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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Neununddreißigstes Kapitel.

In welchem alte Bekannte auftreten und Fagin und Monks die Köpfe zusammenstecken.

An dem Abende, der auf die im vorigen Kapitel erzählte Unterredung der drei wackeren Leute folgte, erwachte Sikes aus seinem Schlummer und fragte schlaftrunken, welche Zeit es wäre. Das Zimmer, in welchem er sich befand, war keins von denen, die er vor der Chertseyer Expedition bewohnt hatte, obgleich es sich in einem Hause nicht weit von seiner früheren Wohnung befand. Es war allem Anschein ein weit schlechteres Gemach und erhielt nur durch ein einziges Dachfenster Licht, das auf eine enge und schmutzige Gasse hinausging. Auch fehlte es nicht an mannigfachen anderen Anzeichen, daß Mr. Sikes zur äußersten Dürftigkeit herabgesunken war, was auch durch sein bleiches und abgemagertes Aussehen bestätigt wurde.

Der Einbrecher lag auf seinem Bette, in einen großen weißen Mantel gehüllt und mit einem Gesicht, das durch seine leichenhafte Blässe und einen mindestens eine Woche alten stachligen schwarzen Bart nichts weniger als verschönt war. Sein Hund saß neben dem Bett, bald seinen Herrn mit ernsten Augen anblickend, bald die Ohren spitzend und ein dumpfes Knurren ausstoßend, sobald ein Geräusch auf der Straße oder in dem unteren Teile des Hauses seine Aufmerksamkeit erregte.

An dem Fenster mit Ausbesserung eines dem Einbrecher gehörenden alten Kleidungsstückes beschäftigt, saß Nancy, welche gleichfalls so blaß und erschöpft von Hunger und Wachen aussah, daß man sie kaum anders als an der Stimme erkannt haben würde, als sie Sikes' Frage beantwortete. »Noch nicht lange sieben vorüber,« sagte sie. »Wie befindet Ihr Euch heut' abend, Bill?«

»So schwach wie Wasser,« erwiderte er mit einem seiner gewöhnlichen Flüche. »Komm her, reich' mir die Hand und hilf mir von dem verdammten Bette.«

Sikes' Laune war durch seine Krankheit nicht freundlicher geworden, denn während ihn Nancy emporhob und nach einem Stuhle leitete, murmelte er Flüche über ihr Ungeschick und schlug sie.

»Plärrst du?« sagte er. »Laß das Winseln bleiben! Wenn du nichts Besseres weißt, so troll' dich lieber. Hörst du?«

»Freilich hör' ich,« antwortete das Mädchen, das Gesicht abwendend und sich zu einem Lachen zwingend. »Was fällt Euch denn jetzt wieder ein, Bill?«

»Hast dich 'nes Bessern besonnen?« sagte Sikes finster, die in ihrem Auge zitternde Träne gewahrend. »Um so besser für dich.«

»O, Ihr könnt heut' abend nicht schlimm gegen mich sein, Bill,« versetzte sie, die Hand auf seine Schulter legend.

»Warum nicht?« fuhr er sie an.

»Wie viele, viele Nächte,« sagte sie mit einer Regung von Frauenzärtlichkeit, die sogar dem Ton ihrer Stimme eine gewisse Weichheit gab, – »wie viele, viele Nächte hab' ich geduldig bei Euch gesessen und Euch gepflegt und gewartet, als ob Ihr ein Kind gewesen wäret; und Ihr würdet mich sicher nicht behandelt haben, wie Ihr's eben tatet, wenn Ihr daran gedacht hättet; nicht wahr, Bill? Sprecht nur ein Wort – sagt nein.«

»Nun ja, ich hätt's nicht getan,« sagte Sikes. »Aber Gott verdamm' mich, die Dirne winselt schon wieder!«

»'s ist nichts,« seufzte Nancy, sich auf einen Stuhl werfend. »Kümmert Euch nur nicht um mich, und es wird bald vorüber sein.«

