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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 18
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Siebzehntes Kapitel

Olivers Schicksal bleibt dauernd ungünstig. Ein großer Mann kommt nach London, um seinem Rufe zu schaden.

 

Wir bitten den Leser jetzt, uns nach der Stadt zu begleiten, wo unser kleiner Held zur Welt kam.

Herr Bumble trat eines Morgens früh aus dem Armenhause und ging würdevoll die Straße hinunter. Er trug zwar seinen Kopf immer gebührend hoch, heute jedoch noch höher als gewöhnlich. Herr Bumble hielt sich nicht mit den kleinen Krämern auf, die ihn ansprechen wollten, sondern grüßte sie nur mit einer leichten Handbewegung. An dem Landhaus machte er schließlich halt, wo Frau Mann die armen Kinder nach den Grundsätzen der Armenbehörde betreute.

»Was mag dieser verwünschte Gemeindediener schon in aller Herrgottsfrühe wollen?« sagte Frau Mann, als sie sein bekanntes, ungeduldiges Klopfen an der Gartentür vernahm. »Ah! Sieh da, Herr Bumble, freut mich, Sie zu sehen. Bitte, treten Sie näher.«

»Frau Mann«, sagte Herr Bumble, indem er sich würdevoll setzte, »Frau Mann, ich wünsche Ihnen einen guten Morgen!«

»Danke, gleichfalls, Herr Bumble«, versetzte Frau Mann liebenswürdig lächelnd. »Es geht Ihnen hoffentlich gut?«

»So, so Frau Mann«, erwiderte Herr Bumble; »man ist nicht auf Rosen gebettet.«

»Ach, das ist nur zu wahr!« Hätten die Armenkinder das hören können, sie hätten alle ausnahmslos Frau Mann beigepflichtet.

»Das Leben eines Gemeindebeamten, Frau Mann«, fuhr Bumble fort und schlug mit seinem Stock auf den Tisch, »ist ein Leben voll Mühe, Arbeit und Ärger. Dagegen ist jedoch nichts zu machen, alle Leute im öffentlichen Leben müssen sich Anfeindungen gefallen lassen.«

Obgleich Frau Mann nicht wußte, was er damit sagen wollte, seufzte sie teilnahmsvoll.

»Ich gehe nach London, Frau Mann«, fuhr Bumble fort.

»Ach, wirklich?«

»Ja, und zwar in der Postkutsche. Ich und zwei Arme. Es handelt sich um die Feststellung ihrer Heimatzuständigkeit. Die Armenhausbehörde hat mich mit ihrer Vertretung betraut. Es wird sich dann herausstellen«, fuhr Herr Bumble fort und richtete sich stolz auf, »ob die Herren vom Gericht in Clerkenwell sich nicht in mir gewaltig verrechnet haben. So leicht werden Sie mit mir nicht fertig.«

»Sie reisen also mit der Post. Ich dachte, man transportiere die Armen immer auf Karren?«

»Nur, wenn sie krank sind. Bei Regenwetter setzen wir die armen Kranken auf offene Karren, damit sie sich nicht erkälten.«

»Ach so!«

»Es ist eine Retourkutsche und daher sehr billig«, sagte Herr Bumble. »Die beiden Armen sind in einem ziemlich elenden Zustande, und die Gemeinde fährt um zwei Pfund besser, wenn sie sie fortschickt, als wenn sie sie begraben lassen muß. Das heißt, wir müssen sie einer andern Gemeinde zuweisen können, was, wie ich glaube, gehen wird. Sie dürfen uns nur nicht den Possen spielen und unterwegs sterben. Ha! Ha! Ha!«

»Doch wir vergessen unser Geschäft«, sagte der Gemeindediener, nachdem er genügend gelacht hatte. »Hier ist das Kostgeld für den Monat.« Er holte eine kleine Rolle Silbergeld aus seiner Tasche hervor und bat um Quittung, die Frau Mann auch sofort ausschrieb. Dann fragte Bumble nach dem Wohlergehen der Kinder.

»Gott segne die lieben kleinen Herzblättchen. Sie sind alle so gesund, als es die Umstände erlauben, bis auf die zwei, die in der letzten Woche starben.«

Herr Bumble verabschiedete sich nun nach einer Weile und ging heim.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr nahm er mit den beiden Armen seinen Sitz auf der Außenseite der Kutsche ein und langte fahrplanmäßig in London an. Nachdem Herr Bumble seine Schützlinge, die halb erfroren waren, für die Nacht untergebracht hatte, ließ er sich in dem Gasthause, wo die Kutsche hielt, ein bescheidenes Essen, bestehend aus Beefsteak, Austernsauce und Porter, bringen und studierte dann die Zeitung.

Das erste, was Herrn Bumble ins Auge fiel, war folgende Ankündigung:

Fünf Guineen Belohnung.

