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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 44
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Dreiundvierzigstes Kapitel

In dem gezeigt wird, wie der Gannef in die Patsche kommt.

 

»So sind Sie also selbst der gute Freund gewesen?« fragte Herr Claypole, sonst Bolter, als er am nächsten Vormittag das Haus des Juden betrat, wohin er bestellt worden war. »Ich Schafskopf hätte es mir gestern schon denken können.«

»Jedermann ist sein eigener Freund, mein Lieber«, versetzte Fagin mit bezeichnendem Grinsen, »er kann keinen besseren finden.«

»Mit Ausnahmen«, erwiderte Morris Bolter im Tone eines welterfahrenen Mannes. »Manche Menschen sind ihre eigenen größten Feinde, wissen Sie!«

»Glauben Sie das ja nicht«, sagte Fagin. »Ist ein Mensch sein eigener Feind, so nur deshalb, weil er zu sehr sein eigener Freund ist, und nicht, weil er andere mehr in sein Herz geschlossen hat. Das wäre gegen die Menschennatur.«

»Und käme es vor, so wäre es nicht in der Ordnung«, meinte Herr Bolter.

»Das liegt klar auf der Hand«, sprach Fagin. »Von den Magiern halten einige die 3 und andere die 7 für die Zauberzahl. Aber das stimmt nicht. Nummer eins ist's!«

»Ha! Ha!« lachte Herr Bolter. »Hoch die Nummer eins.«

»In einer so kleinen Vereinigung wie die unsrige, mein Lieber«, sagte der Jude, »haben wir eine allgemeine Nummer eins. Das heißt, Sie können sich nicht selber als Nummer eins betrachten, ohne mich und all die anderen mit einzuschließen.«

»Teufel auch!« rief Herr Bolter.

»Sie sehen«, fuhr Fagin fort und tat so, als ob er die Unterbrechung nicht gehört hätte, »unsere Interessen sind so miteinander verwachsen, daß es gar nicht anders sein kann. Zum Beispiel, Sie sorgen für Nummer eins, das heißt für sich selbst.«

»Ganz recht, gewiß!«

»Schön, Sie können aber nicht für sich als Nummer eins sorgen, ohne auch für mich zu sorgen, der ich gleichfalls Nummer eins bin.«

»Nummer zwei wollten Sie sagen«, meinte Herr Bolter.

»Nein, nicht doch«, erwiderte Fagin. »Ich bin für Sie ebenso wichtig, wie Sie es sich selbst sind.«

»Wissen Sie«, sagte Herr Bolter, »Sie sind ja ein netter Kerl, und ich habe Sie auch ganz gern, aber so dicke Freunde sind wir denn doch nicht.«

»Aber überlegt mal«, sagte der Jude, heftig gestikulierend, »bedenkt, Sie haben da einen Streich vollführt, der mir sehr gefällt. Jedoch könnte er Ihnen leicht zu einer Krawatte verhelfen, die sich leichter knüpfen als aufmachen läßt, nämlich zum Strick.«

Herr Bolter fühlte sich an den Hals, als ob ihm der Kragen zu eng wäre, und murmelte etwas, das wie Zustimmung klang.

»Der Galgen«, fuhr Fagin fort, »ist ein häßlicher Wegweiser, der auf eine gefährliche Ecke zeigt, die der Laufbahn manches verwegenen Burschen ein plötzliches Ziel gesetzt hat. Sich von ihm fern zu halten, ist für Sie Nummer eins.«

»Selbstverständlich, doch warum reden Sie von solchen Dingen.«

»Nur, um Ihnen offen meine Meinung zu sagen«, entgegnete der Jude, die Augenbrauen hochziehend. »Sie hängen von mir ab, und ich hänge von Ihnen ab, wenn mein Geschäft gehen soll. Das erstere ist Ihre Nummer eins, das letztere die meinige. Je mehr Sie für Ihre Nummer eins sorgen, desto besorgter müssen Sie auf die meinige sein. So kommen wir zuletzt wieder auf das, was ich von Anfang an gesagt habe, daß nämlich die Rücksicht auf Nummer eins uns alle zusammenhält und zusammenhalten muß, wenn unsere Gemeinschaft nicht in die Brüche gehen soll!«

