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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 30
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Gibt einen einleitenden Bericht über die Bewohner des Hauses, in das Oliver geflüchtet war.

 

In einem hübschen Zimmer mit altmodischen, aber bequemen Möbeln saßen zwei Damen an einem wohlbesetzten Frühstückstisch. Herr Giles in schwarzem Anzug wartete auf. Er stand kerzengerade zwischen dem Büfett und dem Frühstückstisch, hocherhobenen Hauptes, den linken Fuß vorgestellt und die rechte Hand in die Weste gesteckt. In der Linken hielt er ein Tablett und schien von der Wichtigkeit seiner Person ganz durchdrungen zu sein.

Die eine der Damen war schon hoch in Jahren, aber ihre Haltung war noch so gerade wie die steife Rückenlehne des Eichenstuhls, auf dem sie saß. Ihre Kleidung war gewählt, aber altmodisch, mit einigen Zugeständnissen an den Tagesgeschmack, was aber dem Kostüm nur zum Vorteil gereichte. Würdevoll, mit gefalteten Händen, saß sie da und hatte ihre Augen, deren Glanz das Alter kaum hatte trüben können, auf ihre Gesellschafterin gerichtet. Diese, im Frühling ihres Lebens, war eine Jungfrauengestalt von solcher Lieblichkeit, daß wir in ihr ohne Vermessenheit die Wohnung eines Engels vermuten dürften, wenn es den Zwecken Gottes entspräche, die Himmelsbewohner in sterbliche Hüllen zu kleiden.

Sie befand sich im siebzehnten Lebensjahre, und ihre Erscheinung war so zierlich und edel, so mild und zart, so rein und schön, als sei die Erde nicht ihre Heimat und paßten deren Bewohner nicht für sie als Umgang. Der Geist, der aus ihren dunkelblauen Augen strahlte, schien weder ihrem Alter noch der Welt anzugehören. Ihr Lächeln aber, das frohe, glückliche Lächeln, verhieß häuslichen Frieden und häusliches Glück.

Sie war eifrig mit dem Zubereiten des Tees beschäftigt, und wenn sie zufällig die Augen erhob und die alte Dame sah, legte sie in den Blick so viel Zärtlichkeit und Liebe, daß selbst selige Geister bei ihrem Anblick wohlgefällig gelächelt hätten.

»Brittles ist bereits eine Stunde fort, nicht wahr, Giles?« fragte die alte Dame.

»Eine Stunde und zwölf Minuten, gnädige Frau«, versetzte Herr Giles, auf seine silberne Uhr blickend, die er an einer schwarzen Schnur trug.

»Er ist immer so langsam«, bemerkte die Dame.

»Brittles war immer ein langweiliger Junge«, meinte Giles.

»Es wird mit ihm immer schlimmer anstatt besser«, sagte die alte Dame.

»Es wäre unverantwortlich, wenn er sich unterwegs aufhielte, um etwa mit anderen Jungen zu spielen«, fügte die junge Dame lächelnd hinzu.

Herr Giles überlegte gerade, ob es sich mit dem Respekt vertrüge, selbst ein wenig zu lächeln, als ein Einspänner vorfuhr, aus dem ein dicker Herr sprang und durch das Haus in das Zimmer stürzte, wo er beinahe Herrn Giles und den Frühstückstisch umgerannt hätte.

»Das ist ja unerhört!« rief der dicke Herr. »Meine beste Frau Maylie, um Himmelswillen und noch dazu mitten in der Nacht, so was ist mir noch nicht vorgekommen!«

Unter diesen Teilnahmebezeugungen schüttelte er beiden Damen die Hände, nahm Platz und fragte, wie es ihnen ginge.

»Sie hätten vor Schreck tot umfallen können auf der Stelle. Warum schickten Sie nicht zu mir? Mein Diener wäre in einer Minute hiergewesen, ebenso ich und mein Assistent. Wir wären glücklich gewesen, Ihnen gefällig sein zu können. Unter solchen Umständen! So unerwartet und mitten in der Nacht.«

Der Doktor schien besonders darüber empört zu sein, daß der Einbruch so unerwartet und zur Nachtzeit versucht wurde, als ob es bei den Herren Mitgliedern der Verbrecherzunft üblich wäre, um die Mittagszeit an ihr Geschäft zu gehen und ihre Absicht ein paar Tage vorher durch die Post anzukündigen.