Letzten Donnerstagabend ist ein Knabe namens Oliver Twist aus seiner Wohnung in Pentonville verschwunden und hat nichts mehr von sich hören lassen. Die Möglichkeit besteht, daß er entführt wurde. Obige Belohnung soll derjenige erhalten, der über den Verbleib des besagten Oliver Twist Angaben machen kann, oder der sonst etwas von seiner Herkunft weiß, da der Inserent sich auch für diese lebhaft interessiert.

Der Anzeige war eine genaue Beschreibung von Oliver nebst Herrn Brownlows Adresse beigegeben.

Herr Bumble machte große Augen und las die Anzeige dreimal durch. Doch ehe fünf Minuten vergingen, war er auf dem Wege nach Pentonville.

»Ist Herr Brownlow zu Hause?« fragte Bumble das Mädchen, welches die Tür öffnete.

»Ich weiß nicht, was wünschen Sie?«

Herr Bumble hatte kaum den Namen Oliver Twist genannt, als Frau Bedwin, die an der Tür gehorcht hatte, hastig in den Hausflur eilte.

»Kommen Sie herein«, sagte die alte Frau; »ich wußte ja, daß wir von ihm hören würden. Der arme Junge. Gott segne ihn.«

Das Mädchen war inzwischen die Treppe hinaufgegangen und kehrte jetzt mit der Bitte zurück, daß Herr Bumble ihr folgen möchte.

Er wurde in das kleine Studierzimmer geführt, wo Herr Brownlow und sein Freund Grimwig sich bei einer Flasche Wein gütlich taten.

»Sie kommen auf meine Anzeige?« fragte BrownIow.

»Jawohl.«

»Sie sind Gemeindediener?«

»Jawohl.«

»Wissen Sie, wo der arme Junge sich befindet?«

»So wenig, wie irgendein anderer«, versetzte Bumble.

»Nun, was wissen sie von ihm?« fragte der alte Herr. »Sprechen Sie, lieber Freund, wenn Sie etwas zu sagen haben. Was wissen Sie von ihm?«

»Wahrscheinlich nichts Gutes«, bemerkte Herr Grimwig beißend, nachdem er Herrn Bumbles Gesichtszüge aufmerksam betrachtet hatte.

Dieser schüttelte feierlich den Kopf.

»Sehen Sie?« sagte Grimwig triumphierend.

Herr Brownlow ersuchte Bumble nun, ihm in kurzen Worten mitzuteilen, was er von Oliver wüßte.

Es würde ermüdend sein, die Erzählung mit den Worten des Gemeindedieners wiederzugeben, da sie volle zwanzig Minuten dauerte. Ihr Inhalt war kurz der: Oliver sei ein Findling, das Kind gemeiner und lasterhafter Eltern, tückisch, undankbar und boshaft. Er habe auf einen harmlosen Jungen einen blutdürstigen und hinterlistigen Angriff gemacht und sei dann bei Nacht und Nebel aus dem Hause seines Lehrherrn entlaufen. Zum Beweise, daß er wirklich der Mann sei, als den er sich vorstellte, legte Herr Bumble seine Papiere vor.

»Ich fürchte, es ist alles nur zu wahr«, sagte der alte Herr, nachdem er die Papiere flüchtig durchgesehen hatte. »Nehmen Sie das Geld, es ist nicht viel für die Wichtigkeit Ihrer Mitteilungen. Ich hätte gern das Dreifache gegeben, wenn sie für den Jungen günstiger gelautet hätten.«

Hätte Herr Bumble das früher gewußt, so würde er wahrscheinlich seiner Erzählung eine ganz andere Färbung gegeben haben. Kopfschüttelnd steckte er die fünf Guineen ein und entfernte sich.

Herr Brownlow war so niedergeschlagen, daß selbst Herr Grimwig es für richtig hielt, seine bissigen Bemerkungen einzustellen. Der alte Herr zog heftig an der Klingel.

»Frau Bedwin«, sagte Herr Brownlow, nachdem die Haushälterin eingetreten war, »der Junge ist ein Betrüger.«

»Unmöglich«, versetzte die alte Frau mit Nachdruck, »rein unmöglich.«

»Ich sage Ihnen aber, es ist so«, entgegnete der alte Herr scharf. »Er war sein ganzes Leben lang ein kleiner Bösewicht.«

»Das werde ich nie glauben«, erwiderte Frau Bedwin fest. »Er war ein liebes, sanftes und dankbares Kind!«

»Ruhig!« sagte Brownlow. »Ich will den Namen des Jungen nie wieder hören. Um Ihnen das zu sagen, hatte ich geklingelt. Sie können jetzt gehen, aber denken Sie daran, ich habe im Ernst gesprochen.«

In Herrn Brownlows Hause gab es in dieser Nacht betrübte Herzen, aber auch Olivers Herz war todtraurig, wenn er seiner gütigen Freunde gedachte. Hätte er geahnt, was sie über ihn gehört hatten, es wäre gebrochen.

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