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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 45
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Vierundvierzigstes Kapitel

Die Zeit kommt, da Nancy ihr Rosa gegebenes Versprechen halten soll. Sie wird verhindert.

 

So schlau und erfahren auch Nancy in allen Verstellungskünsten war, so konnte sie doch die Zerrissenheit ihrer Seele nicht ganz verbergen, die ihr gewagter Schritt erzeugt hatte. Sie dachte daran, daß beide, sowohl der verschmitzte Jude als auch der rohe Sikes, sie ohne Argwohn in Pläne eingeweiht hatten, die allen anderen Diebesgenossen unbekannt waren. Aber trotz der Schändlichkeit dieser Pläne, der Verworfenheit ihrer Urheber und ihrer Erbitterung gegen den Juden, der sie immer tiefer in Verderben und Elend geführt hatte, fühlte sie doch manchmal sogar für ihn eine weiche Regung. Sie hätte ihn nur ungern den unerbittlichen Händen überantwortet, denen er so lange entgangen war und doch am Ende anheimfallen mußte, so sehr er auch ein solches Schicksal verdient haben mochte.

Es war Sonntagabend, die Uhr der nächsten Kirche verkündete die Stunde. Sikes und der Jude unterbrachen ihre Unterhaltung, um die Schläge zu zählen. Nancy horchte gleichfalls gespannt Elf!

»Eine Stunde vor Mitternacht«, sagte Sikes, indem er das Fenster öffnete und hinaussah. Als er wieder zu seinem Stuhl ging, meinte er: »Eine herrliche Nacht fürs Geschäft, es ist rabenschwarz draußen.«

»Schade, Bill, daß wir sie nicht ausnutzen können«, versetzte der Jude.

»Daran dachte ich auch gerade«, entgegnete Sikes mürrisch. »Es ist jammerschade, ich wäre heute gerade in Stimmung.«

Der Jude seufzte und schüttelte betrübt den Kopf.

»Wir müssen die verlorene Zeit wieder einbringen, wenn wir etwas Gutes ausbaldowert haben«, sagte Sikes.

»So ist's recht, das ist ein Wort, lieber Freund«, rief der Jude und wagte es, dem Einbrecher auf die Schulter zu klopfen. »Es freut mich wirklich, Euch so sprechen zu hören.«

»So – freut's dich? Meinetwegen.«

»Ha! Ha! Ha!« lachte der Jude, als ob ihm sogar dieses geringe Zugeständnis Freude machte. »Ihr seid heute abend wieder ganz der Alte, Bill!«

»Mir ist's aber nicht so, solange deine dreckige alte Pfote auf meiner Schulter liegt – weg damit!« schrie Sikes und stieß die Hand des Juden fort.

»Macht sie Euch nervös, Bill, erinnert sie Euch ans Gefaßtwerden?« fragte der Jude, der sich vorgenommen hatte, keine Empfindlichkeit zu zeigen.

»Sie erinnert mich an die Klaue des Teufels, nicht an die eines Häschers«, erwiderte Sikes. »Es hat nie einen Menschen gegeben mit einem Gesicht wie deines, höchstens deinen Vater. Ich glaube aber, dem wird jetzt sein ergrauter roter Bart in der Hölle gesengt, wenn nicht etwa Beelzebub selbst dein Vater ist. Wundern würde mich das weiter nicht.«

Fagin schwieg zu dieser Schmeichelei, zupfte aber Sikes am Ärmel und zeigte auf Nancy, die sich während der Unterhaltung der beiden Ehrenmänner den Hut aufgesetzt hatte und im Begriff war, das Zimmer zu verlassen.

»Hallo, Nancy!« rief Sikes. »Donnerwetter, wohin willst du zu so später Stunde.«

»Nicht weit.«

»Was ist das für eine Antwort! Wohin gehst du?«

»Ich sage, nicht weit.«

»Und ich sage, wohin?« schrie Sikes barsch. »Hörst du?«

»Ich weiß selbst nicht, wohin.«

»Dann weiß ich es«, sagte Sikes, mehr aus Widerspruchsgeist, als weil er etwas gegen Nancys Ausgang einzuwenden hatte. »Du gehst nirgends hin. Setz dich!«

»Ich fühle mich nicht wohl. Ich muß an die frische Luft, habe es dir vorhin schon gesagt.«

»Stecke den Kopf zum Fenster hinaus, das ist ebenso gut«, schrie Sikes.

