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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150717
projectidd499eb3a
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Worin die Erzählung wieder zu Fagin und Konsorten zurückkehrt.

Während sich die erzählten Ereignisse im Armenhause zutrugen, kauerte Fagin brütend an einem matten, rauchigen Feuer in seiner alten Höhle – derselben, aus welcher Oliver von Nancy entfernt worden war. Er hielt einen Blasebalg auf seinen Knien, mit dem er sich augenscheinlich bemühte, das Feuer zu hellerer Flamme anzufachen. Aber er war in tiefe Gedanken versunken und blickte unverwandt, die Ellbogen auf den Blasebalg gestützt und das Kinn auf seinen Daumen ruhen lassend, auf das rostige Gitter.

An einem Tische hinter ihm saßen der gepfefferte Baldowerer, Charley Bates und Tom Chitling bei einer Partie Whist. Der Baldowerer spielte mit dem Strohmanne und gewann fortwährend, die Karten mochten fallen, wie sie wollten. Chitling zahlte, sprach seine Verwunderung über Dawkins' stets glückliches Spiel aus und erklärte, daß nicht gegen ihn »anzukommen« sei. Charley Bates lachte ausgelassen und Fagin blickte auf und bemerkte, Tom müsse sehr früh aufstehen, um gegen den Baldowerer zu gewinnen.

»Ja, du mußt früh aufstehen, wenn du das willst, Tom,« fiel Charley ein »und obenein die Stiefel über Nacht anbehalten und 'ne dreidoppelte Brille aufsetzen.«

Dawkins hörte die ihm gezollten Lobsprüche mit philosophischem Gleichmute an und zeichnete sinnig den Grundriß vom Newgategefängnis mit Kreide auf den Tisch.

»Du bist grausam langweilig, Tommy,« sagte der Baldowerer nach einer Pause von mehreren Minuten. »Woran sollte er wohl denken, Fagin?«

»Wie kann ich's wissen?« antwortete der Jude. »Vielleicht an seinen Verlust oder seinen angenehmen Aufenthalt auf dem Lande, woher er gekommen ist erst soeben, Ha, ha, ha! Ist's das?«

»Falsch geraten,« fuhr der Baldowerer fort. »Was meinst du, Charley?«

»Nun, ich meine,« erwiderte Master Bates grinsend, »daß er zuckersüß gegen Betsy war. Schau, wie rot er wird! 's ist zum Totlachen – Tommy verliebt! O Fagin, Fagin, welch' ein Hauptspaß!«

»Laß ihn zufrieden,« sagte der Jude, Dawkins einen Wink gebend und Bates einen mißbilligenden Stoß mit dem Blasebalge versetzend. »Betsy ist 'ne schmucke Dirne. Mach' dich immerhin an sie, Tom; mach' dich immerhin an sie 'ran!«

»Fagin,« nahm Chitling zornig das Wort, »das geht hier niemand was an.«

»O nein,« erwiderte der Jude. »Laß Charley doch schwatzen und lachen; er läßt's einmal nicht. Betsy ist 'ne artige Dirne. Tu', was sie dir sagt, Tom, und du wirst machen dein Glück.«

»Ich tue, was sie mir sagt,« fuhr Tom fort, »und wäre nicht in die Tretmühle gesteckt worden, hätt' ich ihren Rat nicht befolgt. Ihr habt aber am Ende 'nen guten Rebbes dabei gemacht – nicht wahr, Fagin? Und was wollen sechs Wochen sagen? Es kommt doch einmal, früher oder später, und im Winter ist's just am besten, wenn einem nicht daran gelegen ist, so oft auszugehen – he Fagin?«

»Sehr richtig, mein Lieber,« versetzte der Jude.

»Es würd' dir gewiß gleich viel ausmachen, Tom, noch einmal in die Mühle zu kommen,« fiel der Baldowerer, Fagin und Bates zublinzelnd, ein, »wenn nur alles mit Betsy in Richtigkeit wäre.«

»Ja, das würd's – seht!« erwiderte Tom noch erzürnter, »und ich möchte doch wissen, wer mir's nachtäte, Fagin?«

»Das fällt ein keiner Seele,« antwortete Fagin. »Ich weiß keinen außer dir, der's würde tun.«

»Ich hätte ganz davon kommen können, hätt' ich mosern wollen – he Fagin?« fuhr der halb blödsinnige Bursche immer zorniger werdend fort. »Ich hätte nur ein einziges Wort zu sagen brauchen, nicht wahr, Fagin? Ich schwatzte aber nicht – und was ist denn nun dabei zu lachen?«

Fagin eilte, ihm zu versichern, daß niemand lache, nicht einmal Charley Bates, der jedoch, als er den Mund öffnete, um auch seinerseits zu erklären, daß alle ohne Ausnahme äußerst ernsthaft gestimmt wären, in ein unbezähmbares Gelächter ausbrach. Tom Chitling sprang wütend auf, um dem Frechen einen Schlag zu versetzen, allein Charley bückte sich gewandt und der Schlag traf den munteren alten Herrn dermaßen vor die Brust, daß derselbe gegen die Wand taumelte und daß ihm der Atem verging.

