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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Achtunddreißigstes Kapitel.

Was sich zwischen Mr. und Mrs. Bumble und Monks bei ihrer nächtlichen Zusammenkunft begab.

Es war ein schwüler Sommerabend; die Wolken, welche den ganzen Tag gedroht hatten, dehnten sich zu einer breiteren und dichteren Masse aus, aus welcher schon dicke Regentropfen herabfielen, und schienen ein heftiges Gewitter zu verkünden, als sich Mr. und Mrs. Bumble aus einer der Hauptstraßen der Stadt nach einer kleinen Kolonie zerstreut stehender und verfallener Häuser wandten, die etwa anderthalb Meilen entfernt sein mochten und in einer sumpfigen Niederung am Themseufer erbaut waren. Sie hatten sich beide in schäbige Mäntel eingehüllt, vielleicht sowohl um sich vor dem Regen zu schützen, wie um unbemerkt zu bleiben. Mr. Bumble trug eine Laterne, in welcher jedoch kein Licht brannte, und ging ein paar Schritte voran, als hätte er – denn der Weg war schmutzig – seiner Frau den Vorteil verschaffen wollen, in seine breiten Fußstapfen zu treten. Sie schritten in tiefem Stillschweigen dahin, Mr. Bumble sah sich bisweilen um, als wenn er sich hätte überzeugen wollen, ob Mrs. Bumble auch nachfolgte, worauf er ebenso oft, sie hinter sich gewahrend, seine Schritte wieder beschleunigte.

Ihr Bestimmungsort konnte keineswegs ein zweideutiger heißen, denn er war längst als die Wohnung von verrufenem und verwegenem Gesindel bekannt, das hauptsächlich von Diebstählen und Räubereien lebte. Es war ein Haufen elender Baracken, in deren Mitte am Uferrande ein großes Gebäude stand, das ehemals zu Fabrikzwecken der einen oder anderen Art gedient und den Hüttenbewohnern umher wahrscheinlich Beschäftigung gegeben hatte. Es war indes seit langer Zeit verfallen, und die Ratten, die Würmer und die Feuchtigkeit hatten das Pfahlwerk morsch gemacht, auf welchem es ruhte, so daß schon ein beträchtlicher Teil des Ganzen unter das Wasser gesunken war, während der wankende und über den finsteren Strom hinüberlehnende Rest nur auf eine günstige Gelegenheit zu warten schien, dasselbe Schicksal zu teilen.

Vor diesem Gebäude stand das würdige Paar still, als eben das erste Rollen des entfernten Donners vernehmbar wurde und der Regen mit Heftigkeit niederzustürzen anfing.

»Es muß hier irgendwo sein,« sagte Bumble, auf einen Papierstreifen blickend, den er in der Hand hielt.

»Wer da?« ertönte eine Stimme von oben.

Bumble blickte empor und sah jemanden aus dem zweiten Stockwerke herunterschauen.

»Eine Minute Geduld,« rief die Stimme, »ich werde sogleich bei Ihnen sein.«

»Ist das der Mann?« fragte Frau Bumble, und ihr Eheherr nickte bejahend.

»Vergiß nicht, was ich dir gesagt habe,« fuhr die Dame fort, »und sprich so wenig wie nur irgend möglich, denn du wirst uns sonst gleich verraten.«

Mr. Bumble, der an dem Hause mit sehr bänglichen Blicken emporgeschaut hatte, stand im Begriff, einige Zweifel auszusprechen, ob es überhaupt rätlich sei, sich noch zu dieser Stunde auf das Abenteuer einzulassen, als er durch Monks daran gehindert wurde, der eine kleine Tür öffnete, vor welcher sie standen, und ihnen winkte hereinzutreten. »Geschwind!« rief er ungeduldig und mit dem Fuße stampfend. »Haltet mich hier nicht auf!«

Frau Bumble, welche anfangs gezögert hatte, ging keck hinein, und ihr Eheherr, der sich schämte oder fürchtete zurückzubleiben, folgte ihr nach, jedoch offenbar mit großer Unruhe und ohne jene Würde, die ihn sonst stets vornehmlich zu charakterisieren pflegte.

