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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Dreißigstes Kapitel.

Was die beiden Damen Maylie und Doktor Losberne von Oliver denken.

Der Doktor legte unter noch viel anderen redseligen Versicherungen, daß die Damen durch den Anblick des Verbrechers angenehm überrascht werden würden, den Arm der jüngeren in den seinigen, bot Mrs. Maylie seine andere freie Hand und führte sie mit der förmlichsten Galanterie die Treppe hinauf.

»Lassen Sie mich nun hören, was Sie von ihm denken,« sagte er, als sie vor der Tür des Patienten standen. »Er hat sich seit vielen Tagen den Bart nicht abnehmen lassen, sieht aber trotzdem keineswegs wie ein Gurgelabschneider aus.«

Er führte die Damen hinein und an das Bett, schob die Vorhänge zurück, und sie erblickten statt eines grimmig aussehenden Banditen, den sie zu sehen erwartet hatten – einen vor Schmerz und Erschöpfung eingeschlafenen Knaben. Olivers verbundener Arm lag auf seiner Brust, und sein Kopf ruhte auf dem andern, der durch sein langes wallendes Haar fast versteckt war. Rose setzte sich, während Losberne im Anschauen des Knaben verloren dastand, oben an das Bett des letzteren, beugte sich über ihn und strich ihm leise das Haar von der Stirn, auf welche ein paar Tränen aus ihrem Auge herabfielen.

Der Knabe bewegte sich und lächelte im Schlafe, als wenn ihn diese Zeichen des Mitgefühls und zarten Erbarmens in einen süßen Traum von nie gekannter Liebe und Zärtlichkeit versenkt hätten, so wie entfernte Töne einer lieblichen Melodie, oder das Rauschen des Wassers an einem heimlichen Plätzchen, oder der Duft einer Blume, oder selbst das Aussprechen eines teuern Namens bisweilen plötzlich unbestimmte Bilder in diesem Dasein nie erlebter Szenen, die gleich einem Hauche wieder verschwinden, vor die Seele zaubert, Szenen, die aus der dunklen Erinnerung eines längst vergangenen, glücklichen Daseins emporzutauchen scheinen, denn keine Kraft der menschlichen Seele vermag es, sie wieder zurückzurufen.

»Ich bin fast außer mir vor Verwunderung,« flüsterte die alte Dame. »Dieses arme Kind kann nun und nimmermehr ein Diebs- und Räuberzögling sein.«

»Das Laster schlägt seinen Wohnsitz in gar vielerlei Tempeln auf,« versetzte Losberne seufzend, indem er den Vorhang wieder fallen ließ, »und erscheint oft genug in lieblicher Gestalt.«

»Aber doch nicht bei solcher Jugend,« fiel Rose ein.

»Meine teure Miß,« entgegnete der Wundarzt mit traurigem Kopfschütteln, »das Verbrechen beschränkt sich gleich dem Tode nicht auf die Bejahrten und Abgelebten allein. Die Jugendlichsten und Schönsten sind nur zu oft seine auserwählten Opfer.«

»O Sir, können Sie wirklich glauben, daß dieser zarte Knabe sich freiwillig den schlimmsten Bösewichtern zugesellt hat?« wandte Rose lebhaft ein.

Losberne schüttelte den Kopf mit einer Miene, als ob er es für sehr möglich hielte, und führte die Damen in das anstoßende Zimmer, damit der kleine Patient, wie er sagte, nicht gestört würde.

»Aber selbst wenn er ruchlos gewesen wäre,« fuhr Rose fort, »so bedenken Sie, wie jung er ist; daß er vielleicht nie eine liebevolle Mutter, vielleicht nicht einmal ein elterliches Haus gekannt hat und wie wahrscheinlich es ist, daß ihn schlechte Behandlung, Schläge oder Hunger genötigt haben, sich an Menschen anzuschließen, die ihn zum Verbrechen zwangen. Tante, beste Tante, bedenken Sie das doch ja, ehe Sie zugeben, daß der kranke Kleine in ein Gefängnis geschleppt wird, das auf alle Fälle das Grab jeder Hoffnung der Besserung bei ihm sein würde. O, so gewiß Sie mich lieb haben und wissen, daß ich bei Ihrer Güte und Zärtlichkeit meine Elternlosigkeit nie empfunden, daß ich sie aber schmerzlich hätte fühlen können und gleich hilf- und schutzlos wie dies arme Kind sein könnte, haben Sie Mitleid mit ihm, ehe es zu spät ist.«

»Mein liebes Kind,« sagte die ältere Dame, das weinende Mädchen an die Brust drückend, »glaubst du, ich würde auch nur ein Haar seines Hauptes krümmen lassen wollen?«

»O nein, nein, beste Tante, Sie wollen und könnten es nicht!« rief Rose mit Lebhaftigkeit aus.