»Was wird vorüber sein?« fragte Sikes zornig. »Was hast du jetzt wieder für Dummheiten vor? Steh' auf, mach' dir zu schaffen und bleib mit deinen Weiberpossen zu Haus!«

Zu jeder anderen Zeit würde diese Aufforderung und der Ton, in welchem sie ausgesprochen wurde, die beabsichtigte Wirkung gehabt haben; allein Nancy war in der Tat kraftlos und erschöpft, ließ den Kopf auf die Stuhllehne sinken und wurde ohnmächtig, ehe noch Sikes die angemessenen Flüche ausstoßen konnte, mit welchen er unter ähnlichen Umständen seine Drohungen zu würzen pflegte. Er wußte nicht recht, was er tun sollte, denn Nancys Ohnmachten pflegten von der heftigsten Art zu sein; er nahm daher seine Zuflucht zu ein wenig Gotteslästerung und rief nach Hilfe, als sich das Mittel vollkommen unwirksam zeigte.

»Was gibt es, mein Lieber?« fragte der Jude hereinblickend.

»Kannst der Dirne nicht beispringen?« rief ihm Sikes ungeduldig zu. »Steh' nicht da und schwatz', gaff' mich nicht an!«

Fagin eilte mit einem Ausrufe der Verwunderung Nancy Beistand zu leisten, während Mr. John Dawkins (sonst genannt der gepfefferte Baldowerer), der seinem ehrwürdigen Freunde in das Zimmer gefolgt war, hastig ein Bündel niederlegte, Master Charles Bates, der dicht hinter ihm war, eine Flasche aus der Hand riß, sie im Nu mit den Zähnen entkorkte und der Patientin einige Tropfen daraus eingoß, jedoch erst, nachdem er selbst gekostet, um einen etwaigen Irrtum zu verhüten.

»Blase ihr 'n bissel frische Luft mit dem Blasebalge zu, Charley,« sagte er, »und Ihr, Fagin, klapst ihr die Hände, während Bill ihr die Kleider lockert.«

Da alle sehr eifrig waren, besonders Master Bates, dem seine Rolle der köstlichste Spaß zu sein schien, so kam Nancy nach kurzer Zeit allmählich wieder zu sich selbst, wankte nach einem Stuhle am Bette, verbarg ihr Gesicht in den Kissen und überließ es Sikes, ohne alle Einmischung von ihrer Seite, den Neuangekommenen seine Meinung über sie und ihr unerwartetes Erscheinen auszudrücken.

»Welcher böse Wind hat Euch denn hierher geblasen?« fragte er Fagin.

»Gar kein böser Wind, mein Lieber,« antwortete der Jude; »denn ein böser Wind bläst zu niemandem Gutes, und ich habe mitgebracht etwas Gutes, das Ihr Euch werdet freuen zu schaun. Baldowerer, mein Lieber, öffne das Bündel und gib Bill, wofür wir haben ausgegeben all' unser Geld.«

Der Gepfefferte band das Bündel auf, und Charles Bates leerte es unter Lobsprüchen des Inhalts.

»Schaut nur, Bill,« sagte der junge Herr, »solch 'ne Kaninchenpastete, von so zarten Tierchen, daß einem sogar die Knochen auf der Zunge zerschmelzen; – und hier den prächt'gen Tee – und den Zucker – und das Brot – und die frische Butter – den Gloucesterkäs – und vor allen Dingen, was sagt Ihr hierzu?«

Er stellte bei diesen Worten eine wohlverkorkte Weinflasche auf den Tisch, während Dawkins aus der Flasche, die er vorhin Charley entrissen, dem Patienten ein Glas Branntwein einschenkte, das von demselben sogleich auf einen Zug geleert wurde.

»Das wird Euch bekommen, wird Euch bekommen, Bill,« sagte der Jude, sich vergnügt die Hände reibend.

