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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Einunddreißigstes Kapitel.

Eine kritische Situation.

»Wer ist hier?« fragte Brittles, indem er die Haustür ein wenig öffnete und die Kerze mit der Hand beschattend, hinausschaute.

»Öffnen Sie die Tür,« entgegnete ein Mann von draußen. »Es sind die Polizeibeamten aus Bow-Street, nach denen heut' geschickt worden ist.«

Durch diese Auskunft völlig beruhigt, öffnete Brittles die Tür in ihrer vollen Breite und stand einem stattlichen Manne in einem großen Mantel gegenüber, der sofort ohne weiteres eintrat und sich die Stiefel so ruhig auf der Matte reinigte, als gehöre er ins Haus.

»Schicken Sie sofort jemand, der meinem Kollegen die Sorge für Pferd und Wagen abnimmt. Haben Sie nicht eine Remise hier, daß wir den Wagen kurze Zeit unterstellen können?«

Als Brittles eine bejahende Antwort gab und auf das Gebäude deutete, schritt der stattliche Mann zur Gartenpforte zurück und half seinem Kollegen beim Aussteigen aus dem Gig, wobei ihnen Brittles mit dem Ausdruck hoher Bewunderung leuchtete. Hierauf kehrten beide Beamte nach dem Hause zurück und legten, ins Besuchszimmer geleitet, ohne weiteres Überrock und Hut ab. Der erste, der geklopft hatte, war ein starker Mann von Mittelgröße, etwa fünfzig Jahre alt, und hatte glänzendes, ziemlich kurz geschnittenes Haar, ein rundes Gesicht und scharfe Augen. Der andere war ein Rotkopf und hager, trug Stulpenstiefel und hatte ein abstoßendes Gesicht und eine aufgeworfene, widerwärtige Nase.

»Melden Sie Ihrer Herrschaft, daß Blathers und Duff hier wären,« sagte der stattlichere von beiden, sein Haar niederstreichend und ein Paar Handfesseln auf den Tisch legend. »Ah! guten Abend, Sir. Kann ich ein Wörtchen allein mit Ihnen reden?«

Diese Anrede war an Mr. Losberne gerichtet, der eben mit den beiden Damen eintrat und Brittles einen Wink gab, hinauszugehen. »Dies ist die Dame des Hauses,« sagte Losberne mit einer Handbewegung auf Mrs. Maylie zu.

Mr. Blathers machte eine Verbeugung. Auf die Aufforderung, Platz zu nehmen, stellte er seinen Hut auf den Fußboden, setzte sich und veranlaßte Duff, das gleiche zu tun. Der letztere, der sich weniger in guter Gesellschaft bewegt zu haben schien, oder sich doch jedenfalls nicht mit großer Leichtigkeit darin bewegte, nahm erst nach manchem umständlichen Kratzfuße Platz und legte dann sofort den Knauf seines Handstockes an den Mund.

»Lassen Sie uns nun aber sogleich auf den hier verübten Einbruch kommen. Sir,« sagte Blathers. »Wie verhält es sich mit der Sache?«

Losberne wünschte Zeit zu gewinnen und berichtete der Länge nach und mit großer Weitschweifigkeit. Die Herren Blathers und Duff hörten mit äußerst weisen Mienen zu und blinzelten einander dann und wann sehr pfiffig an.

»Ich kann über die Sache natürlich nicht eher etwas Gewisses sagen,« bemerkte Blathers, als Losberne mit seinem Bericht zu Ende war, »als bis ich die Stelle in Augenschein genommen habe, wo der Einbruch versucht worden ist; jedoch meine Meinung ist rund heraus die – denn ich stehe, selbst auf die Gefahr, zu irren, nicht an, so weit zu gehen – daß er von keinem Kaffer verübt ist – was sagst du, Duff?«

Duff war ganz derselben Meinung.

