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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Neunzehntes Kapitel.

In welchem ein verhängnisvoller Plan besprochen und beschlossen wird.

Es war ein kalter, feuchter und stürmischer Abend, als der Jude seinen eingeschrumpften Leib in einen Oberrock einhüllte, den Kragen über die Ohren zog, so daß von seinem Gesicht nur die Augen zu sehen waren, und sich aus seiner Höhle entfernte. Er blieb vor der Haustür stehen, bis sie inwendig verschlossen und verriegelt war, und eilte darauf mit leisen und flüchtigen Schritten die Straße hinunter.

Das Haus, in welches Oliver gebracht worden war, befand sich nahe bei Whitechapel; der Jude stand an der nächsten Ecke ein paar Augenblicke still, schaute forschend umher und schlug sodann die Richtung nach Spitalfields ein.

Auf dem Pflaster lag dicker Schlamm, und ein dichter Nebel machte die Dunkelheit noch dunkler. Für den Ausflug eines dämonischen Wesens, wie es der Jude war, konnten Zeit, Wetter und alle Umgebungen nicht passender sein. Der greuliche Alte glich, während er verstohlen durch Nacht und Nebel und Kot dahineilte, einem ekelhaften Gewürm, das in nächtlicher Finsternis aus seinem Verstecke herauskriecht, um wühlend im Schlamme ein leckeres Mahl nach seiner Art zu halten.

Er setzte seinen Weg durch viele enge und winklige Gassen fort, bis er Bethnal Green erreichte, wandte sich dann nach links und verschwand in einem wahrhaften Labyrinth schmutziger Winkel, Straßen und Gassen jenes zahlreich bevölkerten Stadtviertels, ohne jedoch ein einziges Mal zu irren oder fehl zu gehen, lenkte endlich in eine Sackgasse ein, klopfte an die Tür eines Hauses und wurde, nachdem er ein paar Worte durch das Schlüsselloch geflüstert, eingelassen und hinaufgeführt.

Als er auf den Griff einer Tür faßte, knurrte ein Hund, und eine grobe Mannsstimme fragte, wer da wäre.

»Ich bin's, Bill, ich, mein Lieber,« antwortete der Jude hineinschauend.

»So bringt Eur'n Leichnam 'rein,« sagte Sikes. »Lieg' still, dumme Bestie! Kennst den Teufel nicht, wenn er'n Überrock anhat?«

Der Hund schien in der Tat durch Fagins Verhüllung getäuscht zu sein; denn sobald der Jude den Oberrock aufknöpfte, legte er sich, mit dem Schweife wedelnd, wieder nieder.

»Nun?« sagte Sikes.

»Ja – nun,« erwiderte der Jude. »Ah, Nancy.«

Er schien etwas verlegen und zweifelhaft zu sein, wie er von Miß Nancy empfangen werden würde, denn er hatte seine junge Freundin seit dem Abend noch nicht wiedergesehen, an welchem sie so leidenschaftlich für Oliver aufgetreten war. Das Benehmen der jungen Dame machte jedoch bald aller Ungewißheit ein Ende. Sie schob ihren Stuhl zur Seite und forderte Fagin auf, ohne Groll oder noch viel Worte sich mit an den Kamin zu setzen, denn es wäre ein kalter Abend.

»Ja, 's ist bitter kalt, liebe Nancy,« sagte Fagin und begann seine knöchernen Hände über dem Feuer zu wärmen, »'s ist, als wenn der Wind einem wehte durch und durch bis ins Innerste.«

»Das muß wirklich scharf sein, was bis an dein Herz dringt,« bemerkte Sikes. »Gib ihm 'nen Tropfen zu trinken, Nancy. Alle Donnerwetter, mach' geschwind! Man wird ganz übel davon, das alte Gerippe so schaudern zu sehn wie'n häßliches Gespenst, das eben aus'm Grabe gestiegen ist.«

Nancy holte schnell eine Flasche aus dem Schranke; Sikes schenkte ein Glas Branntwein ein und hieß den Juden es austrinken; Fagin berührte es jedoch nur mit den Lippen und setzte es wieder auf den Tisch.