»Das ist richtig, ich merke schon, Sie sind ein schlauer alter Fuchs!«

»Ja, nur wenn wir fest zusammenstehen, kommt man über schwere Verluste weg«, sagte Fagin. »Gestern morgen habe ich meinen besten Mitarbeiter verloren.«

»Durch den Tod?«

»Nein, nein, so schlimm ist's nicht!«

»Er ist wohl –«

»Abhanden gekommen«, ergänzte der Jude, »ja, abhanden gekommen ist er!«

»Wie das?« fragte Herr Bolter.

»Er wurde wegen versuchten Taschendiebstahls verhaftet, und man fand eine silberne Tabaksdose bei ihm – seine eigene, mein Lieber, denn er schnupft selbst gern. Ach, er war fünfzig silberne Dosen wert, und ich ließe mich's gern das Geld dafür kosten, wenn ich ihn wieder hätte. Sie sollten den Gannef gekannt haben!«

»Nun, ich hoffe ihn wohl noch kennenzulernen, meinen Sie nicht auch?«

»Schwerlich«, sagte der Jude seufzend. »Man wird ihn wohl auf Lebenszeit in die Strafkolonie schicken.«

Das Gespräch wurde hier durch Herrn Karl Bates unterbrochen, der mit betrübtem Gesicht eintrat.

»Es ist mit ihm aus, Fagin«, sagte Karl, nachdem er und sein neuer Gefährte sich vorgestellt hatten.

»Was soll das heißen?«

»Man hat den Besitzer der Dose gefunden und auch noch einige andere Zeugen aufgetrieben. Der Gannef erhält freie Ausreise«, berichtete Karl Bates.

»Wir müssen herauskriegen, was er macht. Laß mich mal nachdenken«, sagte Fagin.

»Soll ich 'mal gehen?« fragte Karl.

»Bist du verrückt? Es ist vorläufig genug, einen verloren zu haben«, versetzte der Jude.

»Sie denken doch nicht etwa selbst hinzugehen?«

»Das wäre untunlich«, meinte Fagin kopfschüttelnd.

»Warum schicken Sie nicht das Grünhorn?« fragte Herr Bates und legte seine Hand auf Noahs Arm. »Kein Mensch kennt ihn!«

»Wenn er nichts dagegen hat –«, meinte Fagin zögernd.

»Was soll er dagegen haben?« fiel Karl ein.

»Es ist wirklich nichts zu befürchten«, sagte der Jude, sich an Noah wendend.

»Sie haben gut reden«, versetzte dieser. »Nein, ausgeschlossen, es schlägt nicht in mein Fach!«

»Was hat er denn für ein Fach gekriegt, Fagin?« fragte Herr Bates mit einem verächtlichen Blick auf Noahs schlottrige Gestalt. »Vielleicht das Ausreißen, wenn's nicht ganz geheuer ist, und das Fressen und Saufen, wenn alles geklappt hat. Gehört das zu seinem Fach?«

»Geht dich gar nichts an!« schnaubte Herr Bolter. »Nimm dir keine Frechheiten heraus gegen Leute, die mehr als du sind, Knirps. Bei mir kommst du an den Unrechten!«

Herr Bates lachte unbändig über die prahlerische Drohung, und es dauerte einige Zeit, ehe sich Fagin ins Mittel legen und Herrn Bolter klarmachen konnte, daß bei einem Gange nach der Polizei von einer Gefahr für ihn keine Rede sein konnte. Besonders, wenn er verkleidet sei. Herr Bolter ließ sich durch diese Ausführungen, mehr aber noch durch seine Furcht vor dem Juden bewegen, den Auftrag auszuführen. Er vertauschte auf Fagins Geheiß seinen eigenen Anzug mit einem Fuhrmannskittel, Manchesterhosen und Gamaschen, die der Jude gerade zur Hand hatte, und bekam eine Kärrnerpeitsche in die Hand.

