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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Neunundzwanzigstes Kapitel.

Von den Bewohnern des Hauses, in welchem Oliver sich befand.

In einem artigen Zimmer – dessen Mobilien freilich mehr nach altmodischer Bequemlichkeit als nach moderner Eleganz aussahen – saßen zwei Damen an einem wohlbesetzten Frühstückstische. Mr. Giles wartete im vollständigen schwarzen Anzuge auf. Er stand kerzengerade in der Mitte zwischen dem Schenk- und Frühstückstische mit zurückgeworfenem und fast unmerklich zur Seite geneigtem Kopfe, den linken Fuß vorangestellt und mit der rechten Hand im Busen, während die herunterhängende Linke einen Präsentierteller hielt, und sah aus, als wenn er sich des angenehmen Bewußtseins seiner Verdienste und Wichtigkeit freute.

Die eine der beiden Damen war betagt, allein die hohe Lehne ihres Stuhles war nicht gerader als ihre Haltung. Ihr Anzug war ein Muster von Sauberkeit und Genauigkeit, altmodisch, doch nicht ohne Spuren der Einwirkung des Tagesgeschmacks. So saß sie stattlich da, die gefalteten Hände auf dem Tische vor ihr, die Augen – denen die Jahre nur wenig von ihrem Glanze genommen – aufmerksam auf die jüngere Dame geheftet, die in der ersten zarten Blüte der Weiblichkeit stand, eine der jungfräulichen Gestalten, von welchen wir ohne Sünde annehmen mögen, daß Engel sie bewohnen, wenn der Allmächtige zur Ausführung seiner Absichten jemals zuläßt, daß sich die Himmelsbewohner in Gestalten der Sterblichen verkörpern dürfen.

Sie befand sich noch im siebzehnten Jahre, und ihre Figur war so leicht und ätherisch, so zart und edel, so lieblich und schön, als wäre die Erde ihre Wohnstätte nicht, als könnten die gröberen Wesen dieser Welt keine zu ihr passende Mitgeschöpfe sein. Der Geist, der aus ihren dunkelblauen Augen leuchtete und aus ihren edlen Zügen sprach, schien ihrem Alter zuvorgeeilt und kaum von dieser Welt zu sein; und doch verkündete der lebensvolle, freundlich-holde Ausdruck ihrer Mienen, die tausend Lichter, die auf ihrem rosigen Antlitz spielten und keinen Schatten auf ihm lagern ließen, ihr Lächeln – ihr frohes, seliges Lächeln – die höchste Gesinnungsschöne, den reinsten Herzensadel, die wärmste Liebe und Zärtlichkeit, die besten Gefühle und Eigenheiten der menschlichen Natur. Ihr Lächeln, ihr heiteres, glückstrahlendes Lächeln war für häuslichen Frieden, häusliches Glück geschaffen.

Sie war eifrig mit den kleinen Anordnungen zum Frühstück beschäftigt, und als sie zufällig die Augen aufschlug, während die ältere Dame sie anblickte, strich sie freundlich ihr einfach auf der Stirn gescheiteltes Haar zurück, und aus ihren Blicken leuchtete eine solche tiefinnige Zärtlichkeit und natürlich-ungefälschte Liebenswürdigkeit hervor, daß selige Geister gelächelt haben möchten, sie so zu schauen.

Die ältere Dame lächelte, doch ihr Herz war schwer, und sie trocknete eine Zähre in dem freundlichen Auge ab.

»Brittles ist also schon seit einer Stunde fort?« fragte sie nach einem kurzen Stillschweigen.

»Eine Stunde und zwölf Minuten, Ma'am,« antwortete Giles, auf seine silberne Uhr blickend, die er an einem schwarzen Bande herauszog.

»Er ist immer langsam,« bemerkte die alte Dame.

»Er war von jeher ein langsamer Bursche, Ma'am,« sagte Giles, und in Anbetracht dessen, daß Brittles, beiläufig gesagt, einige dreißig Jahre ein langsamer Bursche gewesen war, war es nicht eben wahrscheinlich, daß er jemals ein hurtiger werden würde.

»Ich glaube, er wird eher schlimmer als besser,« fuhr die alte Dame fort.

»Es würde gar nicht zu entschuldigen sein, wenn er sich aufhielte, um etwa mit anderen Knaben zu spielen,« fiel die junge Dame lächelnd ein.

Mr. Giles überlegte offenbar, ob er sich mit Schicklichkeit auch ein ehrerbietiges Lächeln erlauben dürfe, als ein Gig vorfuhr, ein dicker Herr heraussprang, in das Haus hereinstürmte und so eilig in das Zimmer hereinpolterte, daß er fast Mr. Giles und den Teetisch umgeworfen hätte.