»Ausgetrunken, Spitzbube!« rief Sikes.

»Habe schon genug, danke, Bill!«

»Wie – was? Fürchtest dich, daß wir dir ä Streich spielen?« fragte Sikes, seine Augen scharf auf den Juden richtend.

Mit einem heiseren, verächtlichen Brummen ergriff Mr. Sikes das Glas und goß den Inhalt in die Asche; dann füllte er es von neuem und stürzte es hinunter.

Fagin blickte im Zimmer umher, nicht aus Neugierde, denn es war ihm wohlbekannt, sondern unruhig, verstohlen, argwöhnisch, wie es ihm zur Gewohnheit geworden war. Das Gemach war sehr schlecht möbliert. Nur der Inhalt des Schrankes schien anzudeuten, daß es von einem gewöhnlichen Arbeiter bewohnt würde; auch sah man nichts Verdächtiges, mit Ausnahme einiger schwerer Knittel, die in einem Winkel standen, und eines »Lebensretters«, der über dem Kaminsimse hing.

»Was hast du zu sagen, verdammter Jude?« fragte Sikes. »Weshalb bist du hergeschlichen?«

»Wegen des BayesHaus. in Chertsey, Bill,« erwiderte der Jude, dicht zu ihm rückend und flüsternd.

»Nun – und was weiter?«

»Ah – Ihr wißt ja recht gut, was ich meine, Bill. Nicht wahr, Nancy, er weiß es recht gut?«

»Nein, er weiß es nicht,« fiel Sikes höhnisch ein, »oder will es nicht wissen, was dasselbe ist. Sprich rein 'raus, nenn' die Dinge beim rechten Namen und stell' dich nicht an, als wenn du nicht der erste gewesen wärst, der an den Einbruch gedacht hat.«

»Pst, Bill, pst!« sagte Fagin, der sich vergebens bemüht hatte, Sikes zum Stillschweigen zu bringen; »es wird uns jemand hören, mein Lieber, es wird uns jemand hören!«

»Laß hören, wer will!« tobte Sikes; »'s ist mir alles gleich.«

Er sprach jedoch die letzten Worte schon weniger laut und heftig, da ihm der Gedanke kam, daß es doch nicht gleich wäre oder sein könnte.

»Seid doch ruhig, Bill,« sagte der Jude besänftigend. »Es war ja nur meine Vorsicht – weiter nichts. Also wegen des Bayes in Chertsey, mein Lieber. Wann soll's sein, Bill – wann soll's sein? Solch Silberzeug, Bill, solch Silberzeug!« setzte er händereibend und mit leuchtenden Augen hinzu.

»Gar nicht,« erwiderte Sikes trocken.

»Gar nicht?« wiederholte der Jude und lehnte sich erstaunt auf seinem Stuhle zurück.

»Nein, gar nicht,« sagte Sikes; »zum wenigsten kann's nicht so ausgeführt werden, wie wir meinten.«

»Dann ist's nicht geschickt und ordentlich angegriffen,« versetzte der Jude, vor Verdruß erblassend. »Aber Ihr spaßt nur, Bill.«

»Ich lasse mich lieber hängen, als daß ich mit dir spaße, altes Gerippe. Toby Crackit hat sich seit vierzehn Tagen die erdenklichste Mühe gegeben, aber keinen von der Dienerschaft –«

»Ihr wollt doch nicht sagen, Bill,« unterbrach ihn der Jude ungeduldig, doch aber ruhiger in dem Maße, als Sikes wieder heftig zu werden anfing; »Ihr wollt doch nicht sagen, daß keiner von den beiden Bedienten könnte werden gewonnen, zu machen Kippe?«

