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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 42
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Einundvierzigstes Kapitel

Enthält neue Entdeckungen und zeigt, daß Überraschungen gleich Unglücksfällen selten allein kommen.

 

Rosas Lage war in der Tat eine ungemein schwierige, denn während sie glühend wünschte, das Geheimnis zu lüften, das Olivers Geschichte umgab, durfte sie das Vertrauen nicht mißbrauchen, welches ihr das unglückliche Geschöpf geschenkt hatte. Nancys Benehmen und ihre Worte hatten Rosas Herz gerührt und zu der Liebe für ihren jungen Schützling gesellte sich der kaum weniger heiße Wunsch, die Verlorene einem besseren Leben wieder zu gewinnen.

Die Damen hatten die Absicht, nur drei Tage in London zu bleiben und dann auf einige Wochen nach einem Seebad abzureisen. Heute war der erste Tag um. Was konnte man in den nächsten achtundvierzig Stunden erreichen? Und wie konnte sie einen Aufschub der Reise erlangen, ohne Verdacht zu erregen?

Herr Losberne war bei ihnen auf Besuch und wollte auch noch die beiden nächsten Tage bleiben. Aber Rosa kannte die Heftigkeit dieses Ehrenmannes zu gut und sah seinen Zorn deutlich voraus, den er über die Person ergießen würde, die das Werkzeug zu Olivers Entführung war. Sie konnte ihm deshalb ihr Geheimnis nicht anvertrauen, wenigstens nicht so lange, bis ihre Fürsprache zugunsten Nancys von einer anderen Seite unterstützt würde.

Aus denselben Gründen beobachtete sie auch gegen Frau Maylie die größte Vorsicht, da deren erster Schritt sicher eine Besprechung der Angelegenheit mit dem würdigen Doktor gewesen wäre. Ebenso war auch nicht daran zu denken, einen Rechtsanwalt zu Rate zu ziehen, selbst wenn sie gewußt hätte, wie man das anzustellen hat. Einmal kam ihr der Gedanke, Harry um Beistand zu ersuchen, aber in der Erinnerung an den letzten Abschied schien es ihr unwürdig, ihn herzubitten, da er es vielleicht über sich gewonnen hatte, sie zu vergessen und sich in der Ferne glücklich fühlte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, als sie daran dachte.

Rosa brachte eine schlaflose Nacht zu, da sie nicht wußte, wie sie handeln sollte und zu keinem Entschluß kommen konnte. Als sie am anderen Morgen aufs neue mit sich zu Rate gegangen war, beschloß sie in ihrer Verzweiflung, doch Harry Maylie in ihr Geheimnis einzuweihen.

»Es ist ihm vielleicht schmerzlich, wieder zurückzukommen«, dachte sie, »aber wie schmerzlich wird es erst für mich sein! Vielleicht kommt er aber gar nicht und macht die Sache schriftlich ab. Oder er kommt und meidet mich ängstlich, wie er es tat, als er abreiste. Ich hatte es damals nicht erwartet, aber es war für uns beide besser.«

Rosa ließ die Feder fallen und wandte sich ab, als sollte selbst das Papier, dem sie ihre Botschaft anzuvertrauen gedachte, nicht Zeuge ihrer Tränen sein.

Sie hatte die Feder wohl fünfzigmal ergriffen und ebensooft wieder weggelegt, und ohne eine Zeile zu schreiben, hin und her überlegt, wie sie ihren Brief anfangen sollte, als Oliver, der, mit Herrn Giles als Leibwächter, in der Stadt spazieren gegangen war, in großer Aufregung ins Zimmer stürzte.

»Warum siehst du so verstört aus?« fragte Rosa, ihm entgegengehend.

