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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Achtzehntes Kapitel.

Wie Oliver seine Zeit in der sittenverbessernden Gesellschaft seiner achtungswürdigen Freunde zubrachte.

Als am folgenden Morgen der Baldowerer und Charley Bates zu ihren gewöhnlichen Geschäften ausgegangen waren, benutzte Mr. Fagin die Gelegenheit, Oliver einen langen Sermon über die schreiende Sünde der Undankbarkeit zu halten, deren er sich, wie ihm Fagin klärlich bewies, in einem sehr hohen Maße schuldig gemacht, indem er sich absichtlich von seinen liebevollen und treuen Freunden entfernt, ja sogar ihnen zu entfliehen versucht habe, nachdem sie so viele Mühe und Kosten aufgewandt hätten, ihn wieder zurückzubringen. Der alte Herr legte großes Gewicht auf den Umstand, daß er Oliver zu sich genommen und verpflegt habe, als derselbe in Gefahr gewesen wäre, Hungers zu sterben, und erzählte ihm die ergreifende und schreckliche Geschichte eines jungen Burschen, dem er unter ähnlichen Umständen aus gewohnter Menschenfreundlichkeit seinen Beistand habe angedeihen lassen, der sich aber des ihm erwiesenen Vertrauens unwürdig gezeigt, sich mit der Polizei in Rapport zu setzen versucht habe und im Old-Bailey-Gerichtshofe verurteilt und gehängt worden sei. Der alte Herr bemühte sich durchaus nicht, seinen Anteil an der Katastrophe zu verheimlichen, sondern beklagte es mit Tränen in den Augen, daß es durch die Verkehrtheit und Verräterei des jungen Burschen nötig geworden, ihn als ein Opfer fallen zu lassen und demnach mit Zeugnissen gegen ihn aufzutreten, die, wenn auch nicht vollkommen in der Wahrheit begründet, doch unumgänglich gewesen wären, wenn seine (Fagins) und einiger erlesenen Freunde Sicherheit nicht hätte gefährdet werden sollen. Der alte Herr schloß damit, daß er ein sehr unerfreuliches Gemälde von den Unannehmlichkeiten des Gehenktwerdens entwarf und mit großer Freundschaftlichkeit und Höflichkeit die Hoffnung ausdrückte, niemals genötigt zu werden, Oliver Twist einer so widerwärtigen Operation zu unterwerfen.

Dem kleinen Oliver erstarrte das Blut in den Adern, während er den Worten des Juden zuhörte. Die darin enthaltenen dunklen Drohungen waren ihm nicht ganz unverständlich. Er wußte bereits, daß die Gerechtigkeit selbst den Unschuldigen für schuldig halten konnte, wenn er sich mit dem Schuldigen in Gemeinschaft befunden hatte; und daß tief angelegte Pläne, unbequeme Mitwisser oder zum Schwatzen Geneigte zu verderben, von dem alten Juden wirklich geschmiedet und ausgeführt wären, deuchte ihn keineswegs unwahrscheinlich, als er sich des Streites entsann, den Fagin mit Sikes gehabt. Als er furchtsam die Augen aufschlug und seine Blicke denen des Juden begegneten, fühlte er, daß seine Blässe und sein Zittern dem schlauen Bösewicht nicht entgangen waren und daß sich derselbe innerlich darüber freute.

Der Jude lächelte boshaft, klopfte Oliver die Wangen und sagte ihm, wenn er sich ruhig verhielte und sich des Geschäfts annähme, so würden sie sicher noch sehr gute Freunde werden. Er griff darauf zum Hute, zog einen alten geflickten Oberrock an, ging hinaus und verschloß die Tür hinter sich.