»Was zum Teufel stehen Sie da draußen und ließen sich naß regnen?« sagte Monks zu ihm, nachdem er die Tür wieder verriegelt hatte.

»Wir – wir kühlten uns ein wenig ab,« stotterte Bumble, furchtsam umherblickend.

»Kühlten sich ein wenig ab!« entgegnete Monks. »Aller Regen, der jemals vom Himmel herabfiel oder noch herabfallen soll, wird nicht so viel höllisches Feuer auslöschen, wie ein Mann mit sich umhertragen kann. Glauben Sie nicht, daß Sie sich so leicht abkühlen können.«

Mit diesen angenehmen Worten und mit einem finsteren, stieren Blicke wandte sich Monks zu Frau Bumble, die, obwohl sonst nicht so leicht einzuschüchtern, dennoch die Augen vor ihm auf den Boden heften mußte. »Ist dies die Frau?« fragte Monks.

»Hm! Ja,« antwortete Mr. Bumble, eingedenk der Warnung seiner Gattin.

»Sie glauben vielleicht, daß Frauen keine Geheimnisse verschweigen können!« nahm Frau Bumble das Wort und blickte dabei Monks wieder dreist und forschend an.

»Ich weiß, daß sie allezeit eins verschweigen, bis es an den Tag gekommen ist,« erwiderte Monks verächtlich.

»Und was ist das für ein Geheimnis?« fragte Frau Bumble in demselben zuversichtlichen Tone.

»Der Verlust ihres guten Namens,« sagte Monks; »und ebenso fürchte ich nicht, daß eine Frau ihr Geheimnis ausschwatzt, wenn das Ausschwatzen dahin führen kann, daß sie gehängt oder deportiert wird. Verstanden?«

»Nein,« versetzte die Dame, sich ein wenig verfärbend.

»Freilich,« sagte Monks spöttisch, »wie könnten Sie mich auch verstehen!« Er blickte die Eheleute halb höhnisch und halb grollend an, winkte ihnen abermals, ihm nachzufolgen, eilte durch das große, jedoch niedrige Zimmer voran und wollte eben eine steile Treppe oder vielmehr Leiter hinauf steigen, als der helle Glanz eines Blitzes durch die Öffnung herabfuhr und ein Donnerschlag erfolgte, der das gebrechliche Gebäude in seinem Grunde erschütterte.

»Hören Sie!« rief er zurückschreckend aus, »hören Sie, wie es prasselt und rollt, als ob es durch tausend Höhlen widerhallte, wo sich die Teufel davor verstecken. Fluch über den Lärm! Ich hasse ihn.«

Er schwieg einige Augenblicke, entfernte plötzlich die Hände von seinem Gesicht, und Mr. Bumble gewahrte zu seinem unaussprechlichen Schrecken, daß es fast kreideweiß und ganz verzerrt war.

»Ich leide bisweilen an diesen Zufällen,« sagte Monks, die Bestürzung des Armenhausverwalters bemerkend, »und dann und wann werden sie durch den Donner hervorgerufen. Achten Sie nicht darauf; es ist für diesmal vorüber.« Mit diesen Worten ging er voran, erklomm die Treppe, verschloß hastig die Fensterläden des Gemaches, in welches er das Ehepaar führte, und ließ eine an einer Leine und einer Rolle an einem der Deckenbalken hängende Laterne herunter, die ein mattes Licht auf einen alten Tisch und drei an denselben gestellte Stühle warf. Als sie sich gesetzt hatten, sagte er: »Je eher wir zur Sache kommen, desto besser ist's für uns alle. Weiß die Frau, worauf sich unser Geschäft bezieht?«

Die Frage war an Mr. Bumble gerichtet, allein Mrs. Bumble nahm sogleich das Wort und erklärte, daß sie mit dem Zwecke der Zusammenkunft vollkommen bekannt sei.