»Das will ich allerdings sagen,« antwortete Sikes. »Sie sind seit zwanzig Jahren bei der alten Frau im Dienst gewesen und würden's nicht tun für fünfhundert Pfund.«

»Aber die weibliche Dienerschaft, mein Lieber – läßt sich die auch nicht beschwatzen?«

»Nein!«

»Wie – auch nicht vom schmucken geriebenen Toby Crackit?« entgegnete der Jude ungläubig. »Bedenkt doch nur, wie die Weibsen sind, Bill!«

»Nein, auch nicht von Toby Crackit,« erwiderte Sikes. »Er hat die ganze Zeit, daß er's Bayes umschlichen, falsche Knebelbärte und 'ne gelbe Weste getragen; hat aber alles nicht helfen wollen.«

»Er hätt's versuchen sollen mit 'nem Schnurrbart und Soldatenhosen, mein Lieber,« sagte der Jude nach einigem Besinnen.

»Das hat er auch schon getan, und 's ist ebenso vergeblich gewesen.«

Der Jude machte eine verdrießliche und verlegene Miene dazu, versank auf ein paar Minuten in tiefes Nachsinnen und sagte endlich mit einem schweren Seufzer, wenn man sich auf Toby Crackits Berichte verlassen könnte, so fürchte er, daß der Plan aufgegeben werden müsse, »'s ist aber sehr betrübend, Bill,« setzte er, die Hände auf die Knie stützend, hinzu, »so viel zu verlieren, wenn man einmal den Sinn hat gesetzt darauf.«

»Freilich,« sagte Sikes, »'s ist ganz verdammt ärgerlich!«

Es folgte ein langes Stillschweigen. Der Jude war in tiefe Gedanken verloren, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck wahrhaft satanischer Spitzbüberei an. Sikes blickte ihn von Zeit zu Zeit verstohlen von der Seite an, und Nancy heftete, aus Furcht, den Wohnungsinhaber zu erzürnen, die Augen auf das Feuer, als wenn sie bei allem, was gesprochen worden, taub gewesen wäre.

»Fagin,« unterbrach Sikes endlich die allgemeine Stille, »schafft's fünfzig Füchse extra, wenn's durch Einbruch vollbracht wird?«

»Ja!« rief der Jude, wie aus einem Traume erwachend.

»Abgemacht?« fragte Sikes.

»Ja, mein Lieber,« erwiderte der Jude, indem er ihm die Hand reichte; und jeder Muskel seines Gesichts gab Zeugnis, wie freudig und lebhaft er durch diese Frage überrascht worden war.

Sikes schob die Hand des Juden verächtlich zurück und fuhr fort: »Dann mag's geschehen, sobald du willst, Alter. Toby und ich sind vorgestern über die Gartenmauer g'wesen und haben die Türen und Fensterläden untersucht. Die Bayes ist nachts verrammelt wie'n Dobes; wir haben aber 'ne Stelle gefunden, wo wir leise und mit Sicherheit schränkeneinbrechen. können.«

»Wo ist denn die Stelle, Sikes?« fragte der Jude sehr gespannt.

»Man geht über den Rasenplatz,« flüsterte Sikes, »und dann –«

»Nun und dann?« unterbrach ihn der Jude, sich ungeduldig vorbeugend.

»Dann –« sagte der Schränker, brach jedoch kurz ab, denn Nancy gab ihm, kaum den Kopf bewegend, einen Wink, nach des Juden Gesicht zu sehen, »'s ist ganz gleich, wo die Stelle ist,« fuhr er fort. »Ich weiß, daß du's nicht kannst ohne mich; aber man tut wohl daran, sich auf Nummer Sicher zu setzen, wenn man mit dir zu tun hat.«

»Nach Eurem Belieben, Bill, nach Eurem Belieben,« erwiderte der Jude, sich auf die Lippen beißend. »Könnt Ihr's mit Toby allein, und braucht Ihr weiter keinen Beistand?«