»Sie wollen sagen,« versetzte Losberne lächelnd, »der Einbruch sei von keinem Landmanne, von keinem Nicht-Londoner verübt?«

»Ganz recht, Sir. Wissen Sie noch etwas über das Verbrechen zu sagen?«

Losberne verneinte.

»Was ist denn das aber mit dem Knaben, von dem die Dienerschaft im Hause spricht?«

»O ganz und gar nichts,« erwiderte der Doktor. »Der Haushofmeister hatte es sich in seiner Bestürzung in den Kopf gesetzt, der Knabe wäre bei dem Einbruche, der Himmel weiß wie, beteiligt gewesen – 's ist aber durchaus nichts als Torheit und alberne Einbildung gewesen.«

»Das heißt die Sache gar zu sehr auf die leichte Achsel nehmen,« bemerkte Duff.

»Du hast ganz recht, Duff,« sagte Blathers mit bekräftigendem Kopfnicken und mit den Handfesseln spielend, als wenn sie ein paar Kastagnetten gewesen wären. »Wer ist der Knabe? Welche Auskunft gibt er über sich? Woher kam er? Er wird doch nicht aus den Wolken gefallen sein, Sir?«

»Natürlich, nein,« sagte Losberne, den Damen einen unruhigen Blick zuwerfend. »Mir ist indessen sein ganzer Lebenslauf bekannt, und – doch wir können nachher darüber sprechen. Wollen Sie nicht vor allen Dingen die Stelle sehen, wo die Diebe einzubrechen versuchten?«

»Allerdings,« erwiderte Blathers. »Wir nehmen zuerst die Stelle in Augenschein und verhören sodann die Dienerschaft. Das pflegt der gewöhnliche Gang des Geschäfts zu sein.«

Es wurde Licht gebracht, und die Herren Blathers und Duff, in Begleitung des Konstablers des Orts, Brittles', Giles' und mit einem Worte sämtlicher sonstiger Hausbewohner, begaben sich in das kleine Gemach am Ende des Hausflures und sahen aus dem Fenster, gingen darauf hinaus und sahen in das Fenster hinein, besichtigten den Fensterladen, spürten den Fußtritten nach beim Scheine einer Laterne und durchstachen die Büsche vermittels einer Heugabel. Nachdem dies alles geschehen war und alle das Vorgehen der Beamten mit atemloser Teilnahme verfolgt hatten, gingen Blathers und Duff wieder hinein und vernahmen Giles und Brittles über ihren Anteil an den Begebenheiten der Schreckensnacht; beide Diener erzählten sechsmal statt einmal und widersprachen einander beim ersten nur in einem einzigen wichtigen Punkte und beim letzten nur in einem Dutzend wesentlicher Aussagen. Nach Beendigung des Verhörs wurden Giles und Brittles entlassen, und die Herren Blathers und Duff hielten eine lange Beratung ab, im Vergleich zu der, in Beziehung auf Heimlichkeit und Feierlichkeit, eine Konsultation berühmter Doktoren über den schwierigsten Krankheitsfall bloßes Kinderspiel gewesen wäre.

Losberne ging unterdes im anstoßenden Zimmer sehr unruhig auf und ab, und Mrs. Maylie und Rose schauten ihm mit noch größerer Unruhe zu.

»Auf mein Wort,« sagte er, plötzlich stillstehend, »ich weiß kaum, was hier zu tun ist.«

»Wenn den beiden Männern,« versetzte Rose, »die Geschichte des unglücklichen Knaben erzählt würde, wie sie ist, es wäre sicher genug, ihn in ihren Augen von Schuld zu entlasten.«

»Das muß ich bezweifeln, meine werte junge Dame,« wandte der Doktor kopfschüttelnd ein. »Ich glaube nicht, daß es sie oder auch die höheren Polizei- oder Justizbeamten befriedigen würde. Sie würden sagen, er sei jedenfalls ein fortgelaufener Kirchspielknabe und Lehrling. Nach rein weltlich-verständigen Erwägungen und Wahrscheinlichkeiten beurteilt, unterliegt seine Geschichte großen Zweifeln.«

»Sie schenken ihr doch Glauben?« fiel Rose hastig ein.

