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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Der Einbruch.

»Wer da?« rief eine laute heisere Stimme.

»Mach' kein solchen HamoreLärmen.,« sagte Sikes, während er die Tür verriegelte. »Ä ChandelLicht., Toby!«

»Aha, mein guter Chawwer,« erwiderte dieselbe Stimme; »ä Chandel, Barney, ä Chandel! Führ' den Herrn 'nein, Barney; wach' aber erst auf, wenn dir's recht ist.«

Man hörte, daß irgend etwas Gewichtiges nach jemand geworfen wurde und sodann auf die Erde fiel.

»Hörst nicht?« rief dieselbe Stimme. »Da steht Bill Sikes draußen im Dunkeln, und du dormst, als wenn du 'nen Schlaftrunk g'soffen hättst und nichts Stärkeres. Wirst du jetzt munter, oder soll ich dich mit'm eisernen Leuchter wecken?«

Endlich schlürfte der Kellner im Hotel von Saffron Hill mit Licht heran und begrüßte Sikes mit wirklicher oder erkünstelter Freude. Sikes stieß Oliver voran in ein niedriges, düsteres Gemach mit einigen gebrechlichen Stühlen, einem Tische und einem sehr schlechten Bette, auf welchem ein Mann ausgestreckt und aus einer langen Tonpfeife rauchend lag. Er trug einen dunkelbraunen Rock mit großen Metallknöpfen, ein orangefarbenes Halstuch, eine buntfarbige Weste und hellbraune Beinkleider. Mr. Crackit (denn er war es) hatte dünnes, rötliches, in Locken gedrehtes Haar, durch das er von Zeit zu Zeit mit schmutzigen, beringten Fingern hindurchfuhr. Er war etwas über Mittelgröße, und seine Beine schienen ziemlich dünn zu sein, wodurch indes keineswegs die Bewunderung und Zufriedenheit vermindert wurde, womit er oft genug seine hohen Stiefeln beäugelte. »Bill, geliebter Freund,« rief er Sikes entgegen, »ich freue mich, dich zu sehen. Fürchtete fast schon, daß du's aufgegeben hätt'st, in welchem Fall ich's auf meine eigene Faust versucht haben würde. Was der Teufel!« setzte er, als er Oliver erblickte, erstaunt hinzu, richtete sich zum Sitzen empor und fragte, wer der Knabe wäre.

»Nun, 's ist eben der Knabe,« erwiderte Sikes und setzte sich an den Kamin.

»Einer von Fagin seinen,« bemerkte Barney grinsend.

»Von Fagin, so?« rief Toby, nach Oliver hinblickend, aus. »Was für'n prachtvoller Junge er werden wird für die Taschen der alten Damen in Kirchen und Kapellen! Sein PonumMund, Gesicht. ist so gut wie 'n Kaptal für ihn.«

»So schweig doch still – 's ist schon mehr als zuviel Schwätzens davon,« unterbrach ihn Sikes ungeduldig und flüsterte ihm etwas in das Ohr. Toby Crackit lachte ausgelassen und starrte Oliver lange verwundert an.

»Gebt uns zu essen und zu trinken – es wird uns Courage machen – mir wenigstens,« sagte Sikes. »Setz' dich ans Feuer, Bursch, und ruh' dich aus, du gehst noch mit uns aus heute nacht, wenn auch eben nicht weit.«

Oliver sah ihn in stummer und furchtsamer Verwunderung an, setzte sich ans Feuer und stützte, kaum wissend, was um ihn her und mit ihm vorging, den schmerzenden Kopf auf die Hände. Der jüdische Jüngling trug Speisen und Getränk auf, und Toby und Sikes tranken auf ein glückliches Schränken. Toby füllte ein Glas, reichte es Oliver und forderte ihn auf, es auszutrinken. Der Knabe versicherte, nicht trinken zu können und bat mit jammervollen Mienen, ihn damit zu verschonen. Toby ließ sich jedoch nicht abweisen.

»Hinunter damit!« rief er. »Meinst du, ich wüßte nicht, was dir gut ist? Bill, sag's ihm, daß er trinkt!«

»Soll ich dich lehren, gehorsam zu sein?« sagte Sikes, die Hand in die Tasche steckend. »Gott verdamm' mich, wenn mir der Bube nicht mehr Beschwerde macht, als ein ganz Dutzend Baldowerers. Trink aus, Galgenstrick, oder –!«

Erschreckt durch die drohenden Gebärden der beiden Männer, stürzte Oliver hastig den Inhalt des Glases hinunter und wurde sofort von einem heftigen Husten befallen, worüber Toby und Barney in ein lautes Gelächter ausbrachen und sogar der grämliche Sikes den Mund verzog.

