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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 20
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Neunzehntes Kapitel

In dem ein denkwürdiger Plan beraten und beschlossen wird.

 

Es war eine kalte und windige Nacht, als der Jude gut vermummt aus seiner Höhle auftauchte. Er blieb auf der Schwelle stehen, während die Jungen die Tür von innen verschlossen und verriegelten. Nachdem dies geschehen, eilte er so schnell, als er konnte, die Straße hinab.

Das Haus, in das man Oliver gebracht hatte, befand sich in der Nähe von Whitechapel. Der Jude stand an der nächsten Ecke einen Augenblick still und sah sich argwöhnisch um. Dann ging er über die Straße und schlug die Richtung nach Spitalfields ein.

Der Schmutz lag dicht auf dem Pflaster, und ein dunkler Nebel hing über den Straßen. Es regnete, und alles war kalt und feucht anzufühlen. Eine Nacht, so recht geeignet für die Unternehmungen eines Wesens, wie der Jude es war. Als der greuliche Alte unter dem Schutz der dunkeln Mauern und Torwege dahinschlich, glich er ganz einem eklen Gewürm, welches in dem Schlamm und Dunkel, das ihn geboren, nach einem leckeren Mahle sucht.

Er kam auf seinem Gange durch viele krumme und enge Gassen nach Bethnal Green. Hier bog er plötzlich links ab und tauchte dann in ein Labyrinth von schmutzigen Straßen unter, die es in diesem bevölkerten Stadtteil zu Dutzenden gibt.

Der Jude war augenscheinlich mit der Gegend gut vertraut, denn ohne irgendwelches Zögern eilte er durch mehrere Straßen, bis er eine Gasse erreichte, an deren äußerstem Ende nur eine Laterne brannte. Er klopfte an die Tür eines Hauses und stieg die Treppe hinauf, nachdem man ihm gegen Bekanntgabe des Losungswortes geöffnet hatte.

Als er die Klinke einer Tür berührte, hörte man das Knurren eines Hundes, und eine rauhe Mannesstimme fragte, wer da sei.

»Nur ich, Bill; nur ich, Freundchen«, sagte der Jude und guckte herein.

»So bring deinen schuftigen Leichnam 'rein«, erwiderte Sikes. – »Kusch, dummes Vieh! Kennst du denn den Teufel nicht, auch wenn er vermummt ist.«

Der Hund hatte sich augenscheinlich durch Fagins Regenmantel täuschen lassen, denn sobald der Jude ihn abwarf, zog sich das Tier wieder in seine Ecke zurück und wedelte mit dem Schwanze.

»Nun?« fragte Sikes.

»Tja, mein Lieber! – Ach Nancy.«

Der Jude war etwas verlegen, da er nicht wissen konnte, wie er von dem Mädchen empfangen werden würde. Doch Nancy tat ganz harmlos; sie winkte Fagin zu sich an den Kamin heran und meinte, es wäre eine kalte Nacht und sie wolle das Mißverständnis vergessen.

»Ja, es ist wirklich kalt«, entgegnete der Jude. »Es geht einem durch und durch.«

»Gib ihm was zu trinken, Nancy. Donnerwetter, spute dich! Es wird einem ja ganz übel, wenn man das dürre Gerippe so klappern sieht, als sei es eben erst dem Grabe entstiegen.«

Nancy holte eiligst eine Flasche und Sikes füllte ein Glas mit Brandy, das er dem Juden hinhielt.

Der Jude berührte es mit den Lippen und sagte dann:

»Danke, Bill, nicht mehr, habe genug.«

»Du hast wohl Angst, wir wollen dir was«, fragte Sikes, den Juden mit einem Blick durchbohrend. Er ergriff mit einem heiseren Grunzen das Glas und goß den Rest seines Inhalts in den Kamin. Dann füllte er es aufs neue und trank es aus.

Fagin sah sich im Zimmer um, nicht aus Neugierde, denn er war schon öfters dagewesen, sondern aus Argwohn, wie es ihm zur zweiten Natur geworden war. Es war ein ärmlich möbliertes Gemach, und man sah darin nichts Verdächtiges als ein paar schwere Knüttel in einer Ecke und einen ›Totschläger‹ auf dem Kaminsims.