»Ich schenke ihr Glauben, so befremdlich sie lautet, und bin vielleicht ein großer Tor, weil ich es tue,« versetzte der Doktor; »allein nichtsdestoweniger halte ich sie keineswegs für eine solche, die einen erfahrenen Polizeibeamten zufriedenstellen würde.«

»Warum aber nicht?« fragte Rose.

»Meine schöne Inquirentin,« erwiderte Losberne, »weil in ihr, wenn man sie mit den Augen jener Herren betrachtet, so viele böse Umstände vorkommen. Der Knabe kann nur beweisen, was übel, und nichts von dem, was gut aussieht. Die verwünschten Spürhunde werden nach dem Warum und Weshalb fragen und nichts als wahr gelten lassen, was ihnen nicht vollständig bewiesen wird. Er sagt selbst, daß er sich eine Zeitlang in der Gesellschaft von Diebesgelichter befunden, eines Taschendiebstahls angeklagt vor einem Polizeiamte gestanden hat und aus dem Hause des bestohlenen Herrn gewaltsam entführt ist, er kann selbst nicht angeben, hat nicht einmal eine Vermutung, wohin. Er wird von Männern nach Chertsey hergebracht, die ganz vernarrt in ihn zu sein scheinen und ihn durch ein Fenster stecken, um ein Haus zu plündern; und gerade in dem Augenblicke, wo er die Bewohner wecken und tun will, was seine Unschuld ins Licht setzen würde, verrennt ihm der verwünschte Haushofmeister den Weg und schießt ihn in den Arm, gleichsam recht absichtlich, um ihn daran zu hindern, etwas zu tun, das ihm nützen könnte. Leuchtet Ihnen das alles nicht ein?«

»Natürlich leuchtet es mir ein,« erwiderte Rose, den Eifer des Doktors belächelnd; »allein ich sehe nur noch immer nichts darin, wodurch die Schuld des armen Kindes erwiesen würde.«

»Nicht – ei!« rief Losberne aus. »O, über die hellen scharfen Äugelein der Damen, womit sie, sei es zum Guten oder Bösen, immer nur die eine Seite an einer Sache oder Frage sehen, und zwar stets die, die sich ihnen eben zuerst dargeboten hat!«

Nachdem er seinem Herzen Luft dadurch gemacht, daß er Miß Rose diesen Erfahrungssatz zu Gemüt geführt, steckte er die Hände in die Taschen und fing wieder an, mit noch rascheren Schritten als zuvor im Zimmer auf und ab zu gehen. »Je mehr ich darüber nachdenke,« fuhr er fort, »desto zahlreichere und größere Schwierigkeiten sehe ich voraus, den beiden Leuten die Geschichte des Knaben glaubhaft zu machen. Ich bin überzeugt, daß sie ihm schlechterdings keinen Glauben schenken werden, und selbst wenn sie ihm am Ende nichts anhaben können, so werden doch ihre Zweifel und der Verdacht, den diese wieder auf ihn werfen müssen, von sehr wesentlichem Nachteile für den wohlwollenden Plan sein, ihn aus dem Elende zu retten.«

»O bester Doktor, was ist da zu tun?« rief Rose aus. »Du lieber Himmel, daß Giles auch den unseligen Einfall hat haben müssen, nach der Polizei zu schicken!«

»Ich wüßte nicht, was ich darum gäbe, wenn es nicht geschehen wäre,« fiel Mrs. Maylie ein.

