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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Siebzehntes Kapitel.

Olivers Schicksal bleibt fortwährend günstig.

In jedem guten Melodrama, in dem viel von Hauen und Stechen die Rede ist, wechseln auf der Bühne komische und tragische Szenen so regelmäßig, wie die roten und weißen Lagen eines Stücks durchwachsenen Specks. Diese Abwechselungen erscheinen uns abgeschmackt, sind indes keineswegs unnatürlich. Die Übergänge im wirklichen Leben von wohlbesetzten Tischen zu Sterbebetten oder von Trauer- zu Festtagskleidern sind nicht minder schroff oder gefühlverletzend – wir aber sind beschäftigte Mitspielende, statt bloßer Zuschauer, was einen unermeßlichen Unterschied bildet; den Schauspielern sind die plötzlichen Übergänge nicht auffällig, sie haben sozusagen keine Augen für dieselben, die von den Zuschauern verkehrt, unnatürlich, extravagant genannt werden. Verdamme mich daher nicht zu voreilig, geneigter Leser, wenn du in meinem Buche einen häufigen Wechsel des Schauplatzes und der Szenen findest, sondern erzeige mir die Gunst, zu prüfen, ob ich recht oder unrecht dabei gehabt habe. Meine Erzählung soll meiner Absicht nach wahr sein und ohne unnötige Abschweifungen auf ihr Ziel lossteuern. Ich bitte, folge mir für jetzt vertrauensvoll nach der Stadt, in welcher mein kleiner Held das Licht der Welt erblickte.

Mr. Bumble trat eines Morgens früh aus dem Armenhause mit der wichtigsten Miene heraus und durchschritt die Straßen mit einer Haltung und einem Wesen, daß man es ihm sogleich ansah, sein Inneres war von Gedanken erfüllt, zu groß, um sie aussprechen zu können. Er hielt sich nicht unterwegs auf, um sich mit den kleinen Krämern und anderen, die ihn anredeten, in herablassender Weise zu unterhalten, sondern erwiderte ihre Begrüßungen nur mit einer hoheitsvollen Handbewegung und hemmte seinen würdevollen Schritt erst, als er vor der Anstalt stand, in der Mrs. Mann die Armenkinder mit parochialer Sorgfalt pflegte.

»Dieser verwünschte Kirchspieldiener!« sagte Mrs. Mann zu sich selbst, als sie das bekannte Rütteln an der Pforte hörte. »Ob er nicht schon in aller Herrgottsfrühe herauskommt! Schau, Mr. Bumble, soeben habe ich an Sie gedacht. Ja, verehrter Herr, es ist mir ein wirkliches Vergnügen, Sie wieder einmal zu sehen! Treten Sie, bitte, näher.«

Der erste Satz war zu Susanne gesprochen worden, die Freudenbezeigungen dagegen zu Mr. Bumble, als die gute Dame die Gartenpforte öffnete und ihn mit großer Höflichkeit und Ehrerbietung ins Haus nötigte.

»Mrs. Mann,« sagte Mr. Bumble, indem er sich mit großer Feierlichkeit und Würde auf einen Stuhl niederließ, »Mrs. Mann, Ma'am, ich biete Ihnen einen guten Morgen.«

»Ich danke Ihnen und biete Ihnen auch meinerseits einen guten Morgen,« erwiderte Mrs. Mann freundlich lächelnd; »ich hoffe, Sie befinden sich wohl, Sir.«

»So – so, Mrs. Mann,« antwortete der Kirchspieldiener; »man ist in der Parochie nicht immer auf Rosen gebettet.«

»Ach ja, das ist man in der Tat nicht,« versetzte die Dame, und alle Armenkinder würden ihr laut beigepflichtet haben, falls sie ihre Worte gehört hätten.

