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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Achtundzwanzigstes Kapitel.

Was Oliver nach dem mißlungenen Einbruche begegnete.

»Daß euch die Wölfe zerrissen!« murmelte Sikes zähneknirschend. »Wollte, daß ich einem von euch nahe genug wäre, er sollte mir erst Ursache zum Heulen bekommen!«

Indem Sikes mit dem wütendsten Ingrimme, dessen er fähig war, diese Worte vor sich hin sprach, legte er den verwundeten Knaben über sein niedergebeugtes Knie und sah sich nach seinen Verfolgern um. Er vermochte in dem Nebel und der Finsternis nichts zu unterscheiden, allein desto heller und lauter tönte das Rufen und Schreien der Nachsetzenden, das Gebell der Hunde rings umher und der Schall der Lärmglocke durch die Nacht.

»Steh', feiger Schuft!« schrie Sikes Toby Crackit nach, der den eilfertigsten Gebrauch von seinen langen Beinen zu machen angefangen hatte und schon eine Strecke voraus war. »Steh' augenblicklich!«

Toby gehorchte, da er noch nicht vollkommen gewiß war, außer Schußweite zu sein und deutlich erkannte, daß Sikes nicht in der Stimmung wäre, mit sich scherzen zu lassen.

»Hilf mir den Knaben forttragen,« tobte der Wütende. »Komm zurück – hierher!«

Toby kehrte langsam einige Schritte zurück, wagte indes leise und atemlos einige bescheidene Gegenvorstellungen.

»Geschwinder!« schrie Sikes, legte den Knaben in einen trockenen Graben und zog eine Pistole hervor. »Hab' mich ja nicht zum Narren!«

Gerade in diesem Augenblicke verdoppelte sich der Lärm, und Sikes konnte erkennen, daß die Verfolger bereits über die Umzäunung des Feldes kletterten, auf welchem er sich mit Toby und Oliver befand, und daß ihnen ein paar Hunde mehrere Schritte voraus waren.

»'s ist nichts mehr zu machen, Bill,« sagte Toby; »laßt den SchreilingKnabe. und nehmt die Bein' unter'n Arm!«

Er mochte sich lieber der Möglichkeit aussetzen, von dem Freunde niedergeschossen zu werden, als unfehlbar dem Feinde in die Hände fallen und rannte daher, so schnell ihn seine Füße tragen wollten, davon. Sikes biß die Zähne zusammen, warf einen Tuchkragen über den Knaben, lief an der nächsten Hecke hin, um die Verfolger zu täuschen, stand vor einer zweiten still, die mit jener in einem rechten Winkel zusammenstieß, schleuderte seine Pistole hoch in die Luft, wagte einen verzweifelten Sprung und rannte in einer anderen Richtung als Toby fort.

Seine Eile war unnötig, denn während er über Stock und Block davoneilte, rief schon einer der drei Nachsetzenden die Hunde zurück, die gleich ihren Herren kein großes Behagen an der Verfolgung zu finden schienen und daher augenblicklich gehorchten. Das Kleeblatt war nur wenige Schritte weit auf das Feld vorgedrungen und stand still, um zu beraten.

»Mein Rat, oder wenigstens mein Befehl ist der,« sagte der dickste der drei Männer, »daß wir auf der Stelle umkehren und wieder nach Hause gehen.«

»Mir ist alles recht, was Mr. Giles recht ist,« fiel ein kleinerer Mann ein, der indes auch keineswegs schmächtig genannt werden konnte und sehr blaß und sehr höflich war, wie es die Leute häufig sind, wenn die Furcht sie beherrscht.

»Meine Herren,« nahm der dritte das Wort, der die Hunde zurückgerufen hatte, »ich möchte nicht gern ungezogen erscheinen. Mr. Giles muß es am besten wissen.«

»Ja, ja,« fiel der kleinere ein, »was Mr. Giles sagt, dem dürfen wir nicht widersprechen; nimmermehr, ich kenne meine Stellung Gott sei Dank zu gut, um mir's herauszunehmen.«

Der kleine Mann schien seine Stellung in der Tat nicht bloß genau zu kennen, sondern auch sehr unangenehm zu empfinden, denn er stand zähneklappernd neben den beiden andern.