»Ich weiß nur eins,« sagte der Doktor, sich mit einer Art Ruhe der Verzweiflung hinsetzend, »daß ich die Kerle mit göttlicher Unverschämtheit aus dem Hause zu bringen suchen muß. Der Zweck ist ein guter, und darin liegt die Entschuldigung. Bei dem Knaben zeigen sich starke Fiebersymptome, und er befindet sich in einem Zustande, daß er für jetzt nicht mehr befragt werden darf; das ist ein Trost. Wir müssen seine Lage so gut wie möglich zu benutzen suchen, und wenn es nicht glücken will, so ist es nicht unsere Schuld. Herein!«

Blathers und Duff erschienen, und der erstere sprach sogleich ein Urteil über den Einbruch in einem Kauderwelsch aus, das weder Losberne noch die Damen verstanden. Um eine Erklärung gebeten, sagte er, dem Doktor einen verächtlichen Blick zuwerfend und sich mitleidig zu den Damen wendend, er meine, daß die Dienerschaft bei dem beabsichtigten Raube nicht im Einverständnisse gewesen sei.

»Wir haben auch durchaus keinen Verdacht gegen sie gehegt,« bemerkte Mrs. Maylie.

»Mag wohl sein, Ma'am,« entgegnete Blathers; »sie konnte aber auch Hand im Spiele gehabt haben.«

»Und eben weil kein Verdacht sie traf,« fiel Duff ein, »mußte um so mehr danach geforscht werden.«

»Wir haben gefunden, daß der Einbruch Londoner Werk ist,« fuhr Blathers fort; »die Kerle haben meisterhaft gearbeitet.«

»In Wahrheit sehr wackere Arbeit,« bemerkte Duff leise.

»Der Einbrecher sind zwei gewesen,« berichtete Blathers weiter, »und sie haben einen Knaben bei sich gehabt, was aus der Größe des Fensters klar ist. Mehr läßt sich für jetzt nicht sagen. Zeigen Sie uns doch den Burschen, den Sie im Hause haben.«

»Die Herren nehmen aber wohl erst ein wenig zu trinken an, Mrs. Maylie,« sagte der Doktor mit erheiterten Mienen, als wenn ihm ein neuer Gedanke aufgegangen wäre.

»Gewiß,« fiel Rose eifrig ein. »Es steht Ihnen sogleich alles zu Diensten, wenn Sie befehlen.«

»Besten Dank, Miß,« sagte Blathers, mit dem Rockärmel über den Mund fahrend. »So ein Verhör ist trockene Arbeit. Was Sie eben zur Hand haben, Miß; machen Sie sich unsertwegen keine Ungelegenheiten.«

»Was belieben Sie?« fragte der Doktor, der jungen Dame nach dem Eckschranke folgend.

»Wenn's Ihnen gleichviel ist, 'nen Tropfen Branntwein, Sir,« erwiderte Blathers. »Wir hatten 'ne kalte Fahrt von London her, und der Branntwein läuft einem so warm übers Herz.«

Er richtete die letzteren Worte an Mrs. Maylie, und der Doktor schlüpfte unterdes aus dem Zimmer.

»Ah, meine Damen,« fuhr Blathers, das ihm gereichte Glas vor das Auge emporhaltend, fort, »ich habe in meinem Leben die schwere Menge solcher Geschichten erlebt.«

»Zum Beispiel den Einbruch in Edmonton, Blathers,« fiel Duff ein.

»Ja, ja,« sagte Blathers; »der war diesem allerdings ähnlich genug. Er wurde von dem Conkey Chickweed begangen.«

»Das hast du immer behauptet,« entgegnete Duff; »aber ich sage dir, die Familie Pet hat ihn verübt, und Conkey hat nicht mehr die Hand im Spiele dabei gehabt als ich.«

»Ei was,« sagte Blathers, »ich weiß es besser. Entsinnst du dich noch, wie sich Conkey sein Geld stehlen ließ? Es war 'ne Geschichte, noch merkwürdiger, als sie in 'nem Buche vorkommen kann.«

»Erzählen Sie doch,« nahm Rose das Wort, um die unwillkommenen Gäste bei guter Laune zu erhalten.