»Nein; bloß ein Dreheisen und 'nen Knaben. Das Eisen haben wir, den Buben mußt du uns schaffen.«

»'nen Knaben!« rief der Jude aus. »Ah, dann ist's ein Paneel – wie?«

»Es kann dir gleichviel sein, was es ist,« erwiderte Sikes. »Ich brauche 'nen Buben, und er darf nicht groß sein. Wenn mir nur nicht der von Ned, dem Schornsteinfeger, durch die Lappen 'gangen wäre! Er hielt ihn mit Absicht klein und schmächtig und lieh ihn aus für'n Billiges. Aber so geht's, der Vater wird gerumpeltdeportiert., und wie der Blitz ist der Verein für verlassene Kinder da und nimmt den Jungen aus 'nem Geschäft, darin er Geld hätte verdienen können, lehrt ihn Lesen und Schreiben, und der Bube wird dann Lehrling, Gesell, endlich Meister,« sagte Sikes mit steigendem Zorn über einen so unrechtmäßigen Verlauf, »und so geht's mit den meisten; und hätten sie immer Geld genug, was sie Gott Lob und Dank nicht haben, so würden wir nach ein paar Jahren keinen einzigen Jungen mehr im Geschäft halten.«

»Ja, ja,« stimmte der Jude ein, der unterdes überlegt und nur die letzten Worte gehört hatte. »Bill!«

»Was gibt's?«

Der Jude deutete verstohlen auf Nancy hin, die noch immer in das Feuer schaute, und gab Sikes durch Zeichen seinen Wunsch zu erkennen, mit ihm allein gelassen zu werden. Sikes zuckte ungeduldig die Achseln, als wenn er die Vorsicht für überflüssig hielte, forderte indes Nancy auf, ihm einen Krug Bier zu holen.

»Ihr seid nicht durstig, Bill,« sagte Nancy mit der vollkommensten Ruhe und schlug die Arme übereinander.

»Ich sage dir, ich bin durstig!« entgegnete Sikes.

»Dummes Zeug! Fahrt fort, Fagin. Ich weiß, was er sagen will, Bill; ich kann's auch hören.«

Der Jude zögerte, und Sikes sah etwas verwundert bald ihn, bald das Mädchen an.

»Brauchst dich vor dem alten Mädchen nicht zu scheuen, Fagin,« sagte er endlich. »Hast sie lange genug gekannt und kannst ihr trauen, oder der Teufel müßte drin sitzen. Sie wird nicht mosernverraten.; nicht wahr, Nancy?«

»Ihr sollt's wohl meinen,« erwiderte sie, ihren Stuhl an den Tisch schiebend und den Kopf auf die Ellbogen stützend.

»Nein, nein, liebes Kind,« fiel der Jude ein; »ich weiß das sehr wohl; nur –« Er hielt wieder inne.

»Nun, was denn nur?« fragte Sikes.

»Ich weiß nur nicht, ob sie nicht vielleicht wieder werden würde unwirsch, mein Lieber, wie vor einigen Abenden,« erwiderte Fagin.

Bei diesem Geständnisse brach Nancy in ein lautes Gelächter aus, stürzte ein Glas Branntwein hinunter, erklärte unter mehrfachen kräftigen Beteuerungen, daß sie alles hören könne, wolle und werde und so standhaft, mutvoll und treu sei wie eine oder einer. – »Fagin,« sagte sie lachend, »sprecht nur ohne Umschweife zu Bill von Oliver!«

»Ah! Du bist ein so gewitztes Mädchen, wie ich je eins gesehen,« versicherte der Jude und klopfte sie auf die Wange. »Ja, ich wollte wirklich sprechen von Oliver; ha, ha, ha!«

»Was ist mit ihm los?« fragte Sikes.

»Daß er der Knabe ist, den Ihr braucht, mein Lieber,« erwiderte der Jude in einem heisern Flüstern, den Finger an die Nase legend und mit einem fürchterlichen Grinsen.