»Still! ich hab' den Bimbam g'hört,« rief der Baldowerer in diesem Augenblicke, nahm das Licht vom Tische, schlich leise die Treppe hinauf, kehrte nach einer halben Minute zurück und flüsterte Fagin etwas in das Ohr.

»Wie!« rief der Jude. »Allein?«

Der Baldowerer nickte und gab Charley Bates einen freundschaftlichen Wink, er täte besser daran, seine Heiterkeit etwas zu zügeln. Dann blickte er wieder den Juden an und erwartete dessen Anweisungen.

Der alte Mann biß sich auf seine gelben Finger und sann einige Augenblicke nach. Sein Gesicht arbeitete währenddessen heftig, als sei er erschrocken und fürchte das Schlimmste zu erfahren. Endlich erhob er den Kopf und fragte: »Wo ist er?«

Der Baldowerer deutete nach oben und machte Miene, das Zimmer zu verlassen.

»Ja,« sagte der Jude als Antwort auf diese stumme Frage, »bring ihn herunter. Pst, still, Charley und Tom, still, still!«

Die Angeredeten gehorchten sofort. Sie gaben keinen Laut von sich, als der Baldowerer, das Licht in der Hand, die Treppe herabkam und ihm dicht auf den Fersen ein Mann folgte, der, nachdem er sich hastig im Zimmer umgeblickt hatte, ein großes Tuch abwarf, das bisher den unteren Teil seines Gesichts verdeckte, so daß die hageren, ungewaschenen und unrasierten Züge des blonden Toby zum Vorschein kamen. Er begrüßte Fagin, der ihn ängstlich fragend ansah und erklärte sogleich, von Geschäften nicht eher reden zu können, als bis er gegessen und getrunken hätte. Der Jude befahl Dawkins, aufzutragen, was vorhanden wäre; es geschah und Toby machte sich begierig darüber her, ohne die mindeste Neigung zu zeigen, das Gespräch zu beginnen und der Ungeduld und Herzensangst des Juden ein Ende zu machen, der auf- und ablaufend mit seinen Blicken jeden Bissen zählte und verwünschte, den Toby zum Munde führte. Toby lächelte, während er speiste, selbstgefällig und schmunzelnd wie immer, und der Jude hätte vor Ingrimm vergehen mögen. Endlich hub er an: »Vor allen Dingen, Fagin –«

»Ja, ja doch – vor allen Dingen –«

»Vor allen Dingen, Fagin, wie steht's mit Bill?«

»Wie – mit Bill!« kreischte der Jude, vom Stuhle aufspringend, denn er hatte sich hörbegierig dicht neben Toby gesetzt.

»Zum Geier – Ihr wollt doch nicht sagen –« fuhr Crackit erblassend fort.

»Was soll ich nicht wollen sagen?« schrie der Jude wütend mit den Füßen stampfend. »Wo sind sie? – Sikes und der Knabe – wo sind sie? – wo sind sie geblieben? – wo sind sie versteckt? – warum sind sie nicht hier?«

»Der Einbruch mißglückte,« erwiderte Toby mit unsicherer Stimme.

»Ich weiß es,« sagte der Jude, ein Zeitungsblatt aus der Tasche nehmend und es Toby vorhaltend. »Was weiter?«

»Es wurde geschossen und der Knabe getroffen. Wir machten uns mit ihm davon – rannten und setzten über Hecken und Gräben, als wenn der Teufel selbst hinter uns wäre. Wir wurden verfolgt – Gott verdamm' mich, die ganze Umgegend war lebendig, und wir hatten die Hunde auf den Fersen.«

»Aber der Knabe, der Knabe!« keuchte Fagin.

»Bill trug ihn auf dem Rücken; wir hielten an mit Laufen, um ihn zwischen uns zu nehmen; er ließ den Kopf hängen und war steif und kalt. Sie waren dicht hinter uns, und da galt's, jeder sich selber der Nächste, wenn er nicht der erste am Galgen sein wollte. Wir rissen aus, der eine hier, der andere da hin und ließen den Burschen in 'nem Graben liegen – ob tot oder lebendig, ich kann's nicht sagen. Das ist alles, was ich von ihm weiß.«

Der Jude stieß einen gellenden Schrei aus, fuhr mit den Händen in das Haar und stürzte aus dem Zimmer und zum Hause hinaus.

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