»Es war 'ne Spitzbüberei, worauf so leicht niemand verfallen sein würde, Miß,« begann Blathers. »Nämlich der Conkey Chickweed –«

»Conkey bedeutet soviel als Emmesgatsche,Verräter, Angeber. Ma'am,« bemerkte Duff.

»Das wird die Dame ja wohl wissen,« bemerkte Blathers. »Unterbrich mich doch nicht immer. Also, Miß, der Conkey Chickweed hatte ein Wirtshaus oberhalb Battle-Bridge und 'nen Raum, den viele junge Lords besuchten, um den Hahnenkämpfen, Dachshetzen und dergleichen zuzuschauen, was man nirgend besser sehen konnte. Er gehörte zu der Zeit noch nicht zur Kabrusche,Gaunergenossenschaft. und einst wurden ihm mitten in der Nacht dreihundertsiebenundzwanzig Guineen aus seiner Schlafkammer von 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster über dem einen Auge gestohlen, der sich unter dem Bette versteckt gehabt hatte und mit dem Gelde aus dem Fenster sprang. Er war dabei flink genug; Conkey aber war auch geschwind; das Geräusch hatte ihn aufgeweckt; er sprang aus dem Bette, schoß hinter dem Diebe drein und machte die Nachbarn wach. Sie erhoben sogleich ein allgemeines Hallo und fanden, daß Conkey den Dieb getroffen haben mußte, denn sie entdeckten und verfolgten auf einer ganzen Strecke Blutspuren, die sich indes endlich verloren. Das Geld war fort, und Chickweed machte Bankerott. Er ging ein paar Tage ganz außer sich umher, zerraufte sich das Haar und erregte so sehr das allgemeine Mitleid, daß ihm von allen Seiten milde Gaben zugeschickt, Subskriptionen für ihn eröffnet wurden usw. Eines Tages kam er in das Polizeibureau hereingestürzt und hatte eine geheime Unterredung mit dem Friedensrichter, der darauf Jem Spyers (Jem war einer der tätigsten Geheimpolizisten) beorderte, Chickweed bei Gefangennehmung des Diebes Beistand zu leisten. ›Spyers‹, sagte Chickweed, ›ich habe ihn gestern morgen vor meinem Hause vorbeigehen sehen.‹ – ›Warum haben Sie ihn nicht sogleich angehalten?‹ fragte Spyers. ›Ich war so bestürzt, daß Sie mir den Hirnschädel mit 'nem Zahnstocher hätten entzweischlagen können,‹ antwortete der arme Mensch; ›wir werden ihn aber gewiß attrapieren, denn heut' abend zwischen zehn und elf Uhr kommt er wieder vorüber.‹ Spyers ging sogleich mit ihm und pflanzte sich an ein Wirtshausfenster hinter den Vorhang. Er rauchte in guter Ruh', aber mit dem Hut auf dem Kopfe, seine Pfeife, als Chickweed plötzlich anfing zu schreien: ›Da ist er! Haltet den Dieb! Mordjo, mordjo!‹ Jem Spyers stürzte hinaus und sah Chickweed im vollen Laufe hinter dem Diebe herrennen. Er fing auch an zu laufen, was hast du was kannst du, geriet endlich ins Gedränge und fand Chickweed darin wieder, allein der Dieb war entkommen, was merkwürdig genug war. Am andern Morgen war Spyers abermals auf seinem Posten, sah sich die Augen nach 'nem großen Manne mit 'nem schwarzen Pflaster müde, so daß er sie endlich 'mal wegwenden und ruhen lassen mußte, und im selbigen Augenblick, als er's tat, fing Chickweed wiederum an zu schreien. Jem stürzt hinaus und ihm nach, sie laufen zweimal so weit wie am vorigen Tage, und endlich ist der Dieb wiederum zum Geier. Und so ging's noch mehrere Male, so daß die Nachbarn sagten, der Teufel selbst hätte Chickweed bestohlen und spielte ihm hinterher noch schlechte Streiche; andere aber sagten, der unglückliche Chickweed wäre vor Kummer verrückt geworden.«

»Was sagte denn Jem Spyers?« fragte der Doktor, der wieder in das Zimmer zurückgekehrt war.