»Bekommen?« rief Sikes aus. »Ich hätte zwanzigmal umkommen können, eh' du 'nen Finger für mich gerührt hättest. Was soll das bedeuten, du falscher Schuft, daß du einen in 'nem solchen Zustande länger als drei Wochen im Stich lässest?«

»Hört, Kinder, hört ihn nur!« sagte der Jude achselzuckend; »hört, was er sagt, da wir kommen eben und ihm bringen alle die prächtigen Sachen.«

»Die Sachen sind in ihrer Art ganz gut,« bemerkte Sikes, durch einen Blick nach dem wohlbesetzten Tische ein wenig besänftigt; »aber womit kannst du dich entschuldigen, daß du mich hier krank, ohne Geld und entblößt von allem hast liegen lassen und dich die ganze Zeit nicht mehr um mich bekümmert hast, als wenn ich nicht besser wär' wie der Hund da?«

»Ich bin gewesen aus London, mein Lieber, länger als eine Woche,« erwiderte der Jude.

»Und wo warst du die andern vierzehn Tage,« fragte Sikes, »wo du mich hast hier liegen lassen wie 'ne Ratt' in ihrem Loche?«

»Konnt's nicht ändern, Bill,« antwortete Fagin; »kann mich nicht einlassen auf die Gründe vor so vielen Ohren; aber, auf meine Ehre, ich konnt's nicht ändern.«

»Worauf?« schnaubte ihn Sikes mit der äußersten Verachtung an. »Jungen, schneid' mir einer von euch ein Stück Pastete ab, daß ich den Geschmack von seiner Ehr' aus dem Munde los werde, oder ich ekle mich daran zu Tode.«

»Seid nur nicht unwirsch, mein Lieber,« erwiderte der Jude sehr unterwürfig. »Ich hab' Euch vergessen nicht, Bill; niemals, Bill.«

»O, ich will selbst darauf schwören,« fiel Sikes mit dem bittersten Lächeln ein. »Du gehst deinen Geschäften nach, während ich hier im Fieber liege. Ich hab' bald dies, bald das für dich tun müssen, solang' ich gesund und auf'n Beinen war, und hab's spottwohlfeil getan und bin arm dabei geblieben und hätte sterben und verderben müssen, wär' die Dirn' nicht gewesen.«

»Ganz recht, Bill,« sagte der Jude, Sikes' letzte Äußerung begierig auffassend, »wär' nicht gewesen die Dirne! Wer aber hat sie erzogen als der arme, alte Fagin, und hättet Ihr sie gehabt ohne mich?«

»Er hat ganz recht,« rief Nancy aus, hastig näher kommend. »Laßt ihn zufrieden.«

Nancys Erscheinen gab dem Gespräche eine andere Wendung, denn die Jungen begannen auf einen Wink des schlauen alten Juden hin ihr Branntwein einzuschenken, während Fagin mit Aufbietung all seines Witzes Sikes endlich in eine bessere Laune brachte, indem er sich stellte, als betrachtete er seine Drohungen als kleine, harmlose Scherze und außerdem von Herzen über ein paar rohe Späße lachte, zu denen sich der andere, nachdem er wiederholt der Branntweinflasche zugesprochen hatte, herabließ.

»Das ist alles ganz gut,« sagte Sikes endlich, »aber ich muß heut abend noch Geld von dir haben.«

»Ich habe nichts, habe gar nichts bei mir, Bill,« wandte der Jude ein.

»Dann hast du desto mehr zu Hause,« sagte Sikes, »und ich muß darum was haben.«

»Desto mehr!« rief Fagin die Hände emporhebend, aus. »Ich habe nicht soviel, um nur –«

»Ich weiß nicht, wieviel du hast,« unterbrach ihn Sikes, »und du magst es selbst wohl nicht wissen, denn es wird 'ne gute Zeit dazu gehören, es zu zählen; aber gleichviel, ich muß und muß noch heut' abend Geld haben.«

»Nun gut, schon gut,« entgegnete Fagin seufzend; »so will ich den Baldowerer schicken.

