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Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt

Charles Dickens: Oliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorCharles Dickens
titleOliver Twist.Aus dem Englischen von Julius Seybt
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
translatorJulius Seybt
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150717
modified20180917
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Fünfzehntes Kapitel.

Was Oliver auf dem Wege zum Buchhändler begegnete.

Olivers Rückkehr wurde beiden Herren immer zweifelhafter, zu Grimwigs Triumph und Brownlows tiefer Betrübnis. Ich hätte nun hier in meinem Prosaepos die kostbarste Veranlassung, die Leser mit vielen weisen Betrachtungen über die offenbare Unklugheit zu unterhalten, seinen Mitmenschen Gutes zu erweisen ohne Aussicht auf irdischen Lohn, oder vielmehr darüber, wie sehr es die Klugheit erfordere, in einem besonders hoffnungslosen Falle einige Liebe und Menschenfreundlichkeit an den Tag zu legen, und sodann dergleichen Schwachheiten für immer abzulegen. Die Vorteile liegen auf der Hand. Hält sich der, dem ihr unter die Arme gegriffen, gut und dient ihm euer geleisteter Beistand zum Wohlergehen, so erhebt er euch bis in den Himmel, ihr werdet sehr geachtete Leute und gelangt in den Ruf, unendlich viel Gutes im Verborgenen zu tun, wovon nur der zwanzigste Teil bekannt werde; zeigt er sich als ein Undankbarer und Nichtswürdiger, so habt ihr euch in die vortreffliche Stellung gebracht, daß man euch nachsagt, ihr hättet euch höchst uneigennützig, mildtätig und dienstfertig erwiesen, wäret nur durch erfahrenen Undank und Verrat menschenfeindlich geworden und man könne euch euer Gelübde nicht verdenken, nie wieder einem Menschenkinde beizuspringen, um nicht durch abermalige Täuschungen verletzt zu werden. Ich kenne eine Menge Personen, welche die angegebene Klugheitsregel befolgt haben, und kann versichern, daß sie in der allgemeinsten und natürlich verdientesten Achtung stehen.

Brownlow gehörte indes zu ihrer Zahl nicht, denn er blieb hartnäckig dabei, Gutes zu tun um des Guten selbst und um der Herzensberuhigung und Freude willen, die es ihm gewährte. Täuschungen raubten ihm sein Vertrauen und seine Milde und seine Menschenfreundlichkeit nicht, und Undankbarkeit von seiten einzelner führte ihn nicht zu dem Entschlusse, sich dafür an der ganzen leidenden Menschheit zu rächen. Ich werde daher die fraglichen vielen weisen Betrachtungen unangestellt lassen, und sollte dieser Grund ungenügend erscheinen, so kann ich noch hinzufügen, daß es obenein gänzlich außer meiner ursprünglichen Absicht liegt.

Im finsteren Gastzimmer einer kläglichen Winkelschenke, gelegen in der schmutzigsten Gasse von Little Saffron Hill, saß bei einem Bierkruge und Branntweinglase ein Mann, in welchem trotz dem herrschenden Halbdunkel kein irgend erfahrener Polizeiagent Bill Sikes verkannt haben würde. Zu seinen Füßen lag sein weißer, rotäugiger Hund, und sei es, daß Bill seine Zeit nicht besser anzuwenden wußte, oder daß er seine üble Laune an irgendeinem Gegenstände auszulassen wünschte, genug, er versetzte dem Tiere einen derben Fußtritt. Dem Hunde mißfiel der offenbare Mutwille dieser Behandlung so sehr, daß er nach seines Herrn Beine schnappte, Bill ergriff wütend das Schüreisen und sein Messer, als die Tür sich auftat und der Hund hinausschoß. Zu einem Streite gehören dem Sprichworte gemäß zwei, und Bill setzte daher den einmal begonnenen sogleich mit dem Eintretenden fort.

»Verdammter Jude, was trittst du zwischen mich und meinen Hund?« schrie er ihm entgegen.

»Ich wußt's ja nicht, mein Lieber, wußt's ja nicht, daß Ihr wolltet dem Hunde zu Leibe,« erwiderte Fagin demütig.

»Spitzbube, hast du den Lärm nicht gehört?«

»So wahr mir Gott gnädig ist, nein, Bill, nicht 'nen einzigen Laut.«

»Ja freilich, du hörst nichts, gar nichts,« entgegnete Sikes höhnisch; »ebenso wie du selbst ein- und ausschleichst, ohne daß man dich hört. Ich wollte nur, daß du jetzt der Hund wärst.«

»Warum denn?« fragte Fagin mit einem gezwungenen Lächeln.

»Weil die Regierung, die das Leben solcher Halunken schützt, wie du einer bist, und die nicht halb so viel Mut haben, wie die schlechtesten Hunde, jedermann erlaubt, seinen Hund abzuschlachten, wenn's ihm beliebt – darum!« erwiderte Sikes, sein Messer mit einem sehr bedeutungsvollen Blicke wieder einsteckend.