»Ein Leben im Dienste der Parochie,« fuhr Mr. Bumble fort, »ist ein Leben voller Mühseligkeiten und Plagen, Ma'am; aber alle öffentlichen Charaktere, darf ich wohl sagen, müssen unter Verfolgungen leiden.«

Mrs. Mann, die nicht genau wußte, was der Kirchspieldiener meinte, erhob ihre Hände mit einem Seufzer des Einverständnisses.

»Ach ja,« bemerkte Mr. Bumble, »Sie haben wohl ein Recht zu seufzen, Ma'am.«

Da Mrs. Mann fand, sie habe richtig gehandelt, seufzte sie von neuem, offenbar zur Befriedigung des »öffentlichen Charakters«; denn Mr. Bumble sagte, ein wohlgefälliges Lächeln unterdrückend: »Mrs. Mann, ich gehe nach London.«

»Was Sie sagen, Mr. Bumble!« erwiderte Mrs. Mann erstaunt.

»Nach London, Ma'am,« wiederholte der Kirchspieldiener unerschütterlich, »und zwar in einer Postkutsche. Ich und zwei Arme, Mrs. Mann.«

»Sie benutzen eine Postkutsche, Sir?« fragte Mrs. Mann. »Ich glaubte, es wäre immer üblich, Arme auf offenen Karren zu verschicken.«

»Das geschieht, wenn sie krank sind,« entgegnete der Kirchspieldiener; »wir setzen die kranken Armen bei Regenwetter auf offene Karren, damit sie sich nicht erkälten. Die Postkutsche nimmt diese beiden außerdem um ein sehr Billiges mit, und wir finden, es kommt uns um zwei Pfund wohlfeiler zu stehen, wenn wir sie in ein anderes Kirchspiel schaffen können, als wenn wir sie hier begraben müssen. Hahaha! – Aber wir vergessen das Geschäft, Ma'am,« fuhr er ernst werdend fort; »hier ist das Kostgeld für den Monat.«

Mr. Bumble holte eine kleine Rolle mit Silbergeld aus seiner Brieftasche hervor und bat um eine Quittung; Mrs. Mann schrieb sie sofort.

»Ich danke Ihnen recht sehr, Mr. Bumble; ich bin Ihnen in der Tat für Ihre Liebenswürdigkeit sehr verbunden.«

Mr. Bumble nickte gnädig in Anerkennung der Höflichkeit Mrs. Manns und erkundigte sich sodann nach dem Befinden der Kinder.

»Gott segne ihre lieben kleinen Herzchen,« erwiderte Mrs. Mann bewegt; »sie befinden sich den Umständen angemessen wohl, die lieben Kleinen! Natürlich bis auf die zwei, die vergangene Woche gestorben sind, und den kleinen Dick.«

»Geht es mit dem Jungen immer noch nicht besser?« fragte Mr. Bumble.

Mrs. Mann schüttelte den Kopf.

»Er ist ein schlecht beanlagtes, lasterhaftes Parochialkind mit üblen Angewohnheiten,« sagte Mr. Bumble ärgerlich. »Wo ist er?«

»Ich werde ihn Ihnen in einer Minute herbringen, Sir,« gab Mrs. Mann zur Antwort.

Nach einigem Suchen wurde Dick entdeckt und nach gründlicher Säuberung unter der Pumpe Mr. Bumble vorgeführt.

Das Kind war bleich und mager; seine Wangen waren eingesunken und seine Augen groß und fieberisch glänzend. Die armselige Parochialkleidung, die Livree seines Elends, hing schlotternd um seinen schwächlichen Körper, und seine jungen Glieder waren welk wie die eines alten Mannes.

»Wie geht es dir?« fragte Mr. Bumble den Knaben, der zitternd dastand und seine Augen nicht vom Fußboden zu erheben vermochte.

»Ich glaube, daß ich bald sterben muß,« erwiderte der kleine Patient, »und ich freue mich auch recht darauf, denn ich habe ja keine Freude hier. Sagen Sie doch Oliver Twist, wenn ich erst tot bin, ich hätte ihn sehr lieb gehabt und tausendmal an ihn gedacht, wie er allein und hilflos umherwandern müßte –«

Er hatte die Worte mit einer Art von Verzweiflung gesprochen, ohne sich durch Frau Manns pantomimische Drohungen irren zu lassen; doch erstickten endlich Tränen seine Stimme.