So blieb sich Oliver während des ganzen Tages und während noch vieler nachfolgender Tage vom frühen Morgen bis Mitternacht selbst überlassen, und die langen Stunden vergingen ihm gar traurig, denn er gedachte natürlich fortwährend seiner gütigen Freunde in Pentonville und der Meinung, welche sie von ihm gefaßt haben müßten. Am siebenten oder achten Tage ließ der Jude die Tür des Zimmers unverschlossen, und Oliver durfte frei im Hause umhergehen. – Das ganze Haus war äußerst schmutzig und öde; die Zimmer im oberen Stockwerke waren ohne Mobilien, geschwärzt und mit Spinngeweben überdeckt; indes schloß Oliver aus dem Täfelwerke und den Resten alter Tapeten und anderer Verzierungen, daß sie vor langer Zeit von reichen Leuten bewohnt gewesen sein müßten, so kläglich sie auch jetzt aussahen. Oft, wenn er leise in ein Zimmer eintrat, liefen die Mäuse erschreckt in ihre Löcher zurück; sonst aber sah oder hörte er kein lebendiges Wesen, und manches Mal, wenn er es müde war, aus einem Gemach in das andere zu wandern, schmiegte er sich in den Winkel der Flur an der Haustür, um den Menschen so nahe wie möglich zu sein, und erwartete horchend und mit Beben die Rückkehr des Juden oder der Knaben.

In allen Zimmern waren die Fensterläden fest mit Schrauben verwahrt und ließen nur wenig Licht durch kleine runde Löcher ein, was die Zimmer noch düsterer machte und sie mit seltsamen Schattengestalten füllte. Ein hinteres Dachstübchen hatte ein mit starken Stäben verwahrtes Fenster ohne Läden. Oliver schaute stundenlang traurig hinaus, obwohl er nichts sehen konnte als eine verworrene, gedrängte Masse von Dächern, geschwärzten Schornsteinen und Giebeln. Bisweilen zeigte sich auf ein paar Augenblicke in der Dachluke eines fernen Hauses ein nur undeutlich zu erkennendes Gesicht; allein es verschwand bald, und da das Fenster von Olivers Observatorium vernagelt und durch den Regen und Rauch von Jahren trüb und blind gemacht worden war, so war es ihm nur möglich, die Formen ferner Gegenstände undeutlich zu erkennen, und er konnte nicht daran denken, sich bemerkbar zu machen, zumal auch die Nachbarschaft sicher nicht die achtbarste und vertrauenerweckendste war.

Eines Nachmittags kehrten der Baldowerer und Charley Bates nach Hause zurück, um sich auf eine Abendunternehmung vorzubereiten, die es erfordern mochte, daß sie sich sorgfältiger als gewöhnlich ankleideten. Der Baldowerer gebot Oliver, ihm die Stiefeln zu reinigen, und Oliver war froh, nur einmal Menschen zu sehen und sich nützlich machen zu können, wenn es ohne Verletzung der Redlichkeit geschehen konnte. Während er beschäftigt war, dem Geheiß Folge zu leisten, wobei Jack auf einem Tische saß, blickte der junge Gentleman zu ihm hernieder, seufzte und sagte halb zerstreut und halb zu Charley Bates: »'s ist doch Jammer und Schade, daß er kein Kochemer ist.«

»Ah,« sagte Charley Bates, »er weiß nicht, was ihm gut ist.«

»Du weißt wohl nicht mal, Oliver, was ein Kochemer ist?« fragte der Baldowerer.

»Ich glaube es zu wissen,« erwiderte Oliver schüchtern; »ein Dieb – bist du nicht ein Dieb?«

»Ja,« sagte Jack, »und ich rechn' es mir zur Ehre. Ich bin ä Dieb; Charley ist's, Fagin ist's, Sikes ist's; Nancy und Betsy sind gleichfalls Diebinnen. Wir sind samt und sonders Diebe, bis herunter zu Sikes' Hund, und der geht noch über uns alle.«

»Und ist kein Angeber,« bemerkte Charley Bates.

»Er würde in der Zeugenloge nicht mal bellen, um sich nicht zu verraten oder verdächtig zu machen,« fuhr Jack fort. »Doch das hat nichts zu schaffen mit unserm Musjö Grün.«

»Warum begibst du dich nicht unter Fagins Oberbefehl, Oliver?« fiel Charley ein.