Der Jude rieb sich die Hände, setzte sich an den Tisch und zwang sich, über die Spaßhaftigkeit seines Freundes zu lachen, jedoch war ihm offenbar dabei nicht besonders wohl zumute.

»Grinse nur, ja grinse nur,« sagte Sikes, ihn mit verächtlichem Trotze anblickend; »über mich sollst du doch nicht lachen, es müßte denn unter der Nachtmütze sein am Galgen. Ich habe die Hand oben, Fagin, und will verdammt sein, wenn ich dir den Daumen nicht aufm Auge halte. Baumele ich, baumelst du auch; also hüte dich vor mir und trag' hübsch Sorge für mich.«

»Schon gut, mein Lieber,« fiel der Jude ein; »ich weiß das alles; Gewinn und Gefahr ist gemeinschaftlich bei uns.«

»Hm!« murrte Sikes, als wenn er dächte, der Gewinn möchte wohl zumeist auf des Juden Seite sein. »Was hast du mir denn aber zu sagen?«

»'s ist alles in den Schmelztiegel gewandert und glücklich wieder heraus – da ist Euer Anteil. Ihr erhaltet eigentlich mehr, als Ihr solltet, mein Lieber; doch da ich weiß, daß Ihr mir schon 'mal wieder sein werdet gefällig, und –«

»Haltet ein mit dem Schwätzen,« unterbrach ihn Sikes ungeduldig. »Wo ist's? Her damit!«

»Ja, ja doch, Bill; gönnt mir nur Zeit. Da ist's,« versetzte Fagin, zog ein altes baumwollenes Taschentuch hervor, knöpfte einen Knoten auf und reichte Sikes ein Päckchen, der es öffnete und die Goldstücke hastig zu zählen anfing.

»Ist das alles?« fragte Sikes.

»Ja, alles.«

»Hast du auch das Päckchen nicht aufgemacht auf dem Wege und ein paar Stück verschluckt? Stell' dich nur nicht beleidigt – hast's ja schon oft getan. Greif' an den Bimbam.«

Fagin klingelte, und es erschien ein anderer Jude, der jünger war, aber nicht weniger abstoßend und spitzbübisch aussah. Sikes wies stumm nach dem leeren Kruge hin. Jener Verstand den Wink und ging wieder hinaus, jedoch nicht ohne Fagin vorher einen Blick zugeworfen zu haben, den dieser durch ein kaum bemerkbares Kopfschütteln beantwortete. Sikes hatte sich zufällig gebückt; hätte er den Blick des einen und das Kopfschütteln des andern Juden gewahrt, so möchte er der Meinung gewesen sein, daß ihm diese Pantomimen nichts Gutes bedeuteten.

»Ist niemand hier, Barney?« fragte Fagin den wieder eintretenden Juden.

»Bloß Miß Nancy.«

»Schick' sie herein,« sagte Sikes.

Barney blickte Fagin fragend an, ging und kehrte gleich darauf mit Nancy zurück.

»Du bist auf der Spur, Nancy, nicht wahr, mein Engel?« fragte Bill und reichte ihr ein gefülltes Glas.

»Ja, Bill,« erwiderte die junge Dame, nachdem sie das Glas geleert hatte; »Hab' aber Mühe genug gehabt. Er ist krank gewesen und –«

Nancy bemerkte ein Augenzwinkern Fagins, das eine Warnung vor übergroßer Mitteilsamkeit zu bedeuten schien. Sie brach ab und fing an von anderen Gegenständen zu reden. Nach zehn Minuten bekam Fagin einen Husten, worauf Nancy erklärte, daß es Zeit sei, zu gehen. Sikes sagte, daß er sie eine Strecke begleiten wolle, da er denselben Weg habe. Sie entfernten sich daher miteinander. Der Hund folgte in einiger Entfernung. Fagin sah Sikes durch das Fenster nach, schüttelte die geballte Faust hinter ihm, murmelte eine grimmige Verwünschung, setzte sich mit einem schauerlichen Grinsen wieder an den Tisch und war bald darauf in die Lektüre des Londoner Polizeiblattes vertieft.

Oliver befand sich unterdes auf dem Wege zum Buchhändler, ohne zu ahnen, daß er dem lustigen alten Juden so nahe wäre. Er geriet in eine Nebengasse unweit Clerkenwell, bemerkte seinen Irrtum erst, als er sie bereits über die Hälfte durchwandert hatte und hielt es für das beste, um keine Zeit zu verlieren, ihr zu folgen, da sie ihn, wie er meinte, auch an sein Ziel führen müsse. Er trabte munter vorwärts und dachte an sein Glück, und was er darum geben würde, wenn er den armen kleinen Dick daran teilnehmen lassen könnte, als er durch den lauten Ruf: »O mein lieber kleiner Bruder!« aus seinen Träumereien aufgeschreckt wurde. Als er aufblickte, umschlossen ihn schon die Arme eines jungen Mädchens.