»Frau Mann,« bemerkte Bumble, »ich sehe wohl, der eine ist wie der andere. Sie sind samt und sonders durch den Taugenichts Oliver Twist verführt und verdorben worden. Ich werde dem Direktorium Anzeige von dem Falle machen, damit strengere Maßregeln angeordnet werden. Lassen Sie ihn sogleich wieder hinausbringen!«

Dick wurde in den Kohlenkeller gebracht, und Bumble begab sich wieder zur Stadt zurück, wo er sich in kürzester Frist reisefertig machte und mit den beiden nach London zu schaffenden Armen die bestellten Außenplätze der Postkutsche einnahm. Die beiden Armen klagten viel über Kälte; Bumble hüllte sich dicht in seinen Mantel, philosophierte ziemlich mißvergnügt über den Undank und die unablässigen unzufriedenen Klagen der Menschen und fühlte sich erst wieder recht behaglich, als er in dem Gasthause, in welchem die Kutsche anhielt, sein gutes Abendessen eingenommen, seinen Stuhl an den Kamin gestellt hatte, sich niederließ und ein Zeitungsblatt zur Hand nahm. Wer beschreibt sein Erstaunen, als er gleich darauf nachstehenden Artikel fand.

»Fünf Guineen Belohnung.

Am vergangenen Donnerstag abend hat sich ein Knabe, Namens Oliver Twist, aus seiner Wohnung in Pentonville entfernt und mit oder ohne seine Schuld nichts wieder von sich hören lassen. Es werden hierdurch demjenigen fünf Guineen geboten, der eine Mitteilung zu machen geneigt und imstande ist, die zur Wiederauffindung des besagten Oliver Twist führen kann, oder über denselben, seine Herkunft usw. genauere Auskunft gibt.«

Diesem Anerbieten folgte eine genaue Beschreibung Olivers und Mr. Brownlows Adresse. Bumble las dreimal mit großem Bedacht, faßte darauf rasch seinen Entschluß und war nach wenigen Minuten auf dem Wege nach Pentonville. Im Hause Mr. Brownlows angelangt, kündigte er sogleich den Zweck seines Besuchs an. Frau Bedwin war außer sich vor Freude und Rührung, erklärte, es immer gewußt und gesagt zu haben, daß Oliver bald wiedergefunden werden würde, brach in Tränen aus, und die Magd eilte zu Mr. Brownlow hinauf, der ihr gebot, den Angemeldeten augenblicklich hereinzuführen.

Bumble trat ein, und Mr. Grimwig, der sich zufällig bei seinem Freunde befand, faßte ihn scharf in das Auge und rief aus: »Ein Kirchspieldiener – so wahr ich lebe, ein Kirchspieldiener!«

»Ich bitte, lieber Freund, jetzt keine Unterbrechung,« sagte Brownlow. »Setzen Sie sich, Sir. – Sie kommen zu mir infolge der Anzeige, die ich in verschiedenen Blättern habe einrücken lassen?«

»Ja, Sir.«

»Sie sind ein Kirchspieldiener?«

»Ja, Sir,« erwiderte Bumble stolz.

»Wissen Sie, wo sich das arme Kind gegenwärtig befindet?« fragte Brownlow ziemlich ungeduldig.

»Nein, Sir.«

»Was wissen Sie denn aber von ihm? Reden Sie, wenn Sie etwas zu sagen haben. Was wissen Sie von ihm?«

»Sie werden wohl eben nicht viel Gutes von ihm wissen?« fiel Grimwig kaustisch ein, nachdem er Bumbles Mienen sorgfältig geprüft hatte.

