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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150717
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Siebenunddreißigstes Kapitel.

In welchem der Leser, wenn er in das sechsunddreißigste Kapitel zurückblicken will, einen im ehelichen Leben nicht selten hervortretenden Kontrast beobachten wird.

Mr. Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte nachdenklich und düster bald in den Kamin, in welchem kein Feuer brannte, da es Sommer war, und der daher öde und trostlos genug aussah und bald noch düsterer zu dem Leimzweige empor, der von der Decke herabhing und von den ihr Verderben nicht ahnenden Fliegen umschwärmt wurde. Vielleicht erinnerten ihn die Tierchen an eine traurige Begebenheit seines eigenen Lebens.

Auch fehlte es nicht an sonstigen Anzeichen, daß in seinen Angelegenheiten eine bedeutende Veränderung vorgegangen sein mußte. Wo waren der Tressenrock und der dreieckige Hut? Er trug noch Kniehosen und schwarze wollene Strümpfe – doch es waren nicht die des Kirchspieldieners. Der Rock war ein anderer. Der Hut ein gewöhnlicher, bescheidener, runder. Mr. Bumble war nicht mehr Kirchspieldiener.

Es gibt Beförderungen im Leben, die, abgesehen von den mit ihnen verknüpften materiellen Vorteilen, doch noch einen ganz besonderen Wert und eine eigentümliche Würde durch das mit ihnen verknüpfte Kostüm erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen Ornat, ein Richter seine große Perücke, ein Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut. Man nehme dem Richter seine Perücke, dem Bischof seinen Ornat oder dem Kirchspieldiener seinen dreieckigen Hut, und was sind sie? Weiter nichts mehr als Menschen – bloße Menschen. Würde, und bisweilen sogar Heiligkeit, hängen mehr von Uniformen, Ornaten, Perücken und Hüten ab, als viele Leute sich träumen lassen.

Mr. Bumble hatte Mrs. Corney geehelicht und war Armenhausverwalter. Ein anderer Kirchspieldiener war zur Gewalt gelangt, und der dreieckige Hut, der Tressenrock und der Stab waren auf ihn übergegangen.

»Morgen sind's zwei Monate!« sagte Mr. Bumble seufzend. »Es scheint ein Jahrhundert zu sein.«

Mr. Bumble wollte vielleicht sagen, daß er in dem kurzen Zeitraum von acht Wochen ein ganzes glückliches Leben verlebt hätte – allein der Seufzer! Es lag gar viel in ihm.

»Ich verkaufte mich,« fuhr Bumble fort, »für sechs Teelöffel, eine Zuckerzange, einen Milchgießer, eine Stube voll alter Möbel und zwanzig Pfund Geld – nur gar zu billig, spottwohlfeil!«

»Wohlfeil!« tönte ihm eine schrille Stimme ins Ohr. »Du wärest für jeden Preis zu teuer gewesen, und der Himmel weiß, daß ich dich mehr als zu teuer bezahlt habe.«

Bumble drehte sich um und blickte in das Antlitz seiner liebenswürdigen Ehehälfte, welche sein kurzes Selbstgespräch nur unvollkommen verstanden und ihre erwähnte Bemerkung auf gut Glück hingeworfen hatte.

»Frau, sei so gut, mich anzusehen,« sagte Bumble und dachte bei sich selbst: »Wenn sie solch einen Blick aushält, so hält sie alles aus. Er hat bei den Armen niemals seinen Zweck verfehlt, und verfehlt er ihn bei ihr, so ist es mit meiner Macht und Gewalt vorbei.«

Er verfehlte seinen Zweck. Mrs. Corney wurde keineswegs durch ihn überwältigt, sondern erwiderte ihn durch einen äußerst verächtlichen und verband damit obendrein ein Gelächter, das zum wenigsten klang, als wenn es ihr von Herzen käme.

Als Bumble die unerwarteten Töne vernahm, sah er zuerst ungläubig und dann erstaunt aus, worauf er wieder in sein Brüten und Sinnen verfiel, aus welchem ihn jedoch Mrs. Bumble erweckte. »Willst du den ganzen Tag dasitzen und schnarchen?« fragte sie.

