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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150717
projectidd499eb3a
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Sechsunddreißigstes Kapitel.

Abermals ein kurzes Kapitel, das an seiner Stelle als nicht eben sehr wichtig erscheinen mag, aber doch gelesen werden sollte, weil es das vorhergehende erörtert und einen Schlüssel zum nachfolgenden darbietet.

»Sie sind also entschlossen, heute morgen mit mir abzureisen?« sagte der Doktor, als sich Harry Maylie mit ihm und Oliver zum Frühstück niedersetzte. »Sie ändern ja Ihre Entschlüsse mit jeder halben Stunde.«

»Ich hoffe, daß Sie bald anderer Meinung sein werden,« entgegnete Maylie, sich ohne ersichtlichen Grund verfärbend.

»Ich wünsche sehr, Ursache dazu zu bekommen,« versetzte Losberne, »obgleich ich bekenne, daß ich daran zweifle. Gestern morgen hatten Sie sehr eilfertig beschlossen, zu bleiben und als ein guter Sohn Ihre Frau Mutter an die Seeküste zu begleiten; kurz vor Mittag erklärten Sie, daß Sie mir die Ehre erweisen wollten, so weit mit mir zu fahren, wie ich auf der Londoner Straße bliebe; und gegen Abend drangen Sie unsäglich geheimnisvoll in mich, daß ich abreisen möchte, bevor die Damen aufgestanden wären, wovon die Folge ist, daß Oliver hier beim Frühstück festsitzt, während er botanisieren gehen sollte. Ist's nicht zu arg, Oliver?«

»Es würde mich sehr betrübt haben, Sir, nicht zu Hause gewesen zu sein, wenn Sie und Mr. Maylie abgereist wären,« antwortete Oliver.

»Bist ein guter Junge,« sagte der Doktor, »sollst zu mir kommen, wenn du zurückgekehrt bist. Doch um ernsthaft zu reden, Harry, hat eine Mitteilung Ihrer hohen Gönner und Freunde Ihren Abreiseeifer bewirkt?«

»Ich habe,« erwiderte Maylie, »seit ich hier verweile, durchaus keine Mitteilung von meinen Gönnern und Freunden, zu denen Sie ohne Zweifel meinen Onkel zählen, erhalten, auch ist es nicht wahrscheinlich, daß sich eben jetzt etwas ereignet, wodurch ich zu ihnen zu eilen mich gedrungen fühlen könnte.«

»Sie sind ein schnurriger Kauz,« fuhr der Doktor fort. »Indes werden besagte Gönner Sie bei der Wahl vor Weihnacht natürlich ins Parlament befördern, und Ihre plötzlichen Beschluß- und Willensänderungen sind keine schlechte Vorbereitung auf das öffentliche Leben. Ein gutes Trainieren ist allezeit wünschenswert, mag das Rennen Staatsstellen, Ehrenbechern oder Rennpreisen gelten.«

Harry Maylie machte eine Miene, als wenn er den Doktor leicht genug aus dem Felde schlagen könnte, begnügte sich indes zu sagen: »Wir werden sehen« und ließ den Gegenstand fallen. Kurz darauf fuhr die Postkutsche vor, Giles holte das Gepäck, und Losberne war eifrig beschäftigt, die letzten Reisevorkehrungen zu beaufsichtigen.

»Ein Wort, Oliver,« sagte Harry Maylie leise.

Oliver trat zu ihm in die Fenstervertiefung, in welcher er stand, sehr verwundert über die stille Traurigkeit und Unruhe, die er zugleich an ihm bemerkte.

»Du kannst jetzt recht gut schreiben,« sagte Maylie, die Hand auf den Arm des Knaben legend.

»Ziemlich,« erwiderte Oliver.

»Ich komme vielleicht vorerst nicht wieder nach Hause und wünsche, daß du mir schreibst, etwa einen Montag um den andern. Willst du?« fuhr Harry fort.

»Mit Freuden, Sir!« rief Oliver äußerst erfreut über den Auftrag aus.

»Ich wünsche von dir zu hören, wie – es meiner Mutter und Miß Maylie ergeht; melde mir, was für Spaziergänge ihr macht, wovon ihr plaudert und ob sie sich wohl befinden und recht heiter sind. Du verstehst?«

»Vollkommen, Sir.«

»Auch wünsche ich, daß du ihnen nichts davon sagst; es möchte meine Mutter beunruhigen, so daß sie sich bewogen fände, mir öfter zu schreiben, was immer eine große Belästigung für sie ist. Also muß es ein Geheimnis unter uns bleiben und schreib mir ja alles; ich verlasse mich auf dich.«

Oliver fühlte sich hochgeehrt, versprach, was von ihm verlangt wurde, und Maylie sagte ihm unter vielen Versicherungen seiner Zuneigung Lebewohl.

Der Doktor war bereits eingestiegen, die Dienerschaft wartete am Wagen, Harry warf einen flüchtigen Blick nach Roses Fenster hinauf und stieg gleichfalls ein.

»Fort, Postillon!« rief er, »und fahre, so schnell du kannst; ich werde heute nur zufrieden sein, wenn es wie im Fluge geht.«

»Was fällt Ihnen ein?« rief der Doktor; »Postillon, ich werde nur zufrieden sein, wenn es ganz und gar nicht im Fluge geht.«

Die Dienerschaft sah dem Wagen nach, solange er sichtbar war, Rose aber, die hinter den Vorhängen gelauscht hatte, als Harry hinaufblickte, schaute noch immer in die Ferne hinaus, als sich die Dienerschaft schon längst wieder hineinbegeben hatte.

»Er scheint ganz heiter und zufrieden zu sein,« sagte sie endlich. »Ich fürchtete, daß das Gegenteil der Fall sein könnte, und freue mich meines Irrtums.«

Tränen sind Zeichen sowohl der Freude wie des Schmerzes; die aber, welche über Roses Wangen hinabträufelten, während sie sinnend und fortwährend in derselben Richtung hinausschauend am Fenster saß, schienen mehr Kummer als Lust zu bedeuten.

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