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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 28
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Siebenundzwanzigstes Kapitel

Sucht die Unhöflichkeit eines früheren Kapitels wieder gutzumachen, das eine Dame ohne weiteres im Stiche ließ.

 

Da es einem Schriftsteller wegen seiner Unbedeutendheit nicht ziemt, eine so wichtige Person wie ein Gemeindediener ist, mit über die Arme geschlagenen Rockschößen am Kamin stehen zu lassen, bis es dem Geschichtserzähler beliebt, ihn zu erlösen, und da es sich mit seiner Stellung oder seiner Galanterie noch weit weniger verträgt, in ähnlich vernachlässigender Weise eine Dame zu behandeln, der der besagte Beamte zärtliche und verliebte Blicke zugeworfen und süße Worte ins Ohr geflüstert hat, Worte, die aus dem Munde eines solchen Mannes das Herz eines jeden Mädchens oder einer jeden Frau erbeben machen müßten, so beeilt sich der gewissenhafte Erzähler mit seiner höchst wahren Geschichte.

Herr Bumble hatte also die Teelöffel abermals gezählt, die Zuckerzange aufs neue gewogen, den Milchtopf noch genauer untersucht und sich über den Zustand der Möbel bis auf die Roßhaarpolster der Stühle herunter die nötige Gewißheit verschafft, ehe ihm auch nur der Gedanke kam, es wäre nachgerade Zeit, daß Frau Corney zurückkehrte. Da fiel Herr Bumble auf den unschuldigen Zeitvertreib, seine Neugierde durch einen Blick in das Innere der im Zimmer befindlichen Kommode zu befriedigen.

Um sich zu vergewissern, daß niemand käme, horchte Herr Bumble am Schlüsselloch und fing dann mit der untersten der drei Schubladen an. Die verschiedenen Kleider von gutem Stoff gefielen ihm ausnehmend wohl. In einem der oberen Schubfächer stieß er auf ein kleines, verschlossenes Kästchen, das er schüttelte; der Klang von Gold- und Silbermünzen war seinen Ohren liebliche Musik. Nun schritt Herr Bumble würdevoll wieder zum Kamin und nahm seine alte Stellung wieder ein. Mit entschlossenem Gesichtsausdruck sagte er dann zu sich selbst: »Ich werde es tun!« Darauf lächelte er pfiffig, als wollte er sagen, was für ein verfluchter Schwerenöter er doch sei, dabei betrachtete er mit Interesse und Vergnügen seine strammen Waden.

Er war noch in deren bewundernden Anblick versunken, als Frau Corney ins Zimmer stürzte, sich atemlos auf einen Stuhl am Kamin warf und mit einer Hand die Augen bedeckte. Die andere legte sie aufs Herz und rang nach Luft.

»Frau Corney«, sagte Herr Bumble, sich über sie beugend, »was ist Ihnen? Ist etwas passiert? Bitte reden Sie doch, ich stehe hier, wie auf – auf – «, er konnte in seiner Bestürzung nicht das Wort »Nadeln« finden und sagte daher »Flaschenscherben«.

»Ach, Herr Bumble, ich bin wie zerschlagen.«

»Wer hat das gewagt? zerschlagen? Ich weiß schon«, fuhr er mit angeborener Majestät fort, »dieses gottverlassene Armenpack.«

»Schrecklich, dran zu denken«, sagte die Matrone schaudernd.

»Denken Sie nicht dran!« versetzte Herr Bumble.

»Ich kann's nicht lassen«, wimmerte Frau Corney.

»Dann stärken Sie sich und trinken ein Glas Wein«, meinte der Gemeindediener teilnahmsvoll.

»Nicht um die ganze Welt«, erwiderte die Matrone. »Das könnte ich nicht, oh nein! Im Wandschrank auf dem obersten Brett, ach –«

Die gute Frau, die jetzt in Krämpfe fiel, konnte nur schwach mit der Hand hinzeigen, aber Herr Bumble stürzte auf denselben zu und entnahm ihm eine grüne Flasche. Er goß eine Teetasse voll und hielt sie der Dame an die Lippen.

»Es wird mir schon besser«, sagte Frau Corney, nachdem sie die Tasse halb geleert hatte.

Herr Bumble erhob voller Dankbarkeit gegen Gott seine Augen zur Zimmerdecke, senkte sie dann auf die Tasse und brachte diese an seine Nase.

»Pfefferminze«, erklärte Frau Corney mit schwacher Stimme und lächelte dabei Herrn Bumble an. »Kosten Sie es mal, es ist noch ein bißchen anderes darin.«

Dieser kostete mißtrauisch die Arznei, leckte darauf die Lippen, kostete abermals und setzte die Tasse leer nieder.

»Es ist sehr stärkend«, sagte die Dame.

»Sehr, in der Tat.«

Nach diesen Worten rückte er seinen Stuhl an die Seite der Matrone und fragte zärtlich, was ihr passiert wäre.

