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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 38
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Siebenunddreißigstes Kapitel

In welchem der Leser einen im ehelichen Leben nicht selten sich zeigenden Gegensatz beobachten kann.

 

Herr Bumble saß in seinem Wohnzimmer im Armenhause und blickte mit schwermütigen Augen in den Kamin, von dem aber kein heller Glanz ausging, da es Sommer war und kein Feuer brannte. Ein Streifen Leimpapier hing als Fliegenfänger von der Decke hinunter, um den die Fliegen lustig herumgaukelten, ahnten sie doch nicht, daß er ihnen Verderben brachte. Schwere Seufzer entrangen sich Herrn Bumbles Brust, wenn er seine Augen zur Decke hob, riefen ihm doch die dort sorglos spielenden Fliegen ein schmerzliches Ereignis seines vergangenen Lebens ins Gedächtnis. Es war jedoch nicht allein Herrn Bumbles melancholische Stimmung, die des Lesers Mitleid erregen mußte, es fehlte auch nicht an anderen Anzeichen, die bekundeten, daß eine große Veränderung in der Lage der Dinge stattgefunden haben müsse. Die schöne Uniform des Gemeindedieners mit dem dazugehörigen Dreispitz, wo waren sie hingekommen? Der Rock, den er jetzt trug, war von dem Uniformrock ach so sehr verschieden, und der pompöse Dreispitz hatte einem bescheidenen runden Hute Platz machen müssen. Herr Bumble war nicht mehr Gemeindediener.

Es gibt Beförderungen im Leben, die, abgesehen von den damit verbundenen geldlichen Vorteilen, noch eine besondere Bedeutung und Würde durch die dazugehörige Tracht erhalten. Ein Feldmarschall hat seine Uniform, ein Bischof seinen Ornat, ein Ratsherr seinen Talar und ein Amts- und Gemeindediener seinen dreieckigen Hut. Nimm dem Bischof seinen Ornat oder dem Amtsdiener seinen Hut und Rock, was bleibt? Menschen, bloße Menschen. Würde, und bisweilen sogar Heiligkeit, hängen weit mehr von Uniform und Ornat ab, als viele Leute ahnen.

Herr Bumble hatte Frau Corney geheiratet und war Armenhausvater geworden. Ein anderer Gemeindediener war zur Macht gelangt, und der Dreispitz, die Uniform und der Stock waren auf ihn übergegangen.

»Morgen werden's zwei Monate!« seufzte Herr Bumble. »Es scheint ein Menschenalter zu sein.«

Er wollte vielleicht damit sagen, daß das Glück eines ganzen Lebens sich in den kurzen Zeitraum von acht Wochen zusammengedrängt hätte, aber die Seufzer! Es lag so viel darin.

»Ich verkaufte mich«, fuhr er, seine Gedanken weiter spinnend, fort, »für sechs Teelöffel, eine Zuckerzange, einen Milchtopf, etliche alte Möbel und zwanzig Pfund in bar. Ach, ich habe mich viel zu billig fortgegeben.«

»Billig?« kreischte eine grelle Stimme in Herrn Bumbles Ohr. »Du bist noch umsonst zu teuer, und Gott im Himmel weiß, daß ich dich teuer genug bezahlt habe.«

Herr Bumble drehte sich um und sah seine Ehehälfte streng an. Diese hatte seine Seufzer nur unvollständig verstanden und ihre Bemerkungen auf gut Glück hingeworfen.

»Frau Bumble!« sagte der Ehegemahl vorwurfsvoll.

»Nun?« schrie die Dame.

»Bitte, sieh mich an!« (Wenn sie einen solchen Blick aushalten kann, so ist sie zu allem fähig. Er hat meines Wissens bei den Armen nie seine Wirkung verfehlt, und sollte er hier versagen, so ist's mit meiner Macht aus.)

