Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charles Dickens >

Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 53
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
Schließen

Navigation:

Zweiundfünfzigstes Kapitel

Fagins letzte Stunden.

 

Der Schwurgerichtssaal war brechend voll, aller Augen waren auf den Juden gerichtet. Dieser stand mit der Hand am Ohre, den Kopf vorgestreckt, in der Anklagebank, um kein Wort des Staatsanwalts zu verlieren, als dieser die Anklage dem Gerichtshof vortrug. Bisweilen sah Fagin scharf zu den Geschworenen hinüber, um den Eindruck auch nur des geringsten zu seinen Gunsten sprechenden Wortes zu erspähen, dann blickte er mit stummer Bitte auf seinen Verteidiger, doch etwas für ihn vorzubringen, wenn der Ankläger streng mit ihm ins Gericht ging. Seit dem Beginn der Verhandlung hatte er weder Hand noch Fuß bewegt, und als der Staatsanwalt jetzt zu sprechen aufhörte, blieb er noch in derselben Stellung des angstvoll Horchenden, als höre er ihn immer noch reden.

Ein kleines Geräusch im Gerichtssaal brachte ihn wieder zu sich, und als er sich umsah, sah er die Geschworenen zu einer Beratung zusammentreten. Ein Blick in den Zuhörerraum zeigte ihm, daß sich die Leute auf die Zehenspitzen stellten, um sein Gesicht zu sehen. Aber auch nicht in einem Antlitz, nicht einmal unter den Weibern, konnte er die leiseste Spur von Mitleid oder von einem anderen Gefühl lesen als den Wunsch, ihn verurteilt zu sehen.

Wieder trat Totenstille ein – die Geschworenen hatten sich an den Richter gewandt. Horch! Sie baten um die Erlaubnis, sich ins Beratungszimmer zurückziehen zu dürfen.

Er sah ihnen forschend ins Gesicht, als sie abtraten. Wohin wohl die Stimmung der Mehrheit neige, aber er konnte nichts feststellen. Der Gerichtsdiener berührte ihn an der Schulter. Er folgte ihm mechanisch in den Hintergrund der Anklagebank und setzte sich auf einen Stuhl nieder.

Er blickte wieder in den Zuhörerraum. Einige der Leute aßen, während andere sich mit den Taschentüchern Kühlung zufächelten, denn es war im Saal drückend heiß. Da war ein junger Mann, der sein Gesicht auf einen Block zeichnete, er hätte wissen mögen, ob er ähnlich würde. Dann begann sich sein Geist mit dem Anzuge des Richters zu beschäftigen, was er wohl gekostet haben möchte. Auf der Richterbank hatte auch ein dicker alter Herr gesessen, der vor einer halben Stunde hinausgegangen und nun wieder zurückgekommen war. Fagin überlegte, ob dieser Mann wohl in der Zwischenzeit zu Mittag gespeist, und was er wohl gegessen hätte.

Er war allerdings die ganze Zeit über keinen Augenblick von dem drückenden Gefühle frei, daß das Grab zu seinen Füßen gähnte. Er fing nun an, die Stäbe des Gitters zu zählen, das die Anklagebank umgab. Er überlegte, wie es wohl zugegangen sein möchte, daß die Spitze des einen abgebrochen war, und ob man sie wohl wieder ersetzen würde. Dann dachte er an alle Schrecken des Galgens und Schafotts, bis ein Mann, der den Boden des Saales mit Wasser besprengte, ihn wieder von diesem Gedanken ablenkte.

Endlich wurde Schweigen geboten und alles blickte erwartungsvoll nach der Tür. Die Geschworenen kehrten zurück und kamen dicht an dem Angeklagten vorbei. Er konnte in ihren Gesichtern nichts lesen, sie waren wie von Stein. Es trat Totenstille ein, keine Bewegung, Stocken des Atems. Schuldig!