»Das sollst du bleiben lassen,« sagte Sikes. »Der Gepfefferte ist ein gut Teil zu gepfeffert und würd' das Herkommen vergessen oder sich vom Wege verlieren oder die SchukerPolizeidiener. baldowerten ihn, so daß er verhindert wär', oder was er sonst für Ausflüchte ersänne. Nancy soll mitgehen und 's holen, und ich will mich unterdes hinlegen und dormen.«

Nach vielem Markten und Feilschen kam endlich die Abrede zustande, daß Sikes drei Pfund und vier Schillinge erhalten solle, worauf der Jude mit seinen Zöglingen ging und Sikes sich niederlegte, um die Zeit bis zu Nancys Rückkehr zu verschlafen. In der Wohnung des Juden saßen Toby Crackit und Mr. Chitling beim fünfzehnten Spiele Cribbage, das der letztere natürlich samt seinem fünfzehnten und letzten Sixpence verlor. Mr. Crackit schien sich ein wenig zu schämen, mit einem jungen Herrn sich eingelassen zu haben, der hinsichtlich seiner Stellung und Geistesgaben so weit unter ihm war, gähnte, fragte nach Sikes und griff zu seinem Hute.

»Niemand hier gewesen, Toby?« fragte der Jude.

»Kein lebendiges Bein,« antwortete Mr. Crackit, an seinem Hemdkragen zupfend. »Ihr müßtet eigentlich ein tüchtiges Stück Geld zahlen, um mich dafür zu belohnen, daß ich Eu'r Haus so lange gehütet. Gott verdamm' mich, ich bin so dämlich wie ein Geschworener und wäre so fest eingeschlafen wie in Newgate, wenn mich meine Gutmütigkeit nicht bewogen hätte, mich mit dem jungen Menschen abzugeben. 's ist hier schauderhaft langweilig gewesen.«

Er steckte bei diesen Worten seinen Gewinn mit einer Miene in die Westentasche, als wenn es im Grunde tief unter seiner Würde wäre, so kleine Münze an sich zu nehmen, und entfernte sich mit seinem gewöhnlichen renommistisch-gentilen Wesen. Tom Chitling sandte ihm bewundernde Blicke nach und erklärte, daß er seinen Verlust um einer solchen Bekanntschaft willen für gar nichts achte. Master Bates verspottete ihn, worauf er Fagin zur Entscheidung aufforderte. Der Jude gab Dawkins und Charley einen Wink und versicherte Tom, daß er ein sehr gescheiter junger Mensch wäre.

»Und ist nicht Mr. Crackit eine grandige SinzeGroßer Herr, Gentleman., Fagin?« fragte Tom.

»Freilich, freilich, mein Lieber.«

»Und ist's einem nicht 'ne Ehre, mit ihm Bekanntschaft zu haben?«

»Allerdings, mein Lieber. Die beiden sind nur eifersüchtig, weil er sie nicht gönnt ihnen.«

»Seht ihr wohl?« rief Tom triumphierend. »Er hat mich ausgezogen, ich kann aber hingehen und wieder was verdienen und noch mehr, sobald ich nur will – nicht wahr, Fagin?«

»Ja, ja, Tom,« erwiderte der Jude, »und je eher es geschieht, desto besser. Also verlieren wir keine Zeit! Baldowerer, Charley, 's ist Zeit für euch, auszugehen auf MassemattenGeschäft, Unternehmen. – 's ist schon fast zehn und noch nichts geschafft.«

Der Baldowerer und Charley sagten Nancy gute Nacht und entfernten sich unter mannigfachen Witzen auf Tom Chitlings Kosten, dessen Benehmen jedoch ganz und gar nicht besonders auffällig oder ungewöhnlich gewesen war; denn wie viele vortrefflich junge Gentlemen gibt es nicht, die einen noch weit höheren Preis bezahlen als er, um in guter Gesellschaft gesehen zu werden; und wie groß ist die Anzahl der die besagte gute Gesellschaft bildenden feinen und vornehmen Herren, die ihren Ruf so ziemlich auf dieselbe Weise begründen, wie der elegante Toby Crackit!