»Könntest doch dein Glück so schön machen,« setzte Jack hinzu, »und von deinem Gelde leben wie ein Gentleman, wie ich's zu tun denke im nächstkommenden fünften Schaltjahr und am zweiundvierzigsten Dienstag in der Fastenwoche.«

»Es gefällt mir nicht,« sagte Oliver furchtsam. »Ich wollte, daß Fagin mich fortgehen ließe.«

»Das wird Fagin bleiben lassen,« bemerkte Charley.

Oliver wußte dies nur zu gut, und in der Meinung, es möchte gefährlich sein, seine Gedanken noch offener auszusprechen, fuhr er seufzend in seinem Geschäfte fort.

»Schäme dich!« hub der Baldowerer wieder an. »Hast du denn gar kein Ehrgefühl? Ich möchte um nichts in der Welt meinen Freunden zur Last fallen, am wenigsten ohne 'nen Finger zu rühren, um ihnen zum wenigsten meine Erkenntlichkeit zu beweisen.«

»Es ist wahrhaftig zu gemein und niedrig,« sagte Charley Bates, einige seidene Taschentücher hervorziehend und in eine Kommode legend.

»Es wäre mir ganz unmöglich!« rief Jack Dawkins, sich in die Brust werfend, aus.

»Und doch könnt ihr eure Freunde im Stich lassen,« bemerkte Oliver mit einem halben Lächeln, »und zusehen, daß sie für Dinge bestraft werden, die ihr getan habt.«

»Es geschah bloß aus Rücksicht gegen Fagin,« erwiderte Jack kaltblütig. »Die SchodererGerichtsdiener. wissen, daß wir gemeinschaftlich arbeiten, und er hätte in Ungelegenheit kommen können, wenn wir nicht davongelaufen wären. Schau hier,« setzte er hinzu, griff in die Tasche und zeigte Oliver eine Handvoll Schillinge und Halbpence. »Wir führen ä flottes Leben, und was tut's, woher das Geld dazu kommt? Da, nimm hin; wo's her ist, da ist noch mehr von der Sorte. Du willst nicht? O Dümmling, Dümmling aller Dümmlinge!«

»Er ist ä Bösewicht, nicht wahr, Oliver?« fiel Charley Bates ein. »Er wird noch geschnürt werden, nicht wahr?«

»Ich weiß nicht, was das ist,« sagte Oliver.

Charley Bates nahm sein Taschentuch, knüpfte es sich um den Hals und stellte die Hängoperation pantomimisch und vollkommen kunstgerecht dar. »Das ist's,« sagte er endlich unter schallendem Gelächter.

»Du bist schlecht erzogen,« bemerkte Jack Dawkins ernsthaft; »indes wird Fagin doch schon noch etwas aus dir machen, oder du wärst der erste, der sich ganz unbrauchbar gezeigt. Also fang' nur je eher desto lieber an, denn du wirst mitarbeiten im Geschäft, eh' du's meinst, und verlierst nur Zeit, Oliver.«

Charley Bates fügte noch mehrere moralische Betrachtungen hinzu, schilderte mit glühenden Farben die zahllosen Annehmlichkeiten des Lebens, das sie, er und Jack, führten, und bemühte sich mit einem Worte auf das eifrigste, Oliver zu überzeugen, daß er nichts Besseres tun könne, als baldmöglichst um Fagins Gunst durch dieselben Mittel zu werben, die er und Jack zum gleichen Zwecke angewendet.

»Und vor allen Dingen, NollyOliver.,« sagte Jack, als sie den Juden kommen hörten, »bedenk' das: nimmst du keine Schneichen und Zwiebeln –«

»Was hilft's, daß du so zu ihm redest?« unterbrach Charley; »weiß er doch nicht, was du damit sagen willst!«

»Nimmst du keine Taschentücher und Uhren,« fuhr der Baldowerer, zu Olivers Fassungskraft sich herablassend, fort, »so tut's der erste beste andere, und der hat was davon, und du hast nischt, da du doch ein ebenso gutes Recht dazu hast.«

»'s ist ganz klar – ja ja – ganz klar,« sagte der Jude, der unbemerkt von Oliver eingetreten war, »klar wie die Sonne, mein Kind. Glaub' dem Baldowerer; er kennt den Katechismus seines Geschäfts aufs Haar.«

Das Gespräch wurde indes für jetzt abgebrochen, da Fagin mit Miß Betsy und einem Gentleman angelangt war, den Oliver noch nicht gesehen hatte und den der Baldowerer Tom Chitling nannte, als er eintrat, nachdem er draußen ein wenig verweilt, um mit der Dame einige Galanterien zu wechseln.