»Ich weiß nicht warum, mir ist die Kehle wie zugeschnürt«, antwortete der Junge. »Lieber Gott, denken zu dürfen, daß ich ihn doch noch sehen soll und Ihnen nun beweisen kann, wie ich in allem die Wahrheit gesprochen habe!«

»Ich zweifelte nie, daß du uns etwas anderes als die Wahrheit sagtest, liebes Kind. Aber was ist? Von wem sprichst du?«

»Ich habe den Herrn wiedergesehen«, antwortete Oliver ganz aufgeregt, so daß er kaum die Worte herausbringen konnte, den Herrn, der so gut zu mir war. Herrn Brownlow, von dem wir so oft gesprochen haben.«

»Wo?«

»Er stieg aus einer Kutsche und ging in ein Haus«, erwiderte Oliver, und Tränen der Freude rannen ihm über die Backen. »Ich habe nicht mit ihm gesprochen, ich konnte nicht mit ihm reden, denn er sah mich nicht. Ich zitterte so, daß ich nicht imstande war, auf ihn zuzueilen. Aber Giles hatte sich erkundigt, ob er dort wohne, und man bejahte es. Sehen Sie hier«, damit holte er ein Stück Papier aus der Tasche, »hier wohnt er, ich will sogleich hingehen. Ach, wie werde ich mich freuen, wenn ich ihn wiedersehe und seine Stimme höre.«

Rosa nahm das Papier und las ›Cravenstraße, Strand‹. Sie entschloß sich sofort, diese Entdeckung auszunutzen.

»Schnell«, sagte sie, »laß eine Droschke kommen und mache dich fertig, um mich zu begleiten. Ich will sofort mit dir Herrn Brownlow besuchen und nur noch vorher der Tante sagen, daß wir auf eine Stunde ausgehen wollen. Ich werde ebenso rasch angezogen sein wie du.«

Oliver ließ sich das nicht zweimal sagen, und ehe fünf Minuten um waren, befanden sie sich auf dem Wege nach der Cravenstraße. Als sie dort angekommen waren, ließ Rosa Oliver im Wagen unter dem Vorwande, daß sie den alten Herrn erst auf seinen Besuch vorbereiten wolle.

Sie schickte durch den Diener Herrn Brownlow ihre Karte mit der Bitte, ihn in einer wichtigen Angelegenheit sprechen zu dürfen. Der Bediente kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß sie erwartet würde, und führte Fräulein Maylie in ein Zimmer des Oberstocks, wo ihr ein ältlicher Herr mit gutmütigen Gesichtszügen im grünen Anzug zuerst ins Auge fiel. Neben ihm saß ein anderer alter Herr in Nankingbeinkleidern, der nicht besonders freundlich aussah und die Hände über dem Knauf eines dicken Stockes verschlungen hielt, worauf er sein Kinn gelegt hatte.

»Ach«, sagte der Herr im grünen Anzug und sprang schnell auf, »ich bitte um Verzeihung, gnädiges Fräulein, ich glaubte, es wäre irgendeine zudringliche Person, die – bitte entschuldigen Sie mich. Aber nehmen Sie doch Platz!«

»Sie sind Herr Brownlow, nicht wahr?« fragte Rosa und wandte ihren Blick von dem anderen Herrn ab und dem Sprecher zu.

»Der bin ich«, antwortete der Herr. »Und hier mein Freund, Herr Grimwig. – Grimwig, wollen Sie uns auf ein paar Minuten allein lassen?«

»Ich glaube nicht«, fiel Rosa ein, »daß es nötig ist, den Herrn zu bemühen. Wenn ich recht berichtet bin, so ist ihm die Angelegenheit nicht unbekannt, die mich zu Ihnen führt.«

Herr Brownlow stimmte durch ein Kopfnicken zu, und Herr Grimwig, der eine sehr steife Verneigung gemacht und sich erhoben hatte, machte eine zweite ebenso steife Verbeugung und nahm wieder Platz.

»Ich glaube, daß ich Sie mit meinen Mitteilungen sehr überraschen werde«, sagte Rosa in einiger Verlegenheit. »Sie haben einmal einem mir sehr teuern jungen Freunde viel Güte und Wohlwollen erwiesen, und ich bin deshalb davon überzeugt, daß Sie es freuen wird, wieder von ihm zu hören.«

»So?« sagte Herr Brownlow.

»Sie kennen ihn als Oliver Twist«, versetzte Rosa.

Diese Worte waren kaum ihrem Munde entflohen, als Grimwig, der so getan hatte, als lese er in einem auf dem Tische liegenden großen Buch, dasselbe mit großem Geräusch zuschlug, sich im Stuhl zurücklehnte und Rosa ganz erstaunt und mit großen, starren Augen ansah. Dann schnellte er sich mit einer krampfhaften Anstrengung in seine vorherige Stellung wieder zurück, als ob er sich schäme, soviel Überraschung gezeigt zu haben.