Ob nun ein strenger Blick hinreichend ist, Armenhäusler, die freilich der spärlichen Nahrung wegen keine besonders kräftigen Nerven haben, in Schrecken zu versetzen, oder ob die vormalige Frau Corney sogar gegen Adlerblicke gefeit war, wir wissen es nicht. Tatsache aber war, daß die Dame sich keineswegs durch Herrn Bumbles finsteren Blick und Stirnrunzeln einschüchtern ließ. Sie nahm ihn mit Verachtung auf und lachte nur geringschätzig.

Als Herrn Bumble diese unerwarteten Lachtöne ans Ohr schlugen, machte er zuerst ein ungläubiges, dann aber ein bestürztes Gesicht. Er versank darauf wieder in sein trostloses Brüten, aus dem er aber bald durch die Stimme seiner holden Gattin geweckt wurde.

»Willst du den ganzen Tag dasitzen und schnarchen?« fragte Frau Bumble.

»Solange, wie es mir beliebt«, entgegnete Herr Bumble, »und obgleich ich nicht schnarchte, werde ich es aber doch tun, auch gähnen, niesen, lachen oder weinen, gerade wie es mir paßt. Denn ich habe das Recht dazu.«

»Das Recht?« höhnte sie mit unaussprechlicher Verachtung.

»Jawohl Frau Bumble. Der Mann hat die Kommandogewalt.«

»Und was wäre denn, beim Himmel, das Recht der Frau?« schrie die Hinterbliebene des seligen Herrn Corney.

»Sie muß gehorchen«, donnerte Herr Bumble. »Das hätte dich dein unglückseliger seliger Mann schon lehren sollen, dann wäre er vielleicht noch am Leben. Ach, wie sehr wünschte ich, daß er es wäre.«

Frau Bumble sah jetzt, daß der entscheidende Augenblick gekommen war. Es galt jetzt die Herrschaft an sich zu reißen oder endgültig darauf zu verzichten. Bei der Anspielung auf ihren ersten Gatten sank sie auf einen Stuhl und erklärte Herrn Bumble für ein hartherziges Scheusal, dabei brach sie in einen Strom von Tränen aus.

Doch Tränen waren nicht der Weg, auf dem Herrn Bumble beizukommen war. Sein Herz war wasserdicht. Wie die waschbaren Filzhüte, die durch Regen immer besser werden, wurden seine Nerven durch Tränen kräftiger. Diese schienen ihm ein Zeugnis der Schwäche zu sein und somit eine Unterwerfung unter seine Oberherrlichkeit. Er blickte daher mit großer Zufriedenheit auf sein holdes Ehegespons und ermunterte sie, aus Leibeskräften zu weinen, da es nach Ansicht der Ärzte eine ganz gesunde und körperlich wohltätige Übung sei.

»Es lüftet die Lungen, wäscht das Gesicht rein, stärkt die Augen und beruhigt das Gemüt, also weine nur«, sagte Herr Bumble trocken.

Nachdem Herr Bumble diesen Witz angebracht hatte, nahm er seinen Hut und setzte ihn verwegen aufs Ohr, wie ein Mann, der die Überzeugung hat, seine Herrschaft auf geeignete Weise behauptet zu haben. Die Hände in den Taschen ging er triumphierend auf die Tür zu.

Aber dieses Experiment auf nassem Wege hatte Frau Bumble nur angestellt, weil sie es weniger anstrengend hielt als einen Boxkampf. Sie war aber auch bereit, diesen zu wagen, was Herr Bumble bald spüren sollte.