»Er sagte, Sie wären bei der alten Hexe an dem Abende gewesen, da sie starb, und sie hätte Ihnen etwas anvertraut –«

»Was die Mutter des Knaben betraf, den Sie nannten,« unterbrach ihn Frau Bumble. »Ja, Sir.«

»Die erste Frage,« sagte Monks, »ist die, worin bestand ihre Mitteilung?«

»Das ist die zweite Frage,« bemerkte Frau Bumble mit großer Ruhe. »Die erste ist die, was wohl der Preis des Geheimnisses sein mag?«

»Wer zum Teufel kann das sagen, ohne zu wissen, worin es besteht?« lautete Monks' Gegenfrage.

»Ich bin überzeugt, niemand besser als Sie,« antwortete Frau Bumble, der es, wie ihr Gatte aus hinreichender Erfahrung bezeugen konnte, keineswegs an Herzhaftigkeit gebrach.

»Hm!« sagte Monks bedeutsam und mit einem begierigen und lauernden Blicke; »handelt es sich denn um etwas Wertvolles?«

»Vielleicht – o ja, vielleicht,« antwortete Frau Bumble gelassen.

»Etwas, was man ihr abnahm,« fuhr Monks eifrig fort; »etwas, was sie trug – etwas, was –«

»Sie tun am besten, wenn Sie bieten,« unterbrach ihn Frau Bumble. »Ich habe schon genug gehört, um gewiß zu sein, daß Sie der Mann sind, für welchen mein Geheimnis Wert hat.«

Mr. Bumble, den seine bessere Hälfte von dem Geheimnisse noch nicht mehr hatte wissen lassen, als er gleich zu Anfange gewußt, horchte diesem Zwiegespräch mit vorgerecktem Halse und weit aufgerissenen Augen, die er mit unverhohlenem Erstaunen bald auf seine Frau, bald auf Monks heftete, und seine Spannung nahm womöglich noch zu, als der letztere ernstlich nach der Summe fragte, welche für die Offenbarung des Geheimnisses gefordert würde.

»Was ist es Ihnen wert?« fragte Frau Bumble ebenso kaltblütig wie vorhin.

»Kann sein, daß es mir nichts oder daß es mir zwanzig Pfund wert ist,« erwiderte Monks; »sprechen Sie und lassen Sie mich Ihre Forderung wissen.«

»Legen Sie noch fünf Pfund zu; geben Sie mir fünfundzwanzig Pfund in Gold,« versetzte Frau Bumble, »und ich sage Ihnen alles, was ich weiß – doch eher nicht.«

»Fünfundzwanzig Pfund!« rief Monks, sich zurückbeugend aus.

»Ich sprach so deutlich, wie ich konnte,« entgegnete Frau Bumble, »und die Summe ist auch nicht bedeutend.«

»Die Summe nicht bedeutend für ein erbärmliches Geheimnis, das vielleicht der Rede nicht wert ist, wenn Sie es offenbart haben!« rief Monks ungeduldig aus; »ein Geheimnis, das seit zwölf Jahren oder länger vergessen oder begraben gelegen hat!«

»Solche Dinge halten sich gut und verdoppeln gleich gutem Weine häufig ihren Wert durch die Zeit,« bemerkte Frau Bumble fortwährend mit der kalten Entschlossenheit, die sie angenommen hatte; »und was das betrifft, daß es begraben gewesen, so gibt es Leute, die, soviel wir wissen, noch zwölftausend oder zwölf Millionen Jahre begraben liegen können und endlich sonderbare Geschichten erzählen werden.«

»Wie aber, wenn ich für nichts zahle?« fragte Monks bedenklich zögernd.

»Sie können mir das Geld leicht wieder abnehmen,« erwiderte die Dame. »Ich bin ja nur eine Frau und allein und ohne Schutz in Ihrer abgelegenen Wohnung.«

»Weder allein, meine Liebe, noch ohne Schutz,« fiel Mr. Bumble mit vor Angst bebender Stimme ein; »ich bin auch hier, meine Liebe. Und außerdem,« fuhr er zähneklappernd fort, »und außerdem ist Mr. Monks zu sehr Gentleman, um sich auch nur die mindeste Gewalttätigkeit gegen Kirchspielpersonen zu erlauben. Mr. Monks weiß, daß ich nicht mehr in der Blüte der Jahre und der Kraft stehe; allein er hat gehört – hat ohne Zweifel gehört, lieber Schatz, daß ich ein sehr entschlossener Beamter und ungewöhnlich stark bin, wenn ich Veranlassung bekomme, mich zusammenzunehmen. Ich brauche mich nur eben etwas zusammenzunehmen.«