»Ach nichts«, versetzte Frau Corney, »ich bin ein recht törichtes, schwaches Geschöpf.«

»Nicht schwach«, sagte Bumble und rückte noch näher. »Sind Sie wirklich schwach, Frau Corney?«

»Wir sind alle schwache Geschöpfe«, erwiderte die Matrone, damit eine Bibelstelle zitierend.

»Ja, das stimmt«, meinte Herr Bumble.

Beide schwiegen einige Minuten, dann erwies der Gemeindediener die Wahrheit dieses Satzes dadurch, daß er seinen linken Arm von Frau Corneys Stuhllehne fortnahm und mit sanftern Druck um ihre Taille legte.

»Wir sind allesamt schwache Geschöpfe«, sagte Herr Bumble.

Frau Corney seufzte.

»Seufzen Sie doch nicht, Frau Corney!«

»Ich kann nicht anders«, antwortete diese und seufzte nochmal.

»Das ist ein sehr gemütliches Zimmer«, meinte Herr Bumble. »Noch eins dazu, und es wäre eine ideale Wohnung.«

»Das wäre für eine einzelne Person zu viel«, flüsterte die Matrone.

»Aber nicht für zwei«, flötete Herr Bumble. »Was meinen Sie, Frau Corney?«

Bei seinen Worten senkte sie den Kopf, und er tat dasselbe, um ihr ins Gesicht sehen zu können. Frau Corney blickte züchtig seitwärts und machte ihre Hand los, um nach dem Taschentuch zu greifen. Unwillkürlich legte sie sie aber wieder in seine Hand.

»Die Behörde liefert Ihnen die Kohlen, nicht wahr?« fragte Herr Bumble und drückte zärtlich ihre Hand.

»Und das Licht«, antwortete die Matrone, den Händedruck leicht erwidernd.

»Heizung, Licht und Wohnung frei«, sagte Herr Bumble. »Frau Corney, Sie sind ein Engel!«

Einem derartigen Gefühlsausbruch konnte die Dame nicht widerstehen. Sie sank in Bumbles Arme, und dieser drückte einen feurigen Kuß auf ihre keusche Nase.

»Sie sind die Krone der Schöpfung«, rief Herr Bumble entzückt. »Sie wissen doch, mein Engel, daß Herr Slout heute abend kränker geworden ist?«

»Ja«, sagte Frau Corney verschämt.

»Der Doktor meint, er macht keine Woche mehr. Durch seinen Tod würde die Stelle des Armenhausvaters frei und müßte wieder besetzt werden. Ach, Frau Corney, welche Aussichten! Was für eine schöne Gelegenheit, zwei Herzen und Haushaltungen zu vereinigen!«

Frau Corney schluchzte.

»Das kleine Wörtchen«, sagte Herr Bumble und beugte sich über die verschämte Matrone. »Das einzige kleine, kleine Wörtchen, angebetete Corney!«

»Ja – a – a«, hauchte die Dame.

»Und noch eins«, fuhr Herr Bumble fort, »wann soll es sein?«

Frau Corney versuchte zweimal zu sprechen, aber jedesmal versagte ihre Stimme. Endlich faßte sie sich ein Herz, schlang ihre Arme um seinen Hals und sagte, sobald es ihm beliebe, denn er wäre doch ein zu großer Schwerenöter.

Nachdem die Angelegenheit in so befriedigender Weise erledigt war, wurde der Vertrag durch eine weitere Tasse Pfefferminzarznei feierlich bestätigt, was bei der Aufregung der Dame durchaus notwendig war. Dabei erzählte Frau Corney von dem Tode des alten Weibes.

»Gut«, sagte Bumble, seinen Pfefferminz schlürfend. »Ich werde auf dem Nachhauseweg bei Sowerberry vorsprechen und ihn morgen früh herschicken. Was hat dich so erschreckt, Liebling?«

»Ach, nichts Besonderes, Lieber«, antwortete die Dame ausweichend.

»Es muß doch aber etwas gewesen sein, Schatz. Du wirst es doch deinem Bumble anvertrauen.«

»Noch nicht«, erwiderte die Dame. »Später, wenn wir verheiratet sind.«

»Wenn wir verheiratet sind?« rief Herr Burnble. »Hat sich etwa einer der Armenhäusler eine Unverschämtheit herausge –?«

»Nein, nein, Liebster«, fiel Frau Corney hastig ein.

»Wenn ich das denken müßte«, fuhr Herr Bumble fort, »daß einer dieser Gesellen seine gemeinen Augen zu erheben wagte –«

»Keiner hätte sich das getraut, Liebling«, antwortete die Dame.