Bumble erkannte sogleich mit großem Scharfsinne den Wunsch des Herrn, Ungünstiges über Oliver zu vernehmen, und antwortete durch ein feierlich-bedenkliches Kopfschütteln.

»Sehen Sie wohl?« sagte Grimwig zu Brownlow mit einem triumphierenden Blicke.

Brownlow sah Bumble besorgt an und forderte ihn auf, was er von Oliver wüßte, in möglichst kurzen Worten mitzuteilen. Bumble räusperte sich und begann. Er sprach mit umständlicher Weitschweifigkeit; der kurze Sinn von allem, was er vorbrachte, war, Oliver sei ein armer Kirchspielknabe von armen und lasterhaften Eltern, habe von seiner Geburt an nur Falschheit, Bosheit und Undankbarkeit gezeigt und seiner Gottlosigkeit dadurch die Krone aufgesetzt, daß er einen mörderischen und feigherzigen Angriff auf einen harmlosen Knaben gemacht habe und darauf seinem Lehrherrn entlaufen sei.

»Ich fürchte, daß Ihre Angaben nur zu wahr sind,« sagte Brownlow traurig; »hier sind die fünf Guineen. Ich würde Ihnen gern dreimal so viel gegeben haben, wenn Sie mir etwas Vorteilhafteres über den Knaben hätten sagen können.«

Hätte Brownlow das früher gesagt, so würde Bumble seinem Berichte wahrscheinlich eine ganz andere Färbung gegeben haben. Es war jedoch zu spät, er schüttelte daher mit bedeutsamer Miene den Kopf, steckte die fünf Guineen ein und ging.

Mr. Brownlow war so niedergeschlagen, daß selbst Grimwig ihn nicht noch mehr betrüben mochte. Er zog endlich heftig die Klingelschnur. »Frau Bedwin,« sagte er, als die Haushälterin eintrat, »der Knabe, der Oliver, war ein Betrüger.«

»Das kann nicht sein, Sir; kann nicht sein,« entgegnete Frau Bedwin nachdrücklich.

»Ich sage Ihnen aber, daß es so ist. Wir haben soeben einen genauen Bericht über ihn angehört. Er ist von seiner ersten Kindheit an durch und durch verderbt gewesen.«

»Und ich glaube es doch nicht, Sir – nimmermehr, Sir,« erwiderte Frau Bedwin bestimmt.

»Ihr alten Weiber glaubt an nichts als an Quacksalber und Lügengeschichten,« fiel Grimwig mürrisch ein. »Ich hab's von Anfang an gewußt. Warum hörten Sie nicht sogleich auf meine Meinung und meinen Rat? Sie würden es sicher getan haben, wenn der kleine Schelm nicht am Fieber krank gelegen hätte!«

»Er war kein Schelm,« entgegnete Frau Bedwin sehr unwillig, »sondern ein sehr liebes, gutes Kind. Ich verstehe mich auf Kinder sehr wohl, Sir, seit vierzehn Jahren, Sir; und wer nie Kinder gehabt hat, darf gar nicht mitreden über sie – das ist meine Meinung, Sir!«

Mr. Grimwig lächelte nur, und Frau Bedwin war im Begriff, fortzufahren, allein Brownlow kam ihr zuvor.

»Schweigen Sie!« sagte er mit einer Entrüstung in Ton und Mienen, die freilich seinen Gefühlen vollkommen fremd war. »Sie erwähnen den Knaben nie wieder; ich habe geklingelt, um Ihnen das zu sagen. Hören Sie – nie – niemals, und unter keinerlei Vorwande. Sie können gehen – und wohl zu merken, ich habe im Ernst gesprochen!«

In Mr. Brownlows Hause waren betrübte Herzen an diesem Abende, und Oliver zagte das Herz gleichfalls, als er seiner gütigen Beschützer und Freunde gedachte. Es war indes gut für ihn, daß er nicht wußte, was sie über ihn gehört; er hätte die Nacht vielleicht nicht überlebt.

 

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