Er guckte gerade vor sich hin und ließ ein langes und tiefes Pfeifen vernehmen, das jedoch nicht in der Luft, sondern in den innersten Winkeln seines Magens zu ersterben schien.

Herr Brownlow war nicht weniger erstaunt, doch gab sich seine Überraschung nicht in der gleichen seltsamen Art kund. Er rückte mit seinem Stuhle Fräulein Maylie näher und sprach:

»Tun Sie mir den Gefallen, gnädiges Fräulein, die Güte und das Wohlwollen, von denen Sie sprachen und von denen außer Ihnen niemand etwas weiß, mal ganz aus dem Spiele zu lassen. Wenn es Ihnen aber möglich ist, etwas anzuführen, das geeignet ist, die ungünstige Meinung, die ich über den Jungen mir bilden mußte, zu ändern, so bitte ich Sie inständig darum.«

»Ein schlechter Junge – ich will meinen Kopf aufessen, wenn er nicht ein schlechter Junge ist«, brummte Herr Grimwig wie ein Bauchredner, denn er verzog dabei keine Muskel seines Gesichts.

»Der Knabe besitzt ein edles und warmes Herz«, sagte Rosa errötend, »und Gott, dem es gefallen hat, ihm Prüfungen, die über seine Jahre hinausgingen, aufzuerlegen, hat in seine Brust Gefühle gepflanzt, die vielen Ehre machen würden, die sechs mal so alt sind als er.«

»Ich bin erst einundsechzig«, meinte Herr Grimwig mit demselben unbeweglichen Gesicht, »und da es mit dem Teufel zugehen müßte, wenn dieser Oliver nicht mindestens zwölf Jahre alt ist, so finde ich nichts Zutreffendes in dieser Bemerkung.«

»Hören Sie nicht darauf, was mein Freund sagt, Fräulein Maylie, er meint es nicht so schlimm, wie es sich anhört«, sprach Herr Brownlow.

»Doch meint er es so«, brummte Herr Grimwig.

»Nein, er meint es nicht so«, entgegnete Herr Brownlow, ärgerlich werdend.

»Er will seinen Kopf aufessen, wenn er es nicht so meint«, versicherte Herr Grimwig.

»Er verdiente, daß man ihm denselben abschlüge, wenn er es täte«, sagte Herr Brownlow.

»Und er möchte den Mann sehen, der es versuchen wollte«, versetzte Herr Grimwig und stieß seinen Stock heftig auf den Boden.

Nachdem es soweit gekommen war, nahm jeder von den beiden alten Herren eine Prise, worauf sie sich, wie gewöhnlich, zum Zeichen der Versöhnung die Hände schüttelten.

»Nun, gnädiges Fräulein«, sagte Herr Brownlow, »kehren wir wieder zu der Angelegenheit zurück, an der Ihre Menschenfreundlichkeit so regen Anteil nimmt. Darf ich fragen, welche Nachrichten Sie von dem armen Kinde haben? Erlauben Sie mir vorauszuschicken, daß ich alle mir zu Gebote stehenden Mittel erschöpfte, ihn ausfindig zu machen. Auch meine erste Ansicht, von Oliver betrogen und auf Anraten seiner früheren Diebesgenossen bestohlen worden zu sein, hat seit meiner Auslandreise einen beträchtlichen Stoß erlitten!«

Rosa, die inzwischen Zeit gehabt hatte, ihre Gedanken zu sammeln, berichtete nun in kurzen Worten, was sich mit Oliver zugetragen hatte, seit er Herrn Brownlows Haus verließ. Nur für die Mitteilungen Nancys behielt sie sich eine Unterredung unter vier Augen vor. Sie schloß mit der Versicherung, sein einziger Kummer seit mehreren Monaten sei nur immer gewesen, daß er seinen ehemaligen Freund und Wohltäter nirgends habe finden können.

»Gottlob!« rief der alte Herr. »Diese Nachricht macht mich über die Maßen glücklich. Sie haben mir aber noch nicht gesagt, wo er sich gegenwärtig befindet. Verzeihen Sie, wenn ich es Ihnen zum Vorwurf mache, ihn nicht gleich mitgebracht zu haben.«

»Er wartet im Wagen vor der Haustür«, sagte Rosa.

