin‹, sagte er, ›Jude, der du bist, du hast noch nie Fallstricke gelegt, wie ich sie zum Verderben meines jungen Bruders legen werde.‹«

»Sein Bruder!« rief Rose bestürzt.

»Das waren seine Worte,« sagte Nancy, sich besorgt umschauend, wie sie es fast unablässig getan hatte, denn Sikes' finstere Gestalt schwebte ihr beständig vor der Seele.

»Und mehr noch. Indem er von Ihnen und der anderen Dame sprach, äußerte er, der Himmel oder der Teufel müsse wider ihn gewesen sein, als Oliver in Ihre Hände geraten sei, und sagte mit Hohngelächter: darin läge ebenfalls einiger Trost. Denn wieviel tausend und hunderttausend Pfund würden Sie nicht geben, wenn Sie sie hätten, zu erfahren, wer Ihr zweibeiniger Schoßhund wäre.«

»Sie wollen doch nicht sagen, daß das alles ernstlich gemeint war,« sagte Rose erblassend.

»Wenn jemals ein Mensch im Ernst gesprochen, so tat ich es in diesen Augenblicken,« erwiderte das Mädchen, traurig den Kopf schüttelnd; »und auch er pflegt nicht zu scherzen, wenn sein Haß in ihm lebendig ist. Ich kenne viele, die noch Schlimmeres üben, aber ich würde sie alle lieber zehnmal als jenen Monks ein einziges Mal darüber sprechen hören. Doch es wird spät, und ich muß nach Hause zurückkehren, um ja nicht den Verdacht aufkommen zu lassen, daß ich zu einem solchen Zweck hier gewesen wäre. Ich muß nach Hause zurückeilen.«

»Doch was kann ich tun?« fragte Rose. »Welchen Nutzen kann ich ohne Sie aus Ihrer Mitteilung ziehen? Zurückkehren wollen Sie! Wie können Sie zu Genossen zurückzukehren wünschen, die Sie mit so schrecklichen Farben schildern? Wenn Sie Ihre Aussage in Gegenwart eines Herrn, welchen ich augenblicklich herbeirufen kann, wiederholen wollen, so können Sie binnen einer halben Stunde an einen sicheren Ort gebracht werden.«

»Ich wünsche aber zurückzukehren,« versetzte das Mädchen. »Ich muß zurückkehren, weil – ach, wie kann ich mit einer unschuldigen Dame, wie Sie sind, über solche Dinge reden? – weil unter den Männern, von welchen ich Ihnen erzählt habe; sich einer befindet, der Schrecklichste von allen, den ich nicht zu verlassen vermag; nein – und wenn ich auch dadurch von dem ruchlosen, fürchterlichen Leben erlöst werden könnte, das ich jetzt führe!«

»Daß Sie zugunsten des teuren Knaben sich schon einmal bemüht haben; daß Sie unter so großer Gefahr hierher gekommen sind, um das, was Sie gehört, mir zu enthüllen; Ihre Mienen, die mich von der Wahrheit Ihrer Angaben überzeugen; Ihre offenbare Reue und Ihr Schamgefühl: alles berechtigt mich dazu, zu glauben, daß Sie wieder auf den rechten Weg gebracht werden können. O,« fuhr die tiefbewegte Rose Maylie, die Hände faltend, während Tränen über ihre Wangen hinabliefen, fort, »hören Sie auf das Flehen einer Angehörigen Ihres eigenen Geschlechts, der ersten – gewiß der ersten, die jemals mit der Stimme des Mitleids und der Bangigkeit um Ihr Seelenheil zu Ihnen geredet hat. Hören Sie auf meine Worte und lassen Sie sich durch mich zu einem besseren Dasein erretten!«

»Lady,« versetzte das Mädchen, auf die Knie sinkend, »teure, engelgleiche Lady, ja, Sie sind die erste, die mich jemals durch Worte, wie diese sind, beseligt hat, und hätte ich sie vor Jahren vernommen, so hätten sie mich einem sündhaften und leidvollen Leben entreißen können; doch es ist zu spät – zu spät.«

»Zur Reue und Buße ist es niemals zu spät,« entgegnete Rose.

»Es ist dennoch zu spät!« rief Nancy in einem Tone aus, der ihre ganze Seelenqual verriet. »Ich kann ihn jetzt nicht mehr verlassen – ich vermöchte es nicht, seinen Tod herbeizuführen.«

»Und weshalb sollten Sie es?« fragte Rose.

»Nichts könnte ihn retten,« jammerte das Mädchen. »Wenn ich anderen erzählte, was ich Ihnen offenbart habe, und dadurch seine Verhaftung veranlaßte, er müßte ohne Rettung sterben. Er ist der verwegenste von allen und hat so entsetzliche Dinge begangen!«

»Ist es möglich,« rief Rose, »daß Sie einem solchen Menschen zuliebe jeder Hoffnung auf die Zukunft und der Gewißheit der Rettung für die Gegenwart entsagen können? Es ist Wahnsinn.«

»Ich weiß nicht, was es ist,« versetzte das Mädchen, »ich weiß nur, daß es so ist, und nicht allein bei mir, sondern bei Hunderten, die ebenso schlecht und elend sind, wie ich es bin. Ich muß zurück. Ob es der Zorn Gottes ist, wegen des vielen Bösen, das ich begangen habe, weiß ich nicht; aber ich fühle mich trotz aller Leiden und aller harten Behandlung unwiderstehlich zu ihm hingezogen, was, glaub' ich, auch dann der Fall sein würde, wenn ich überzeugt wäre, daß ich noch durch seine Hand sterben müßte.«