Das Gebäude erbebte von Beifallsrufen, die sich verschiedenemal wiederholten. Dann hallte ein dumpfes, schweres, stets zunehmendes Getöse, einem zürnenden Donner gleich, von außen nach. Es war das Freudengeschrei des Volkes draußen, womit es die Nachricht begrüßte, daß der Jude am Montag sterben werde.

Nachdem sich der Lärm gelegt hatte, wurde Fagin gefragt, ob er etwas vorzubringen hätte, was der Vollstreckung des Todesurteils Einhalt gebieten könne. Er hatte seine horchende Stellung wieder eingenommen und sah den Richter gespannt an. Dieser mußte die Frage wiederholen, ehe sie der Jude zu verstehen schien. Fagin murmelte bloß, er wäre ein alter Mann, ein alter Mann, wobei sich seine Stimme in ein leises Flüstern verlor, bis sie schließlich ganz erstarb.

Der Richter setzte die schwarze Mütze auf, während der Gefangene noch immer in der gleichen Haltung dastand. Der Urteilsspruch war schauerlich anzuhören, aber der Verurteilte stand wie eine Bildsäule da, ohne daß ein Muskel in seinem Gesicht zuckte. Als ihn der Gerichtsdiener beim Arm nahm und ihm winkte, sah er ihn zuerst stumpfsinnig an, gehorchte aber dann.

Man führte ihn durch einen gepflasterten Gang in das Innere des Gefängnisgebäudes. Hier wurde er untersucht, ob er nicht vielleicht Mittel bei sich träge, dem Gesetze vorzugreifen. Dann brachte man ihn in eine der für die zum Tode Verurteilten bestimmten Zellen und ließ ihn allein.

Er setzte sich der Tür gegenüber auf eine steinerne Bank, die als Stuhl und Bett dienen mußte, heftete seine blutunterlaufenen Augen auf den Boden und wollte seine Gedanken sammeln. Nach einer Weile begann er sich einiger zusammenhängender Bruchstücke von dem, was der Richter gesprochen, zu entsinnen. Er brachte sie in die richtige Ordnung und suchte das Fehlende zu ergänzen; in kurzer Zeit stand das Ganze fast so, wie er es angehört hatte, vor ihm. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre, lautete der Schluß. Aufgehängt zu werden am Halse, bis er tot wäre.

Als es immer dunkler und dunkler wurde, begann er sich aller seiner Bekannten, die am Galgen geendet – einige sogar durch seine Schuld –, zu entsinnen. Er hatte manche von ihnen sterben sehen und ihrer gespottet, weil sie mit Gebeten auf den Lippen hinübergingen. Wie plötzlich waren sie aus gesunden, kräftigen Männern in baumelnde, bekleidete Fleischklumpen verwandelt worden!

Einige von ihnen hatten vielleicht dieselbe Zelle bewohnt – hatten auf derselben Stelle gesessen. Es war sehr dunkel – warum brachte man kein Licht? Die Zelle war vor vielen Jahren erbaut – Dutzende von Verbrechern mußten hier ihre letzten Stunden zugebracht haben! Es war ihm, als sitze er in einem mit Leichen angefüllten Gewölbe, der Strick, die gefesselten Arme, die Armesünderkappe, die Gesichter, die er selbst unter diesem gräßlichen Schleier erkannte. Licht! Licht!

Endlich erschienen zwei Männer, von denen der eine ein Licht brachte, das er in einen eisernen, in der Mauer befindlichen Leuchter steckte, während der andere eine Matratze hereinschleppte, um die Nacht darauf zu schlafen; denn der Gefangene sollte fortan nicht mehr allein gelassen werden.

Die Nacht kam, die finstere, schauerliche, schweigende Nacht. Andere Wachende freuen sich, wenn sie die Uhren von den Kirchtürmen schlagen hören, verkünden sie doch den kommenden Tag und neues Leben. Dem Juden brachten sie Verzweiflung. Jeder Glockenschlag rief ihm im hohlen Tone zu: Tod!