»Der Oliver!« rief Sikes aus.

»Nimm ihn, Bill,« sagte Nancy. »Ich tät's, wenn ich an deiner Stelle wäre. Mag sein, daß er nicht so gepfifft und dreist ist wie einer von den andern; aber das ist auch nicht nötig, wenn du ihn bloß dazu brauchen willst, daß er dir 'ne Tür aufmacht. Verlaß dich darauf, er ist petachtzuverlässig., Bill.«

»Ich weiß, daß er's ist,« fiel Fagin ein. »Er ist in den letzten Wochen geschult gut, und 's ist Zeit, daß er anfängt für sein Brot zu arbeiten; außerdem sind die andern alle zu groß.«

»Ja, die rechte Größe hat er,« bemerkte Sikes nachdenklich.

»Und er wird alles tun, wozu Ihr ihn nötig habt, Bill,« sagte der Jude. »Er kann nicht anders – nämlich, wenn Ihr ihn nur genug haltet in Furcht und Schrecken.«

»Das könnte geschehen – und nicht bloß zum Spaß. Ist was nicht richtig mit ihm, wenn wir einmal erst am Werk sind – alle Teufel! – so siehst du ihn nicht lebendig wieder, Fagin. Bedenk' das, eh' du ihn schickst.«

Er hatte ein schweres Brecheisen unter dem Bette hervorgezogen und schüttelte es unter drohenden Gebärden.

»Ich habe alles bedacht,« erwiderte der Jude entschlossen. »Ich hab' ihn beobachtet, meine Lieben, wie ein Falke die Augen auf ihn gehabt. Laßt ihn nur erst wissen, daß er einer der unsrigen ist; laßt ihn nur erst wissen, daß er gewesen ist ein Dieb, und er ist unser – unser auf sein Leben lang! Oho! Es hatte nicht besser können kommen!« Er kreuzte die Arme über der Brust, zog den Kopf zwischen die Schultern und umarmte sich gleichsam selbst vor Behagen und Freude.

»Unser!« höhnte Sikes. »Du willst sagen, dein.«

»Könnte vielleicht sein, mein Lieber,« sagte der Jude kichernd. »Wenn Ihr's so wollt, Bill, mein.«

Sikes warf seinem angenehmen Freunde finstergrollende Blicke zu. »Und warum bemühst du dich denn so sehr um das Kreidegesicht,« sagte er, »da du doch weißt, daß jede Nacht fünfzig Buben im Common GardenCoventgarden. dormenschlafen., unter denen du die Wahl hast?«

»Weil ich sie nicht gebrauchen kann, mein Lieber,« erwiderte der Jude ein wenig verwirrt. »Sie sind's nicht wert, daß man's versucht mit ihnen, denn wenn sie in Ungelegenheit geraten, steht ihnen geschrieben auf der Stirn, was sie sind und was sie haben getan, und sie gehen mir alle kapores. Aber mit diesem Knaben, wenn er nur gebraucht wird geschickt, kann ich ausrichten mehr als mit zwanzig von den anderen. Außerdem,« fügte er wieder in vollkommener Fassung hinzu, »außerdem haben wir ihn dann fest jetzt, wenn er uns wieder entwischen könnte, und er muß bleiben mit uns im selben Boot, gleichviel wie er gekommen ist hinein; ich habe Macht genug über ihn, wenn er nur ein einziges Mal ist gewesen bei 'nem Schränken – mehr brauch' ich nicht. Und wieviel ist das besser, als wenn wir müßten den armen kleinen Knaben über die Seite schaffen, was würde gefährlich sein – und wodurch wir verlieren würden viel!«

Sikes schwebte eine starke Mißbilligung bei Fagins plötzlicher Anwandlung von Menschlichkeit auf den Lippen, Nancy kam ihm jedoch durch die Frage zuvor, wann der Einbruch geschehen sollte?

»Ja, Bill, ja – wann soll es sein?« fragte auch der Jude.