Tom Chitling war älter an Jahren als der Baldowerer, da er etwa achtzehn Winter zählen mochte, bezeigte demselben aber eine Ehrerbietung, woraus man klärlich sah, daß er sich bewußt war, an Genie und Geschäftserfahrung ihm untergeordnet zu sein. Tom hatte kleine, blinzelnde Augen und ein pockennarbiges Gesicht und trug eine Pelzkappe, eine Jacke aus dunklem Tuch, fettige Barchenthosen und eine Schürze. Er sah in der Tat ziemlich abgerissen aus, entschuldigte sich jedoch bei der Gesellschaft damit, daß »seine Zeit« erst seit einer Stunde aus gewesen sei, daß er seine Uniform sechs Wochen getragen und noch nicht daran habe denken können, die Garderobe zu wechseln. Er schloß mit der Bemerkung, daß er zweiundvierzig Tage angestrengt gearbeitet und »bersten wolle, wenn er in der ganzen Zeit 'nen Tropfen gekostet und nicht so trocken sei wie ein Sandfaß«.

»Was meinst du, Oliver, woher der junge Mensch wohl kommt?« fragte der Jude grinsend, während Charley eine Branntweinflasche auf den Tisch stellte.

»Ich – ich kann's nicht sagen, Sir,« erwiderte Oliver.

»Wer ist denn der?« fragte Tom Chitling, Oliver verächtlich anblickend.

»Ein junger Freund von mir, mein Lieber,« antwortete Fagin.

»Dann hat er's gut genug,« bemerkte Tom, dem Juden einen bedeutsamen Blick zuwerfend. »Kümmre dich nicht darum, Bursch, woher ich komme; es gilt 'ne Krone, wirst bald genug selber da sein!«

Es wurde gelacht, Fagin flüsterte mit Tom, alle versammelten sich am Kamine, der Jude forderte Oliver auf, sich zu ihm zu setzen und lenkte das Gespräch auf Gegenstände, von welchen er erwarten konnte, daß seine Zuhörer den lebhaftesten Anteil daran nehmen würden; nämlich die großen Vorteile des Geschäfts, die Talente des Baldowerers, die Liebenswürdigkeit Charleys und die Freigebigkeit Fagins. Als sie erschöpft waren und Tom Chitling gleichfalls Zeichen der Erschöpftheit an den Tag legte (denn das Besserungshaus ermüdet sehr nach einigen Wochen), entfernte sich Miß Betsy, und die übrigen begaben sich zur Ruhe.

Von diesem Tage an wurde Oliver nur noch selten allein gelassen und in eine fortwährend enge Verbindung mit Jack und Charley gebracht, die mit dem Juden täglich das alte Spiel spielten – Fagin wußte am besten, ob zu ihrer eigenen oder Olivers Belehrung und Vervollkommnung. Zu anderen Zeiten erzählte ihnen Fagin Geschichten von Diebstählen und Räubereien, die er in seinen jüngeren Tagen begangen und mischte so viel Merkwürdiges, Spaßhaftes und Drolliges ein, daß Oliver sich oft nicht enthalten konnte, herzlich zu lachen und den Beweis zu liefern, daß er trotz seiner besseren Gefühle Wohlgefallen an diesen Geschichten fand.

Kurzum, der schlaue alte Jude hatte den Knaben sozusagen im Netze und war, nachdem er ihn durch Einsamkeit und die Qual derselben dahin gebracht, jede Gesellschaft seinen traurigen Gedanken in einem so öden, finsteren Hause vorzuziehen, eifrig darauf aus, seinem Herzen das Gift langsam einzuflößen, das, wie er hoffte, die Farbe desselben verändern und es für immer schwärzen sollte.

 

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