Der Tag entschwand – Tag? Es war kein Tag! Er war so schnell dahin, als er gekommen war. Und abermals brach die Nacht herein – eine Nacht, so lang und doch so kurz. Lang in ihrem schrecklichen Schweigen, und kurz in ihren flüchtigen Stunden. Das eine Mal raste er und lästerte Gott, dann heulte er wieder und raufte sich die Haare. Rabbiner waren gekommen, um mit ihm zu beten, er hatte sie jedoch mit Flüchen fortgejagt. Sie erneuerten ihre gutgemeinten Versuche, aber er schlug nach ihnen.

Sonnabend nacht – er hatte nur noch eine Nacht zu leben. Unter solchen Gedanken graute der Morgen.

Sonntag!

Erst am Abend dieses letzten schrecklichen Tages bemächtigte sich seiner ein zu Boden drückendes Gefühl seiner hoffnungslosen Lage. Er sprang alle Augenblicke auf und raste mit keuchendem Atem auf und nieder. Dann kauerte er sich ermüdet auf sein Steinlager nieder und gedachte der Vergangenheit. Er war am Tage seiner Verhaftung durch die Steinwürfe des Volkes verwundet worden und hatte daher den Kopf mit einem Tuche verbunden. Sein rotes Haar hing über ein blutleeres Gesicht, in seinen Augen brannte ein schreckliches Feuer. Acht – neun – zehn. Wenn es nicht Absicht war, ihn so zu schrecken, wenn die Stunden wirklich so eilten, wo mußte er sein, wenn sie abermals schlugen? Elf! Um acht Uhr sollte er der einzige Leidtragende bei seinem eigenen Leichenbegängnis sein. Wenn es aber wieder elf Uhr schlug –.

Vom frühen Abend bis um Mitternacht erschienen unaufhörlich Leute am Gefängnistor und fragten mit besorgtem Gesicht, ob ein Aufschub der Hinrichtung verfügt sei. Auf die verneinende Antwort des Pförtners teilten sie die willkommene Botschaft den auf der Straße Wartenden mit. Diese zeigten einander die Tür, aus der der Verurteilte kommen mußte, und die Stelle, wo der Galgen errichtet werden würde. Nach und nach verliefen sich die Massen und um Mitternacht lag der Platz im Dunkeln.

Um diese Zeit erschien Herr Brownlow mit Oliver am Gefängnistor und wies eine vom Sheriff ausgestellte Erlaubniskarte vor, den Gefangenen besuchen zu dürfen. Sie wurden unverzüglich eingelassen.

»Will der junge Herr da auch mit?« fragte der Schließer. »Es ist kein Anblick für Kinder.«

»Allerdings nicht, lieber Freund, aber was ich mit dem Verbrecher abzumachen habe, hat Bezug auf den Knaben. Er hat ihn als erfolgreichen Spitzbuben gekannt, und ich halte es für ganz gut, wenn er ihn auch jetzt sieht, mag es ihm immerhin peinlich sein.«

Diese Worte wurden so leise gesprochen, daß sie Oliver nicht hören konnte. Der Schließer berührte seinen Hut und blickte neugierig nach dem Jungen hin, dann öffnete er eine Tür und führte sie durch dunkle Gänge nach der Armensünderzelle.

Der Jude saß auf seiner Steinbank und wiegte sich mit einem Gesicht, das mehr dem eines eingesperrten Tieres als dem eines Menschen ähnlich sah, hin und her. Sein Geist beschäftigte sich augenscheinlich mit seinem früheren Leben, denn er murmelte, ohne sich durch den Eintritt der beiden stören zu lassen, unaufhörlich vor sich hin.