»So etwas ist mir ja in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen!« rief er aus. »Meine beste Mrs. Maylie – daß sich der Himmel erbarme – und obenein in der Stille der Nacht – es ist ganz unerhört, ganz unerhört!« Er schüttelte bei diesen Beileidsbezeigungen beiden Damen die Hände, nahm Platz und erkundigte sich nach ihrem Befinden. – »'s ist ein Wunder, daß der Schreck Sie nicht getötet – auf der Stelle getötet hat!« fuhr er fort. »In aller Welt, warum schickten Sie nicht zu mir? Wahrhaftig, mein Bedienter hätte in einer Minute hier sein sollen oder ich selbst und mein Assistent – jedermann würde mit Freuden herbeigeeilt sein. Es versteht sich ja ganz von selbst – unter solchen Umständen – Himmel! – und so unerwartet – und in der Stille der Nacht!«

Der Doktor schien besonders durch den Umstand ganz außer sich geraten zu sein, daß der Einbruch unerwartet und zu nächtlicher Zeit versucht worden war, als wenn es die feststehende Gewohnheit der im Fache des Einbrechens arbeitenden Gentlemen wäre, ihre Geschäfte um Mittag abzumachen und ihr Erscheinen ein paar Tage vorher durch die Briefpost anzukündigen.

»Und Sie, Miß Rose,« sagte der Doktor zu der jungen Dame; »ich –«

»Ich befinde mich vortrefflich,« unterbrach sie ihn; »aber oben liegt ein Verwundeter und die Tante wünscht, daß Sie ihn besuchen.«

»Ah, ich entsinne mich,« versetzte der Doktor. »Wie ich höre, haben Sie ihm die Wunde beigebracht, Giles.«

Mr. Giles, der in einem Fieber von Aufregung die Tassen geordnet hatte, errötete sehr stark und erwiderte, daß er die Ehre habe.

»Die Ehre?« sagte der Doktor. »Doch mag sein, daß es ebenso ehrenvoll ist, einen Dieb in einem Waschhause, wie einen Gegner auf zwölf Schritte weit zu treffen. Bilden Sie sich ein, er hätte in die Luft geschossen und Sie haben ein Duell gehabt, Giles.«

Mr. Giles, der in dieser scherzhaften Behandlung der Sache einen ungerechten Versuch erblickte, seinen Ruhm zu verkleinern, erwiderte ehrerbietig, daß es seinesgleichen nicht zukäme, ein Urteil darüber auszusprechen, allein er lebe doch des Glaubens, daß die Sache für den Getroffenen kein Spaß gewesen sei.

»Beim Himmel, das ist wahr!« sagte der Doktor. »Wo ist er? Führen Sie mich zu ihm. Ich werde bald wieder bei Ihnen sein, Mrs. Maylie. Das ist das kleine Fenster, durch das er eingestiegen ist? Es ist kaum zu glauben.«

Er folgte, fortwährend sprechend, Mr. Giles die Treppe hinauf, und während er hinaufgeht, sei dem Leser gesagt, daß Mr. Losberne, der auf zehn Meilen im Umkreise unter dem Namen des »Doktors« bekannte Wundarzt, mehr infolge eines heiteren Temperaments, als guten Lebens beleibt geworden und ein so gutherziger und biederer, nebenher auch wunderlicher alter Junggeselle war, daß man in einem fünfmal größeren Umkreise kaum seinesgleichen finden dürfte.

Der Doktor blieb weit länger fort, als es die Damen vermutet hatten. Es wurde ein langer flacher Kasten aus dem Gig geholt, häufig geklingelt, die Dienerschaft lief treppauf, treppab; mit einem Worte, es mußte wohl etwas Wichtiges vorgehen. Endlich trat er mit einer äußerst geheimnisvollen Miene wieder herein, verschloß die Tür sorgfältig und sagte, während er mit dem Rücken an sie gelehnt stehen blieb, als wenn er verhindern wollte, daß jemand hereinkäme: »Mrs. Maylie, dies ist ein ganz wunderbarer Fall.«

»Ich will doch hoffen, daß der Patient sich nicht in Gefahr befindet?« fragte die alte Dame.

»Es würde den Umständen nach nicht zu verwundern sein,« erwiderte Losberne, »obwohl ich es nicht glaube. Haben Sie den Dieb gesehen?«

»Nein.«

»Auch sich ihn nicht beschreiben lassen?«

»Nein.«

»Bitt' um Vergebung, Ma'am,« fiel Giles ein; »ich wollte Ihnen eben eine Beschreibung von ihm geben, als Doktor Losberne erschien.«

Die Sache verhielt sich indes so, daß sich Mr. Giles nicht hatte überwinden können, das Geständnis zu machen, daß er nur einen Knaben getroffen habe. Er hatte wegen seines mutvollen Benehmens so große Lobsprüche erhalten, daß er nicht umhin gekonnt, die Aufhellung der Sache noch ein paar entzückende Minuten aufzuschieben, um noch ein Weilchen in dem süßen Bewußtsein des Ruhms einer unerschütterlichen Herzhaftigkeit zu schwelgen.

»Rose wünschte den Mann zu sehen,« sagte Mrs. Maylie, »allein ich wollte nichts davon hören.«

»Hm!« sagte der Doktor. »Er sieht aber nicht eben sehr fürchterlich aus. Möchten Sie ihn auch nicht in meiner Gegenwart sehen?«

»Warum nicht, wenn Sie es für notwendig halten?« erwiderte die alte Dame.

»Ich muß es für notwendig erklären oder bin doch jedenfalls überzeugt, daß Sie es gar sehr bedauern würden, es nicht getan zu haben, wenn Sie ihn später zu sehen bekämen. Er ist vollkommen ruhig, und wir haben auch in allen Beziehungen für ihn gesorgt. Erlauben Sie mir Ihren Arm, Miß Rose. Auf meine Ehre, Sie brauchen nicht im mindesten Furcht zu hegen.«

 

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