»Weshalb bist du gekommen?« fragte jetzt Sikes den Juden.

»Wegen der Villa in Chertsey«, erwiderte dieser leise.

»Nun und – Was weiter?«

»Ach, Ihr wißt schon, was ich meine, Bill. Nicht wahr, Nancy, er weiß es recht gut?«

»Nein, er weiß es nicht«, sagte Sikes höhnisch, »oder will es nicht wissen, was auf dasselbe rauskommt. Schleime dich nur ruhig aus und nenne die Dinge beim rechten Namen. Tue doch nicht so, als ob du nicht das Ding ausbaldowert hast!«

»Pst, Bill«, machte Fagin, der sich umsonst bemüht hatte, Sikes Unwillen zu beschwichtigen. »Man wird uns hören, Freundchen, man wird uns hören!«

»Meinetwegen«, erwiderte Sikes, »mir ist's gleich.« Er dämpfte aber doch unwillkürlich seine Stimme.

»Nun, es war von mir aus doch nur Vorsicht«, sagte der Jude schmeichelnd, »weiter nichts als Vorsicht. Also was die Villa in Chertsey anbelangt – wann soll es sein, Bill, sprich? – Großartiges Silbergeschirr!« fügte er händereibend hinzu und seine Augen funkelten beutegierig.

»Gar nicht«, erwiderte Sikes kalt.

»Was, gar nicht?« wiederholte der Jude in grenzenlosem Erstaunen.

»Gar nicht, wenigstens geht's nicht so, wie wir dachten.«

»Dann habt Ihr die Sache nicht richtig angefaßt«, meinte Fagin ärgerlich. »Mir könnt Ihr doch nichts erzählen!«

»Ich werde es dir schon erzählen«, entgegnete Sikes höhnisch. »Also, Toby Crackit hat seit vierzehn Tagen alle möglichen Versuche gemacht, einen von der Dienerschaft zu gewinnen.«

»Ihr wollt also sagen«, unterbrach ihn der Jude, »daß keiner der beiden Bedienten überredet werden konnte?«

»Gerade das wollte ich sagen«, antwortete Sikes. »Sie sind schon zwanzig Jahre im Hause der alten Frau und würden's nicht tun, selbst wenn wir ihnen fünfhundert Pfund bieten würden!«

»Und das weibliche Personal?« fragte Fagin.

»Auch nicht dran zu denken.«

»Nicht mal durch den schneidigen Toby Crackit? Wie doch die Weiber nun einmal sind!«

»Auch vergeblich, trotzdem er sich einen Backenbart angeklebt und eine schöne gelbe Weste getragen hatte.«

»Er hätte es mit einem Schnurrbart und Soldatenhosen versuchen sollen«, meinte der Jude nach kurzem Besinnen.

»Das hat er auch getan, hatte aber ebensowenig Zweck.«

Fagin machte ein langes Gesicht dazu und versank in tiefes Nachdenken. Dann meinte er seufzend, wenn Crackits Berichte stimmen, müßte man den Plan wohl aufgeben. »Es ist furchtbar traurig, so viel zu verlieren, wenn man sein Herz daran gehängt hat.«

»Ja«, sagte Sikes, »es ist ein mächtiges Pech.«

Es folgte nun ein langes Schweigen. Der Jude versank in tiefe Gedanken, wobei sein Gesicht den Ausdruck wahrhaft teuflischer Spitzbüberei annahm. Sikes warf ihm von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke zu, während Nancy sich mäuschenstill verhielt und so tat, als hätte sie vom ganzen Gespräch nichts gehört.

»Fagin«, sagte Sikes, plötzlich die Stille unterbrechend, »ist es fünfzig Scheine extra wert, wenn man's durch Einbruch schafft?«

»Ja!« sagte der Jude, aufschnellend.

»Gilt's?« fragte Sikes.

»Ja, abgemacht«, antwortete Fagin, die Hand des andern drückend. Er strahlte im Gesicht und seine Augen glänzten.

