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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 36
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Fünfunddreißigstes Kapitel

Enthält das unbefriedigende Ergebnis von Olivers Abenteuern und ein ziemlich wichtiges Gespräch zwischen Harry Maylie und Rosa.

 

Als man auf Olivers Rufen herbeieilte, fand man ihn blaß und zitternd dastehen. Er zeigte nach der Wiese hinter dem Garten und konnte nur mühsam die Worte hervorbringen: »Der Jude der Jude!«

Herr Giles konnte aus diesem Ausruf nicht klug werden. Aber Harry Maylie, dessen Auffassungsgabe schneller war und der obendrein Olivers Geschichte von seiner Mutter gehört hatte, begriff sofort.

»Welche Richtung hat er eingeschlagen?« fragte er und nahm einen Knüppel auf, der zufällig da herumlag.

»Dorthin«, erwiderte Oliver, den Weg andeutend, den die Männer genommen hatten. »Ich habe sie eben erst aus den Augen verloren.«

»Dann sind sie im Graben«, sagte Harry. »Folgt und haltet euch dicht an mir!«

Mit diesen Worten sprang er über die Hecke und schoß wie ein Pfeil dahin, so daß die anderen Mühe hatten nachzukommen.

Giles und Oliver rannten ihm nach, so schnell sie konnten, und einige Minuten später setzte Herr Losberne, der gerade von einem Spaziergange heimkehrte, allerdings etwas ungeschickt, ebenfalls über die Hecke und strauchelte. Er raffte sich aber schneller, als man von ihm erwartet hätte, wieder auf und stürmte den übrigen mit langen Schritten nach. Dabei brüllte er mit mächtiger Stimme, fragend, was denn los sei. So ging's immer weiter, und keiner hielt inne, um neuen Atem zu schöpfen, bis der Anführer an den Graben gelangte und diesen sorgfältig zu untersuchen begann. Dadurch gewannen die übrigen Zeit heranzukommen, und Oliver konnte dem Doktor die Veranlassung zu dieser wilden Jagd mitteilen.

Aber alles Suchen war vergeblich. Nicht einmal frische Fußspuren ließen sich entdecken.

»Du mußt geträumt haben, Oliver«, sagte Harry, ihn beiseitenehmend.

»Nein, nein, gewiß nicht. Ich habe ihn ganz deutlich gesehen. Sie standen so bestimmt vor mir wie Sie jetzt.«

»Wer war der andere?« fragten Harry und der Doktor zu gleicher Zeit.

»Derselbe Mensch, der mich, wie ich Ihnen erzählte, im Gasthaus des Posthalters so ausschimpfte. Er sah mir gerade in die Augen, und ich könnte darauf schwören, daß er es wäre.«

»Und weißt du auch ganz gewiß, daß sie diesen Weg einschlugen?«

»So gewiß, wie ich weiß, daß sie vor dem Fenster standen.«

Die beiden Herren sahen Olivers ernstes Gesicht und guckten dann einander an, sie schienen sich durch seine bestimmten Antworten überzeugen zu lassen. Aber nirgends ließen sich Spuren finden. Das Gras war lang und nur da niedergetreten, wo sie selbst gelaufen waren.

»Das ist merkwürdig«, meinte Harry.

»Sehr merkwürdig!« bestätigte Herr Losberne. »Selbst Blathers und Duff vermöchten nicht klug daraus zu werden.«

Trotz der anscheinenden Erfolglosigkeit ihres Suchens setzten sie es bis zum Einbruch der Nacht fort, erst dann ließen sie, wenn auch ungern, davon ab.

Am nächsten Morgen wurden die Nachsuchungen wieder aufgenommen, aber mit keinem günstigeren Erfolge. Tags darauf gingen Harry und Oliver nach dem Marktflecken, in der Hoffnung, vielleicht dort etwas über die Männer zu erfahren, aber vergebens; und nach einigen Tagen fing man an, die Geschichte zu vergessen, nachdem der Reiz des Seltsamen aus Mangel an neuer Nahrung erstorben war.

