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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Welches sehr kurz ist, aber doch für wichtig befunden werden könnte.

Die Alte, welche die Ruhe des Zimmers Mrs. Corneys gestört hatte, war keine unpassende Todesbotin. Die Jahre hatten ihren Leib gekrümmt, alle ihre Glieder zitterten, denn sie war vom Schlage gerührt worden, und ihr runzliges, entstelltes Antlitz glich mehr einer grotesk-phantastischen Zeichnung als einem Werke aus den Händen der Natur.

Ach! wie wenige alte Gesichter gibt es, die uns durch ihre Schönheit erfreuen! Angst, Sorgen und Kümmernisse der Welt verwandeln das menschliche Antlitz, wie sie die Herzen umwandeln, und erst wenn jene schlummern und für immer vorüber sind, schwinden die unruhig-bewegten Wolken und verhüllen und verdunkeln den hellen Himmel nicht mehr. Es ist sehr häufig bei den Gesichtern der Toten der Fall, daß sie selbst in ihrer Erstarrung den längst vergessenen Ausdruck schlummernder Kinder wieder annehmen und die Züge der Kinderjahre wieder bekommen, so ruhig und friedlich wieder werden, daß diejenigen, die sie in ihrer Kindheit gekannt, mit Ehrfurchtsschauern an ihren Särgen niederknien und den Engel schon auf Erden schauen.

Die Alte humpelte ihrer keifenden Vorgesetzten voran, blieb endlich keuchend stehen, um Atem zu schöpfen und Mrs. Corney nahm ihr das Licht aus der Hand und ging allein in das Zimmer der Sterbenden, in welchem eine Lampe düster brannte. Am Krankenbette saß eine andere alte Frau, und am Kamine stand der Lehrling des Apothekers und Doktors und schnitt einen Zahnstocher aus einem Federkiele.

»Ein kalter Abend, Mrs. Corney,« bemerkte der junge Herr, als die Dame eintrat.

»Sehr kalt, in der Tat, Sir,« erwiderte die Vorsteherin im höflichsten Tone.

»Sie sollten bessere Kohlen von Ihren Lieferanten verlangen,« sagte der Apothekerlehrling; »diese hier taugen absolut nichts für ein so kaltes Wetter.«

»Das ist Sache des Kollegiums, Sir,« erwiderte die Dame.

Hier wurde das Gespräch durch das Stöhnen der Kranken unterbrochen.

»O,« sagte der junge Mann, indem er sein Gesicht dem Bette zugewandt, »mit der ist's vorbei.«

»Wirklich?« fragte die Matrone.

»Ich würde mich darüber wundern, wenn sie noch eine Stunde lebte. Heda, schläft sie, Alte?«

Die Wärterin nickte. Der Lehrling machte Gebrauch von seinem Zahnstocher, während sich Mrs. Corney stumm an das Bett setzte, und schlich nach einigen Minuten auf den Zehen hinaus. Gleich darauf erschien auch die Wärterin wieder, die Mrs. Corney gerufen hatte, winkte der anderen und beide setzten sich an den Kamin und fingen leise miteinander zu sprechen an.

»Hat sie noch mehr gesagt, Anny, wie ich fort war?«

»Kein Sterbenswörtchen.«

»Hat sie den gewärmten Wein getrunken, den ihr der Doktor verordnete?«

»Sie konnte keinen Tropfen hinunterbringen; ich trank ihn daher selbst aus, und er hat mir sehr gut geschmeckt.«

»Ich weiß die Zeit noch sehr wohl, da sie's ebenso gemacht und hinterher weidlich darüber gelacht hat.«

»Freilich; sie war 'ne lustige alte Seele, hat manch' liebe Leiche angekleidet und so hübsch ausstaffiert wie 'ne Wachspuppe. Ich hab' ihr mehr als hundertmal dabei geholfen.«

Mrs. Corney hatte ungeduldig auf das Erwachen der Schlummernden gewartet, stand auf, trat zu den beiden alten Megären und fragte ärgerlich, wie lange sie denn eigentlich warten sollte.