Die erste Probe davon bestand in einem hohlen Tone, dessen unmittelbare Folge war, daß sein Hut nach der entgegengesetzten Ecke des Zimmers flog. Dieses einleitende Verfahren gab sein Haupt jedem Angriff preis, und während die erfahrene Dame die Kehle ihres teuren Ehegatten umkrallte, ließ sie einen Hagel kräftiger Faustschläge auf seinen Kopf niederhageln. Dann brachte sie ein wenig Abwechslung in die Sache und zerkratzte Herrn Bumble erst mal tüchtig das Gesicht, und dann riß sie ihm ordentliche Büschel Haare aus. Nachdem sie sein Vergehen nun genügend gestraft zu haben glaubte, warf sie ihn über einen Stuhl, der nicht bequemer dafür hätte stehen können, und forderte ihn höhnisch auf, noch einmal von seinem Recht zu sprechen, wenn er den Mut dazu hätte.

»Jetzt steh auf«, sagte Frau Bumble im Befehlstone, »und mach, daß du mir aus den Augen kommst, wenn du nicht willst, daß ich etwas ganz Desperates tue!«

Herr Bumble erhob sich mit kläglicher Miene und überlegte, was dieses Desperate wohl sein möge. Dann hob er seinen Hut auf und sah nach der Tür.

»Willst du gehen?« fragte Frau Bumble drohend.

»Gewiß, mein Schatz, ich gehe schon«, erwiderte er, seine Schritte beschleunigend. »Es war nicht meine Absicht, dich – ich gehe schon, meine Liebe, du bist aber auch gar zu heftig, daß ich wirklich«

In diesem Augenblick trat Frau Bumble eilig vor, um den Teppich wieder zurechtzurücken, der sich während der letzten Viertelstunde etwas verschoben hatte. Herr Bumble benutzte das, um hastig aus dem Zimmer zu stürzen, ohne daran zu denken, seinen Satz zu vollenden, und ließ die frühere Frau Corney im unbestrittenen Besitz des Schlachtfeldes.

Herr Bumble war überrumpelt worden und hatte eine entscheidende Niederlage erlitten. Aber das Maß seiner Erniedrigung war noch nicht voll. Nachdem er einen Gang durch das ganze Haus gemacht und zum erstenmal darüber nachgedacht hatte, daß die Armengesetze doch wirklich zu hart wären, und daß Männer, die ihren Frauen fortliefen und die Erhaltung derselben der Gemeinde überließen, von Rechts wegen nicht bestraft, sondern vielmehr als verdienstvolle Märtyrer belohnt werden sollten, kam er in eine Waschküche, wo die weiblichen Armen beschäftigt zu werden pflegten, das Leinenzeug der Anstalt zu reinigen, und aus dem ihm lautes Geplauder entgegenschallte.

»Hm«, sagte Bumble, seine ganze Würde zusammennehmend, »zum wenigsten sollen diese Weiber auch künftig mich anerkennen. Hallo, zum Donnerwetter! Was soll dieser Radau, verwünschte Hexen?«

Mit diesen Worten öffnete Herr Bumble die Tür und trat mit hochfahrender, finsterer Miene ein; sie verwandelte sich aber sehr bald in eine demütige, als seine Augen seine bessere Ehehälfte entdeckten.

»Schatz«, sagte Herr Bumble, »ich wußte nicht, daß du hier wärest.«

»Wußtest nicht, daß ich hier wäre?« äffte ihm sein Weib nach. »Was hast du hier zu suchen?«

»Es kam mir vor, man schwatzte zu viel, als daß die Arbeit gehörig getan werden könnte, Schatz«, erwiderte er, zerstreut nach ein paar alten Weibern am Waschfaß blickend, die sich nicht wenig über das demütigende Benehmen des Armenhausvaters wunderten.

»Du glaubst, man schwatze zu viel?« fragte Frau Bumble. »Was geht denn dich das an?«

»Ja, lieber Schatz –« stotterte er demutsvoll.