»Lassen Sie mich los,« rief Oliver sich sträubend. »Wer sind Sie? Was halten Sie mich an?«

Die einzige Antwort darauf war ein Schwall lauter Klagen von seiten des jungen Mädchens, das einen kleinen Korb und einen Hausschlüssel in der Hand hatte.

»O gütiger Himmel!« rief das Mädchen aus. »Endlich hab' ich dich gefunden. Ach, Oliver, o du böser Junge, was hab' ich um deinetwillen ausgestanden! Gott sei Dank, daß ich dich endlich gefunden habe!«

Das junge Frauenzimmer brach in eine Tränenflut aus und schien so heftige Krämpfe zu bekommen, daß ein paar mitleidige Frauen einen dastehenden Fleischerburschen fragten, ob er nicht meinte, daß er zu einem Doktor laufen müsse, worauf der Fleischerbursche, der eine sehr große Ruhe, wo nicht ein beträchtliches Phlegma zu besitzen schien, erwiderte, daß seine Meinung nicht dahin ginge.

»Nein, nein, laßt mich nur,« rief jetzt auch das junge Mädchen; »ich fühle mich schon besser. Und nun komm, mein Junge, geh' sogleich mit mir, mein böser kleiner Liebling.«

»Was gibt's denn?« fragte eine der umstehenden Frauen.

»Ach, er ist vor vier Wochen seinen Eltern entlaufen, guten Leuten, die sich redlich von ihrer Hände Arbeit nähren, und hat sich unter Gauner und Landstreicher begeben, daß seine Mutter fast vor Kummer gestorben wäre.«

»O, du kleiner Taugenichts! – Mach', daß du nach Hause kommst, du ungeratener Bengel!« riefen die Weiber.

»Ich bin meinen Eltern nicht entlaufen!« rief Oliver in großer Angst. »Ich habe weder Schwester noch Eltern. Ich bin eine Waise und wohne in Pentonville.«

»Ach du gütiger Himmel, wie trotzig er schon geworden ist!« schluchzte das junge Mädchen.

»Ei, Nancy!« rief Oliver, der jetzt erst ihr Gesicht sah, im höchsten Erstaunen aus.

»Sie sehen, er kennt mich,« sagte Nancy. »Helfen Sie mir ihn nach Hause bringen, lieben Leute; seine Eltern und wir alle sterben sonst noch vor Kummer über ihn.«

»Zu allen Teufeln, was ist das hier?« schrie ein aus einem Bierladen hervorstürzender Mann. »Oliver, Satansbrut, komm augenblicklich mit nach Hause zu deiner armen Mutter. Sofort kommst du mit!«

»Ich gehöre nicht zu ihnen. Ich kenne sie nicht, Hilfe, Hilfe!« rief Oliver, indem er sich unter dem festen Griff des Mannes verzweifelt wand.

»Hilfe!« polterte Sikes. »Ich will dir gleich helfen. Was sind das für Bücher? – Ohne Zweifel gestohlen – her damit!«

Er entriß ihm das Päckchen und versetzte ihm damit einen heftigen Schlag auf den Kopf.

»So ist's recht; das wird ihn schon wieder zur Besinnung bringen,« riefen die Weiber.

»Sollt's auch meinen,« rief der Mann, gab Oliver noch ein paar Schläge auf den Kopf und packte ihn beim Kragen. »Komm, du kleiner Taugenichts! Hier, Tyras, paß auf ihn auf! Paß auf!«

Noch geschwächt von seiner Krankheit, betäubt durch die Schläge und das Überraschende des ganzen Vorgangs, in Schrecken gesetzt durch das Knurren des Hundes und die Brutalität des baumstarken Mannes, und überwältigt durch den Beifall, den die Umstehenden seinen Angreifern gaben – was konnte das geängstete Kind tun? Es war dunkel geworden, die Gasse sah an sich selbst schon verdächtig aus, Hilfe war nirgends zu erblicken, Widerstand nutzlos. Ohne recht zu wissen, wie ihm geschah, fühlte sich Oliver durch ein Labyrinth von engen Straßen geschleppt, und sein jeweiliges Rufen verhallte um so mehr, da er so schnell fortgerissen wurde, daß er keinen Augenblick zu Atem kommen konnte; doch würde es auch von niemand beobachtet worden sein.


Die Gaslampen waren angezündet; Frau Bedwin erwartete mit herzpochender Ungeduld, daß die Haustür sich auftun sollte; die Magd war zwanzigmal die Straße hinuntergelaufen, um nach Oliver auszusehen; die beiden alten Herren saßen beharrlich im Dunkeln neben der zwischen ihnen liegenden Uhr.

 

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