»Nein, sicherlich nicht,« fuhr Mrs. Maylie mit bebender Lippe fort, »meine Tage neigen sich ihrem Ende zu, und möge ich Barmherzigkeit erfahren, wie ich sie anderen erweise. Was kann ich zur Rettung des Knaben tun, Sir?«

»Lassen Sie mich nachdenken, Ma'am,« erwiderte der Doktor, »lassen Sie mich nachdenken.«

Mr. Losberne steckte seine Hände in die Taschen und ging einigemal im Zimmer auf und nieder, stand dann wieder still, wiegte sich auf seinen Fußspitzen, rieb heftig die Stirn und sagte endlich: »Ich hab's Ma'am. – Ja – ich sollte meinen, daß ich es schon einrichten könnte, wenn Sie mir unbeschränkte Vollmacht geben wollen, Giles und Brittles, den großen Jungen, in das Bockshorn zu jagen. Giles ist ein alter Diener Ihres Hauses und ein treuer Mensch, das weiß ich; und Sie können es bei ihm auf tausenderleiweise wieder gut machen und ihn obenein dafür belohnen, daß er ein so guter Schütze ist. Sie haben doch nichts dawider?«

»Wenn es kein anderes Mittel gibt, das Kind zu retten, nein,« antwortete Mrs. Maylie.

»Auf mein Wort, es gibt kein anderes Mittel,« versicherte Losberne.

»Dann bekleidet Tante Sie mit Vollmacht,« sagte Rose, durch ihre Tränen lächelnd; »aber bitte, setzen Sie den beiden guten Leuten nicht härter zu, als es unumgänglich notwendig ist.«

»Sie scheinen zu glauben,« entgegnete der Doktor, »daß alle Welt heute zu Hartherzigkeit geneigt ist, Sie selbst allein ausgenommen, Miß Rose. Ich will nur um des aufwachsenden männlichen Geschlechts insgemein willen hoffen, daß der erste Ihrer würdige junge Mann, der Ihr Mitleid in Anspruch nimmt, seine Werbung bei Ihnen anbringt, wenn Sie sich in einer ebenso verwundbaren und weichherzigen Stimmung befinden, und wünschte nichts mehr, als daß ich selbst ein junges Herrlein sein möchte, um sogleich einen so günstigen Augenblick wie den gegenwärtigen benutzen zu können.«

»Sie sind ein ebenso großer Knabe, wie unser guter Brittles,« sagte Rose errötend.

»Dazu gehört eben nicht viel,« versetzte der Doktor herzlich lachend. »Doch um auf den kleinen Knaben zurückzukommen: wir haben die Hauptsache bei unserem Vertrage noch nicht erwähnt. Er wird ohne Zweifel in ungefähr einer Stunde aufwachen, und obgleich ich dem breitmäuligen Konstable unten gesagt habe, daß bei Gefahr seines Lebens nicht mit ihm gesprochen werden dürfte, so denke ich doch, daß wir es ganz dreist tun können. Ich mache nun die Bedingung – daß ich ihn in Ihrer Gegenwart examiniere und daß er, wenn wir seinen Aussagen nach urteilen müssen, und wenn ich Ihnen zur Befriedigung Ihres kalten Verstandes dartun kann, daß er (was mehr als möglich) durch und durch verderbt ist, seinem Schicksale ohne weitere Einmischung – zum wenigsten von meiner Seite – überlassen wird.«

»Nein, Tante, nein!« flehte Rose.

»Ja, Tante, ja!« sagte der Doktor. »Sind wir einig?«

»Er kann nicht im Laster verhärtet sein,« sagte Rose; »es ist unmöglich.«

»Desto besser,« entgegnete Losberne; »dann ist um so mehr Grund vorhanden, meinen Vorschlag dreist anzunehmen.«

Der Vertrag wurde endlich geschlossen, und man setzte sich, um in großer Spannung Olivers Erwachen abzuwarten.