Er stellte einen Bauernjungen mit großem Geschick dar (da er von Natur ein unbeholfener Bursche war), der aus Neugierde eine Verhandlung vor dem Polizeirichter mitanhören wollte. Nachdem ihm der Gannef genau beschrieben worden war, führte ihn Herr Bates in die Nähe des Polizeigebäudes und hieß ihn eilen. Er versprach, ihn an dem Orte, wo sie sich trennten, wieder zu erwarten.

Noah befolgte gewissenhaft die erhaltenen Anweisungen und gelangte auch richtig in den Gerichtssaal. Er kam hier in ein großes Gedränge von Menschen, zumeist Frauen, die Kopf an Kopf den muffigen Saal füllten. Auf der Anklagebank saßen ein paar Weiber, die ihren sie bewundernden Bekannten zunickten, während der Gerichtsschreiber einigen Polizisten und einem bürgerlich gekleideten Manne, der sich über den Tisch beugte, die Zeugenaussagen vorlas.

Noah sah sich neugierig nach dem Gannef um, konnte ihn aber nicht entdecken. Er erwartete daher ungeduldig das Urteil, welches über die Weiber gefällt wurde, die darauf mit stolzer Miene abgingen. Der Gefangene, der jetzt vorgeführt wurde, mußte nach der Beschreibung der Gannef sein. Und es war tatsächlich Jack Dawkins. Er setzte sich auf die Anklagebank mit der lauten Frage, warum man ihn hierherbringe.

»Willst du wohl den Mund halten«, sagte der Gerichtsdiener.

»Bin ich nicht ein Engländer?« versetzte der Gannef. »Wo sind meine Rechte?«

»Wirst sie bald genug bekommen und gepfeffert noch dazu«, erwiderte der Gerichtsdiener.

»Wollen mal sehen, was der Justizminister den Kadis sagen wird, wenn man meine Rechte nicht achtet«, brüllte der Gannef. »Aber nun man los. Ich bitte die Herren Richter, mich nicht mit ihrem Zeitungslesen aufzuhalten, sondern meine kleine Sache gleich zu erledigen. Ich habe mich nämlich mit einem Herrn in der City verabredet, und da ich ein Mann von Wort bin und in Geschäftssachen äußerst pünktlich, so könnte es leicht eine Schadenersatzklage gegen die geben, welche mich hier aufgehalten haben. Und das werden die Herren Richter nicht wollen.«

Da diese die Redensarten des Gannefs überhörten, so fragte der freche Junge den Gerichtsdiener »nach den Namen der beiden Hampelmänner auf der Richterbank«. Durch diese Frage fühlten sich die Zuhörer so gekitzelt, daß sie fast ebenso herzlich lachten, als es sicher Herr Karl Bates getan hätte, wenn er dagewesen wäre.

»Ruhe!« brüllte der Gerichtsdiener.

»Was liegt vor?« fragte einer der Polizeirichter.

»Ein Taschendiebstahl, Euer Gnaden.«

»Ist der Junge schon mal hier gewesen?«

»Hätte er schon oft sein sollen, aber solche Burschen trifft man eher woanders. Ich kenne ihn aber, Euer Gnaden«, sagte der Gerichtsdiener.

»So, Sie kennen mich, wirklich?« rief der Gannef und tat so, als ob er sich eine Notiz machte. »Gut, das gibt eine Klage wegen Ehrabschneidung.«

Es entstand abermals ein großes Gelächter. Nachdem wieder Ruhe geboten war, fragte der Gerichtsschreiber:

»Nun, wo sind die Zeugen?«

»Richtig, wo sind sie, möchte sie auch gern sehen«, meinte der Gannef.