»Nun will ich dir holen das Geld, Nancy,« sagte der Jude, als sie fort waren. »Das ist nur der Schlüssel zu einem kleinen Schranke, wo ich aufbewahre allerhand Schnurrpfeifereien, welche gebracht haben die Jungens. Ich verschließe nie mein Geld, weil ich keins habe zu verschließen. Das Geschäft geht schlecht, Nancy, und ich habe keinen Dank davon, aber ich freue mich, das junge Volk zu sehen um mich – pst!« unterbrach er sich, den Schlüssel hastig wegsteckend, »was war das? – horch!«

Nancy saß mit untergeschlagenen Armen am Tische, und es schien ihr vollkommen gleichgültig zu sein, ob jemand käme oder ginge und wer das wäre, bis das Gemurmel einer Männerstimme ihr Ohr traf. Sobald sie die Laute vernahm, legte sie mit Blitzesschnelle ihren Hut und Schal ab und warf beides unter den Tisch. Gleich darauf drehte der Jude sich um, und sie klagte mit matter Stimme, deren Ton gar sehr gegen ihre eben erst bewiesene, von Fagin jedoch nicht bemerkte Hast und Heftigkeit abstach, über Hitze.

»'s ist der Mann, den ich erwartete,« sagte der Jude flüsternd und offenbar verdrießlich über die Unterbrechung. »Er kommt jetzt herunter die Treppe. Kein Wort von dem Gelde, Kind, in seiner Gegenwart. Er bleibt nicht lange hier – keine zehn Minuten, liebes Kind.« Er hielt den knöchernen Zeigefinger auf die Lippen, ging mit dem Lichte nach der Tür und legte in dem Augenblicke die Hand auf den Griff, als der Besucher hastig eintrat. – Es war Monks.

»Nur eine von meinen jungen Schülerinnen,« sagte Fagin, als Monks, eine Unbekannte erblickend, zurücktrat.

Nancy sah gleichgültig nach Monks hin und wandte die Blicke darauf von ihm ab; als er die seinigen aber auf den Juden richtete, schaute sie ihn abermals verstohlen, aber so scharf und forschend an, als wenn sie plötzlich eine ganz andere geworden wäre.

»Neuigkeiten?« fragte der Jude.

»Große.«

»Und – und – gute?« fragte der Jude stockend weiter, als ob er fürchtete, Monks dadurch zu reizen, daß er sich zu hoffnungsfroh zeigte.

»Zum wenigsten keine schlechten,« erwiderte Monks lächelnd. »Ich bin diesmal tätig genug gewesen. Laßt uns ein paar Worte allein reden.«

Nancy rückte näher an den Tisch heran, machte aber keine Miene, das Zimmer zu verlassen, obwohl sie sah, daß Monks nach ihr hindeutete. Der Jude, der vielleicht fürchtete, daß sie etwas von dem Gelde sagen möchte, wenn er ihr befehle, hinauszugehen, wies stumm nach oben und ging mit Monks hinaus.

»Nicht wieder in das höllische Loch, wo wir damals waren,« hörte Nancy den letzteren sagen, während beide die Treppe hinaufstiegen. Der Jude lachte und erwiderte etwas, was sie nicht verstand. Dem Schalle der Fußtritte nach schienen sie in das zweite Stockwerk hinaufzugehen. Sie zog rasch die Schuhe aus, horchte in der größten Spannung an der Tür und schlich, sobald sie keinen Laut mehr vernahm, vollkommen geräuschlos nach. Es mochte eine Viertelstunde verflossen sein, als sie ebenso leise in das Zimmer zurückkehrte, und gleich darauf kamen auch die beiden Männer wieder die Treppe herunter. Monks entfernte sich aus dem Hause, und als der Jude nach einiger Zeit mit dem Gelde hereintrat, setzte das Mädchen eben den Hut auf, wie um sich zum Fortgehen anzuschicken.