»Ich will wissen, was es dich angeht!«

»Es ist allerdings richtig, daß du hier zu befehlen hast, liebe Frau, aber ich glaubte, du seiest gerade nicht anwesend!«

»Ich will dir mal was sagen, Bumble, wir brauchen deine Aufsicht nicht. Du steckst deine Nase immer in Dinge, die dich nichts angehen und machst dich lächerlich. Scher dich 'raus!«

Bumble gewahrte mit Wut im Herzen, wie die beiden alten Weiber am Waschfaß einander zukicherten und zögerte einen Augenblick. Aber Frau Bumble, deren Geduld schon erschöpft war, nahm einen Topf mit Seifenwasser und drohte den Inhalt über ihn auszuschütten, wenn er sich nicht augenblicklich entferne.

Was konnte er anders tun? Er blickte niedergeschlagen um sich und schlich von dannen. Als er die Tür erreicht hatte, verwandelte sich das Kichern der Weiber in ein schrilles Gelächter. Das war zu viel. Er war in ihren Augen herabgewürdigt, er hatte Ansehen und Achtung sogar bei den Armenhäuslern verloren. Von der Höhe eines Gemeindedieners war er zur tiefsten Tiefe eines Pantoffelhelden herabgestürzt.

»Und das alles in zwei Monaten«, klagte Bumble sich selber. »Vor nicht mehr als zwei Monaten war ich nicht nur mein eigener Herr, sondern auch Herr über das ganze Armenhaus, und nun?«

Es war zuviel. Er gab dem Jungen eine Ohrfeige, der ihm die Tür öffnete, und trat zerstreut auf die Straße. Er ging zuerst planlos straßauf, straßab, bis sich sein erster Kummer gelegt hatte, dadurch war er aber durstig geworden. Er kam an einer Anzahl von Wirtshäusern vorbei und blieb endlich bei einer Kneipe stehen, deren Gastzimmer mit Ausnahme eines Gastes leer war, wie er sich vorher durch einen Blick durchs Fenster überzeugt hatte. Es fing gerade tüchtig zu regnen an, und dies bestimmte ihn, hier einzukehren. Er forderte ein Glas Branntwein.

Der einzige Gast außer ihm war groß, von dunkler Gesichtsfarbe, und hatte einen langen Mantel umgehängt. Er schien fremd zu sein, und den bestaubten Kleidern nach zu schließen, von weit herzukommen. Er sah den eintretenden Bumble von der Seite an, erwiderte jedoch dessen Begrüßung nur mit einem Kopfnicken. Bumble besaß Würde genug für zwei, und so trank er seinen Schnaps schweigend. Dabei las er mit wichtiger Miene die Zeitung.

Wie es aber oft zu geschehen pflegt, wenn Menschen unter ähnlichen Umständen zusammentreffen, so kam es, daß Bumble sich gewaltig versucht fühlte, mal einen verstohlenen Blick auf den Fremden zu werfen. Er mußte aber seine Augen verlegen abwenden, als er seinem Gelüste nachgab, denn er bemerkte, daß der Fremde im selben Augenblicke nach ihm hinsah. Bumbles Verlegenheit wurde durch den höchst merkwürdigen Ausdruck im Auge des Fremden noch gesteigert. Denn der stechende Blick des fremden Mannes schweifte argwöhnisch und mißtrauisch umher und gab seinen Mienen etwas Abstoßendes.

Als sie sich in dieser Weise mehrere Male angesehen hatten, brach schließlich der Fremde das Schweigen.

»Haben Sie nach mir gesehen, als Sie durch das Fenster guckten?«

»Nicht, daß ich wüßte, wenn Sie nicht der Herr«

Hier hielt Bumble inne, denn er war neugierig, den Namen des Fremden zu erfahren, und hoffte, dieser würde seine Redelücke ausfüllen.

»Ach, ich merke schon«, sagte der Fremde spöttisch, »Sie haben nicht nach mir gesehen, sonst würden Sie meinen Namen wissen. Ich möchte Ihnen auch nicht raten, danach zu fragen.«

»Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten«, bemerkte Bumble würdevoll.

»Und haben es auch nicht getan«, entgegnete der Fremde.