»Sie fürchten sich, Brittles,« sagte Mr. Giles.

»Nicht im mindesten,« sagte Brittles.

»Sie fürchten sich allerdings!«

»Sie irren, Mr. Giles.«

»Sie lügen, Brittles.«

Das Zwiegespräch war eine Folge davon, daß Mr. Giles Verdruß empfand, und sein Verdruß war aus seinem Unwillen darüber entsprungen, daß die Verantwortlichkeit wegen der Rückkehr nach Hause in der Form eines Kompliments auf ihn zurückgewälzt worden war. Der dritte Mann beendete den Streit sehr philosophisch. »Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie es ist,« fiel er ein; »wir fürchten uns alle.«

»Sie reden nach Ihrer eigenen Erfahrung,« versetzte Mr. Giles, der der blässeste von den dreien war.

»Allerdings,« sagte der Angeredete, »'s ist unter solchen Umständen ganz natürlich und schicklich, daß man sich fürchtet.«

»Nun, ich fürchte mich auch,« sagte Brittles; »aber warum ist es notwendig, es einem so geradezu in das Gesicht zu sagen?«

Diese offenen Geständnisse besänftigten Mr. Giles, der sofort einräumte, auch seinerseits einige Furcht zu empfinden, worauf alle drei in der vollkommensten Einmütigkeit zurückzueilen anfingen. Nicht lange nachher trug jedoch Mr. Giles, der den kürzesten Atem hatte und eine große Heugabel trug, auf ein kurzes Verweilen an, um sich wegen seiner Ausfälle zu entschuldigen.

»Man glaubt es aber gar nicht,« schloß er, »wozu man fähig ist, wenn einem das Blut warm geworden. Wahrhaftig, ich würde einen Mord begangen haben – ich weiß es – hätten wir einen der Bösewichter gefangen.«

Die anderen beiden hatten ähnliche Überzeugungen und konnten nur nicht begreifen, wie es zugegangen, daß in ihrer Stimmung eine so plötzliche Änderung eingetreten war.

»Ich weiß es,« sagte Giles; »es kam von der Umzäunung her. »Ja, die Umzäunung des Feldes, auf welchem wir die Halunken fast ertappt hätten, unterbrach alle Mordgedanken und hemmte die innere Wut. Ich fühlte sie bei mir im Hinübersteigen vergehen.«

Durch ein merkwürdiges Zusammentreffen hatten die beiden andern dasselbe Gefühl genau in demselben Augenblicke empfunden, so daß Mr. Giles ganz offenbar recht gehabt hatte, als er sagte: es kam von der Umzäunung her – namentlich da hinsichtlich des Zeitpunktes, in dem die Veränderung Platz gegriffen hatte, gar kein Zweifel obwalten konnte, da sich alle drei entsannen, daß sie in dem Augenblicke, da sie eintrat, die Einbrecher zu Gesicht bekommen hätten.

Dieses Gespräch führten die beiden Männer, welche die Einbrecher überrascht hatten, und ein wandernder Kesselflicker, der in einem Nebengebäude geschlafen und sich nebst seinen beiden Hunden hatte entschließen müssen, an dem gefahrvollen Abenteuer der Diebesverfolgung teilzunehmen. Mr. Giles diente der alten Dame, welche das Haus bewohnte, in der doppelten Eigenschaft als Keller- und Haushofmeister, und Brittles war Bedienter, Gärtner, Ausläufer usw. Die alte Dame hatte ihn in ihren Dienst genommen, als er noch ein kleiner, vielversprechender Knabe gewesen war, und er wurde noch immer als ein solcher behandelt, obgleich er in den Dreißigen stand.

Die drei kühnen Männer setzten unter ermutigenden und die Zeit kürzenden angenehmen Gesprächen in geschlossener Phalanx ihren Rückzug fort und bewiesen, obwohl ihnen noch mancher ungewöhnlich starke Windstoß Schrecken einjagte, die Geistesgegenwart, ihre Laterne abzuholen, die sie hinter einem Baume hatten stehen lassen, damit sie den Dieben nicht anzeigte, wohin sie schießen müßten, falls sie etwa Feuer zu geben geneigt wären.