Die Geduld der beiden Damen sollte indes auf eine längere Probe gestellt werden, als sie nach des Doktors Äußerungen gefürchtet hatten, denn eine Stunde verging nach der andern, und Oliver lag fortwährend im festesten Schlummer. Es war Abend geworden, als ihnen der gutherzige Losberne die Nachricht brachte, daß der Patient endlich hinreichend wach geworden sei, um Rede und Antwort stehen zu können. Er sei sehr krank, wie Losberne sagte, und sehr schwach infolge des Blutverlusts, allein sein Gemüt, durch den Wunsch, etwas zu enthüllen, so beunruhigt, daß es unbedingt besser sei, ihn reden zu lassen, als – was sonst geschehen sein würde – darauf zu bestehen, daß er sich bis zum folgenden Morgen ruhig verhalten solle.

Die Unterredung dauerte lange, denn Oliver erzählte ihnen seine ganze Lebensgeschichte, und oft nötigten ihn Schmerz oder Erschöpfung, inne zu halten. Die schwache Stimme des kranken Knaben, sein rührend schauerlicher Bericht über eine lange Reihe trostloser Leiden und Mißgeschicke, von verhärteten Menschen über ihn verhängt, hörte sich in dem verdunkelten Zimmer gar feierlich an. O, wieviel weniger Unrecht und Ungerechtigkeit, Leid und Grämen, Grausamkeit und Elend, wie es jeder Tag mit sich bringt, würde es auf dieser Welt geben, wenn wir – während wir unsere Mitmenschen unterdrücken und quälen – nur mit einem einzigen Gedanken an die finsterdrohenden Anklagen gegen uns dächten, die gleich dichten, schweren Wolken freilich langsam, aber desto gewisser zum Himmel emporsteigen, um dereinst ihre Racheblitze auf unsere Häupter herabzusenden – wenn wir im Geist nur einen Augenblick hören wollten auf das schauerliche Zeugnis der Stimmen der Toten und zu ihrem und unserem Schöpfer und Richter Hinübergegangenen, die keine menschliche Macht oder Gewalt unterdrücken, kein Stolz verstummen machen kann!

Olivers Kissen war in dieser Nacht durch Frauenhände geglättet, und Liebenswürdigkeit und Tugend bewachten seinen Schlummer. Er empfand eine selige Ruhe und hätte sterben mögen ohne Murren.

Sobald die Unterredung mit ihm beendet und er, was fast augenblicklich geschah, wieder eingeschlummert war, trocknete der Doktor seine Augen, verwünschte sie wie gewöhnlich wegen ihrer Schwäche und begab sich darauf in die Küche hinunter, um seinen Feldzug gegen Mr. Giles und Konsorten zu beginnen. Er fand die ganze Dienerschaft nebst dem Konstabler und dem Kesselflicker versammelt, der in Anbetracht seiner geleisteten Dienste eine besondere Einladung erhalten hatte, den ganzen Tag zu bleiben und sich wieder zu stärken und zu erquicken. Der Konstabler war ein Gentleman mit einem großen Stabe, großen Kopfe, großen Munde und großen Halbstiefeln und sah aus, als wenn er sehr reichlich im gespendeten Ale gezecht hätte, was auch in der Tat der Fall war. Als der Doktor eintrat, wurden noch immer die Abenteuer der vergangenen Nacht besprochen, Mr. Giles verbreitete sich über seine Geistesgegenwart, und Brittles bekräftigte, mit einem Alekruge in der Hand, alles, was Mr. Giles erst noch sagen wollte.

»Bleibt sitzen,« sagte der Doktor mit einer Handbewegung.

»Schönen Dank, Sir,« sagte Mr. Giles. »Misses befahlen mir, ein wenig Ale auszuteilen, und da es mir in meinem eigenen kleinen Zimmer zu eng war, und da mich nach Gesellschaft verlangte, so trinke ich meinen Anteil hier.«

Brittles und die übrigen drückten durch ein leises Gemurmel ihr Vergnügen über Mr. Giles' Herablassung aus, und Mr. Giles blickte mit einer Gönnermiene umher, welche deutlich sagte, daß er, solange sie ein schickliches Benehmen beobachteten, ihre Gesellschaft sicher nicht verlassen würde.

»Wie befindet sich der Patient heute abend, Sir?« fragte Giles.