»In aller Welt, Nancy, wie blaß bist du!« rief Fagin erschreckend aus. »Was hast du angefangen?«

»Nichts, das ich wüßte, ausgenommen daß ich hier wer weiß wie lange in dem engen Zimmer gesessen habe,« antwortete sie im gleichgültigsten Tone. »Gebt mir endlich das Geld und laßt mich fort.«

Fagin zählte es ihr seufzend in die Hand, sagte ihr gute Nacht, und sie ging. Sobald sie sich auf der offenen Straße befand, setzte sie sich auf die Stufen vor einer Haustür und schien, ganz betäubt und erschöpft, außerstande zu sein, ihren Weg fortzusetzen. Plötzlich sprang sie indes wieder auf, eilte nach einer ganz anderen Richtung fort, als nach der, wo Sikes' Wohnung lag, beschleunigte ihre Schritte und lief endlich, so schnell ihre Füße sie tragen konnten. Sie mußte nach einer Weile still stehen, um Atem zu schöpfen, schien auf einmal wieder zur Besinnung zu kommen und rang die Hände und brach in Tränen aus, als ob sie sich bewußt geworden wäre, etwas nicht tun zu können, was zu tun sie auf das sehnlichste wünschte.

Sei es, daß die Tränen ihr Erleichterung verschafften, oder daß sie erkannte, wie gänzlich hoffnungslos ihre Lage war: genug, sie kehrte wieder zurück und eilte fast ebenso schnell nach Sikes' Wohnung, sowohl um die verlorene Zeit wieder einzubringen, als um gleichsam mit ihren stürmisch-drängenden Gedanken Schritt zu halten.

Wenn sie noch Erregtheit verriet, als sie sich dem Diebe zeigte, so gewahrte er dieselbe doch nicht, sondern schlummerte wieder ein, nachdem er gefragt, ob sie das Geld mitgebracht habe, und eine bejahende Antwort erhalten hatte.

Es war ein glücklicher Umstand für das Mädchen, daß Sikes Geld erhalten hatte und daher am folgenden Tage durch Essen und Trinken fast fortwährend beschäftigt wurde, was eine so wohltätige Wirkung auf seine Stimmung äußerte, daß er weder Zeit noch Neigung hatte, sich um sie und ihr Benehmen sonderlich zu bekümmern. Seinem luchsäugigen Freunde, dem Juden, würde es nicht entgangen sein, daß sie mit der Ausführung irgendeines verzweifelten Entschlusses umging; allein Sikes besaß Fagins scharfe Beobachtungsgabe nicht, so daß Nancys ungewöhnliche Erregtheit und Unruhe keinen Verdacht bei ihm erweckte.

Je näher der Abend kam, desto größer wurde ihre Unruhe, und als sie in gespannter Erwartung neben ihm saß und darauf wartete, daß er sich in den Schlaf tränke, wurden ihre Wangen so blaß, und es blitzte ein so ungewöhnliches Feuer aus ihren Augen, daß Sikes endlich aufmerksam darauf werden mußte. Er war matt vom Fieber, trank heißes Wasser zu seinem Branntweine, um jenes minder entzündlich zu machen, und hatte Nancy das Glas gereicht, um es zum dritten- oder viertenmal von ihr füllen zu lassen, als ihm ihre Blässe und das Feuer in ihren Augen zuerst auffielen. Er starrte sie an, stützte sich auf den Ellbogen, murmelte einen Fluch und sagte: »Du siehst ja wie eine Leiche aus, die wieder zum Leben erwacht ist. Was hast du?«

»Was ich habe?« erwiderte sie. »Nichts. Warum seht Ihr mich so scharf an?«

»Was ist das wieder für eine Albernheit?« fragte er, die Hand auf ihre Schultern legend und sie unsanft schüttelnd. »Was ist das? Was soll es bedeuten? Woran denkst du, Mädchen?«

»An vielerlei, Bill,« erwiderte sie schaudernd und die Hände auf die Augen drückend. »Aber was tut's?«

Der Ton der erzwungenen Heiterkeit, in welchem sie die letzteren Worte gesprochen hatte, schien auf Sikes einen stärkeren Eindruck zu machen als ihr wilder und starrer Blick vorher.