Sie waren längst zu Hause angelangt, die Luft wurde immer kälter, je näher der Morgen kam, der Nebel bewegte sich am Boden entlang wie eine dichte Rauchwolke, das Gras war feucht, die Fußwege und niedrig gelegenen Stellen waren kotig und schlammig, ein naßkalter Wind verkündete sein Nahen durch ein hohles Brausen – und Oliver lag noch immer bewußtlos in dem Graben, wo ihn Sikes niedergelegt hatte. Im Osten zeigte sich das erste matte Morgengrau – eher dem Tode der Nacht, als der Geburt des Tags zu vergleichen. Die Gegenstände, die in der Finsternis unheimlich ausgesehen hatten, nahmen immer bestimmtere Umrisse an und erhielten allmählich ihre gewöhnliche Gestalt. Der Regen rauschte in Strömen nieder und schlug klatschend auf die entlaubten Büsche – aber Oliver empfand kein Ungemach davon; er lag fortwährend hilflos und ohnmächtig auf seinem harten, feuchten Bette von Erde.

Endlich weckte ihn ein empfindlicher Schmerz; er schrie laut auf und erwachte. Sein linker, in der Eile mit einem Tuche verbundener Arm hing schwer und gelähmt an seiner Seite, und das Tuch war mit Blut getränkt. Er war so schwach, daß er sich kaum in eine sitzende Stellung emporzurichten vermochte; er blickte matt nach Hilfe umher und ächzte vor Schmerz. Bebend an allen Gliedern vor Kälte und Erschöpfung, suchte er sich aufzurichten, fiel aber ohnmächtig der Länge nach wieder nieder.

Eine ihn überfallende Ohnmachtsempfindung, die ihm die Warnung zuzuraunen schien, er werde unfehlbar sterben müssen, wenn er noch länger daläge, brachte ihn zum Bewußtsein zurück. Er stand mühsam auf, ihm schwindelte jedoch, und er wankte gleich einem Betrunkenen von einer Seite zur andern. Er hielt sich nichtsdestoweniger aufrecht und taumelte mit gesenktem Kopfe vorwärts, ohne zu wissen wohin.

In seinem Innern drängten sich ängstigende, verwirrte Gedanken und Bilder. Es war ihm, als wenn er noch zwischen Sikes und Crackit ginge, die ergrimmt miteinander zankten; ihre Worte tönten noch in seinen Ohren, und als ihn ein Fehltritt zum Bewußtsein zurückrief, machte er die Entdeckung, daß er zu den beiden schrecklichen Männern redete, als wenn er sich noch in ihrer Gewalt befände. Dann kam es ihm wieder vor, als wenn er mit Sikes allein wäre, der ihm seine Rolle bei dem beabsichtigten Einbruche einzuprägen suchte. Unbestimmte, düstere Gestalten schwebten an ihm hin und wieder, er schreckte zusammen bei dem vermeintlichen Knalle eines Feuergewehrs, er hörte lautes Rufen und Schreien, vor seinen Augen flimmerten und verschwanden Lichter, es summte ihm vor den Ohren, alles vor Verwirrung und Lärmen, er fühlte sich durch eine unsichere Hand fortgetragen; und während er so halb wachend träumte, peinigte und ängstigte ihn fortwährend ein undeutliches Schmerzgefühl, ein Halbbewußtsein seiner unsäglich jammervollen Lage.

So wankte er weiter und weiter, fast mechanisch durch Gitter oder Lücken in den Hecken kriechend, bis er einen Weg erreicht hatte; und jetzt fing es an so stark zu regnen, daß er wirklich erwachte. Er blickte umher und sah in geringer Entfernung ein Haus, bis zu welchem er sich fortschleppen zu können meinte. Die Bewohner desselben hatten vielleicht Mitleid mit ihm, und wo nicht, so war es doch besser, wie er dachte, in der Nähe menschlicher Wesen zu sterben als allein auf den öden Feldern. Er sammelte seine letzten Kräfte und eilte, so rasch er konnte, dem Hause zu.