»Dann«, erwiderte Sikes und schob die Hand des Juden verächtlich beiseite, »dann kann es sofort losgehen. Toby und ich sind gestern nacht über die Gartenmauer geklettert und haben die Türen und Fensterläden untersucht. Die Villa ist zwar in der Nacht gut verrammelt, aber es gibt eine Stelle, wo man bequem einbrechen kann.«

»Wo ist denn die Stelle?« fragte Fagin lebhaft.

»Also, man geht über den Rasenplatz«, flüsterte Sikes, »und –«

»Ja, und –« unterbrach ihn Fagin mit aufgerissenen Augen, dabei beugte er sich gespannt vor.

»Dann –«, rief Sikes schnell abbrechend, als ihm das Mädchen, fast ohne den Kopf zu bewegen, einen warnenden Blick zuwarf. »Übrigens geht dich die Stelle gar nichts an, ohne mich kannst du es doch nicht machen. Wenn man mit dir zu tun hat, muß man verdammt vorsichtig sein.«

»Wie Ihr denkt, mein Lieber. Braucht Ihr keine Hilfe, schafft Ihr beide es allein?«

»Wir brauchen nur noch ein Brecheisen und 'nen Jungen. Das erstere haben wir, den Buben mußt du uns besorgen!«

»Einen Jungen?« rief der Jude. »Ach, dann geht's durch ein Fenster, nicht wahr?«

»Kann dir gleich sein«, erwiderte Sikes. »Der Junge darf aber nicht zu groß sein.« Nachdenklich fuhr er fort: »Wenn ich nur den Buben des Schornsteinfegers Ned kriegen könnte, der hätte ihn mir billig ausgeliehen. Aber da haben sie den Vater eingespannt, und mit einemmal kommt solch ein Verein für verlassene Kinder und nimmt den Bengel aus einem Geschäft, wo er Geld verdienen konnte. Man lehrt ihn schreiben und lesen, damit er Handwerker werden kann. Aber so ist's«, fuhr Herr Sikes fort, der über diese Ungerechtigkeit immer mehr in Wut geriet, »so ist's, und wenn diese Vereine Geld genug hätten, was aber Gott sei Dank nicht der Fall ist, so würden für unsern Beruf in einigen Jahren kaum ein halbes Dutzend Jungen übrigbleiben.«

»So viel würden uns kaum bleiben«, stimmte der Jude zu, der während dieser Rede seine Gedanken ganz wo anders hatte und nur die letzten Worte aufschnappte.

»Was ist los?«

Der Jude machte mit dem Kopf ein Zeichen, als wenn es ihm lieb wäre, daß Nancy, die immer noch mit dem Gesicht gegen den Kamin saß, jetzt das Zimmer verließe. Erst zuckte Sikes ungeduldig die Achseln, er hielt diese Vorsicht für unnötig, dann aber forderte er doch Nancy auf, ihm einen Krug Bier zu holen.

»Du brauchst kein Bier«, sagte Nancy, ruhig sitzenbleibend, und schlug die Arme übereinander.

»Ich habe aber Durst!« erwiderte Sikes.

»Unsinn!« versetzte das Mädchen gelassen. »Fahrt nur weiter fort, Fagin. Ich weiß, was er sagen will, Bill, vor mir braucht er sich nicht zu genieren!«

Der Jude zögerte, und Sikes guckte verwundert erst Nancy und dann Fagin an.

»Nanu, du wirst dich vor unserer alten Nancy nicht fürchten?« sagte er schließlich. »Die kennst du doch lange genug, um ihr zu mißtrauen, zum Donnerwetter! Die verpfeift uns nicht, nicht wahr, Mädel?«

»Das sollt' ich meinen, Bill!« erwiderte die junge Dame, dabei rückte sie ihren Stuhl an den Tisch und stützte den Kopf auf die Ellbogen.

»Das schon, mein Lieber. Ich weiß das, aber«, Fagin hielt inne.

»Aber was?« fragte Sikes.

»Aber vielleicht kriegt sie wieder einen Rappel, wie neulich«, antwortete der Jude.