Und als Mr. Bumble so sprach, machte er einen trübseligen Versuch, mit trotziger Entschlossenheit nach seiner Laterne zu greifen, und zeigte deutlich durch den in allen seinen Zügen sich malenden Schrecken, wie es allerdings bei ihm nötig war, daß er sich ein wenig oder vielmehr recht sehr zusammennehmen mußte, bevor er sich zu einer nur irgend kriegerischen Demonstration herbeiließ, ausgenommen gegen Arme oder andere wehrlose Personen.

»Du bist ein Narr,« entgegnete ihm seine Ehehälfte, »und kannst nichts Besseres tun als den Mund halten.«

»Und ich werde ihm sogleich darauf schlagen, wenn er nicht leiser spricht,« sagte Monks zornig. »Er ist also Ihr Mann?«

»Er mein Mann!« kicherte Frau Bumble, der Frage ausweichend.

»Ich dachte es, als Sie beide hereinkamen,« fuhr Monks fort, den zornigen Blick gewahrend, den die Dame ihrem Eheherrn zuwarf. »Desto besser; ich trage um so weniger Bedenken, mit Leuten zu unterhandeln, wenn ich finde, daß sie von einem und demselben Willen beseelt sind. Ich meine es ernstlich – schauen Sie hier!«

Er zog einen Beutel aus der Tasche, zahlte fünfundzwanzig Sovereigns auf den Tisch und schob sie Frau Bumble hin.

»Nehmen Sie,« fuhr er fort, »und lassen Sie mich nun hören, was Sie zu erzählen haben, sobald der verwünschte Donnerschlag vorüber ist, der, ich fühl's, gerade über dem Hause loswettern wird.«

Sobald das Donnergeroll vorüber war, hob Monks das Gesicht vom Tische empor und beugte sich zu Frau Bumble hinüber, um begierig zu hören, was sie sagen würde. Auch das Ehepaar lehnte sich über den kleinen Tisch, so daß die Köpfe von allen dreien sich berührten. Das auf sie gerade herunterfallende matte Licht der hängenden Laterne ließ ihre Gesichter noch bleicher und gespenstischer erscheinen, und sie sahen um so unheimlicher aus, als rings umher die tiefste Finsternis sie umgab.

»Als die Frau, die wir die alte Sally nannten, starb,« hub Frau Bumble flüsternd an, »war ich mit ihr allein.«

»War niemand dabei?« fragte Monks mit demselben hohlen Geflüster; »keine Kranke oder Verrückte in einem andern Bette? – keine Seele, welche hören, vielleicht verstehen konnte?«

»Wir waren ganz allein,« versicherte Frau Bumble; »ich, und sonst niemand, stand an ihrem Bette, als sie im Sterben lag. Sie sprach von einer jungen Frauensperson, die einige Jahre zuvor einem Kinde das Leben gegeben hätte, und zwar nicht bloß in demselben Zimmer, sondern auch in demselben Bette, in welchem die Sterbende lag.«

»Fürwahr!« sagte Monks mit bebender Lippe und über seine Schulter blickend. »Teufel! Wie doch die Dinge zuletzt kommen können!«

»Das Kind war dasselbe, das Sie ihm gestern abend nannten,« fuhr Frau Bumble, nachlässig nach ihrem Manne hindeutend, fort; »und die alte Sally hat seine Mutter bestohlen.«

»Bei ihren Lebzeiten?« fragte Monks.