Als er näher kam, war es ihm, als wenn er es schon gesehen hätte, wenn er sich auch seiner einzelnen Teile nicht erinnern konnte. Doch ach, die Gartenmauer! Und dort an jener Stelle hatte er sich in der vergangenen Nacht auf die Knie niedergeworfen und die beiden Männer um Erbarmen angefleht. Es war dasselbe Haus, das sie zu berauben versucht hatten. Auf ein paar Augenblicke überkam ihn ein Gefühl so entsetzlichen Schreckens, daß er den Schmerz seiner Wunde vergaß und nur an Flucht dachte. Flucht! Er war kaum imstande, sich auf den Füßen zu erhalten, und hätte er die Kräfte dazu gehabt, wohin hätte er fliehen sollen? Die Gartentür stand offen, er wankte über den Grasplatz, stieg mit Mühe die Stufen des Portals vor der Haustür hinan und klopfte leise; die Kräfte schwanden ihm, und er sank ohnmächtig nieder.

Gerade zu derselben Stunde stärkten sich Mr. Giles, Brittles und der Kesselflicker nach den Strapazen und Schrecken der Nacht in der Küche durch ein Schälchen Tee, und was es sonst Gutes gab. Nicht daß es Mr. Giles Gewohnheit gewesen wäre, zu große Vertraulichkeit mit der niederen Dienerschaft zu pflegen, gegen welche er sich vielmehr der Regel nach nur mit einer leutseligen Herablassung benahm, die stets an seine höhere Stellung in der Gesellschaft erinnerte. Allein Todesfälle, Feuersbrünste und Einbrüche machen alle Menschen gleich, und Mr. Giles saß mit ausgestreckten Füßen am Herde, hatte den linken Arm auf den Tisch gestützt, illustrierte mit dem rechten einen genauen und blühenden Bericht über den nächtlichen Raubanfall, und sein Publikum – zumal die Köchin und das Hausmädchen – hörte ihm in atemloser Spannung zu.

»Es mochte halb zwei Uhr sein,« sagte Mr. Giles, »indes kann ich nicht darauf schwören, ob's nicht dreiviertel war, als ich aufwachte, mich im Bett herumdrehte, ungefähr so« (er drehte sich bei diesen Worten auf seinem Stuhle herum und zog den Zipfel des Tischtuches über die Schultern, um bildlich desto lebhafter die Vorstellung einer Bettdecke hervorzurufen) »und ein Geräusch zu hören glaubte.«

Hier erblaßte die Köchin und forderte das Hausmädchen auf, die Küchentür zu verschließen; das Hausmädchen hieß es Brittles, der es den Kesselflicker hieß, der sich stellte, als ob er nicht hörte.

»Ein Geräusch zu hören glaubte,« wiederholte Mr. Giles. »Ich dachte zuerst bei mir selbst: ›'s ist eine Täuschung!‹ und legte mich schon wieder zum Einschlafen zurecht, als ich das Geräusch abermals und vollkommen deutlich vernahm.«

»Was war es denn für eine Art von Geräusch?« fragte die Köchin.

»Ein krachendes,« erwiderte Mr. Giles.

»Ich denke, es war mehr, wie wenn eine eiserne Stange auf einem Reibeisen gerieben wird,« fiel Brittles ein.

»So war es, als Sie es hörten,« sagte Giles; »zu der Zeit aber, als ich es vernahm, hatte es einen krachenden Ton. Ich warf die Bettdecke zurück« (er wiederholte die Bewegung mit dem Tischtuche), »richtete mich zum Sitzen empor und horchte.«

Die Köchin und das Hausmädchen riefen zugleich aus: »Daß sich Gott erbarm'!« und rückten zusammen.

»Ich hörte es so deutlich, als wenn es dicht vor meinem Bette wäre,« fuhr Giles fort, »und dachte: ›Da wird eine Tür oder ein Fenster aufgebrochen. Was ist zu tun? Ich will den guten Jungen Brittles wecken und ihn retten, damit er nicht in seinem Bette ermordet wird; tu' ich's nicht, so kann ihm die Kehle vom rechten bis zum linken Ohre abgeschnitten werden, ohne daß er es merkt.«

Hier richteten sich aller Blicke auf Brittles, der die seinigen auf den Redner heftete und ihn mit weit geöffnetem Munde anstarrte, während seine Mienen den grenzenlosesten Schrecken ausdrückten.