»Das genügt mir nicht, ich muß mir Bewegung machen.«

»Daraus wird nichts«, brummte Sikes, der bei diesen Worten aufstand, die Tür abschloß, den Schlüssel herauszog und dem Mädchen den Hut vom Kopf riß, den er auf einen alten Schrank warf. »So«, sagte der Einbrecher, »willst du jetzt hierbleiben oder nicht?«

»Ich gehe auch ohne Hut«, sagte Nancy blaß werdend »Was soll das heißen, Bill? Du weißt wohl nicht, was du tust?«

»Ob ich es weiß, zum Donnerwetter«, schrie Sikes und drehte sich nach Fagin um. »Sie ist verrückt geworden, sonst würde sie sich nicht trauen, so mit mir zu reden.«

»Du wirst mich noch zur Verzweiflung bringen«, murmelte Nancy dumpf, mit Gewalt ihre Wut unterdrückend. »Laß mich sofort gehen, sofort!«

»Nein«, brüllte Sikes.

»Sagt Ihr es ihm, daß er mich gehen läßt, Fagin. Es ist besser für ihn. Hört Ihr?« schrie das Mädchen und stampfte mit dem Fuß auf.

»Ich höre dich ganz gut«, sagte Sikes, seinen Stuhl umdrehend, um Nancy scharf ansehen zu können. »Wenn ich dich noch eine halbe Sekunde länger höre, so wird dir der Hund deine kreischende Stimme aus dem Halse reißen, verlaß dich darauf. Was fällt dir ein, dummes Frauenzimmer?«

»Laß mich gehen«, sagte Nancy bittend und setzte sich auf den Fußboden dicht bei der Tür. »Bitte laß mich gehen. Du weißt nicht, was du tust. Nur eine einzige Stunde, bitte laß mich.«

»Ich laß mich hängen«, schrie der Einbrecher, sie rauh am Arm packend, »wenn das Mädchen nicht toll geworden ist! Steh auf!«

»Nicht eher, als bis du mich gehen läßt, nicht eher!« kreischte Nancy.

Sikes faßte sie bei den Händen und schleppte die sich heftig Sträubende in ein anstoßendes, kleines Gemach. Er drückte sie auf einen Stuhl nieder und hielt sie fest. Die Uhr schlug zwölf, und müde und erschöpft ließ Nancy vom Kampfe ab.

»Donnerwetter«, sagte der Verbrecher, als er wieder zu Fagin zurückgekehrt war, sich den Schweiß von der Stirn wischend: »Ein ganz verrücktes Mädel!«

»In der Tat, Bill«, erwiderte der Jude nachdenklich.

»Was mag ihr wohl in die Krone gestiegen sein, daß sie durchaus heute nacht ausgehen wollte?« fragte Sikes. »Du mußt sie besser kennen als ich, was meinst du wohl?«

»Weibereigensinn und Halsstarrigkeit, glaube ich«, sagte Fagin und zuckte mit den Achseln.

»Hm! 's kommt mir auch so vor«, brummte der Räuber. »Ich glaubte schon, ich hätte sie klein gekriegt, aber sie ist so schlimm wie je.«

»Schlimmer, Bill«, sagte Fagin. »Ich habe sie nie so gesehen und noch dazu wegen eines so unbedeutenden Grundes.«

»Ich auch nicht. Ich glaube, es steckt ihr noch etwas Fieber im Blut, und es will nicht heraus. Was meinst du?«

»Schon möglich.«

»Ich will ihr ein bißchen zur Ader lassen, ohne den Doktor darum zu bemühen, wenn sie mir wieder so kommt!«

Fagin nickte zustimmend.

»Sie war Tag und Nacht um mich, als ich krank daniederlag, während du falscher Hund dich nicht sehen ließest. Wir waren die ganze Zeit über im mächtigen Dalles, und das hat sie so mitgenommen. Und dann das Immer-im-Hause-bleiben-müssen wie?«

»Das wird's sein, mein Lieber. – Pst!«

Nancy trat jetzt ins Zimmer und nahm ihren alten Platz wieder ein. Ihre Augen waren vom Weinen ganz rot und geschwollen. Nach einer Weile brach sie in ein lautes Lachen aus.

»Nanu, jetzt kommt's ja ganz anders«, schrie Sikes und sah Fagin verwundert an.