»Nein, als sie gestorben war,« erwiderte Frau Bumble mit einigem Schaudern. »Sie bestahl die Leiche, nachdem dieselbe eine solche geworden war, und was sie nahm, war eben das, was die sterbende Mutter in ihren letzten Atemzügen sie gebeten hatte, um des Kindes willen aufzubewahren.«

»Verkaufte sie es?« fiel Monks in der größten Spannung ein; »hat sie es verkauft? – Wo? – Wann? – An wen? – Vor wie langer Zeit?«

»Als sie mir mit großer Mühe gesagt hatte, was sie getan, sank sie zurück und starb.«

»Und sagte weiter nichts mehr?« rief Monks mit einer Stimme, die nur um so wütender ertönte, je gewaltsamer er sie zu dämpfen suchte. »Es ist eine Lüge! Ich werde mich nicht hinter das Licht führen lassen. Sie sagte mehr – ich morde Sie beide, wenn ich nicht erfahre, was es war!«

»Sie sagte kein Sterbenswörtchen mehr,« entgegnete Frau Bumble, allem Anscheine nach durch Monks' Heftigkeit nicht im mindesten erschreckt, was ihr Mann augenscheinlich in einem desto höheren Grade war; »sie faßte aber krampfhaft mit der einen Hand mein Kleid und ich fand, als sie tot war und als ich ihre Hand mit Gewalt losmachte, einen schmutzigen Papierstreifen darin.«

»Was enthielt er?« unterbrach Monks, sich vorbeugend.

»Nichts; es war ein Schein von einem Pfandleiher.«

»Worüber?«

»Das werde ich Ihnen seinerzeit schon sagen. Ich muß glauben, sie hatte das Geschmeide, über dessen Empfang der Papierstreifen ausgestellt war, einige Zeit aufbewahrt, um größeren Gewinn daraus zu ziehen, es sodann verpfändet und dem Pfandleiher jedes Jahr die Zinsen bezahlt, um es wieder einlösen zu können, wenn es etwa zu einer Entdeckung führen sollte. Dies war jedoch nicht geschehen, und sie starb mit dem Scheine in der Hand, der nach einigen Tagen verfallen sein würde, und ich löste das Pfand ein, weil ich glaubte, dereinst noch einmal Nutzen daraus ziehen zu können.«

»Wo haben Sie es?« fragte Monks hastig.

»Hier ist es,« erwiderte Frau Bumble und warf eilig, als wenn sie froh wäre, sich davon zu befreien, ein kleines ledernes Beutelchen auf den Tisch; Monks bemächtigte sich desselben begierig und öffnete es mit zitternden Händen. Es enthielt ein kleines goldenes Medaillon, in welchem sich zwei Haarlocken und ein einfacher goldener Trauring befanden.

»Auf der Innenseite ist der Name Agnes zu lesen,« sagte Frau Bumble. »Für den Zunamen ist ein Raum offen gelassen, und dann folgt das Datum von einem Tage in dem Jahre vor der Geburt des Kindes, das ich in Erfahrung gebracht habe.«

»Und das ist alles?« fragte Monks nach einer genauen und eifrigen Untersuchung des kleinen Beutels.

»Ja,« antwortete Frau Bumble, und ihr Eheherr atmete lang und tief, als wenn er sich freute, daß alles vorüber wäre, ohne daß Monks die fünfundzwanzig Pfund zurückforderte. Er faßte jetzt so viel Mut, um endlich den Schweiß abzuwischen, der ihm vom Anfange der Unterredung an über die Stirn und Wangen hinabgeträufelt war.

»Ich weiß nichts von der Geschichte außer dem, was ich mutmaßen kann,« nahm seine Frau nach einem kurzen Stillschweigen wieder das Wort, »und begehre auch nichts zu wissen, denn es ist sicherer. Darf ich Ihnen aber ein paar Fragen vorlegen?«

»Das können Sie,« sagte Monks mit einiger Verwunderung; »ob ich aber antworte oder nicht, ist eine andere Frage.«

»Was ihrer drei macht,« bemerkte Mr. Bumble, ein wenig Scherzhaft-Witziges einschaltend.

»War es das, was Sie von mir zu bekommen erwarteten?« fragte die Dame.