»Vor meiner Haustür?« rief der alte Herr und rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinunter und an den Wagen.

Als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, hob Herr Grimwig seinen Kopf hoch und ließ mit Hilfe seines Stockes und des Tisches seinen Stuhl auf einem Hinterbein drei Kreise beschreiben, ohne dabei seinen Sitz zu verlassen. Nachdem er das Kunststück ohne Unfall fertiggebracht hatte, stand er auf und hinkte wohl ein dutzendmal, so schnell er konnte, im Zimmer auf und ab, machte dann plötzlich vor Rosa halt und gab ihr ohne weitere Umstände einen Kuß.

»Pst!« flüsterte er, als die junge Dame ob dieses ungewöhnlichen Beginnens bestürzt aufstand. »Haben Sie keine Angst! Ich bin alt genug, um Ihr Großvater sein zu können. Sie sind ein prächtiges Mädel. Sie gefallen mir. Doch da kommen sie schon!«

Durch eine geschickte Wendung brachte er sich wieder in seine frühere Stellung auf dem Stuhle, und gleich darauf trat Herr Brownlow mit Oliver ins Zimmer, der von Herrn Grimwig sehr gnädig empfangen wurde. Wäre die Freude, die Rosa in diesem Augenblick empfand, die einzige Entschädigung für alle Ängste und Sorgen gewesen, die sie Olivers wegen schon gehabt hatte, sie würde sich reich belohnt gefühlt haben.

»Es ist noch jemand da, den wir nicht vergessen dürfen«, sprach Herr Brownlow, den Klingelzug ergreifend. »Ich lasse Frau Bedwin bitten«, rief er dem eintretenden Diener zu.

Die betagte Hausdame kam sogleich und, einen Knicks machend, harrte sie der Befehle.

»Mein Gott, Sie werden alle Tage blinder«, sagte Herr Brownlow ärgerlich.

»Das stimmt«, erwiderte die gute Alte. »Ich habe aber nie gehört, daß die Augen mit dem Alter besser werden.«

»Das hätte ich Ihnen auch sagen können«, entgegnete Herr Brownlow, »aber setzen Sie Ihre Brille auf und sehen Sie zu, ob Sie nicht selbst herauskriegen, weshalb ich Sie rufen ließ!«

Die alte Frau fing an, in ihrer Tasche nach der Brille zu suchen, aber Oliver vermochte diese neue Geduldsprobe nicht zu bestehen, sondern eilte, dem Drange seines Herzens folgend, in ihre Arme.

»Gott sei mir gnädig«, rief die alte Frau, ihn zärtlich umarmend, »es ist mein lieber, guter Junge!«

»Meine liebe alte Pflegemutter!« rief Oliver.

»Ich sagte ja immer, daß er wiederkommen würde, und wie gut er aussieht und so fein angezogen. Wo bist du denn diese ganze lange Zeit gewesen? Ach, es ist noch dasselbe sanfte Gesicht, nur nicht so bleich, dasselbe sanfte Auge, nur nicht so traurig. Oh, ich weiß alles noch ganz genau.«

So redete sie endlos weiter und lachte und weinte zu gleicher Zeit, indem sie Oliver mal in Armlänge von sich hielt, um zu sehen, wie groß er geworden sei, dann ihn wieder an sich zog und ihm zärtlich die Haare streichelte. Herr Brownlow überließ die beiden ihren Gefühlen und führte Rosa in ein anderes Zimmer, woselbst ihm diese zu seiner größten Überraschung ihre Unterredung mit Nancy erzählte. Rosa setzte ihm auch ihre Gründe auseinander, warum sie sich nicht gleich Herrn Losberne, ihrem Freunde, anvertraut hätte, was der alte Herr billigte. Er erklärte sich bereit, mit dem würdigen Doktor die Sache angelegentlich zu besprechen. Um dies bald ausführen zu können, wurde abgemacht, Herr Brownlow solle abends acht Uhr bei ihnen vorsprechen, damit man Frau Maylie inzwischen mit allen Vorgängen bekannt machen könne. Nachdem man diese Verabredungen getroffen hatte, kehrten Rosa und Oliver nach Hause zurück.