Inzwischen ging es mit Rosas Genesung schnell vorwärts. Sie durfte das Zimmer verlassen, konnte ausgehen und brachte, als sie dem Familienkreise wieder zurückgegeben war, Sonne und neues Leben in aller Herzen.

Aber obgleich sich in den Räumen des kleinen Landhauses wieder heiteres Geplauder und frohes Lachen vernehmen ließ, entging es Oliver nicht, daß sich manchmal eine ungewohnte Zurückhaltung bei den beiden jungen Leuten geltend machte. Frau Maylie und ihr Sohn waren oft lange Zeit miteinander eingeschlossen, und mehr als einmal zeigten sich Tränenspuren auf Rosas Gesicht. Als der Doktor den Tag seiner Abreise nach Chertsey festgesetzt hatte, trat es klar zutage, daß etwas vorging, was den Seelenfrieden der jungen Dame und noch eines anderen Menschen beeinträchtigte.

Als endlich Rosa eines Morgens im Wohnzimmer allein war, trat Harry ein und bat mit stockender Stimme um die Erlaubnis, sie einige Augenblicke ungestört sprechen zu dürfen.

»Wenige – sehr wenige – werden genügen, Rosa. Was ich dir zu sagen habe, weißt du bereits. Die größten Hoffnungen meines Lebens sind dir nicht unbekannt, obgleich sie noch nie über meine Lippen gekommen sind.«

Rosa war bei seinem Eintreten blaß geworden, was vielleicht noch eine Nachwirkung der Krankheit war. Sie nickte zustimmend, beugte sich über einige Blumen, die in ihrer Nähe standen, und wartete schweigend darauf, daß er anfangen würde.

»Ich – ich hätte schon früher abreisen sollen.«

»Gewiß, Harry. Verzeihe, daß ich so rede, aber ich wünschte, du hättest es getan.«

»Die Angst, das einzige Wesen zu verlieren, das mein ein und mein alles ist, hat mich hierhergetrieben. Du warst dem Tode nahe – schwanktest auf der Scheidelinie zwischen Himmel und Erde.«

Bei diesen Worten perlten Tränen in den Augen des holden Mädchens.

»Ein Engel«, fuhr Harry leidenschaftlich fort, »ein Wesen so schön und unschuldig, wie einer von Gottes Engeln, schwebte zwischen Tod und Leben. Rosa! Rosa! Zu wissen, daß du entschwändest, keine Hoffnung zu haben, daß du den hienieden Weilenden erhalten bliebest, das waren Gedanken, fast zu schwer, um ertragen werden zu können. Aber sie lasteten Tag und Nacht auf meiner Seele, und denken zu müssen, du könntest dahinscheiden, ohne zu erfahren, wie innig ich dich liebe, das brachte mich dem Wahnsinn nahe. Du genasest wieder, und ich habe dich vom Tode zum Leben zurückkehren sehen, Dank gegen Gott im Herzen.«

»Ach, wärest du doch abgereist, um dich deinen edlen Bestrebungen, die deiner so würdig sind, wieder ganz zu widmen«, erwiderte Rosa unter Tränen.

»Es gibt kein Streben, das meiner würdiger wäre als das Ringen um ein Herz wie das deinige.« Er ergriff ihre Hand und fuhr leidenschaftlich fort: »Rosa, liebe Rosa, ich habe dich seit Jahren geliebt. Ich hoffte mir Ruhm zu gewinnen, um dann stolz heimzukehren und dir zu sagen, daß ich ihm nur nachjagte, um ihn mit dir zu teilen. Die Blütenträume meiner Liebe gaukelten mir diesen glücklichen Augenblick vor. Ich erinnere dich an die stummen Andeutungen, in denen dir schon der Knabe sein Herz geoffenbart hat, und an das Erröten, mit dem du sie aufnahmst. Ich dachte dann auf deine Hand Anspruch zu machen und damit einen längst zwischen uns schweigend geschlossenen Vertrag zu besiegeln. Die Zeit ist noch nicht gekommen, kein Ruhm geerntet, keiner meiner Jugendträume hat sich verwirklicht. Trotzdem biete ich dir mein Herz an, so lange schon das deine, und setze mein alles auf die Antwort, die meinem Antrag von dir zuteil wird!«