»Ich denke hier so lange sitzen zu bleiben, wie es mir beliebt,« entgegnete er; »und obschon ich keineswegs schnarchte, so bin ich doch gewillt, von meinem Rechte Gebrauch zu machen und ganz nach meinem Gefallen zu schnarchen, zu niesen, zu lachen oder zu weinen, oder was mir eben sonst behagt.«

»Von deinem Rechte!« höhnte Mrs. Bumble mit unsäglich verächtlicher Miene.

»Ja, von meinem Rechte! Es ist das Recht des Mannes, nach seinem Willen zu leben und zu befehlen.«

»Und was ist denn ins Kuckucks Namen das Recht der Frau?«

»Nach des Mannes Willen zu leben und zu gehorchen. Dein unglücklicher erster Mann hätte es dich lehren sollen; er wäre dann vielleicht noch am Leben – und ich wollte, daß er es wäre, der gute Mann!«

Mrs. Bumble erkannte, daß der entscheidende Augenblick gekommen war und daß es galt, sich der Herrschaft ein für allemal zu bemächtigen oder ihr für immer zu entsagen. Sie sank daher auf einen Stuhl nieder, erklärte Mr. Bumble für einen Unmenschen mit einem Kieselherzen und brach in einen Tränenstrom aus.

Allein Tränen waren es nicht, was zu Mr. Bumbles Herzen drang; es war wasserdicht. Den Filzhüten gleich, welche gewaschen werden können und durch Regen besser werden, wurden seine Nerven durch Tränenschauer noch fester, die ihn als Zeichen der Schwäche und somit als stillschweigende Anerkenntnisse seiner Obergewalt erfreuten und stolz machten. Er blickte seine Hausfrau mit großer Zufriedenheit an und bat und munterte sie auf alle Weise auf, nur immerzu zu weinen und nach besten Kräften, denn es sei äußerst gesund, wie die Ärzte versicherten.

»Es erweitert die Lungen, wäscht das Gesicht rein, schärft die Augen und kühlt ein zu heißes Temperament ab,« sagte er; »also weine ja nur immerzu.« – Nachdem er die scherzenden Worte gesprochen, griff er zu seinem Hute, setzte ihn kecklich auf die eine Seite, wie ein Mann, der seine Überlegenheit fühlt und auf geeignete Weise zeigen will, steckte die Hände in die Taschen und setzte sich stolzierenden Schritts nach der Tür in Bewegung.

Mrs. Bumble hatte einen Versuch mit den Tränen angestellt, weil sie minder mühsam waren als ein Faustangriff; indes war sie vollkommen bereit, eine Probe mit dem letzteren Verfahren zu machen, was Mr. Bumble auch nicht lange verborgen blieb.

Die erste Kunde, welche er davon erhielt, bestand in einem dumpfen Schalle, welcher die unmittelbare Folge hatte, daß sein Hut an das äußerste Ende des Zimmers flog. Sobald durch dieses vorläufige Beginnen sein Kopf entblößt war, packte ihn die erfahrene Dame mit der einen Hand bei der Kehle und ließ mit der andern einen Hagel von Schlägen, und zwar ebenso gewandt wie wirksam auf sein Haupt niederfallen. Hierauf brachte sie ein wenig Abwechslung in ihr Vorgehen, indem sie ihm das Gesicht zerkratzte und Hände voll Haare ausraufte, und nachdem sie ihn nunmehr so nachdrücklich bestraft hatte, wie sie es dem Vergehen nach für nötig erachtete, warf sie ihn über einen Stuhl, der nicht zweckmäßiger hätte stehen können und forderte ihn auf, noch einmal von seinen Rechten zu sprechen, wenn er es wagen wollte.