»Jem Spyers,« erwiderte der Erzähler, »sagte 'ne lange Zeit gar nichts, und horchte auf alles, ohne daß man's ihm ansah, zum Zeichen, daß er sich auf sein Geschäft verstand. Eines Morgens aber trat er zu Chickweed und sagte: ›Guter Freund, ich hab's jetzt heraus, wer den Diebstahl begangen hat.‹ – ›Wirklich!‹ rief Chickweed aus; ›o mein bester Spyers, machen Sie nur, daß ich mich an dem Halunken rächen kann, so werd' ich dermaleinst zufrieden sterben. Bester Spyers, wie heißt der Bösewicht?‹ – ›Guter Freund,‹ antwortete Spyers, ihm eine Prise anbietend, ›lassen Sie die Narretei! Sie haben es selbst getan.‹ Und so war's auch, Chickweed hatte sich dadurch ein anständiges Stück Geld gemacht, und es würde auch niemand dahinter gekommen sein, wenn er nicht so übereifrig gewesen wäre, den Verdacht von sich fern zu halten.«

»Ein seltsamer Fall,« bemerkte der Doktor. »Wenn es Ihnen aber beliebt, so können Sie jetzt hinaufgehen.«

Die beiden Konstabler begaben sich mit Losberne in Olivers Zimmer. Giles leuchtete ihnen. Der kleine Patient hatte geschlummert und sah kränker und fieberischer aus als am Tage. Der Doktor stützte ihn, so daß er sich eine kurze Weile emporrichten konnte, und er starrte umher, ohne zu wissen, was mit ihm vorging, oder sich zu erinnern, wo er sich befand, oder was mit ihm vorgegangen war.

»Dies ist der Knabe,« sagte Losberne leise, aber dessenungeachtet mit großer Lebhaftigkeit, »der in einem Garten hier in der Nähe, bei einer kleinen Übertretung, wie sie bei Kindern häufig vorkommt, durch einen Selbstschuß verwundet ist, in Mrs. Maylies Hause Beistand gesucht, und den der scharfblickende Herr da mit dem Lichte in der Hand sogleich festgehalten und dermaßen mißhandelt hat, daß das Leben des Patienten, was ich ärztlich bescheinigen kann, beträchtlich gefährdet worden ist.«

Blathers und Duff hefteten die Blicke auf den solchermaßen ihrer Beachtung empfohlenen Giles, dessen Mienen das spaßhafteste Gemisch von Furcht und Verwirrung ausdrückten.

»Sie werden nicht leugnen wollen?« fügte Losberne, Oliver wieder niederlegend, hinzu.

»Es geschah alles zum – zum Besten, Sir!« antwortete Giles. »Ich hielt ihn für den Knaben; hätte mich sonst sicher nicht mit ihm befaßt. Ich bin wahrlich kein Unmensch, Sir.«

»Für was für 'nen Knaben hielten Sie ihn?« fragte Blathers.

»Für den Gehilfen der Einbrecher,« erwiderte Giles. »Sie – sie hatten einen Knaben bei sich.«

»Halten Sie ihn jetzt noch für den Knaben?«

»Kann's wirklich nicht sagen – könnt's nicht beschwören, daß er es ist.«

»Was glauben Sie aber?«

»Ich weiß wirklich nicht, was ich glauben soll. Ich glaube nicht, daß es der Knabe ist; ich bin so gut wie gewiß, daß er es nicht ist, Sie wissen, daß er es nicht sein kann.«

»Hat der Mann getrunken, Sir?« fragte Blathers den Doktor.