»Dein Handeln war immer gut und edel«, sagte Rosa, den Sturm ihrer Gefühle niederkämpfend, »damit du aber nicht glaubst, ich sei undankbar und gefühllos, so höre meine Antwort.«

»Wird sie mich auffordern, daß ich mich bemühen soll, dich zu verdienen, teuerste Rosa?«

»Nein, sie will dich bloß bitten, mich zu vergessen, das heißt nur als Gegenstand deiner Liebe, nicht aber als deine alte, dir herzlich zugetane Gespielin, denn das würde mich sehr kränken. Schau hinaus in die Welt, wieviele Herzen gibt es zu gewinnen, auf die du ebenso stolz sein kannst. Mache mich bei einer anderen Liebe zu deiner Vertrauten, und ich will dir die aufrichtigste und zuverlässigste Freundin sein.«

Eine Pause folgte, während der Rosa ihr Gesicht mit der einen Hand bedeckte und ihren Tränen freien Lauf ließ. Die andere Hand hielt Harry immer noch fest.

»Und deine Gründe, Rosa«, fragte er endlich leise. »Deine Gründe für diese Entscheidung, darf ich sie wissen?«

»Du hast ein Recht darauf, sie zu erfahren«, erwiderte Rosa, »kannst ihnen aber nichts entgegenhalten, was meinen Entschluß zu ändern vermöchte. Es ist eine Pflicht, die ich erfüllen muß. Ich schulde es anderen und mir.«

»Dir?«

»Ja, Harry, ich bin es mir selbst schuldig. Ein Mädchen ohne Eltern und Vermögen, mit einem Flecken auf seinem Namen, darf der Welt keinen Anlaß zu der Annahme geben, sie hätte aus niedrigen Beweggründen deiner ersten Leidenschaft nachgegeben und dadurch wie ein Bleigewicht deinen Aufstieg gehemmt. Ich habe gegen dich und die Deinen die Verpflichtung, es zu verhindern, daß du, durch dein edles Herz getrieben, deiner Laufbahn eine solche Belastung aussetzt.«

»Wenn deine Neigungen mit diesem Pflichtgefühle im Einklang stehen –« sagte Harry.

»Das ist nicht der Fall«, versetzte Rosa, tief errötend.

»So erwiderst du also meine Liebe?« rief Harry, »sage nur das, Rosa, sage nur das, und lindere meinen Schmerz und meine Enttäuschung!«

»Wenn ich es hätte tun können, ohne gegen ihn, den ich liebe, ein großes Unrecht zu begehen«, antwortete Rosa, »so würde ich«

»Die Erklärung meiner Liebe ganz anders aufgenommen haben?« fiel Harry ein. »Verhehle mir wenigstens das nicht, Rosa!«

»Ja«, bestätigte sie, »doch«, fuhr sie fort und zog ihre Hand aus der seinigen, »warum wollen wir dieses peinliche Gespräch fortsetzen? Peinlich, und mich doch so beseligend. Ja, zu wissen, daß ich von dir geliebt wurde, wird mir stets eine Quelle hohen Glückes sein. Lebe wohl, Harry, denn so wie wir uns heute gegenüberstanden, wird es nie mehr der Fall sein; und so möge dich mein Segen begleiten.«

»Noch ein Wort, Rosa! Deine Gründe, ich möchte sie aus deinem eigenen Munde hören.«