»Guter Junge, Karl – brav gemacht! Oliver auch, ha! a! ha! Oliver auch – ganz Herr jetzt – bringt ihn zu Bett! Ins Bett mit ihm! – Hört denn keiner von euch? Er – er ist gewissermaßen an allem schuld. Um des Geldes willen lohnt es sich, ihn dazu aufzuziehen. Bolters Hals, Bill. Laßt doch das Mädchen laufen. Schneid in Bolters Hals, so tief du kannst. Hau ihm den Kopf ab!«

»Fagin!« sagte der Schließer.

»Hier!« rief der Jude, plötzlich in die horchende Stellung verfallend, die er vor Gericht eingenommen hatte. »Ein alter Mann, Euer Gnaden. Ein sehr alter Mann.«

»Hier ist jemand«, sagte der Schließer, »der Euch etwas fragen will. Fagin, Fagin, seid Ihr ein Mann?«

»Werd's nicht mehr lange sein!« schrie der Jude mit schreckenerregender Stimme. »Schlagt alle tot. Was haben sie für ein Recht, mich abzumurksen?«

Jetzt erst bemerkte er Oliver und Herrn Brownlow und fragte, nach dem hintersten Winkel seiner Bank zurückweichend, was sie hier wollten.

»Ihr seid im Besitz einiger Papiere«, sagte Herr Brownlow nähertretend, »die Euch ein gewisser Monks zur Aufbewahrung übergeben hat.«

»Alles gelogen«, schrie Fagin. »Ich habe keine – keine.«

»Um Gotteswillen, sprecht nicht so am Rande des Grabes, sondern sagt, wo sie sind! Ihr wißt, Sikes ist tot, und Monks hat gestanden. Es ist für Euch keine Hoffnung mehr vorhanden, daraus einen Gewinn zu erzielen. Also, wo sind die Papiere?«

»Oliver«, rief der Jude, ihm winkend. »Komm her, ich will es dir sagen.«

Ohne Furcht ging der Junge zu ihm und Fagin flüsterte ihm, ihn an sich ziehend, ins Ohr:

»Sie sind in einem Leinenbeutel in einem Loch des Schornsteins, oben in der Vorderstube. Ich möchte gern mit dir noch sprechen, Liebling.«

»Ja, ja«, entgegnete Oliver. »Lassen Sie mich beten und beten Sie mit mir. Und wenn es nur ein Gebet ist. Ich bleibe dann bei Ihnen bis zum Morgen.«

»Draußen, draußen«, sagte Fagin und drängte den Jungen vor sich her nach der Tür. »Sage, ich schlafe, dir wird man glauben. Du kannst mich retten. Los! Jetzt!«

»Lieber Gott, vergib diesem Unglücklichen«, schrie Oliver, in Tränen ausbrechend.

»So ist's recht«, sagte der Jude. »Das wird uns helfen! Diese Tür zuerst. Nur schnell! Komm!«

»Haben Sie ihn noch etwas zu fragen?« erkundigte sich der Schließer bei Herrn Brownlow. Dieser verneinte. Man öffnete die Zellentür, und die Gefangenenwächter befreiten Oliver aus Fagins Griff. Er kämpfte mit einer Kraft, die ihm die Verzweiflung verlieh, und stieß dabei schreckliche Jammertöne aus.

Oliver wurde bei diesem schrecklichen Auftritt fast ohnmächtig und es dauerte eine Stunde, ehe er sich so weit erholt hatte, daß sie den Heimweg antreten konnten. Der Tag brach an, und es wimmelte auf dem Platz bereits von Menschen. Die Fenster waren von Leuten besetzt, die sich mit Rauchen und Kartenspielen die Zeit vertrieben. Die Menge auf der Straße drängte sich, scherzte und lachte. Alles atmete Heiterkeit und Leben, mit Ausnahme eines schwarzen Gerüstes in der Mitte des Platzes. Der Querbalken und der Strick waren grauenvolle Wahrzeichen des Todes in häßlichster Gestalt.

 << Kapitel 52  Kapitel 54 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.