»Ich hab's mit Toby auf übermorgen Nacht verabredet,« antwortete Sikes mürrisch, »wenn ich ihm keine anderweitige Nachricht zugehen lasse.«

»Gut,« jagte der Jude; »es wird doch kein Mondschein sein?«

»Nein,« erwiderte Sikes.

»Ist auch bedacht alles wegen Fortschaffens der SechoreGestohlenes Gut.?« fragte Fagin.

Sikes nickte.

»Und wegen –«

»Ja, ja, 's ist alles verwaldiwertverabredet.,« unterbrach ihn Sikes; »scher dich nur nicht weiter drum. Bring' den Buben lieber morgen abend her. Ich werde 'ne Stunde nach Tagesanbruch auf und davon sein. Und dann halt's Maul und stelle den Schmelztiegel bereit; das ist alles, was du zu tun hast.«

Nach einigem Hin- und Herreden, woran alle drei tätigen Anteil nahmen, wurde beschlossen, daß Nancy am folgenden Abend Oliver herbringen solle. Fagin hielt dafür, daß er Nancy am ersten folgen würde, wenn er etwa abgeneigt wäre. Ebenso wurde feierlich verabredet, daß der Knabe zum Zweck der beabsichtigten Unternehmung Sikes unbedingt übergeben werden solle, und zwar so, daß derselbe mit ihm nach Gutdünken verfahren dürfe, ohne dem Juden für irgendeinen Unfall, der ihn treffen könnte, oder irgendeine Züchtigung verantwortlich zu sein, die sein Beschützer etwa für notwendig erachten möchte; auch sollte der letztere alle seine Angaben nach seiner Rückkehr durch Toby Crackits Zeugnis bestätigen lassen. Sikes bekräftigte vorläufig den edlen Bund und die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen durch ein Glas Branntwein nach dem andern, was die Wirkung hatte, daß er zuerst lärmte und sodann einschlief. Der Jude hüllte sich darauf wieder in seinen Überrock, sagte Nancy gute Nacht und faßte sie scharf ins Auge, während sie ihm zur Erwiderung gleichfalls wohl zu schlafen wünschte und ihre Blicke den seinigen begegneten. Sie waren vollkommen fest und ruhig. Das Mädchen war so treu und verläßlich in der Sache, wie Toby Crackit nur selbst sein konnte. Er warf Sikes, unbemerkt von ihr, noch einen Blick des Hasses und der Verachtung zu und ging, durch die Zähne murmelnd: »So sind sie alle. Das Schlimmste an den Weibsbildern ist, daß die größte Kleinigkeit aufweckt in ihnen ein längst vergessenes Gefühl – und das Beste, daß es nicht währt lange. Hi, hi, hi! Ich wette 'nen Sack voll Gold auf den Mann gegen das Kind.«

Unter diesen angenehmen Gedanken ging Fagin seines Weges durch Schmutz und Kot hin bis zu seiner düsteren Wohnstätte. Der Baldowerer war aufgeblieben und erwartete ungeduldig die Rückkehr des Juden.

»Ist Oliver zu Bett? Ich wünsche ihn zu sprechen,« war die erste Frage, die er tat, als beide die Treppe hinunterstiegen.

»Schon seit mehreren Stunden,« versetzte der Baldowerer, indem er eine Tür aufstieß. »Hier ist er.«

Der Knabe lag fest schlafend auf einer harten Matratze auf dem Fußboden, so bleich vor Angst, Traurigkeit und Verlassenheit in seinem Gefängnis, daß er Ähnlichkeit mit einem Toten hatte – nicht mit einem Toten, wie er im Sarge und auf der Bahre liegt, sondern mit einem, aus dem das Leben soeben entwichen ist, wenn ein junger, edler Geist zum Himmel entflohen ist und die schwere Luft der Welt noch keine Zeit gefunden hat, den zarten Schimmer, von dem er umgeben war, zu verdrängen.

 

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