»Und Sie, Fräulein Rosa?« fragte der Doktor, sich an die junge Dame wendend. »Ich«

»Mir geht's gut«, fiel ihm Rosa ins Wort, »aber oben liegt ein armer Mensch verwundet, und die Tante wünscht, Sie möchten nach ihm sehen.«

»Ach ja, richtig«, sagte der Doktor. »Das ist Ihr Werk, Giles, wie ich höre.«

Dieser errötete stark und erwiderte, er habe die Ehre gehabt.

»Die Ehre?« fragte der dicke Herr, »nun ich weiß nicht; vielleicht ist es ebenso ehrenvoll, einen Dieb in einer Waschküche, wie einen Gegner auf zwölf Schritte zu treffen. Nehmen Sie an, er hätte in die Luft geschossen und Sie haben ein Duell gehabt, Giles.«

Herr Giles, der die scherzhafte Behandlung des Gegenstandes als einen ungerechten Versuch ansah, sein Verdienst zu schmälern, antwortete ehrerbietig, daß es seinesgleichen nicht zustände, ein Urteil abzugeben, daß er aber des Glaubens sei, die Sache sei für die Gegenpartei kein Spaß gewesen.

»Ohne Zweifel, ohne Zweifel«, sprach der Doktor. »Wo ist er? Führen Sie mich zu ihm. Wenn ich herunterkomme, spreche ich bei Ihnen nochmals vor, Frau Maylie. Das ist also das kleine Fenster, durch das er hereinkam? Das hätte ich kaum für möglich gehalten!«

Plaudernd folgte er Herrn Giles die Treppe hinauf. Inzwischen erlaube ich mir dem Leser mitzuteilen, daß Herr Losberne ein im Umkreise von zehn Meilen als »Der Doktor« bekannter Wundarzt war, der seine Beleibtheit mehr seinem heiteren Gemüt als einem üppigen Leben verdankte. Er war ein gemütlicher und biederer, aber etwas wunderlicher alter Junggeselle, wie man ihn in einem fünfmal größeren Umkreise kaum wiederfindet.

Der Doktor blieb länger fort, als die Damen dachten. Es wurde ein flacher Kasten aus dem Wagen geholt, ziemlich oft geklingelt, und die Dienstboten liefen ununterbrochen die Treppen hinauf und hinunter; lauter Zeichen, aus denen man schließen konnte, daß oben etwas Wichtiges vorgehen müsse. Endlich kam er zurück, machte ein geheimnisvolles Gesicht und schloß die Tür behutsam hinter sich.

»Das ist etwas ganz Außerordentliches, Frau Maylie«, begann der Doktor und stellte sich mit dem Rücken gegen die Tür, als ob er verhindern wolle, daß jemand hereinkäme.

»Hoffentlich ist die Verwundung nicht gefährlich?« fragte die alte Dame.

»Nun, das wäre den Umständen nach nichts Außergewöhnliches«, erwiderte der Doktor, »obgleich ich nicht glaube, daß es der Fall ist. Haben Sie den Dieb gesehen?«

»Nein«, sagte die alte Dame.

»Auch nichts über ihn gehört?«

»Nein.«

»Verzeihung, gnädige Frau«, fiel Giles ein, »ich wollte gerade von ihm erzählen, als Herr Doktor kam.«

Die Sache verhielt sich eigentlich so, daß Herr Giles es nicht hatte über sich gewinnen können, einzugestehen, das Opfer seines Schusses sei bloß ein Kind gewesen. Da er im Augenblick noch auf dem Gipfel seines Ruhmes stand und um seiner Heldentat willen von allen Seiten mit Lobsprüchen überhäuft wurde, so hätte es ihm schier das Herz gebrochen, wenn er nicht die Aufklärung, die aller seiner Herrlichkeit ein Ende machen mußte, um einige köstliche Minuten hätte hinausschieben können.

»Rosa wünschte den Menschen zu sehen«, sagte Frau Maylie, »ich habe es aber nicht zugegeben!«

»Hm«, meinte der Doktor, »es ist nichts besonders Abschreckendes in seinem Äußern. Haben Sie etwas gegen einen Besuch in meiner Anwesenheit?«

»Wenn es nötig ist, gewiß nicht«, erwiderte die alte Dame.

»Dann möchte ich darum bitten«, sagte der Doktor, »jedenfalls bin ich überzeugt, daß Sie es später bereuen würden, wenn Sie es unterlassen hätten. Er ist vollkommen ruhig und gut versorgt. Darf ich bitten, Fräulein Rosa? Sie brauchen keine Angst zu haben, mein Ehrenwort!«

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