»Ich stieß die Bettdecke von mir,« sprach Giles, das Tischtuch von sich schleudernd und die Köchin und das Hausmädchen scharf fixierend, »stieg leise aus dem Bette, zog –«

»Es sind Damen anwesend, Mr. Giles!« murmelte der Kesselflicker.

»– Meine Pantoffeln an, Sir,« fuhr Giles, sich zu ihm wendend und den stärksten Nachdruck auf seine Pantoffeln legend, fort, »nahm das geladene Pistol zur Hand, das immer mit dem Silberzeugkorbe hinaufgebracht wird, ging auf den Zehen in Brittles Kammer und sagte, sobald ich ihn aus dem Schlafe gerüttelt hatte: ›Brittles, erschrecken Sie nicht!‹«

»Ja, das sagten Sie, Mr. Giles,« fiel Brittles mit bebender Stimme ein.

»›Brittles, ich glaube, wir sind verloren,‹ sagt' ich,« fuhr Giles fort, »›aber seien Sie nur ohne Furcht.‹«

»Zeigte er denn auch keine Furcht?« fragte die Köchin.

»Nein,« antwortete Giles; »er war so unverzagt – fast so unverzagt wie ich selber.«

»Ich wäre auf der Stelle gestorben, wenn ich's gewesen wäre,« bemerkte das Hausmädchen.

»Sie sind ein junges Mädchen,« fiel Brittles ein, der ziemlich herzhaft zu werden anfing.

»Brittles hat recht,« sagte Giles mit beiläufigem Kopfnicken; »von einem Mädchen war nichts anderes zu erwarten. Wir aber, als Männer, nahmen eine Blendlaterne aus Brittles' Kammer und fühlten uns in der Pechrabenfinsternis hinunter.« (Er war aufgestanden, hatte die Augen geschlossen, tappte ein paar Schritte vorwärts und durchsägte, um seine Schilderung mit angemessener Aktion zu begleiten, mit den Armen die Luft, bis er mit der Köchin in eine unangenehme Berührung kam und die Köchin und das Hausmädchen zu schreien anfingen, worauf er nach seinem Stuhle zurückeilte.) »Was hat das zu bedeuten?« unterbrach er sich plötzlich; »es wird geklopft – öffne jemand die Haustür!«

Niemand regte sich.

»Das ist doch seltsam, daß zu einer so frühen Morgenstunde geklopft wird,« fuhr Giles, umherschauend und bleichen Antlitzes nur bleiche Gesichter gewahrend, fort; »allein die Tür muß geöffnet werden. He! Holla! hört denn niemand?«

Mr. Giles richtete bei diesen Worten die Blicke auf Brittles; allein der von Natur blöde, bescheidene Jüngling hielt sich mutmaßlich in der Tat für niemand und meinte sicher, daß die Frage unmöglich an ihn gerichtet sein könne. Jedenfalls gab er keine Antwort. Mr. Giles sendete dem Kesselflicker auffordernde Blicke zu, allein der Kesselflicker war urplötzlich eingeschlafen. Die Frauenzimmer kamen nicht in Betracht.

»Wenn Brittles die Tür etwa lieber in Gegenwart von Zeugen öffnen will,« sagte Mr. Giles nach einem kurzen Stillschweigen, »so bin ich bereit, einen solchen abzugeben.«

»Ich auch,« sagte der Kesselflicker, ebenso plötzlich wieder aufwachend, wie er eingeschlafen war.

Brittles kapitulierte auf diese Bedingungen, und als man beim Öffnen der Fensterläden die Entdeckung machte, daß es heller Tag war und dadurch gar sehr an Mut gewann, so zog die kleine tapfere Schar aus, die Hunde voran und die Frauenzimmer in der Nachhut. Gemäß dem Rate Mr. Giles' sprachen alle sehr laut, um dem Feinde sogleich kund zu tun, wie zahlreich sie waren, und gemäß einer unübertrefflichen, von demselben Gentleman ausgesonnenen Kriegslist wurden auf der Hausflur die Hunde in die Schwänze gekniffen, damit sie ein wütendes Bellen erheben möchten, was sie auch taten.