Losberne hatte unterdes Olivers Puls gefühlt, stand auf und bemerkte, die Herren möchten, wenn sie Zweifel hegten, im anstoßenden Zimmer Brittles befragen. Man begab sich in das anstoßende Zimmer, und Brittles wurde gerufen und verwickelte sich, wie Mr. Giles, in ein solches Irrsal neuer Widersprüche und Unmöglichkeiten, daß durchaus nichts klar wurde als seine eigene Unklarheit und daß nur einige seiner Aussagen einiges Licht gaben: er würde den Knaben nicht wiedererkennen, hätte Oliver nur für denselben gehalten, weil Giles gesagt, daß er es wäre, und Giles hätte noch vor fünf Minuten in der Küche erklärt, daß er zu voreilig gewesen zu sein fürchte.

Unter andern scharfsinnigen Fragen wurde auch die aufgeworfen, ob Mr. Giles wirklich jemand getroffen habe, und als sein zweites Pistol untersucht wurde, fand sich, daß es nur mit Pulver geladen war, – eine Entdeckung, welche großen Eindruck auf alle machte, den Doktor ausgenommen, der zehn Minuten zuvor die Kugel herausgezogen hatte. Den größten Eindruck machte sie aber auf Mr. Giles selbst, der in der schrecklichsten Angst geschwebt hatte, ein unglückliches Kind verwundet zu haben, und nunmehr nach Kräften die Vermutung begünstigte, daß auch das erste Pistol nur mit Pulver geladen gewesen sei. Endlich entfernten sich Blathers und Duff, ohne sich um Oliver viel zu kümmern, den Konstabler aus Chertsey zurücklassend und unter dem Versprechen, am andern Morgen wiederzukommen.

Am andern Morgen verbreitete sich in dem Städtchen, in welchem sie übernachtet, das Gerücht, daß zwei Männer und ein Knabe in der Nacht unter verdächtigen Umständen angehalten und nach Kingston gebracht wären, wohin sich demgemäß Blathers und Duff begaben. Die verdächtigen Umstände schrumpften indes bei genauerer Nachforschung zu dem einen Umstande zusammen, daß die Delinquenten in einem Heuschober geschlafen hatten, was, obwohl ein großes Verbrechen, doch nur mit Gefängnis bestraft werden kann und in den gnadenvollen Augen des englischen, mit gemeinsamer Liebe alle Untertanen umfassenden Gesetzes, in Ermangelung aller sonstigen Indizien, nicht als ein genügender Beweis gilt, daß der oder die Schläfer gewaltsamen Einbruch begangen haben und deshalb der Todesstrafe verfallen sind. Blathers und Duff kehrten daher gerade so klug zurück, wie sie hingereist waren.

Kurz, nach mehrfachen Verhandlungen ließ sich der nächstwohnende Friedensrichter leicht bewegen, Mrs. Maylies und Mr. Losbernes Bürgschaft für Olivers Erscheinen vor Gericht anzunehmen, falls er zitiert werden sollte, und Blathers und Duff gingen, nachdem sie durch ein paar Guineen belohnt waren, mit geteilten Meinungen nach London zurück, indem der letztere, nach reiflicher Überlegung aller betreffenden Umstände, zu der Annahme hinneigte, daß der Einbruchsversuch von der Familie Pet ausgegangen sei, wogegen der erstere ebenso sehr geneigt war, das ganze Verdienst der Tat dem großen Conkey Chickweed zuzuschreiben.

Mit Oliver besserte es sich unter der vereinten sorgfältigen Behandlung und Pflege Mrs. Maylies, Roses und des gutherzigen Doktors. Wenn glühende Bitten, aus Herzen von Dankbarkeit überfließend, im Himmel erhört werden – und was sind Gebete, wenn der Himmel sie nicht erhört? – so vernahm er die Segnungen, die das verwaiste Kind auf seine Wohltäter herabflehte, die dadurch mit Friede und Freude in ihrem Innern belohnt wurden.

 

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