Bei diesen Worten brach das Mädchen in ein lautes Gelächter aus und stürzte ein Glas Brandy hinunter. Sie schüttelte den Kopf herausfordernd und sagte, das wäre ja lächerlich. Sie könnten vor ihr ruhig sprechen. »Redet nur ungeniert von Oliver, Fagin.«

Dies schien die beiden Herren zu beruhigen, denn der Jude nahm mit zufriedenem Lächeln seinen Sitz wieder ein und Herr Sikes folgte seinem Beispiel.

»Die Nancy ist doch ein schlaues Mädel, wie mir selten eines vorgekommen ist«, dabei klopfte ihr der Jude schmunzelnd auf die Schulter. »Sie hat ganz recht, ich wollte tatsächlich von Oliver reden, ha! Ha! Ha!«

»Wieso?« fragte Sikes.

»Das ist für Euch der Junge, mein Lieber«, erwiderte Fagin, heiser flüsternd. Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

»Der?« rief Sikes aus.

»Den kannst du nehmen«, sagte Nancy. »Wenigstens ich täte es an deiner Stelle. Er ist vielleicht nicht so abgefeimt wie die anderen, aber das ist ja auch nicht nötig. Er hat ja nur eine Tür aufzumachen, darin ist er zuverlässig, Bill.«

»Stimmt, das ist er«, sagte Fagin. »Er ist die letzten Wochen in einer guten Schule gewesen, und es wird Zeit, daß er anfängt, sich sein Brot selbst zu verdienen. Außerdem sind die anderen alle zu groß.«

»Ja, die richtige Figur hat er«, meinte Sikes.

»Und er wird auch alles tun, was ihr verlangt, Bill. Er kann nicht anders, vorausgesetzt daß Ihr ihn gut in Zucht haltet.«

»Daran soll es nicht fehlen, verlaß dich drauf«, entgegnete Sikes. »Macht der Bengel dumme Geschichten, wenn wir bei der Arbeit sind, siehst du ihn lebend nicht wieder, Fagin. Teufel auch! Überlege dir das wohl, ehe du ihn mir schickst.« Er holte ein schweres Brecheisen unter der Bettstelle vor und schwang es drohend.

»Habe bereits alles überlegt«, sagte der Jude entschieden. »Habe ihn scharf beobachtet. Laßt ihn nur einmal klar werden, daß er einer der Unsrigen ist! Wenn sich der Gedanke in seinem Kopf festgesetzt hat, er sei ein Dieb gewesen, so ist er uns verfallen. Für sein ganzes Leben. Ha! Ha! Es hätte gar nicht besser kommen können.«

Er kreuzte seine Arme über der Brust und wand den Kopf und die Schultern, sozusagen in einen Knäuel zusammen. Er umarmte sich buchstäblich selber vor Freude.

»Uns verfallen?« sagte Sikes. »Dir, willst du wohl sagen.«

»Vielleicht stimmt's, mein Lieber«, sagte Fagin schrill lachend. »Mein also, wenn es Euch so besser gefällt.«

»Und warum«, sprach Sikes grollend, »gibst du dir eigentlich soviel Mühe mit dem Gelbschnabel? Du hast doch die Auswahl unter fünfzig Jungen, die jede Nacht im Hyde Park pennen!«

»Die kann ich nicht gebrauchen«, versetzte Fagin etwas verwirrt. »Sie sind nichts wert, denn wenn sie in Schlamassel geraten, so steht ihnen gleich auf dem Gesicht geschrieben, was sie ausgefressen haben, und sie gehen kapores. Mit Oliver, richtig dressiert, kann man mehr erreichen als mit zwanzig andern. Zudem«, fuhr er gefaßter fort, »hat er uns jetzt in der Hand, wenn er wieder entwischen sollte. Er muß deshalb mit uns in dasselbe Boot. Es ist gleichgültig, wie er dareingekommen ist, aber bleiben muß er. Und ist dies nicht besser, als wenn wir den armen Jungen um die Ecke bringen müßten? Abgesehen davon, daß das gefährlich wäre, würden wir auch dabei verlieren.«

»Wann soll es geschehen?« fragte Nancy. Sie schnitt dadurch einen heftigen Gefühlsausbruch des Herrn Sikes ab, der die geheuchelte Menschenfreundlichkeit Fagins nicht gut anhören konnte.