»Laß los!« rief er in befehlendem Tone, »und mach' sogleich, daß du fortkommst, wenn du nicht willst, daß ich etwas Desperates tue.« Er stand mit den allerkläglichsten Mienen auf, sann darüber nach, was wohl ganz desperat sein möchte, hob seinen Hut auf und blickte nach der Tür.

»Gehst du bald?« fragte Mrs. Bumble.

»Ich gehe schon, ja doch,« erwiderte er, sich rasch nach der Tür zurückziehend; »ich beabsichtige keineswegs – wirklich, ich gehe schon, Liebe – du bist aber auch so heftig, daß ich fürwahr –«

Mrs. Bumble bückte sich in diesem Augenblicke, um den in Unordnung geratenen Teppich wieder zurecht zu schieben, und ihr Eheherr schoß hinaus, ohne daran zu denken, seine Rede zu vollenden, und ließ weiland Mrs. Corney im ungestörten Besitze des Schlachtfeldes. – Mr. Bumble war der Überraschung erlegen und ohne Frage vollständig in die Flucht geschlagen. Er hatte die entschiedenste Neigung zum Bramarbasieren, nichts konnte ihm größere Freude gewähren, als Verübung kleiner Tyrannei und Grausamkeit, und er war demnach, wie kaum gesagt zu werden braucht, eine Memme. Hierdurch wird indes sein Charakter keineswegs heruntergesetzt, da so viele Beamte, die in hoher Achtung stehen und höchlich bewundert werden, die Opfer ähnlicher Schwächen sind. Wir haben jene Bemerkung vielmehr zu seinen Gunsten gemacht, und um unsern Lesern noch mehr zu Gemüt zu führen, wie trefflich sich Bumble zu einem Beamten eignete.

Das Maß seiner Erniedrigung war indes noch nicht voll. Nachdem er einen Gang durch das ganze Haus gemacht und zum erstenmal daran gedacht hatte, daß die Armengesetze doch wirklich zu streng wären und daß Männer, die von ihren Frauen fortliefen und die Erhaltung derselben dem Kirchspiele aufbürdeten, von Rechts wegen ganz und gar nicht bestraft, sondern vielmehr als verdiente Individuen und Märtyrer belohnt werden sollten, kam er in ein Gemach, in welchem die Bewohnerinnen des Armenhauses beschäftigt zu werden pflegten, das Kirchspielleinenzeug zu waschen, und in welchem er lautes Sprechen hörte.

»Hm!« sagte er, seine ganze angeborene Würde annehmend; »zum wenigsten sollen diese Weiber auch fernerhin meine Rechte achten. Holla – Blitz und Hagel! – wie könnt ihr euch unterstehen, einen solchen Lärm zu machen, verwünschtes Weibsvolk?«

Er öffnete mit diesen Worten die Tür, schritt hochfahrend und zornig hinein, nahm jedoch unmittelbar darauf die demütigste Miene an, denn er erblickte seine Hausehre. »Ich wußte nicht, daß du hier wärest, lieber Schatz,« sagte er.

»Wußtest nicht, daß ich hier war?« fuhr sie ihn an. »Was hast du denn hier zu schaffen?«

»Ich dachte, sie sprächen zu viel, um ihre Arbeiten gehörig verrichten zu können,« erwiderte er, zerstreut nach ein paar alten Frauen an einem Waschfasse hinblickend, die bewundernde Blicke ob der Demut des Armenhausverwalters wechselten.

»Du dachtest, sie sprächen zu viel?« sagte Mrs. Bumble. »Was geht denn dich das an?«

»Ei nun, lieber Schatz –«

»Ich frage noch einmal, was es dich angeht?«

»Es ist wahr, du hast hier zu befehlen, lieber Schatz; ich glaubte aber, du wärest eben nicht bei der Hand.«

»Ich will dir was sagen, Bumble: wir brauchen dich hier nicht, du hast hier nichts verloren und steckst deine Nase viel zu gern in Dinge, die dich nichts angehen; machst dich bei jedermann lächerlich und zum Narren und wirst ausgelacht, sobald du den Rücken wendest. Troll' dich – willst du, oder willst du nicht?«

Bumble gewahrte mit folternden Gefühlen, wie die beiden alten Wäscherinnen wahrhaft entzückt miteinander kicherten, und zögerte einen Augenblick. Mrs. Bumble, deren Geduld bei einem Aufschube nicht Probe hielt, ergriff ein Gefäß mit Seifenwasser, näherte sich ihm und wiederholte ihre Aufforderung, bei Strafe, im Falle des Ungehorsams, seine stattliche Person überschüttet zu sehen.