»Ja,« erwiderte Monks. »Die zweite Frage?« –

»Was denken Sie damit zu tun – kann es gegen mich gebraucht werden?«

»Niemals,« sagte Monks, »und auch nicht gegen mich. Sehen Sie hier; aber bewegen Sie sich keinen Schritt vorwärts, oder Ihr Leben ist keinen Strohhalm wert!« Er schob bei diesen Worten plötzlich den Tisch zur Seite und öffnete eine große Falltür dicht vor den Füßen Mr. Bumbles, der sich in größter Hast mehrere Schritte zurückzog. »Schauen Sie hinunter,« sagte Monks, die Laterne in die Öffnung hinablassend; »fürchten Sie nichts. Ich hätte Sie ganz unbemerkt hinunter spedieren können, als Sie darüber saßen, wenn es meine Absicht gewesen wäre.«

Frau Bumble trat ermutigt an die Öffnung, und sogar ihr Eheherr wagte es, von Neugierde getrieben, dasselbe zu tun. Das vom Regen angeschwollene trübe Wasser rauschte unten so gewaltig, daß sich alle anderen Töne in seinem Geräusche verloren. Es war an der Stelle vormals eine Wassermühle gewesen, und das Pfahlwerk und die sonstigen Überreste derselben hielten das Wasser nur auf, um seinen Andrang und das Brausen noch zu verstärken.

»Wenn man hier eine Leiche hinunterwürfe, wo würde sie morgen früh sein?« fragte Monks, die Laterne in dem finstern Schlunde hin- und herschwingend.

»Zwölf Meilen weit unten im Strome und obendrein in Stücke gerissen,« erwiderte Bumble, bei dem bloßen Gedanken zurückbebend.

Monks nahm den kleinen Beutel, band ihn fest an ein daliegendes bleiernes Gewicht und warf ihn in das Wasser hinunter; man hörte, wie er hineinfiel, alle drei sahen einander an und schienen freier aufzuatmen. Monks verschloß die Falltür wieder.

»So!« sagte er. »Wenn die See ihre Toten jemals zurückgibt, wie Bücher sagen, daß sie es werde – so wird sie doch ihr Gold und Silber samt jenem Plunder für sich behalten. Wir haben einander nichts mehr zu sagen und können unserm angenehmen Zusammensein ein Ende machen.«

»Allerdings, allerdings,« bemerkte Mr. Bumble mit großem Eifer.

»Sie werden doch aber reinen Mund halten?« fragte Monks mit einem drohenden Blicke. »Für Ihre Frau bin ich nicht besorgt.«

»Sie können sich auf mich verlassen, junger Mann,« antwortete Bumble, sich unter fortwährenden unendlich höflichen Verbeugungen der Leiter nähernd. »Um jedermanns willen, und Sie wissen, auch um meinetwillen, Mr. Monks.«

»Ich freue mich um Ihretwillen, Sie so sprechen zu hören,« entgegnete Monks. »Zünden Sie Ihre Laterne an, und machen Sie sich davon, so schnell Sie können.«

Diese Aufforderung kam sehr zur rechten Zeit, denn Mr. Bumble würde, wenn er sich noch einmal verbeugt und noch einen einzigen Schritt zurückgetan hätte, unfehlbar hinuntergestürzt sein. Er zündete seine Laterne an, stieg schweigend hinab, und seine Frau folgte ihm. Monks folgte zuletzt, nachdem er einige Augenblicke gehorcht hatte, ob sich auch keine andern Laute vernehmen ließen, als die des Wasser- und Regengeräusches. Sie gingen langsam und vorsichtig durch das Zimmer im Erdgeschosse, denn Monks erschrak über jeden Schatten, und Bumble hielt seine Laterne einen Fuß über dem Boden und blickte fortwährend angstvoll nach versteckten Falltüren umher. Monks öffnete ihnen leise die Tür, und das Ehepaar trat in die Finsternis hinaus, nachdem es von seinem geheimnisvollen Bekannten durch ein Kopfnicken Abschied genommen hatte.

Sobald der Armenhausverwalter und seine Gattin fort waren, rief Monks, der einen unüberwindlichen Widerwillen gegen das Alleinsein zu hegen schien, einen Knaben, der irgendwo versteckt gewesen sein mußte, befahl ihm, mit der Laterne voranzugehen, und kehrte in das Gemach zurück, das er soeben verlassen hatte.

 

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