»Ja, Bill«; fragte ebenfalls der Jude, »wann soll es sein?«

»Ich habe mich mit Toby auf übermorgen nacht verabredet«, versetzte Sikes mürrisch, »wenn ich ihm nicht noch vorher absage.«

»Schön«, sagte Fagin, »es ist doch kein Mondschein?«

»Nein!«

»Habt Ihr auch alle nötigen Vorkehrungen zur Fortschaffung der Beute getroffen?« fragte der Jude.

Sikes nickte.

»Und wegen –«

»Ach, es ist alles in Ordnung«, fiel ihm Sikes ins Wort, »kümmere dich nicht um die Einzelheiten. Bringe den Jungen morgen abend her, eine Stunde nach Tagesanbruch geht's los. Du hast weiter nichts als das Maul und den Schmelztiegel bereit zu halten. Mehr verlangen wir nicht.«

Nach einigen Hin- und Herreden aller drei wurde beschlossen, daß Nancy am nächsten Abend Oliver von Fagin abholen solle. Dieser meinte nämlich, er würde dem Mädchen lieber als irgendeinem anderen folgen, weil sie neulich so energisch für ihn eingetreten war. Man war sich ferner darüber einig, daß der arme Oliver zum Zwecke der beabsichtigten Unternehmung Herrn William Sikes ohne Vorbehalt übergeben werden solle. Dieser könne nach Gutdünken mit dem Jungen verfahren und wäre nicht verantwortlich für irgendeinen möglichen Unfall oder eine notwendige Züchtigung.

Nach Abschluß dieser Verhandlungen fing Sikes an, ein Glas Brandy nach dem anderen hinunterzustürzen und fuchtelte dabei mit dem Brecheisen in beunruhigender Weise herum. Darauf begann er gemeine Lieder zu singen, die er dann und wann mit wilden Flüchen unterbrach. Endlich bestand er in einem Anfall von Zunftstolz darauf, seine Einbrecherwerkzeuge vorzuführen. Er hatte jedoch kaum den Kasten mit ihnen gebracht und aufgemacht, um die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Instrumente auseinanderzusetzen und auf die besondere Schönheit ihrer Konstruktion hinzuweisen, als er zu Boden stürzte und auf der Stelle einschlief.

»Gute Nacht, Nancy«, sagte Fagin und vermummte sich wieder.

»Gute Nacht.«

Ihre Blicke trafen sich, und der Jude faßte sie scharf ins Auge. Doch er fand keinen Anlaß zum Argwohn, denn sie benahm sich ruhig und gelassen. Indem er dem wie tot daliegenden Herrn Sikes noch einen leichten Tritt gab, ging er hinaus und die Treppe hinunter.

»So ist es immer«, brummte der Jude auf dem Nachhauseweg vor sich hin. »Es ist das schlimmste bei diesen Weibern, daß die unbedeutendste Kleinigkeit in ihnen irgendein längst vergessenes Gefühl wiederweckt. Gut ist nur, daß es nie lange währt. Ha! Ha! Der Kerl gegen den Jungen! Ich halte einen Beutel Gold auf den Kerl!«

Mit diesen angenehmen Gedanken beschäftigt, verfolgte Fagin seinen Weg durch Dreck und Nässe, bis er seine Höhle wieder erreichte. Der Gannef war noch wach und erwartete ungeduldig seine Rückkehr.

»Ist Oliver zu Bett? Ich muß ihn sprechen!« waren des Juden erste Worte, als sie die Treppe hinaufstiegen. »Schon lange«, antwortete der Gannef und öffnete eine Tür. »Hier ist er.«

Der Junge schlief fest auf einer harten Matratze auf dem Fußboden. Angst, Kummer und die lange Gefangenschaft hatten ihm die Blässe des Todes aufgedrückt, des Todes, nicht wie er im Sarge erscheint, sondern wie man ihn wahrnimmt, wenn das Leben aus dem Körper entflohen ist, und die Seele gen Himmel fliegt, ohne daß die schwere Luft der Erde schon Zeit hatte, den Staub umzuwandeln, den sie heiligte.

»Jetzt nicht«, murmelte der Jude und wandte sich still weg. »Morgen, morgen.«

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