»Die schönsten Aussichten stehen dir offen, alle Ehren sind dir erreichbar, die durch Talent und einflußreiche Verbindungen errungen werden können. Aber deine Verwandten und Gönner sind stolz, und ich will mich nicht in ihre Kreise drängen, zumal sie meine Mutter verachten, die mir das Leben gab. Ich will auch nicht Unehre über den Sohn derjenigen bringen, die an mir Mutterstelle vertreten hat. Mit einem Worte«, und dabei wandte sie sich ab, um ihre Rührung zu verbergen, »es haftet ein Makel auf meinem Namen, und der soll nicht auf einen anderen übergehen. Der Fluch soll mich allein treffen.«

»Ach, nur noch ein – nur noch ein einziges Wort, teuerste Rosa!« rief Harry und warf sich ihr zu Füßen. »Wenn ich im Sinne der Welt weniger vom Glück begünstigt wäre, kein glänzendes, sondern ein unbeachtetes Leben mein Los wäre, ich arm, krank, hilflos, würdest du mich auch dann abweisen, oder kommen dir die Bedenken nur wegen meiner vermuteten Aussicht auf eine ehrenreiche Laufbahn?«

»Dränge mich nicht zu einer Antwort. Von einer solchen Frage ist und wird nie die Rede sein. Es ist nicht hübsch von dir, mir solche Gewissensfragen zu stellen!«

»Wenn deine Antwort lautete, wie ich fast zu hoffen wage, so wird sie einen beglückenden Hoffnungsstrahl auf meinen einsamen Weg werfen und die düstere Bahn vor mir erhellen. Hältst du es denn nicht der Mühe für wert, durch das Aussprechen einiger weniger Worte soviel für einen zu tun, der dich über alles liebt? Ach, Rosa, ich beschwöre dich bei meiner heißen, unvergänglichen Liebe, bei allem, was ich für dich gelitten habe, und was ich um deiner Entscheidung willen noch leiden soll, beantworte mir nur diese einzige Frage!«

»Nun denn, wenn dir ein anderes Los beschieden gewesen wäre, wenn du nur ein wenig und nicht gar so hoch über mir ständest, wenn ich dir in einer bescheidenen, zufriedenen und unabhängigen Stellung eine Kameradin sein könnte und nicht befürchten müßte, stets als ein Hindernis für dein Streben angesehen zu werden, so wäre uns wohl diese harte Prüfung erspart geblieben. Ich habe jetzt alle Ursache glücklich, ja, sehr glücklich zu sein; aber dann, Harry, ich gestehe es, dann hätte mein Glück keine Grenzen gekannt.«

Mächtige Erinnerungsbilder tauchten vor Rosa auf, während sie dies Eingeständnis machte, aber sie brachten auch Tränen mit sich, in denen sie jedoch Erleichterung fand.

»Ich kann meiner Schwäche nicht wehren, aber sie wird mich in meinem Entschluß nicht wankend machen«, sagte Rosa und reichte ihm ihre Hand hin. »Doch jetzt muß ich dich verlassen.«

»Versprich mir eines«, erwiderte Harry, »gestatte mir noch ein einziges Mal – in einem Jahre oder lieber noch früher, ein letztes Mal über diese Sache mit dir zu sprechen!«

»Willst du mich etwa dann drängen, meinen unabänderlichen Entschluß umzustoßen?« sagte sie mit wehmütigem Lächeln. »Es würde nutzlos sein.«

»Nein, um dich ihn wiederholen zu hören, falls es dir beliebt. Ich will dir meine Stellung und alles, was ich dann habe, zu Füßen legen, und wenn du bei deiner heutigen Abweisung beharrst, so will ich mich fügen.«

»Gut, es sei so. Es ist nur ein Schmerz mehr, und ich bin vielleicht dann imstande, ihn leichter zu tragen!«

Sie reichte ihm noch einmal die Hand. Harry aber schloß das Mädchen in seine Arme und drückte einen Kuß auf ihre reine Stirn, dann eilte er hinaus.

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