Was konnte er tun? Er blickte trostlos umher, schlich nach der Tür, und das Gekicher der Wäscherinnen verwandelte sich in ein schallendes Gelächter. Mehr bedurfte es nicht. Er war in ihren Augen erniedrigt, hatte Ehre und Ansehen sogar bei den Armen verloren, war von der Höhe der Kirchspieldienerschaft zur tiefsten Tiefe des unter Weiberregiment stehenden Ehemannes heruntergesunken. »Und das alles nach zwei Monaten!« dachte Bumble. »Kaum vor zwei – noch vor zwei kurzen Monaten war ich mein eigener Herr und gebot über das ganze Armenhaus, und jetzt!«

Es war zu viel. Er ohrfeigte den Knaben, der ihm das Tor öffnete (denn er hatte mittlerweile das Portal erreicht) und trat zerstreut hinaus auf die Straße.

Er ging eine Zeitlang auf und ab, bis sich die erste Heftigkeit seines Kummers gelegt hatte. Sie ließ indes Durst zurück. Er schritt an vielen Wirtshäusern vorüber und stand endlich vor einem in einem Nebengäßchen befindlichen still, dessen Gaststube, wie er durch einen flüchtigen Blick sich überzeugte, leer war. Nur ein einziger Mann saß darin. Es fing eben an stark zu regnen, und dies bestimmte ihn. Er ging hinein und forderte ein Glas Branntwein.

Der im Gastzimmer sitzende Mann war groß und schwärzlich und hatte sich in einen weiten Mantel gehüllt. Er schien ein Fremder und ziemlich weit gewandert zu sein, denn er sah ermüdet aus und hatte staubige Stiefel an. Er blickte Bumble, als dieser eintrat, von der Seite an, ließ sich aber zur Entgegnung seines Grußes kaum zu einem Kopfnicken herab. Bumble besaß Würde genug für zwei, trank daher sein Glas Branntwein mit Wasser stillschweigend und nahm mit großer Wichtigkeit ein Zeitungsblatt zur Hand. Wie es indes unter Umständen dieser Art zu geschehen pflegt, er empfand eine starke Neigung, der er nicht widerstehen konnte, von Zeit zu Zeit nach dem Unbekannten verstohlen hinüberzublicken, worauf er stets die Augen etwas verwirrt wieder niedersenkte, da der Unbekannte jedesmal dasselbe tat. Seine Verwirrung wurde noch durch den auffallenden Ausdruck der Augen des letzteren vergrößert, welche scharf und durchdringend waren und aus denen finstere, argwöhnische Blicke hervorschossen, wie Bumble sie noch nie gesehen, und die seinen Mienen etwas höchst Abstoßendes gaben.

Als die Blicke beider einander auf diese Weise mehrmals begegnet waren, brach endlich der Fremde das Stillschweigen.

»Sahen Sie nach mir,« hub er mit tiefer, rauher Stimme an, »als Sie in das Fenster hereinblickten?«

»Nicht daß ich wüßte, sofern Sie nicht Mr. –« Bumble unterbrach sich hier selbst. Er wünschte den Namen des Fremden zu erfahren und hoffte, daß derselbe sich nennen würde.

»Ah, Sie haben also nicht nach mir hereingeblickt,« sagte der Unbekannte, spöttisch den Mund verziehend, »denn Sie würden sonst meinen Namen kennen. Ich möchte Ihnen raten, nicht danach zu fragen.«

»Ich habe nichts Böses gegen Sie im Sinne, junger Mann,« entgegnete Bumble, sich in die Brust werfend.

