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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150717
projectidd499eb3a
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Der Aufbruch.

Es war ein unfreundlicher Morgen, als sie auf die Straße hinaustraten. Es ging ein scharfer Wind, und es regnete stark. Auf der Straße standen große Pfützen, und die Rinnsteine waren überfüllt. Am Himmel zeigte sich ein schwacher Schimmer des kommenden Tages, der aber das Düstere der Szene eher verstärkte als verminderte, da das trübe Licht nur dazu diente, das der Straßenlaternen zu dämpfen, ohne einen wärmeren oder lichteren Farbenton in das Grau der nassen Dächer und schmutzigen Straßen zu bringen. Es schien noch niemand in diesem Stadtviertel aufgestanden zu sein; die Fensterläden der Häuser waren noch fest verschlossen, und niemand ließ sich auf den öden, schmutzigen Straßen blicken.

Der Tag brach erst an, als sie sich Bethnal Green näherten. Viele Laternen waren schon gelöscht; dann und wann fuhr ein Marktwagen langsam daher, oder es rollte eine Postkutsche vorüber. Die Schenken standen schon offen und waren hell erleuchtet. Allmählich begannen sich auch einige Läden zu öffnen. Hier kamen Gruppen von Arbeitern, die zur Werkstatt oder Fabrik gingen, dort Männer und Frauen mit Fischkörben auf dem Kopfe, mit Gemüse beladene Eselkarren, Fleischerwagen mit geschlachtetem Vieh, Milchfrauen mit ihren Kannen – ein ununterbrochener Menschenstrom, der zu Fuß oder zu Wagen in die östlichen Vorstädte hineinflutete. Als sie sich der City näherten, wurde der Lärm und der Verkehr immer stärker; als sie die Straßen zwischen Shoreditch und Smithfield durchschritten, war er zu einem sinnbetäubenden Gewühl angeschwollen. In Shoreditch und Smithfield war lautes Getümmel und Gedränge. Es war Markttag. Oliver war vor Erstaunen außer sich. Er meinte, ganz London wäre aus einer ganz besonderen Veranlassung in Bewegung. Welch eine Geschäftigkeit, welch ein Gewühl, Rufen, Lärmen, Zanken und Streiten – jeden Augenblick neue Gegenstände, neue Gesichter und Menschenknäuel.

Sikes zog seinen kleinen Begleiter rastlos fort, beachtete kaum, was Oliver die Sinne verwirrte, nickte nur dann und wann einem begegnenden Bekannten einen Gruß zu und lenkte nach Holborn ein. Er trieb zur Eile an, Oliver vermochte, fast atemlos, kaum Schritt mit ihm zu halten und wurde so rasch fortgerissen, daß es ihm fast war, als wenn er über die Erde dahinschwebte. Auf der Straße nach Kensington hielt Sikes einen leeren Karren an und forderte den Eigentümer auf, ihn selbst und seinen Knaben bis Isleworth mitzunehmen. Er war mit dem Kärrner bald einig und hob Oliver in den Karren, wobei er nicht vergaß, bedeutsam auf seine Rocktasche zu schlagen.

Nachdem sie durch Kensington, Hammersmith, Chiswick, Kew Bridge und Brentford gefahren waren, ließ Sikes halten, stieg mit Oliver aus, wartete, bis der Fuhrmann vollständig aus seinem Gesichtskreise verschwunden war, und setzte dann mit Oliver seine Wanderung fort. Sie wandten sich erst nach links, dann nach rechts und kamen an vielen großen Gärten und schönen Villen vorüber, kehrten aber die ganze Zeit über nur einmal ein, um einen Schluck Bier zu trinken. Endlich erreichten sie eine Stadt, und Oliver sah an der Wand eines Hauses mit großen Buchstaben den Namen »Hampton« geschrieben. Sie warteten einige Stunden zwischen den Feldern und wandten sich dann nach der Stadt zurück; Sikes kehrte in einem alten verfallenen Wirtshause mit einem verblichenen Schilde ein und bestellte ein Mittagessen beim Küchenfeuer.

Die Küche war ein alter, niedriger Raum mit einem großen Balken quer über die Decke und hochlehnigen Bänken in der Nähe des Feuers, auf denen mehrere rauh aussehende Männer rauchend und trinkend saßen. Sie beachteten Oliver gar nicht und Sikes sehr wenig, und da letzterer ebenfalls wenig Notiz von ihnen nahm, so saß er mit seinem kleinen Gefährten ganz allein in einer Ecke, ohne sich durch ihre Anwesenheit im geringsten stören zu lassen.

Sie aßen etwas kaltes Fleisch und blieben so lange sitzen, während Sikes sich den Genuß von drei bis vier Pfeifen gönnte, daß Oliver ganz sicher glaubte, sie würden heute nicht weitergehen. Da er von der weiten Wanderung sehr ermüdet und so früh aufgestanden war, so wurde er schläfrig und versank endlich, überwältigt von den Strapazen und dem Tabakrauch, in tiefen Schlummer.

Es war schon ganz dunkel, als er durch einen Rippenstoß, den ihm Sikes versetzt hatte, geweckt wurde. Als er sich genügend ermuntert hatte, um aufrecht sitzen und sich umschauen zu können, sah er seinen würdigen Begleiter mit einem Fuhrmann, der ziemlich betrunken zu sein schien und nach Shepperton wollte, bei einem Glase Ale zusammensitzen und hörte, wie er ihn fragte, ob er ihn und den Knaben mitnehmen wolle. Der Fuhrmann willigte ein, und als es Zeit zum Abfahren war, hob Sikes Oliver in den Wagen, der sich sofort in Bewegung setzte und in scharfem Trabe aus der Stadt rasselte.

Der Abend war sehr dunkel. Ein dichter Nebel stieg von dem Flusse und dem moorigen Boden ringsherum auf und breitete sich über die nassen Felder aus. Dazu war es schneidend kalt; alles war düster und schwarz. Kein Wort wurde gesprochen; denn der Fuhrmann war schläfrig geworden, und Sikes befand sich nicht in der Stimmung, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Oliver saß zusammengekauert in einer Ecke des offenen Wagens, von Unruhe und Angst gepeinigt, und die riesigen Bäume, die wie in wilder Freude über die Trostlosigkeit der Gegend ihre Zweige heftig hin und her bewegten, kamen ihm wie gespenstische Wesen vor.

Als sie an der Kirche in Sunbury vorüberfuhren, schlug es sieben Uhr. Sie mochten noch zwei oder drei Meilen gefahren sein, als Sikes abstieg und Oliver bei der Hand fassend weiterging. Er kehrte, was der müde Knabe erwartet hatte, in Shepperton nicht ein, sondern ging durch den Schlamm, die Finsternis und düstere Gassen und über öde offene Plätze weiter, bis sich die Lichter einer Stadt in geringer Entfernung zeigten. Sie gelangten an eine Brücke, und Sikes lenkte in einen Uferweg ein. Oliver erschrak heftig; er glaubte, daß Sikes ihn an diesen einsamen Ort gebracht hätte, um ihn zu ermorden. Er wollte sich schon niederwerfen, um verzweifelt für sein junges Leben zu kämpfen, als sie vor einem einzelnen verfallenen Hause standen. Licht war darin nicht sichtbar; es schien unbewohnt zu sein. Sikes trat leise an die Tür, legte die Hand auf den Griff, und beide standen auf dem dunkelen Hausflur.

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