»Nicht eben gar zu gut,« erwiderte der Doktor. »Ich fürchte, Giles, daß Sie sich selbst in eine arge Klemme gebracht haben.«

»Ich will doch hoffen, Sir, Sie wollen nicht sagen, daß er sterben werde,« sagte Giles zitternd. »Ich könnte nie wieder ruhig werden, wenn es geschähe. Sir, ich möchte um alles Silberzeug im Lande keinem Knaben das Leben nehmen, nicht einmal Brittles.«

»Das ist nicht der Kernpunkt der Sache,« fuhr der Doktor geheimnisvoll fort. »Fürchten Sie Gott, und haben Sie ein Gewissen, Giles?«

»Ja, Sir, ich sollte meinen,« stotterte der sehr blaß gewordene Haushofmeister.

»Und wie steht es mit Ihnen, junger Mensch – haben Sie auch ein Gewissen, Brittles?«

»Barmherziger Himmel, Sir – wenn Mr. Giles ein Gewissen hat, hab' ich auch eins.«

»Dann sagt mir beide – alle beide: wollt ihr es auf euer Gewissen nehmen, zu beschwören, daß der verwundete, oben liegende Knabe derselbe ist, der gestern nacht durch das kleine Fenster gesteckt wurde? Heraus mit der Sprache! Sagt an, sagt an!«

Der Doktor, der aller Welt als der sanftmütigste Mann von der Welt bekannt war, sprach diese Worte in einem so schauerlich-zornigen Tone, daß Giles und Brittles, die durch Ale und Aufregung ziemlich außer Fassung waren, einander vollkommen betäubt anstarrten. – »Achten Sie auf die Antwort, welche erfolgen wird, Konstabler,« sprach der Doktor weiter und hob mit großer Feierlichkeit den Zeigefinger empor; »es kann früher oder später viel darauf ankommen.«

Der Konstabler nahm eine so weise Miene an, wie er nur konnte und griff zu seinem Stabe.

»Sie werden bemerken, es handelt sich einfach um die Identität der Person,« fuhr der Doktor fort.

»Sie haben vollkommen recht, Sir,« sagte der Konstabler unter heftigem Husten, denn er hatte sehr rasch seinen Krug geleert, wovon ihm etwas in die unrechte Kehle gekommen war.

»Es wird in das Haus eingebrochen,« sagte der Doktor, »und zwei Leute sehen einen Knaben auf einen einzigen flüchtigen Augenblick, mitten im Pulverdampfe, in der Verwirrung des nächtlichen Schreckens und Aufruhrs. Am folgenden Morgen kommt ein Knabe in dieses Haus, und weil er zufällig den Arm verbunden hat, legen die Leute gewaltsam Hand an ihn, bringen sein Leben dadurch in die augenscheinlichste Gefahr und schwören, daß er an dem Einbruche teilgenommen habe. Die Frage ist nun die, ob das Verhalten besagter Leute durch die Umstände gerechtfertigt erscheint, und wo nicht, in was für eine Lage sie sich selber versetzen? Und nun noch einmal,« donnerte der Doktor, während der Konstabler Giles und Brittles mit bedenklich-mitleidiger Miene ansah, »seid ihr gewillt und imstande, vor Gott und auf das heilige Evangelium die Identität des Knaben zu beschwören?«

Brittles blickte Giles und Giles Brittles zweifelhaft und fragend an; der Konstabler hielt die Hand hinter das Ohr, damit ihm ja nichts von der Antwort entgehen möchte; die Köchin, das Hausmädchen und der Kesselflicker beugten sich vor, um zu lauschen, und der Doktor schaute mit scharfen Blicken umher, als das Heranrollen eines Wagens und gleich darauf das Läuten der Gartentorglocke vernommen wurde.

»Es sind die Polizeimänner aus London,« rief Brittles, sich sehr erleichtert fühlend, aus.

»In aller Welt, wie kommen denn die hierher?« fragte der Doktor, seinerseits erschreckend.

»Ich und Mr. Giles haben heute morgen nach ihnen geschickt,« antwortete Brittles, »und ich wundere mich nur, daß sie so spät kommen.«

»Ah, Sie schickten nach ihnen! Ei, so wollt' ich, daß dieser und jener Sie holte! Ihr seid hier doch lauter verwünschte Dummköpfe!« sagte der Doktor im Hinauseilen.

 

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