Es folgte nun wieder ein Schweigen, das der Fremde nach einer Weile abermals unterbrach.

»Ich habe Sie früher schon mal gesehen, glaube ich«, fing er an. »Sie waren damals jedoch anders gekleidet. Ich begegnete Ihnen zwar nur auf der Straße, aber ich meine doch, Sie wiederzuerkennen. Sie waren früher hier der Gemeindediener, nicht wahr?«

»Stimmt«, erwiderte Bumble etwas überrascht.

»Was sind Sie jetzt?«

»Armenhausvater«, antwortete Herr Bumble langsam und mit Betonung, er wollte eine plumpe Vertraulichkeit des Fremden von vornherein zurückweisen. »Verwalter des Armenhauses, junger Mann.«

»Sie sind zweifellos noch ebenso auf Ihren Vorteil bedacht wie sonst?« fuhr der Fremde fort, indem er Herrn Bumble scharf anblickte, der bei dieser Frage verwundert die Augen erhoben hatte. »Sie brauchen sich nicht zu schämen, mir offen zu antworten, denn Sie sehen, ich kenne Sie genau!«

»Ich bin der Ansicht, daß ein verheirateter Mann ebenso dazu berechtigt ist, wenn ihm die Gelegenheit geboten wird, ein Stück Geld zu verdienen, wie ein lediger. Gemeindebeamten sind nicht so glänzend bezahlt, daß sie einen kleinen Nebenverdienst ausschlagen sollten, wenn er sich ihnen in einer schicklichen Weise bietet.«

Der Fremde nickte lächelnd mit dem Kopfe, als wenn er sagen wollte, daß er sich in seinem Manne nicht getäuscht hätte. Dann zog er die Klingel.

»Füllen Sie das Glas noch einmal«, befahl er dem Wirte und händigte ihm Herrn Bumbles leeres Glas ein. »Machen Sie es aber stark und recht heiß. So lieben Sie es doch?«

»Nicht zu stark«, versetzte Herr Bumble und hüstelte verlegen.

»Sie wissen, was das sagen soll, Herr Wirt«, sagte der Fremde trocken.

Der Wirt lächelte und verschwand. Nach einer kleinen Weile kam er mit einem dampfenden Glas wieder, von dem der erste Schluck Herrn Bumble das Wasser in die Augen trieb.

»Hören Sie mich mal aufmerksam an«, sagte der fremde Mann, nachdem er vorher die Tür und Fenster geschlossen hatte. »Ich kam heute mit der Absicht hierher, Sie zu treffen. Durch einen der Zufälle, die der Teufel manchmal herbeiführt, mußten Sie in dieses Zimmer treten, gerade als ich mich in Gedanken mit Ihnen beschäftigte. Ich möchte eine Auskunft von Ihnen haben und verlange sie, so unbedeutend sie ist, nicht umsonst. Nehmen Sie das als Anzahlung.«

Mit diesen Worten schob er behutsam Herrn Bumble ein paar Goldstücke über den Tisch hin, als wünsche er nicht, daß man draußen das Geld klimpern höre. Herr Bumble prüfte die Münzen auf ihre Echtheit und steckte sie vergnügt in seine Tasche, als er sich davon die nötige Überzeugung verschafft hatte.

»Denken Sie mal zurück – warten Sie – an den Winter vor zwölf Jahren!«

»Das ist lange her«, meinte Herr Bumble. »Aber schön, ich hab's getan.«

»Der Schauplatz – das Armenhaus.«

»Gut.«

»Zeit – die Nacht.«

»Ja.«

»Und der Ort – das elende Loch, wo liederliche Frauenzimmer piepsende Kinder in die Welt setzen, die der Gemeinde zur Last fallen, während sie ihre Schande im Grabe verbergen.«

»Das wird, denke ich, das Wöchnerinnenzimmer sein«, sagte Herr Bumble, der des Fremden aufgeregter Schilderung nicht ganz zu folgen imstande war.