Rosa hatte das Maß von des guten Doktors Zorn keineswegs überschätzt, denn kaum waren ihm Nancys Mitteilungen erzählt worden, als er sich in eine Flut von Drohungen und Verwünschungen erging. Er beteuerte, er wolle die Dirne zum Opfer des vereinten Scharfsinns der Herren Blathers und Duff machen, und setzte sich auch wirklich den Hut auf, um sich ungesäumt des Beistandes dieser Ehrenmänner zu versichern. Er würde auch höchstwahrscheinlich, ohne die Folgen zu bedenken, im ersten Eifer seinen Entschluß ausgeführt haben, wäre er nicht zurückgehalten worden durch eine entsprechende Heftigkeit des Herrn Brownlow, der selbst ziemlich temperamentvoll war, aber auch durch Gründe und Gegenvorstellungen, denen sich Losberne nicht verschließen konnte.

»Ja, zum Donnerwetter, was sollen wir denn tun?« tobte der hitzige Doktor, als sie wieder zu den beiden Damen zurückgekehrt waren. »Wir sollen wohl diesem Spitzbubengesindel, Männern sowohl als Weibern, eine Dankadresse überreichen und sie bitten, hundert Pfund oder mehr anzunehmen als ein bescheidenes Zeichen unserer Achtung und unserer Erkenntlichkeit für die Güte und Liebe, die sie Oliver erwiesen haben?«

»Das gerade nicht«, sagte Herr Brownlow lachend. »Aber wir müssen sachte und mit großer Behutsamkeit vorgehen!«

»Sachte und behutsam«, schrie der Doktor. »Ich möchte sie alle samt und sonders zum –«

»Es ist gleichgültig, wohin Sie sie schicken möchten«, fiel Herr Brownlow ein. »Ich bitte Sie nur, dabei zu bedenken, ob wir dadurch auch zum Ziel kommen!«

»Zu welchem Ziel?« fragte der Doktor.

»Einfach zu dem, herauszukriegen, wer Olivers Eltern gewesen sind, und ihm zu seinem Erbe zu verhelfen, das ihm so schändlich geraubt wurde.«

»Ach«, sagte Herr Losberne, sich mit dem Taschentuche Kühlung fächelnd, das hatte ich ganz vergessen!«

»Angenommen«, fuhr Herr Brownlow fort, »von dem Mädchen kann ja ohnehin keine Rede sein, angenommen, es wäre möglich, alle andern Halunken dem Gerichte zu überliefern, was könnte wohl Gutes dabei herauskommen?«

»Daß aller Wahrscheinlichkeit einige davon gehenkt und die übrigen ins Zuchthaus kommen würden«, erwiderte der Doktor.

»Schön«, sagte Herr Brownlow lächelnd. »Dahin wird es mit ihnen sowieso kommen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist. Greifen wir ihnen vor, so begehen wir meines Erachtens einen Don-Quichotte-Streich, der in geradem Widerspruch zu unserm oder doch Olivers Interesse steht, was so ziemlich ein und dasselbe ist.«

»Wieso?« fragte der Doktor.

»Es ist doch klar, daß es schwierig genug sein wird, diesem Geheimnis auf den Grund zu kommen, wenn wir diesen Monks nicht zu einem Geständnis bringen können. Das ist nur durch eine Kriegslist möglich, indem wir ihn abfangen, wenn er nicht von seinen Kumpanen umgeben ist. Denn, lassen wir ihn auch festnehmen, was haben wir für Beweise gegen ihn? Soviel wir wissen oder aus den Tatsachen schließen können, ist er nicht einmal bei den Diebereien der Bande beteiligt. Wenn er auch nicht glatt freigesprochen werden würde, so könnte man ihn höchstens nur als Landstreicher für kurze Zeit einsperren, und nachher wäre aus ihm ebensowenig herauszubringen, als wenn er taubstumm oder blödsinnig wäre!«

»Ich muß nochmals die Frage stellen«, fiel der Doktor heftig ein, »ob Sie es wohl für vernünftig halten, daß man sich durch das dieser Dirne gegebene Versprechen binden läßt? Es ist allerdings ein Versprechen, in der besten und wohlwollendsten Absicht gegeben, aber in Wirklichkeit –«