Nachdem Sikes seinen Hunger gestillt hatte (Oliver konnte außer einer Rinde Brot, die er zu essen gezwungen wurde, nichts zu sich nehmen), legten sich die beiden Männer zu einem kurzen Schlafe nieder. Oliver blieb auf seinem Stuhle am Feuer sitzen, und Barney streckte sich, in eine Decke gehüllt, dicht neben dem Kamine aus.

Sie schliefen oder schienen zu schlafen, denn es regte sich niemand außer Barney, der ein paarmal aufstand, um Kohlen in das Feuer zu werfen. Oliver verfiel in einen dumpfen Schlummer, der von schweren, ängstlichen Träumen beunruhigt wurde, bis Toby aufsprang und erklärte, es sei halb zwei Uhr. Im nächsten Augenblicke waren die beiden anderen auf den Beinen, und alle drei waren eifrig dabei, die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Die beiden Schränker zogen sogleich ihre Überröcke an und verhüllten sich mit Tüchern bis über den Mund. Barney füllte eiligst ihre Taschen mit mehreren Gegenständen an, die er aus einem Schranke holte.

»Barney, meine LuppertsPistolen,« sagte Toby Crackit.

»Da sind sie. Ihr habt sie selbst geladen.«

»Ja, ja. Die WurmerBohrer

»Die hab' ich,« fiel Sikes ein.

»ChlamonesDiebesschlüssel, Drehbarsel, HänenehresLaterne, nichts vergessen?« fragte Toby, ein kleines Brecheisen einsteckend.

»Alles da,« antwortete Sikes. »Barney, die grandige Makel. Es ist höchste Zeit.«

Barney reichte ihm und Toby große Knotenstöcke und legte Oliver den Mantel um.

»Jetzt also,« sagte Sikes, seine Hand ausstreckend.

Oliver, der durch die ungewohnte Anstrengung, die schlechte Luft und das ihm aufgezwungene Getränk völlig betäubt war, legte seine Hand mechanisch in die Sikes'.

»Nimm seine andere Hand, Toby,« sagte Sikes. »Schau nach, Barney, ob alles sicher ist.«

Der Kellner ging vor die Tür und kehrte mit der Meldung zurück, daß alles still sei. Die beiden Schränker eilten hinaus und zogen Oliver mit sich fort.

Die Nacht war rabenschwarz und der Nebel so dicht, daß nach wenigen Minuten große Tropfen an Olivers Augenbrauen hingen. Sie eilten im tiefsten Schweigen über die Brücke und durch den nächstgelegenen Ort und erreichten um zwei Uhr ein einzeln stehendes, von einer Mauer umgebenes Haus, die Toby Crackit sogleich erklomm. Sikes hob Oliver empor, und nach wenigen Augenblicken waren alle drei hinüber. Sikes und Toby schlichen nach dem Hause und zogen den Knaben mit sich fort, dem die Sinne fast entschwanden, denn jetzt zum erstenmal tauchte der Gedanke in ihm auf, daß Sikes auf Raub, wo nicht auf Mord ausginge und ihn als Werkzeug dabei zu gebrauchen denke. Er schlug die Hände zusammen, und seinen Lippen entfloh ein unwillkürlicher Schrei des Entsetzens. Ihm schwindelte, kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, er wankte und fiel auf die Kniee nieder.

»Steh auf!« flüsterte Sikes und zog bebend vor Wut die Pistole aus der Tasche; »steh auf, oder ich schieße dir den Brägen aus'm Kopfe 'raus!«

»O, um Gottes willen, lassen Sie mich gehen!« rief Oliver; »lassen Sie mich fortlaufen und hinter dem Zaune sterben. Ich will nie wieder nach London kommen – nie, nie; haben Sie Barmherzigkeit mit mir und zwingen Sie mich nicht, zu stehlen. Um der Liebe der Engel willen, die im Himmel wohnen, haben Sie Erbarmen mit mir!«

Sikes stieß einen fürchterlichen Fluch aus und spannte den Hahn, Toby schob indes seine Hand zur Seite, hielt Oliver den Mund zu und zog ihn fort nach dem Hause.

