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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 46
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Fünfundvierzigstes Kapitel

Noah Claypole wird von Fagin in geheimer Mission verwandt.

 

Der alte Jude stand am nächsten Tage zeitig auf und erwartete ungeduldig das neue Mitglied seiner Bande. Endlich kam es und fiel sofort gierig über das Frühstück her.

»Bolter!« sagte Fagin, sich ihm gegenübersetzend.

»Ja? Was soll's?« antwortete Noah. »Verlangen Sie nur nichts von mir, ehe ich gegessen habe. Das ist ein großer Fehler hier, es wird einem nie ordentlich Zeit zum Essen gelassen.«

»Na, beim Essen kann man doch auch sprechen, nicht wahr?« meinte Fagin, die Gefräßigkeit seines jungen Freundes aus dem Grund seines Herzens verwünschend.

»Ja, das ist richtig. Das Essen rutscht sogar besser, wenn man dabei plaudert«, erwiderte Noah und säbelte sich ein mächtiges Stück Brot ab. »Wo ist übrigens Charlotte?«

»Ausgegangen«, sagte der Jude. »Ich habe sie mit dem andern Mädel fortgeschickt, weil ich mit dir allein sein wollte.«

»So!« versetzte Noah. »Hättet Ihr ihr nur aufgetragen, vorher noch die Brotschnitte zu rösten. Doch nun schießt los, ich werde mich nicht stören lassen!«

»Du hast gestern deine Sache gut gemacht, mein Freund, ganz großartig. Sechs Schillinge und zehn Pence am allerersten Tage! Du wirst durch das Görenlausen zum reichen Manne werden!«

»Sie müssen die drei Bierkannen und den Milchtopf nicht vergessen«, sagte Herr Bolter.

»Nein, nein, mein Lieber. Die Bierkannen waren Geniestreiche, doch der Milchtopf, das war ein Meisterstück.«

»Wohl für 'nen Anfänger nicht übel?« bemerkte Herr Bolter selbstgefällig. »Die Bierkannen nahm ich von einem Kellerhals herunter, und der Milchtopf stand vor einem Gasthofe. Ich dachte, er möchte im Regen rostig werden oder sich erkälten, wißt Ihr? Ha! Ha! Ha!«

Der Jude stimmte in das Gelächter ein und sagte dann:

»Du mußt für mich eine Sache ausführen, bei der große Vorsicht nötig ist.«

»Nur nichts, wobei Gefahr ist«, meinte Bolter, »oder mich wieder zum Polizeigericht schicken. So was behagt mir nicht und ich will davon nichts mehr wissen.«

»'s ist gar keine Gefahr damit verbunden, nicht die geringste. Es handelt sich nur darum, ein Frauenzimmer zu beobachten!«

»Ist's ein altes?«

»Nein, ein junges.«

»Nun, das verstehe ich ziemlich gut«, meinte Bolter. »Das war schon immer meine Lieblingsbeschäftigung, als ich noch zur Schule ging. Was soll ich bei dem Frauenzimmer ausbaldowern, doch nicht?«

»Du sollst herauskriegen, wohin sie geht, mit wem sie verkehrt und womöglich, was sie spricht.«

»Was verdiene ich dabei?« fragte Noah neugierig.

»Wenn du es gut machst, ein Pfund. Ein Pfund! Ich habe noch nie so viel für eine Arbeit gegeben, die mir eigentlich nichts einbringt!«

»Wer ist sie?«

»Eine der Unsrigen!«

»Soso«, sagte Noah, die Nase rümpfend. »Ihr mißtraut ihr?«

»Sie hat einige neue Bekanntschaften angeknüpft, und ich muß wissen, was das für Menschen sind.«

»Ich verstehe, bloß um das Vergnügen zu haben, sie kennenzulernen, wenn es respektable Leute sind, nicht wahr? Ha! Ha! Ha! Werde es schon machen.«

»Ich wußte das vorher!« rief Fagin, vergnügt über die Bereitwilligkeit des anderen.

»Natürlich, natürlich. Wo ist sie? Wo muß ich ihr auflauern? Wann soll ich gehen?«

»Das wirst du von mir noch zur Zeit erfahren. Bei Gelegenheit zeige ich sie dir. Du hast weiter nichts zu tun, als dich bereitzuhalten, alles andere überlasse mir!«

Sechs Nächte gingen um, in denen Herr Bolter vergeblich in seinem Fuhrmannsanzug sich bereit hielt. In der siebenten Nacht kehrte Fagin früher nach Hause zurück, freudestrahlend. Es war Sonntag.

»Heute abend geht sie aus«, sagte der Jude. »Komm mit – rasch!«

Noah sprang, ohne ein Wort zu sagen, auf. Sie schlichen aus dem Hause, eilten durch ein Labyrinth von Straßen und langten endlich bei einem Wirtshause an, das Noah als die »Drei Krüppel« wiedererkannte.

Es war elf Uhr und die Tür geschlossen. Auf ein leises Pfeifen Fagins öffnete sie sich langsam. Sie traten geräuschlos ein, und die Tür tat sich wieder hinter ihnen zu.

Fagin und der Judenjüngling, der sie eingelassen hatte, wagten kaum zu flüstern, sondern gaben Noah nur durch Zeichen zu verstehen, daß er durch das bekannte kleine Fenster die Person im anstoßenden Zimmer sich ansehen solle.

»Ist das das Frauenzimmer?« fragte er ganz leise.

Der Jude nickte bejahend.

»Ich kann das Gesicht nicht gut sehen. Das Mädchen sieht zu Boden, und das Licht steht hinter ihr.«

»Einen Augenblick!« flüsterte Fagin und machte Barney ein Zeichen, worauf sich dieser entfernte. Eine Minute später trat er in das benachbarte Gemach, brachte den Leuchter unter dem Vorwand, das Licht zu putzen, in die richtige Stellung und sprach Nancy an. Dadurch war sie gezwungen, den Kopf hochzuheben.

»Jetzt kann ich sie sehen«, sagte Bolter.

»Deutlich?« fragte Fagin.

»So, daß ich sie unter Tausenden herauskennen würde.«

Nancy ging jetzt fort, und Barney hielt hinter ihr die Haustür offen. »Nun los!«

Noah wechselte mit Fagin einen Blick und huschte durch die offene Tür hinaus.

»Links!« flüsterte Barney, »halten Sie sich links auf der anderen Straßenseite!«

Noah sah das Mädchen schon in einiger Entfernung. Er eilte ihr nach. Sie blickte sich zwei- oder dreimal ängstlich um und blieb auch einmal stehen, um zwei Männer vorbeizulassen, die hinter ihr herkamen. Je weiter sie ging, desto mutiger schien sie zu werden; denn ihr Schritt klang immer fester. Noah hielt sich in angemessener Entfernung, aber ließ sie nicht aus den Augen.

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