Der Jude bedeutete ihm, sie nicht weiter zu beachten, und nach einigen Minuten war sie wieder ganz die alte. Fagin nahm nun seinen Hut und bat, es möchte ihm jemand die Treppe hinunterleuchten. »Gute Nacht, Bill.«

»Tu das, Nancy«, sagte Sikes, der sich gerade eine Pfeife stopfte. »Es wäre schade, wenn er sich hier den Hals bräche und die schaulustige Menge um das Schauspiel seines Gehängtwerdens betröge. Da, nimm die Funzel!«

Nancy folgte dem Alten mit der Kerze die Treppe hinunter. Als sie unten im Hausflur waren, legte er den Finger an die Lippen und flüsterte Nancy zu:

»Was war los, liebes Kind?«

»Was meint Ihr« flüsterte sie zurück.

»Was war der Grund, auszugehen?« entgegnete der Jude. »Wenn er –« er zeigte nach oben, »wenn er so gemein zu Ihnen ist – solch ein Vieh! Ein richtiges wildes Tier! Warum wollen Sie nicht –?«

»Nun?« fragte Nancy, als er innehielt.

»Lassen wir's für heute! Reden wir ein andermal darüber. Sie haben einen Freund an mir, Nancy, einen treuen, zuverlässigen Freund. Seien Sie nicht ängstlich, ich habe ihn in der Hand. Wenn Sie sich an ihm rächen wollen, der Sie wie einen Hund behandelt, ja noch schlechter, denn seinen Hund streichelt er doch manchmal, so kommen Sie zu mir. Ihn kennen Sie erst seit kurzer Zeit, mich aber von alters her, Nancy.«

»Euch kenne ich allerdings«, sagte sie, ohne die geringste Bewegung zu zeigen. »Gute Nacht!«

Sie fuhr zurück, als Fagin ihr die Hand bot, sagte aber nochmals mit ruhiger Stimme gute Nacht und schloß die Tür.

Der Jude ging sinnend heim. Er war nicht gerade durch den letzten Vorfall auf den Gedanken gekommen, daß Nancy, der Roheit des Verbrechers müde, eine Neigung zu einem neuen Freunde gefaßt hätte, er schien aber seine Ansicht zu bestätigen. Ihr verändertes Wesen, der Umstand, daß sie oft allein das Haus verließ, ihre Gleichgültigkeit gegen die Interessen der Bande und ihr heftiges Verlangen, gerade zu einer bestimmten Stunde heute ausgehen zu wollen, alles trug dazu bei, ihn in seiner Meinung zu bestärken. Der Gegenstand ihrer neuen Herzensfreundschaft war keiner von seinem Anhang. Er mußte mit einer Gehilfin wie Nancy eine wertvolle Erwerbung sein, die man sich ohne Verzug sichern müßte.

Auch war damit noch etwas anderes zu erreichen. Sikes wußte zuviel, und seine höhnischen Redensarten hatten den Juden tief verletzt, obgleich er sich nichts merken ließ. Nancy mußte sich klar sein, daß, wenn sie sich von Sikes trennte, sie nie vor seiner Wut sicher sein konnte, auch daß ihr neuer Liebhaber gefährdet war. »Mit ein bißchen Überredungskunst«, dachte Fagin, »läßt sie sich vielleicht bewegen, ihn zu vergiften. Weiber haben solche Sachen und noch schlimmere schon oft getan, um sich ihre Liebhaber zu sichern. Dadurch würde der Halunke, den ich hasse, beseitigt, und ein anderer träte an seine Stelle als guter Ersatz. Mein Mitwissen um dieses Verbrechen aber verschafft mir einen unbegrenzten Einfluß auf das Mädchen.«

Aber vielleicht bebte sie doch vor dem Vorschlag zurück, Sikes um die Ecke zu bringen, und das war doch das Hauptziel, nach dem er trachtete. »Wie kann ich wohl meinen Einfluß auf sie vergrößern und neue Macht über sie gewinnen?« grübelte der Jude, als er nach Hause schlich.

Ein Gehirn wie das seinige ist fruchtbar in Plänen. Wenn er sie mit Spionen umstellte und auf diesem Wege den Gegenstand ihrer neuen Leidenschaft entdeckte und dann drohte, Sikes alles zu verraten, konnte er nicht da ihrer Willfährigkeit gewiß sein?

»So mache ich's«, sagte Fagin fast laut. »Sie darf mir dann nichts abschlagen, wenn ihr das Leben lieb ist. Die Mittel zum Zweck stehen mir zur Verfügung. Ich kriege sie alle beide, Nancy sowohl als Sikes.«

Er sah sich mit einem finsteren Blick um und ballte die Faust nach der Richtung, wo Sikes' Wohnung lag.

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