»Was soll ich tun?« fragte Rose. »Ich müßte Sie eigentlich nicht fortlassen.«

»Ja, ja, Lady, Sie werden es,« entgegnete das Mädchen. »Sie werden mein Fortgehen nicht hindern, weil ich in Ihre Güte Vertrauen gesetzt und Ihnen, wie ich es hätte tun können, kein Versprechen abgedrungen habe.«

»Wozu nützt denn aber Ihre Mitteilung?« beharrte Rose. »Dies Geheimnis muß enthüllt werden; welcher Vorteil kann sonst für Oliver, dem zu dienen Ihnen so sehr am Herzen liegt, daraus erwachsen, daß Sie es mir anvertraut haben?«

»Sie werden sicher irgendeinen wohlwollenden Herrn kennen, dem Sie es mitteilen können und der Ihnen Rat erteilen wird,« erwiderte Nancy.

»Doch wo finde ich Sie, wenn ich Ihrer bedürfen sollte?« fragte Rose. »Ich will nicht fragen, wo jene fürchterlichen Menschen wohnen, allein wo wird man Sie an irgendeinem zu bestimmenden Tage wiedersehen können?«

»Versprechen Sie mir, daß mein Geheimnis auf das strengste bewahrt werden soll und daß Sie allein oder doch nur mit dem Manne kommen, dem Sie es anvertrauen wollen und daß man mir weder auflauere noch nachfolge?«

»Ich verspreche es feierlichst,« erwiderte Rose.

»Wohlan, so will ich jeden Sonntag von elf bis zwölf Uhr abends, wenn ich am Leben bleibe, auf der Londoner Brücke auf- und niedergehen,« verhieß Nancy unbedenklich.

»Warten Sie noch einen Augenblick,« sagte Rose, Nancy, die schon nach der Tür eilte, zurückhaltend. »Erwägen Sie noch einmal Ihre Lage und die Gelegenheit, die Ihnen geboten wird, sich derselben zu entreißen. Sie haben nicht allein als freiwillige Überbringerin einer so wichtigen Kunde, sondern auch als eine fast unwiederbringlich Verlorene, Ansprüche auf meinen Beistand. Wollen Sie in der Tat zu der Räuberbande und dem schrecklichen Manne zurückkehren, da doch ein einziges Wort Sie retten kann? Was für ein Zauber ist es, der Sie unwiderstehlich zurückzuziehen und der Gottlosigkeit und dem Elende preiszugeben vermag? Ach, befindet sich denn in Ihrem Herzen keine Saite, die ich zu berühren vermöchte – regt sich kein Gefühl in ihm, das gegen diese Verblendung ankämpfen könnte?«

»Wenn Damen, so jung, so freundlich und schön, wie Sie sind, ihre Herzen verschenken,« versetzte das Mädchen mit fester Stimme, »so macht die Liebe sie zu allem fähig – selbst Ihresgleichen, die Sie eine Heimat, Angehörige, Freunde, zahlreiche Bewunderer, alles haben, was Ihr Herz ausfüllen kann. Wenn Frauen, wie ich, die wir kein Dach als den Sargdeckel, in Krankheit und Tod keinen Beistand als die Krankenwärterin des Hospitals haben, einem Manne unser angefaultes Herz hingeben und ihn die Stelle ausfüllen lassen, die einst von den Eltern, der Heimat und den Freunden ausgefüllt wurde oder die unser ganzes elendes Leben hindurch eine leere und wüste Stätte gewesen ist: wer kann hoffen uns zu heilen? Bemitleiden Sie uns, Lady – bemitleiden Sie uns darum, daß uns nur ein weibliches Gefühl geblieben ist und daß dieses Gefühl, durch die schwere Ahndung des Himmels, statt unser Trost und Stolz zu sein, zu einem Fluche und die Quelle neuer Leiden und Mißhandlungen wird.«

»Sie werden doch eine Kleinigkeit von mir annehmen,« sagte Rose nach einer Pause, »die Sie in den Stand setzen wird, ohne Schande zu leben – wenigstens bis wir uns wiedersehen?«

»Keinen Heller,« erwiderte das Mädchen, mit der Hand abwehrend.

»Verschließen Sie Ihr Herz doch nicht gegen meine Anerbietungen, Ihnen Beistand zu leisten,« sagte Rose, ihr näher tretend. »Gewiß, ich wünsche Ihnen nützlich zu sein.«

»Sie würden mir am nützlichsten sein, Lady, wenn Sie mir mit einem Male das Leben nehmen könnten,« versetzte Nancy händeringend; »denn der Gedanke an das, was ich bin, hat mir in dieser kurzen Stunde ein schwereres Herzweh verursacht, als ich jemals empfunden habe, und es würde ein Gewinn sein, nicht in der Hölle zu sterben, in der ich gelebt habe. Gottes Segen über Sie, süße Lady, und möge der Himmel ebensoviel Glück auf Ihr Haupt herabsenden, wie ich auf das meine Schande geladen habe!«

Mit diesen Worten und unter lautem Schluchzen verließ die Bejammernswerte das Zimmer, während Rose, durch die eben beendete Unterredung, die mehr einem flüchtigen Traume, als der Wirklichkeit ähnlich sah, fast überwältigt auf einen Stuhl niedersank und ihre verworrenen Gedanken zu sammeln suchte.

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