»Pst!« flüsterte er; »das ist hier nichts. Ist's nicht anders und soll's sein, so sprich ein Wort, und ich schlag' ihn auf den Kopf, was ebensogut ist und kein Geräusch macht. Hierher, Bill, brich den Fensterladen auf. Ich stehe dafür, er hat jetzt Courage genug. Ich hab's g'sehn, daß ältere als er in 'ner kalten Nacht 's Kanonenfieber auf 'ne Minute oder so was g'habt haben.«

Sikes murmelte Verwünschungen gegen Fagin, ihm Oliver zu einem solchen Unternehmen geschickt zu haben, setzte das Brecheisen an, und nach kurzer Zeit war der Fensterladen geöffnet. Das kleine Gitterfenster war fünf bis sechs Fuß über der Erde im Hinterhause und gehörte zu einem kleinen, zum Waschen oder Brauen bestimmten Gemach am unteren Ende des Hausflurs. Das Gitter war gleichfalls bald durchbrochen.

»Jetzt hör' und merk', du kleiner Teufelsbraten!« flüsterte Sikes, zog eine Blendlaterne aus der Tasche und hielt sie Oliver gerade vor das Gesicht. »Ich stecke dich durch dies Fenster hier. Nimm diese Laterne, geh' leise die Stufen gerade vor dir 'nauf über den Flur nach der Haustür, mach' sie auf und laß uns ein. – Ist die Waschhaustür offen, Toby?«

Toby antwortete, nachdem er hineingesehen hatte: »Sie steht weit offen, und sie lassen sie immer offen, daß der Hund, der hier sein Lager hat, im Hause 'rumspazieren kann. Ha, ha, ha! wie hübsch ihn Barney gestern abend weggelockt hat!«

So leise Crackit gesprochen und gekichert hatte, befahl ihm doch Sikes in gebieterischem Tone, still zu schweigen und an das Werk zu gehen. Er setzte die Laterne auf die Erde, stellte sich unter dem Fenster, die Hände auf die Knie gestützt, mit dem Kopfe gegen die Wand, Sikes stieg auf den Rücken Tobys und hob Oliver durch das Fenster in das Haus hinein.

»Nimm die Leuchte,« flüsterte er ihm zu. »Siehst du die Stufen da vor dir?«

Oliver keuchte, mehr tot als lebendig, ein mattes »Ja«; Sikes wies mit der Pistole nach der Haustür hin und erinnerte ihn, daß er ihn bis zur Haustür fortwährend in Schußweite hätte und ihn niederschießen würde, wenn er sich verweilte oder auch nur einen Schritt zur Seite ginge.

»'s ist in 'ner Minute geschehen,« flüsterte er Oliver zu. »Sobald ich dich loslasse, tu', was dir geheißen ist. Pst!«

»Was ist denn?« fragte Toby.

Sie horchten.

»Nichts,« sagte Sikes und ließ Oliver los. »Jetzt vorwärts!«

Der Knabe hatte sich indes wieder einigermaßen gesammelt und den raschen und festen Entschluß gefaßt, wenn es auch sein Tod wäre, den Versuch zu machen, auf dem Hausflur zur Seite zu springen und Lärm zu machen. Von diesem Gedanken erfüllt, ging er bebend vorwärts.

»Komm zurück!« schrie Sikes plötzlich laut; »zurück, zurück!«

Erschreckt durch die plötzliche Unterbrechung der Totenstille und ein lautes Geschrei, ließ Oliver die Laterne fallen und stand still, ohne zu wissen, ob er vorwärts gehen oder entfliehen sollte. Das Geschrei wiederholte sich, es zeigte sich ein Licht – es war ihm, als sähe er bestürzte, halb angekleidete Männer an der Tür – es schwamm ihm vor den Augen – ein Gewehr blitzte auf – ein Donner traf sein Ohr – er taumelte zurück. Sikes faßte ihn sogleich beim Kragen, feuerte nach den zurückweichenden Männern und zog ihn durch das Fenster.

»Drück' den Arm dichter an den Leib,« flüsterte er, während er ihn durchzog. »Toby, ein Tuch! Sie haben ihn getroffen. Geschwind! Höll' und Teufel, wie der Bursch blutet!«

Oliver war sich dunkel bewußt, daß der Lärm im Hause immer mehr zunahm und daß er rasch fortgetragen wurde. Das Geräusch verlor sich in der Ferne, die Sinne entschwanden ihm gänzlich, es war ihm, als wenn eine kalte Hand sein Herz umfaßte, es schlug und er sah und hörte nicht mehr.

 

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