»Ich will dir was sagen,« fuhr er verdrießlich fort. »Wenn du nicht vom Fieber angesteckt bist und es jetzt selbst bekommst, so ist etwas mehr als Gewöhnliches im Winde und obendrein was Gefährliches. Du willst doch nicht hingehen und – nein, Gott verdamm'! das kannst du nimmermehr!«

»Was kann ich nimmermehr?« fragte das Mädchen.

»Es gibt,« murmelte Sikes, die Blicke auf sie heftend, »es gibt keine zuverlässigere, treuere Dirne in der Welt als sie, oder ich würde ihr vor drei Monaten die Kehle abgeschnitten haben. Sie kriegt das Fieber – das ist das ganze.«

Er leerte das Glas und forderte darauf seine Arznei. Nancy sprang rasch auf, bereitete sie, den Rücken ihm zukehrend, und gab sie ihm ein.

»Jetzt setze dich hier an mein Bett,« sagte er, »und nimm dein eigenes Gesicht vor, oder ich ändere es so, daß du es selbst nicht wieder erkennst, wenn du es brauchst.«

Sie tat nach seinem Geheiß, er faßte ihre Hand, sank auf das Kissen und heftete die Augen auf ihr Gesicht. Sie fielen ihm zu, er öffnete sie wieder, blickte starr umher und verfiel endlich in einen tiefen und schweren Schlummer. Der Griff seiner Hand löste sich, der ausgestreckte Arm fiel schlaff nieder, und Sikes lag da wie in dumpfer Betäubung.

»Der Schlaftrunk hat endlich gewirkt,« murmelte sie; »doch vielleicht ist es schon zu spät.«

Sie kleidete sich hastig an, blickte furchtsam umher, als wenn sie trotz des Schlaftrunks jeden Augenblick erwartete, den Druck von Sikes' schwerer Hand auf ihrer Schulter zu fühlen, beugte sich über das Bett, küßte den Mund des Räubers, öffnete und verschloß geräuschlos die Tür und eilte aus dem Hause. Ein Wächter rief halb zehn Uhr, und sie fragte ihn, ob es schon lange nach halb zehn wäre. Er erwiderte, eine Viertelstunde; sie murmelte: »und ich kann erst in einer Stunde dort sein« und eilte rasch weiter.

Sie schlug die Richtung von Spitalfields nach Westend ein. Viele der Läden in den engen Seitengassen, durch die sie ihr Weg führte, waren schon geschlossen. Als es zehn schlug, wuchs ihre Unruhe, zumal da sie vielfach durch das Gedränge in den belebteren Straßen aufgehalten wurde. Sie eilte so ungestüm und rücksichtslos auf Gefahr jeder Art weiter, daß sie von den Fußgängern für eine Verrückte gehalten wurde. Als sie sich Westend näherte, nahm das Gedränge ab, und sie beschleunigte ihre Schritte noch mehr. Endlich erreichte sie ihren Bestimmungsort: ein schönes Haus in einer Straße nicht weit vom Hydepark. Es schlug eben elf. Sie trat in den Hausflur. Der Sitz des Türstehers war leer; sie blickte ungewiß umher und näherte sich der Treppe.

»Zu wem wollen Sie, junges Frauenzimmer?« rief ihr ein wohlgekleidetes Stubenmädchen, das eine Tür hinter ihr öffnete, nach.

»Zu einer Dame hier im Hause.«

»Einer Dame!« lautete die mit einem Blicke der Verachtung begleitete Antwort. »Zu was für einer Dame?«

»Miß Maylie,« sagte Nancy.