Seinem Wunsche wurde sofort willfahrt, denn ein Polizist trat vor und sagte aus, der Angeklagte hätte im Gedränge einem unbekannten Herrn das Schnupftuch aus der Tasche gezogen, da es aber sehr alt gewesen, wieder in die Tasche zurückgesteckt, nachdem der Dieb es vorher an seiner eigenen Nase probiert. Er wäre deshalb zur Verhaftung geschritten und hätte bei der Durchsuchung des Festgenommenen eine silberne Schnupftabaksdose gefunden, auf deren Deckel der Name des Eigentümers eingegraben war. Die Wohnung desselben hätte man im Adreßbuch gefunden, und der Herr wäre als Zeuge anwesend. Dieser beschwor, daß die Dose sein Eigentum sei, und sie, als er aus dem Gedränge heraus war, sofort vermißte. Er fügte noch hinzu, daß im Gewühl sich ein junger Mensch auffallend viel um ihn zu schaffen gemacht habe, und daß dieser kein anderer als der vor ihm stehende Angeklagte sei.

»Hast du den Zeugen etwas zu fragen, Junge?« sagte der Richter.

»Ich mag mich nicht so weit erniedrigen, eine Unterhaltung mit ihm anzuknüpfen«, war die Antwort.

»Hast du überhaupt noch etwas vorzubringen?«

»Hörst du nicht, Seine richterliche Gnaden fragen, ob du noch etwas zu sagen hättest«, wiederholte der Gerichtsdiener und stieß den stummen Gannef mit dem Ellenbogen an.

»Verzeihung, haben Sie mit mir gesprochen?« fragte der Junge zerstreut.

»Ich habe nie einen durchtriebeneren Spitzbuben gesehen, Euer Gnaden«, sagte der Gerichtsdiener grinsend.

»Beabsichtigst du noch etwas zu bemerken, Halunke?«

»Nein«, entgegnete der Gannef, »hier nicht, denn das ist wirklich nicht der richtige Laden für Gerechtigkeit. Außerdem frühstückt mein Rechtsanwalt heute vormittag mit dem Vizepräsidenten des Parlaments. Aber anderswo werde ich reden, ebenso mein Anwalt und eine Masse anderer Bekannten, und zwar so, daß die Kadis wünschen werden, nie geboren zu sein. Daß es ihnen lieber gewesen wäre, wenn sie sich von ihren Bedienten an ihren eigenen Kleiderständern hätten aufhängen lassen, als daß sie heute mir ein Urteil gesprochen hätten. Ich – «

»Er ist vollständig überführt!« unterbrach der Gerichtsschreiber die Rede. »Führen Sie ihn ab.«

»Komm, Junge«, sagte der Gerichtsdiener.

»Ja, ich komme schon«, sagte der Gannef, seinen Hut mit der Hand glattstreichend. »Und mit Ihnen«, zur Richterbank gewandt, »werde ich kein Erbarmen haben, wenn Sie auch noch so ängstliche Mienen zeigen. Ihr Kerle sollt mir dafür büßen! Ich möchte nicht in eurer Haut stecken. Ich würde jetzt meine Freilassung nicht annehmen, und wenn Ihr mich auf den Knien darum bätet. Führt mich ab!«

Der Gerichtsdiener packte ihn am Kragen und der Gannef drohte noch, die Sache vors Parlament zu bringen. Dann grinste er dem Gerichtsdiener mit großer Frechheit ins Gesicht.

Herr Bolter eilte nun, so schnell er konnte, zu der Stelle, wo er Karl Bates verlassen hatte. Dieser zeigte sich erst, nachdem er sich vergewissert hatte, daß keine naseweise Person Noah folge, und die Luft rein sei.

Beide begaben sich nun schleunigst nach Hause, um Herrn Fagin die erfreuliche Kunde zu bringen, daß der Gannef seiner Erziehung alle Ehre und sich selbst einen glänzenden Namen gemacht habe.

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