»Und haben mir auch nichts Böses zugefügt,« lautete die rasche Antwort.

Es trat wiederum Stillschweigen ein, das der Fremde nach einiger Zeit zum zweitenmal unterbrach. »Ich sollte meinen, daß ich Sie schon gesehen hätte. Sie waren zu der Zeit anders gekleidet, und ich begegnete Ihnen nur auf der Straße, erkenne Sie aber wieder. Waren Sie nicht Kirchspieldiener hier im Orte?«

Bumble bejahte nicht ohne einige Verwunderung.

»Was sind Sie denn jetzt?«

»Armenhausverwalter,« erwiderte Bumble langsam und mit nachdrücklicher Betonung, um den Unbekannten zu verhindern, einen Ton ungebührlicher Vertraulichkeit anzunehmen. »Armenhausverwalter, junger Mann!«

»Sie werden sich doch ohne Zweifel noch ebensogut auf Ihren Vorteil verstehen wie sonst?« fuhr der Unbekannte, ihn scharf anblickend, fort, denn Bumble sah ihn nicht wenig erstaunt an. »Tragen Sie kein Bedenken, mir offen zu antworten; Sie sehen ja, daß ich Sie genau genug kenne.«

»Ein verheirateter Mann,« versetzte Bumble, die Augen mit der Hand beschattend und den Unbekannten in offenbarer Verlegenheit von Kopf bis zu Füßen betrachtend, »ist nicht abgeneigter als ein alleinstehender, auf eine ehrliche Weise ein Stück Geld zu verdienen. Die Kirchspielbeamten werden nicht so reichlich besoldet, daß sie eine kleine Nebeneinnahme von der Hand weisen dürften, wenn sie sich ihnen auf eine anständige und schickliche Weise darbietet.«

Der Unbekannte lächelte, nickte mit dem Kopfe, als wenn er sagen wollte, daß er sich in seinem Manne nicht geirrt hätte, und klingelte. Der Wirt erschien, er reichte ihm Bumbles leeres Glas und befahl ihm, es mit starkem und heißem Getränk wieder zu füllen.

»Sie lieben es doch so?« sagte er.

»Nicht zu stark,« erwiderte Bumble mit einem Zartgefühl ausdrückenden Husten.

»Sie wissen schon, was das sagen will,« rief der Unbekannte in trocknem Tone dem Wirte nach, der lächelnd verschwand und kurz darauf mit einem dampfenden Glase zurückkehrte, das Bumble das Wasser in die Augen trieb.

»Hören Sie mich nun an,« sagte der Unbekannte, sobald sie wieder allein waren. »Ich bin heute hierher gekommen, um Sie aufzusuchen, und als ich eben daran dachte, wie ich Sie treffen sollte, trieb Sie mir einer der Zufälle in den Weg, durch die der Teufel bisweilen seine Freunde zusammenführt. Ich muß eine Erkundigung bei Ihnen einziehen und verlange Ihre Mühe, so gering sie sein mag, nicht umsonst. Stecken Sie das als Handgeld ein.«

Er legte ein paar Goldstücke vor ihn auf den Tisch, und nachdem Bumble dieselben sorgfältig geprüft hatte, ob sie auch nicht falsch wären, und sie vergnügt in die Tasche gesteckt hatte, fuhr der Fremde fort: »Denken Sie einmal zurück – ja – an den Winter vor zwölf Jahren.«

»Das ist eine lange Zeit,« sagte Bumble. »Aber schon gut. Ich denke an den Winter.«

»Schauplatz das Armenhaus.«

»Gut.«

»Zeit die Nacht.«

»Ja, ja.«

»Ort das elende Loch, in welchem liederliche Weibsbilder Kindern das ihnen selbst oft versagte Leben geben, Kindern, die das Kirchspiel aufzuziehen hat, und wo sie sterbend ihre Schande verstecken.«

»Sie meinen das Wöchnerinnenzimmer,« sagte Bumble.