Das Mädchen, das jetzt Zeit gehabt hatte, die Fremde genauer anzusehen, antwortete nur durch einen Blick tugendhafter Entrüstung und rief einen Bedienten, dem Nancy ihre Bitte wiederholte. Er fragte nach ihrem Namen.

»Sie brauchen gar keinen zu nennen.«

»In was für 'ner Angelegenheit wollen Sie die Dame sprechen?«

»Ich muß sie sprechen – das genügt.«

Der Bediente befahl ihr, sich aus dem Hause zu entfernen und schob sie nach der Tür hin.

»Nehmen Sie sich in acht – Sie werden mich nicht lebendig aus dem Hause hinaus schaffen!« rief sie. »Ist denn niemand hier, der einem armen Mädchen den kleinen Dienst leistet, zu der Dame hinaufzugehen?«

Inzwischen hatte sich die Dienerschaft versammelt. Der gutmütige Koch legte sich in das Mittel und forderte den Bedienten auf, das Mädchen Miß Maylie zu melden.

»Wozu denn aber?« antwortete der Bediente. »Sie werden doch nicht glauben, daß die junge Dame eine solche Person vorlassen wird?«

Diese Anspielung auf Nancys verdächtigen Stand erregte ein gewaltiges Maß tugendsamer Entrüstung bei vier Dienstmädchen, welche mit großer Lebhaftigkeit erklärten, das Geschöpf sei eine Schande ihres Geschlechts, und darauf bestanden, sie ohne Gnade auf die Straße zu werfen.

»Machen Sie mit mir, was Ihnen beliebt,« sagte das Mädchen, zu den Bedienten sich wendend, »nur tun Sie erst, was ich verlange; und ich fordere Sie auf, meine Botschaft um Gottes willen auszurichten.«

Der weichherzige Koch trat jetzt vermittelnd dazwischen, und das Ende war, daß der Mann, der zuerst zum Vorschein gekommen, die Meldung übernahm.

»Was soll ich meiner Herrschaft sagen?« fragte er.

»Daß ein junges Mädchen Miß Maylie unter vier Augen zu sprechen wünscht,« erwiderte Nancy; »und – daß die junge Dame, wenn sie nur das erste Wort anhören will, sogleich erkennen wird, ob sie das, was ich anzubringen habe, noch ferner anhören muß oder mich als eine Betrügerin vor die Tür werfen lassen soll.«

»Meiner Six!« erwiderte der Bediente. »Sie sind Ihrer Sache ja sehr gewiß.«

»Bringen Sie nur mein Anliegen vor, und lassen Sie mich den Bescheid wissen,« entgegnete das Mädchen fest.

Der Bediente eilte hinauf, und Nancy stand bleich, fast atemlos und mit zuckenden Lippen da, als die sehr hörbaren Ausdrücke von Verachtung ihr Ohr trafen, mit welchen die tugendreichen Dienstmädchen sehr freigebig waren. Ihre Blässe nahm zu, als der Bediente wieder herunterkam und ihr sagte, daß sie hinaufgehen könne.

»Rechtlich sein hilft zu nichts in dieser Welt,« bemerkte das erste Dienstmädchen.

»Messing hat's besser als das Gold, das die Feuerprobe bestanden hat,« sagte das zweite.

Das dritte begnügte sich damit, seine Verwunderung darüber auszusprechen: »aus welchem besseren Stoffe die Damen wohl sein möchten«; und das vierte übernahm die Sopranstimme im Quartett: »'s ist 'ne Schande,« womit die vier Dianen schlossen.

Ohne auf dieses alles zu achten – denn sie hatte wichtigere Dinge auf dem Herzen – folgte Nancy mit Beben dem Bedienten in ein kleines Vorzimmer, das durch eine von der Decke herabhängende Lampe erleuchtet war und in welchem ihr Führer sie allein ließ.

 

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