»Nicht lange mehr, Mistreß. Wir brauchen nicht lange auf den Tod zu warten. Geduld, Geduld! er wird uns allen bald genug kommen.«

»Halten Sie den Mund und sagen Sie mir, Martha, hat die Patientin früher auch schon so gelegen?«

»Oft genug.«

»Wird's aber nicht wieder tun,« fiel die andere Wärterin ein; »ich meine, sie wird nur noch einmal wieder aufwachen, und wohl zu merken, Mrs. Corney, nur auf eine kurze Zeit.«

»Ob sie auf eine lange oder kurze Zeit erwacht, sie wird mich nicht hier finden. Ihr alle beide, belästigt mich nicht noch einmal um nichts und wieder nichts, sonst geht's euch schlecht. Ich habe durchaus nicht die Verpflichtung, alle alten Weiber im Hause sterben zu sehen, und was noch mehr sagen will, ich mag's und will's nicht. Merkt euch das, ihr unverschämten alten Schlumpen! Habt ihr mich noch einmal zur Närrin, so nehmt euch in acht, das sag' ich euch.«

Sie ging hinaus, als ein Schrei der beiden Wärterinnen, die wieder an das Bett getreten waren, sie zum Stillstehen brachte. Die Kranke hatte sich kerzengerade emporgerichtet und streckte die Arme nach ihnen aus. »Wer ist da?« rief sie mit hohler Stimme.

»Pst, pst! Legen Sie sich nieder,« sagte eine der Wärterinnen.

»Ich lege mich lebendig nimmermehr, nimmermehr wieder nieder,« rief die Patientin. »Ich will mit ihr sprechen. Kommen Sie, Mrs. Corney, daß ich Ihnen ins Ohr flüstern kann.«

Sie faßte die Vorsteherin beim Arme und drückte sie auf einen Stuhl, der neben dem Bette stand, nieder und war im Begriff zu sprechen, als sie bemerkte, daß die beiden Wärterinnen so nahe wie möglich herangetreten waren, um zu horchen und sagte mit matter Stimme: Schicken Sie sie hinaus – geschwind, o geschwind!«

Mrs. Corney befahl ihnen hinauszugehen, und die Sterbende fuhr fort: »Hören Sie mich nun an! In diesem selbigen Zimmer – diesem selbigen Bette lag einst eine hübsche junge Frau. Sie ward mit blutenden Füßen, staub- und schmutzbedeckt ins Haus gebracht, wurde von einem Knaben entbunden und starb. Ich war ihre Wärterin. Ich will mich besinnen – in welchem Jahre war es doch?«

»Auf das Jahr kommt's nicht an,« unterbrach Mrs. Corney ungeduldig. »Was haben Sie mir von ihr zu sagen?«

»Was ich von ihr zu sagen habe – o, ich weiß es wohl,« murmelte die Sterbende, richtete sich plötzlich mit gerötetem Gesicht und vorspringenden Augen wieder empor und schrie fast: »Ich bestahl sie! Sie war noch nicht kalt – noch nicht kalt – als ich's tat.«

»Sie bestahlen Sie? – Um Gottes willen, was nahmen Sie ihr?«

»Es – das einzige, was sie hatte. Sie bedurfte Kleider, um sich vor der Kälte zu schützen, und Speise, um nicht Hungers zu sterben, hatte es aber trotzdem aufbewahrt, trug es im Busen; und es war von Gold, und sie hätte sich damit vom Tode erretten können.«

»Gold! – Weiter, weiter, Frau. Wer war die Mutter – wann starb sie?«

»Sie gab mir den Auftrag, es aufzubewahren, und vertraute mir als der einzigen Frau, die um sie war. Ich stahl es ihr schon in Gedanken, als sie's mir zeigte; und vielleicht bin ich auch am Tode des Kindes schuld! Man würde den Knaben besser behandelt haben, wenn man alles gewußt hätte.«

»Alles gewußt! – Sprechen Sie, sprechen Sie!«

»Der Knabe ward seiner Mutter so ähnlich, daß ich immer an sie denken mußte, wenn ich ihn sah. Ach, die Ärmste! – und sie war so jung – und so sanft und geduldig! Ich muß Ihnen aber noch mehr sagen – noch viel mehr; – hab' ich's Ihnen noch nicht alles gesagt?«

»Nein, nein, nein – nur schnell – oder es wird zu spät werden!«

»Als die Mutter ihren Tod herannahen fühlte, flüsterte sie mir ins Ohr, wenn das Kind am Leben bliebe, so würde der Tag erscheinen, wo es sich beim Nennen des Namens seiner Mutter nicht beschimpft achten, und Freunde finden –«

»Wie wurde das Kind getauft?«

»Oliver. Das Gold, das ich stahl – war –«

»Was, ums Himmels willen, was war es?«

Frau Corney beugte sich in höchster Spannung über die Sterbende, die noch ein paar unverständliche Worte murmelte und leblos auf das Kissen zurücksank. –

»Mausetot!« bemerkte eine der Wärterinnen, als Frau Corney die Tür wieder geöffnet hatte.

»Und hatte gar nichts zu erzählen,« sagte Frau Corney und entfernte sich, als wenn nur etwas ganz Gewöhnliches vorgegangen wäre.

 

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