»Ja. In ihm wurde ein Knabe geboren.«

»Viele, viele Knaben,« erwiderte Bumble mit kläglichem Kopfschütteln.

»Hol' der Teufel die junge Höllenbrut!« rief der Unbekannte ungeduldig aus. »Ich spreche von einem, 'nem zierlich und bläßlich aussehenden Wichte, der bei einem Leichenbestatter in die Lehre getan wurde (ich wollte, daß er selbst längst zu Grabe getragen wäre!) und später fortlief, wie man glaubte, nach London.«

»Sie meinen Oliver – den Oliver Twist? Ich erinnere mich seiner natürlich sehr wohl. Wir hatten keinen eigensinnigeren kleinen Schlingel im Hause –«

»Ich brauche nichts von ihm zu hören, habe genug von ihm gehört – wo ist die alte Hexe, die seine Mutter entband?«

»Das ist nicht leicht zu sagen. Wo sie sich jetzt aufhält, da gibt's nichts zu tun für Hebammen; sie wird also wohl außer Dienst sein.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Unbekannte finster.

»Daß sie im vergangenen Winter gestorben ist.«

Der Unbekannte sah ihn eine Zeitlang scharf an, sein Blick wurde darauf zerstreut, und er schien in Gedanken versunken zu sein. Es war zweifelhaft, ob ihm die erhaltene Kunde erfreulich oder unwillkommen war, endlich aber schien er freier aufzuatmen, bemerkte, es käme wenig darauf an, und stand auf, um sich zu entfernen.

Bumble besaß hinreichenden Scharfsinn, um sogleich zu gewahren, daß sich ihm eine Gelegenheit eröffnet habe, Gewinn aus einem Geheimnisse seiner besseren Hälfte zu ziehen. Er erinnerte sich des Todes der alten Sally sehr wohl; war sie doch an dem Abende gestorben, an welchem er Mrs. Corney seinen Antrag gemacht hatte; und obgleich ihm von Frau Bumble noch immer nicht anvertraut worden war, was die Sterbende ihr allein gebeichtet, so hatte er doch genug gehört, um zu wissen, daß es sich auf etwas bezogen, das sich bei oder nach der Entbindung der Mutter Oliver Twists ereignet hatte. Er sagte dem Unbekannten daher mit geheimnisvoller Miene, daß die Alte, nach welcher er sich erkundigt, kurz vor ihrem Tode eine andere Frau habe zu sich rufen lassen und derselben Mitteilungen gemacht habe, die, wie er nicht ohne Grund glaube, Licht in die Sache bringen könnten, um welche es sich handle.

»Wo kann ich die Frau sprechen?« fragte der Unbekannte offenbar überrascht, denn er ließ durchblicken, daß er lebhafte Befürchtungen hegte, worin dieselben auch bestehen mochten.

»Nur durch meine Vermittlung,« erwiderte Bumble.

»Wann?« fragte der Unbekannte in großer Aufregung weiter.

»Morgen.«

»Abends um neun Uhr,« sagte der Unbekannte und schrieb mit etwas zitternder Hand die Adresse eines abgelegenen Hauses auf. »Bringen Sie sie abends um neun Uhr zu mir. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, insgeheim, denn es ist Ihr Vorteil.«

Er ging darauf mit Bumble zur Tür, bezahlte den Wirt, bemerkte, daß sie sich hier trennen müßten, schärfte dem Armenhausverwalter noch einmal Pünktlichkeit ein und ging. Bumble sah auf die Adresse; sie hatte keinen Namen. Er folgte daher dem Unbekannten nach, um ihn darum zu befragen und berührte seinen Arm.

»Was soll das?« fuhr ihn der Unbekannte, sich rasch umdrehend, an. »Warum folgen Sie mir nach?«

»Ich muß doch wissen, nach wem ich zu fragen habe,« sagte Bumble; »darf ich nicht um Ihren Namen bitten?«

»Monks!« erwiderte der Unbekannte und entfernte sich mit eiligen Schritten.

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