»Das ist ihr Glück«, meinte Herr Bumble drohend und ballte die Faust. »Mit dem hätte ich aber auch gesprochen, daß er es ein zweites Mal nicht getan hätte.« Herr Bumble begleitete diese Worte mit so vielen kriegerischen Gesten, daß die Dame von diesem Beweise seiner aufopfernden Liebe äußerst gerührt wurde. Sie beteuerte mit großer Zärtlichkeit, er wäre auch »ihr liebes Täubchen«.

Das Täubchen schlug nun den Rockkragen in die Höhe, setzte seinen Dreispitz auf und umarmte seine Zukünftige zärtlich und lange. Dann ging er, um wieder dem kalten Nachtwinde Trotz zu bieten. Er hielt sich noch einige Minuten im Zimmer der männlichen Armen auf, um sie ordentlich auszuschimpfen und sich selbst den Beweis zu erbringen, daß er dem Amte eines Armenhausvaters mit der nötigen Strenge vorzustehen imstande sei. Mit sich selbst zufrieden und voll schöner Träume hinsichtlich seiner zukünftigen Beförderung verließ er das Armenhaus und erreichte bald den Laden des Herrn Sowerberry.

Dieser war mit seiner Frau zu einer Abendgesellschaft eingeladen und deshalb abwesend. Da Noah Claypole zu keiner Zeit geneigt war, sich weitergehenderen physischen Anstrengungen zu unterziehen, als die Funktionen des Essens und Trinkens es erforderten, so stand der Laden offen, obgleich die Ladenschlußstunde längst vorbei war.

Herr Bumble klopfte mit einem Stock verschiedene Male vergebens auf den Ladentisch. Durch das Glasfenster des kleinen hinter dem Laden befindlichen Zimmers sah er Licht schimmern. Er trat heran, um zu sehen, was drinnen vorging. Was sich seinen Augen darbot, war erstaunlich.

Der Tisch war gedeckt und mit Brot und Butter, Tellern und Gläsern, einem Kruge schäumenden Bieres und einer Flasche Wein besetzt. Am oberen Ende der Tafel rekelte sich Herr Noah Claypole in einem Armsessel und hatte ein mächtiges Butterbrot in der Hand. Dicht neben ihm stand Charlotte und öffnete Austern, die Herr Claypole mit Gier verschlang. Eine ungewöhnliche Röte in der Nasengegend deutete an, daß der junge Herr angetrunken war.

»Hier ist noch eine riesig fette, lieber Noah«, sagte Charlotte, »die mußt du noch essen, die eine noch.«

»Wie gut doch Austern schmecken«, bemerkte Herr Claypole, nachdem er sie geschlürft hatte. »Schade, daß man nicht unendlich viel davon essen kann, ohne unwohl zu werden.«

»Ja, 's ist wirklich traurig«, stimmte Charlotte zu. »Willst du noch eine, sieh mal diese mit dem schönen Bart?«

»Kann keine mehr unterbringen«, antwortete Noah, »tut mir leid! – Komm her, Charlotte, ich will dir einen Kuß geben.«

»Was?« schrie Bumble, in das Zimmer stürzend, »willst du das nochmal sagen, Bürschchen?«

Charlotte stieß einen Schrei aus und verbarg ihr Gesicht hinter der Schürze, während Herr Claypole, ohne seine Stellung zu verändern, in trunkenem Schrecken den Gemeindediener anstarrte.

»Willst du das noch einmal sagen, du schamloser Wicht?« tobte Herr Bumble. »Wie kannst da so etwas in den Mund nehmen, Schlingel? Und wie können Sie sich unterstehen, ihn dazu zu ermutigen, Sie freches Weibsbild, Sie? Von Küssen reden! Pfui!«

»Ich wollte es gar nicht«, sagte Noah weinerlich. »Sie küßt mich immer, ob ich es will oder nicht.«

»Ach, Noah!« rief Charlotte vorwurfsvoll.

»Ist's etwa nicht wahr? Du kannst es nicht abstreiten«, erwiderte Noah. »Immer küßt sie mich und faßt mich ans Kinn und ist zärtlich zu mir.«

»Schweig!« schrie Herr Bumble streng. »Packen Sie sich, Mamsell, und du, Noah, machst den Laden zu und redest kein Wort mehr, bis dein Meister nach Hause kommt – auf deine eigene Gefahr. Wenn er kommt, so sagst du ihm, Herr Bumble sei dagewesen, und der Meister solle morgen früh einen Sarg für 'ne alte Frau nach dem Armenhaus schicken. Hörst du, Bengel? Küssen! Die Sündhaftigkeit und Verderbtheit der unteren Klassen in dieser Gemeinde ist himmelschreiend. Da müßte das Parlament einschreiten!« Mit diesen Worten verließ er in würdevoller Haltung das Haus des Sarglieferanten.

Nun wollen wir uns ein wenig nach dem jungen Oliver Twist umsehen und schauen, ob er noch in dem Graben liegt, wo Sikes und Toby Crackit ihn verlassen haben.

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