Nachdem diese Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, faßte Mr. Giles den Kesselflicker fest am Arme (damit er nicht fortliefe, wie Mr. Giles scherzend sagte) und gab den Befehl, die Tür zu öffnen. Brittles gehorchte. Einer blickte dem andern bebend über die Schultern, und die Schar gewahrte nichts Fürchterlicheres als den armen kleinen Oliver Twist, der bleich und erschöpft die Augen aufschlug und stumm um Mitleid flehte.

»Ein Knabe!« rief Mr. Giles, den Kesselflicker mutig zurück- und sich selber vordrängend, aus. »Was ist das – wie – Brittles – erkennen Sie ihn?«

Brittles, der beim Öffnen der Tür hinter dieselbe getreten war, stieß einen Schrei des Wiedererkennens aus, sobald er Oliver erblickte. Giles faßte den Knaben bei einem Beine und einem Arme – zum Glücke nicht bei dem verwundeten – zog ihn herein und legte ihn der Länge nach auf die Steinplatten nieder. »Hier, hier!« schrie Mr. Giles in größter Erregtheit die Treppe hinauf, »hier ist einer von den Dieben, Ma'am! Wir haben einen Dieb, Miß – einen Verwundeten, Miß! Ich traf ihn, Miß, und Brittles hielt das Licht!«

»In einer Laterne, Miß!« schrie Brittles, eine Hand an den Mund haltend, damit sein Ruf desto sicherer hinaufdränge.

Die Köchin und das Hausmädchen liefen hinauf, um der Herrschaft zu verkündigen, daß Mr. Giles einen Räuber gefangen habe, und der Kesselflicker bemühte sich, Oliver zum Bewußtsein zurückzubringen, damit er nicht stürbe, bevor er gehängt würde. Nach einiger Zeit ertönte von oben durch den Lärm eine sanfte und wohlklingende, einer jungen Dame angehörende Stimme: »Giles, Giles!«

»Hier, Miß, hier bin ich! Erschrecken Sie nicht, Miß; ich habe keinen bedeutenden Schaden genommen! Er leistete keinen sehr verzweifelten Widerstand, Miß; ich überwältigte ihn sehr bald.«

»Still doch; Sie erschrecken ja meine Tante fast ebensosehr, wie es die Diebe selbst getan haben. Ist der arme Mensch stark beschädigt?«

»Er hat eine furchtbare Wunde, Miß,« rief Giles mit unbeschreiblichem Wohlbehagen hinauf.

»Er sieht aus, als wenn er den Geist aufgeben will, Miß,« schrie Brittles, wie zuvor eine Hand an den Mund haltend. »Wollen Sie nicht herunterkommen, Miß, und ihn sehen, falls er –«

»So schreien Sie doch nicht so entsetzlich. Seien Sie einen Augenblick still; ich will mit meiner Tante sprechen.«

Die Sprecherin eilte mit leisen Fußtritten fort, kehrte bald wieder zurück und erteilte den Befehl, den Verwundeten vorsichtig hinauf in Mr. Giles' Zimmer zu tragen; Brittles sollte sogleich den Pony satteln, nach Chertsey reiten und eiligst einen Konstabler und den Doktor holen.

»Wollen Sie ihn aber nicht erst einmal ansehen, Miß?« rief Giles mit soviel Stolz, wie wenn Oliver ein seltener und prachtvoller Vogel wäre, den er heruntergeschossen hätte.

»Nicht um die Welt!« erwiderte die junge Dame. »Der arme Mensch! Giles, behandeln Sie ihn ja recht gut, und wenn es auch nur um meinetwillen wäre!«

Der alte Diener des Hauses blickte, als sie sich entfernte, zu ihr hinauf, so stolz und wohlgefällig, als ob sie sein eigenes Kind gewesen wäre, und half sodann Oliver mit der liebevollen Sorgfalt und Aufmerksamkeit einer Frau hinauftragen.

 

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