»Ich bitte, lassen Sie sich auf keine Erörterung dieses Punktes ein«, sagte Herr Brownlow zu Rosa, die eben reden wollte. »Ihr Versprechen soll gehalten werden. Ich glaube, daß wir dadurch keinen Nachteil haben. Aber bevor wir uns zu einem wirksamen Schritt entschließen können, ist es nötig, daß wir mit dem Mädchen Rücksprache nehmen und es fragen, ob es uns den Monks zeigen will, wenn wir ihm versichern, daß er nur mit uns und nicht mit dem Gericht zu tun haben soll. Will oder kann es das nicht, so müssen wir von ihm eine Beschreibung seiner Person und seines Aufenthaltsortes herauszubekommen versuchen, damit wir den Burschen fassen können. Man kann es erst Sonntag wieder sprechen, und heute ist Dienstag. Ich rate daher, vorderhand uns ganz ruhig zu verhalten und auch Oliver von der Angelegenheit nichts wissen zu lassen.«

Obgleich Herr Losberne zu dem Vorschlag, fünf volle Tage zu warten, ein scheeles Gesicht machte, so mußte er doch zugeben, augenblicklich keinen besseren Rat zu wissen. Rosa und Frau Maylie waren ganz auf seiten des Herrn Brownlow, und so fand dessen Vorschlag einstimmige Billigung.

»Es wäre mir lieb«, sagte letzterer, »meinen Freund Grimwig ins Vertrauen zu ziehen. Er ist zwar ein schnurriger Kauz, besitzt aber einen scharfen Verstand und könnte uns von erheblichem Nutzen sein. Er war Rechtsanwalt und gab seine Laufbahn aus Unmut darüber auf, daß ihm in zwanzig Jahren nur zwei Klagesachen übertragen worden waren. Sie mögen aber selbst urteilen, ob dies eine Empfehlung ist oder nicht.«

»Ich habe nichts dagegen, wenn Sie Ihren Freund zuziehen wollen, vorausgesetzt, daß ich mich auch mit dem meinigen beraten darf«, versetzte der Doktor.

»Darüber muß abgestimmt werden«, entgegnete Herr Brownlow. »Wer ist es?«

»Der Sohn dieser Dame und Fräulein Rosas langjähriger Freund«, antwortete der Doktor mit einer Kopfwendung zu den beiden Damen.

Rosa wurde feuerrot im Gesicht, aber sie machte keine Einwendungen (weil sie wohl erkannte, sie würde in einer hoffnungslosen Minderheit bleiben), und so wurden Harry Maylie und Herr Grimwig in den Ausschuß aufgenommen.

»Wir bleiben natürlich so lange in der Stadt«, sagte Frau Maylie, »als noch die geringste Aussicht vorhanden ist, die Nachforschungen mit Erfolg weiter zu betreiben. Ich werde bei einer Sache, die uns alle so nahegeht, weder Mühe noch Kosten sparen und gern hierbleiben, selbst wenn es ein Jahr dauern sollte, um sie zu einem guten Ende zu bringen.«

»Gut«, versetzte Herr Brownlow, »und da ich in Ihren Gesichtern lese, daß Sie gern wissen möchten, wie es kam, damals nicht dagewesen zu sein, um Olivers Angaben zu bestätigen, so bitte ich Sie, mir deshalb keine Fragen vorzulegen. Zur gegebenen Zeit werde ich durch Erzählung meiner eigenen Geschichte alle heute unausgesprochenen Fragen beantworten. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich für meine Forderung Gründe habe. Ich will nämlich keine Hoffnungen erwecken, die vielleicht nie in Erfüllung gehen und nur die zahlreichen Schwierigkeiten vermehren würden. Doch man hat zum Abendessen gerufen, und der arme Oliver, welcher ganz allein im nächsten Zimmer sitzt, denkt vielleicht, wir sind seiner überdrüssig geworden und hätten uns hier verschworen, ihn wieder in die Welt hinauszustoßen.«

Mit diesen Worten bot der alte Herr Frau Maylie den Arm und führte sie in das Speisezimmer, während Herr Losberne Rosa geleitete. Die Beratung hatte damit ein Ende.

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