»Ja, dort wurde ein Knabe geboren.«

»Sehr viele«, bemerkte Herr Bumble.

»Hol der Teufel die Höllenbrut«, schrie der Fremde. »Ich spreche von einem – einem schmächtig aussehenden, blaßgesichtigen Bengel, der zu einem Leichenbestatter in die Lehre gegeben wurde (ich wünschte, er hätte da seinen eigenen Sarg gemacht und sein Körper faulte darin) und nachher nach London entlief.«

»Ach, Sie meinen Oliver – den Oliver Twist, an den kann ich mich natürlich noch ganz gut erinnern«, versetzte Herr Bumble. »Das war ein eigensinniger Racker-«

»Ich brauche nichts von ihm zu hören, hab' schon genug von ihm vernommen«, fiel ihm der Fremde ins Wort. Es handelt sich um die alte Hexe, die seiner Mutter bei der Entbindung beistand. Wo ist sie?«

»Wo sie ist?« sagte Herr Bumble, den der starke Grog witzig zu machen schien. »Das ist schwer zu sagen. Jedenfalls Hebammen werden da nicht gebraucht, und so wird sie wohl außer Dienst sein!«

»Wie muß ich das verstehen?«

»Daß sie den letzten Winter starb!«

Der Unbekannte sah ihn bei dieser Mitteilung scharf an. Eine Weile schien es zweifelhaft, ob ihm die Nachricht erfreulich oder unerfreulich sei. Schließlich stand er auf und schickte sich zum Gehen an; er bemerkte dabei, es käme wenig darauf an.

Bumble war schlau genug, um eine Gelegenheit zu wittern, aus dem Geheimnisse seiner besseren Hälfte Geld zu machen. Er erinnerte sich noch genau der Nacht, in der die alte Sally starb. Der Tag war ihm durch seinen Heiratsantrag, den er Frau Corney damals machte, unvergeßlich geworden. Und obgleich ihm seine Frau niemals anvertraute, was sie damals erfahren hatte, so hatte er doch genug gehört, um zu wissen, daß die Beichte der Sterbenden sich auf etwas bezog, das mit Oliver Twists Mutter im Zusammenhang stand. Er eröffnete daher dem Fremden mit geheimnisvoller Miene, die Hebamme hätte sich kurz vor ihrem Tode eine andere Frau rufen lassen, die wahrscheinlich Licht in die Sache bringen könnte.

»Wo kann ich die Frau treffen?« fragte der Fremde mit unvorsichtiger Hast. Er zeigte, daß ihn die Mitteilungen stark erregten.

»Nur durch mich«, versetzte Herr Bumble.

»Wann?«

»Morgen!«

»Abends neun Uhr«, sagte der Fremde und schrieb auf ein Stück Papier mit zitternder Hand eine Adresse, die Herrn Bumble in ein abgelegenes Haus am Flusse hinbeschied. »Bringen Sie sie um neun Uhr zu mir. Ich brauche Ihnen wohl nicht erst zu sagen, daß es im Geheimen geschehen muß. Es ist Ihr Vorteil.«

Mit diesen Worten ging er zur Tür und bezahlte die Zeche. Von Bumble verabschiedete er sich ohne weitere Förmlichkeit mit dem Bemerken, daß sich jetzt ihre Wege trennten, und er ihn morgen pünktlich erwarte.

Bumble sah, daß die Adresse keinen Namen enthielt, und so folgte er dem Unbekannten, um ihn danach zu fragen.

»Was ist los«, rief der Mann und drehte sich rasch um, als der Armenhausvater seinen Arm berührte. »Warum schleichen Sie mir nach?«

»Ich wollte nur wissen, nach wem ich zu fragen habe; wollen Sie mir nicht Ihren Namen sagen?«

»Monks!« versetzte der Mann und eilte hastig weiter.

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