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Oliver Twist

Charles Dickens: Oliver Twist - Kapitel 14
Quellenangabe
authorCharles Dickens
titleOliver Twist
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1946
translatorCarl Kolb/Carl Hartz
senderhille@abc.de
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorKarin Kaufmann
created1998022
modified20170815
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Dreizehntes Kapitel

Dem Leser werden einige neue Bekanntschaften vorgestellt, außerdem enthält es verschiedene hübsche Sachen, die zu dieser Geschichte gehören.

 

»Wo ist Oliver?« rief der Jude wütend, »wo ist der Junge?«

Die jugendlichen Diebe waren über die Heftigkeit ihres Lehrmeisters so erschrocken, daß sie nicht sofort antworten konnten.

»Was ist aus dem Jungen geworden?« schrie der Jude und packte den Gannef am Kragen, dabei schreckliche Verwünschungen ausstoßend. »Sprich, oder ich erwürge dich.«

»Die Polente hat ihn erwischt – das ist alles«, versetzte der Gannef mürrisch. »Nun lassen Sie mich mal los«, damit befreite er sich aus den Händen des Juden und ergriff die Bratgabel. Er wollte damit gerade dem Alten zuleibe gehen, als die Tür aufging und ein stämmiger Kerl mit einem weißen, zottigen Hund eintrat.

»Was ist hier los, Fagin?« Der Sprecher war ein Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren mit einem plumpen, unrasierten Gesicht, in dem zwei düster blickende Augen saßen. Eins davon schillerte in allen Regenbogenfarben, die Folgen eines gutgezielten Faustschlages.

»Warum bist du so aufgeregt, alter Gauner, und willst den Jungen verhauen?« Er setzte sich bedächtig. »Es wundert mich nur, daß sie dir nicht den Hals abschneiden. Ich würde es an ihrer Stelle tun!«

»Stille, Herr Sikes, stille«, versetzte der Jude zitternd, »sprecht nicht so laut.«

»Ich pfeife auf deine Anrede mit Herr«, sagte der Strolch, »du hast immer einen Schurkenstreich vor, wenn du mir so kommst. Du kennst meinen Namen, und ich werde ihm keine Schande machen, wenn meine Zeit gekommen ist.«

»Schön, nun denn – Bill Sikes«, sagte der Jude kriechend, »Ihr scheint schlechter Laune zu sein.«

»Kann sein«, erwiderte Sikes, »bei dir scheint es jedoch auch der Fall zu sein. Aber nimm dich in acht, Halunke, wenn du schwatzst –«

»Seid Ihr verrückt?!« rief der Jude, indem er Sikes am Ärmel erwischte und auf die Jungen zeigte.

Sikes begnügte sich pantomimisch unter seinem linken Ohre einen Knoten zu machen, und ließ dann den Kopf auf die rechte Schulter sinken. Eine sinnbildliche Darstellung, die der Jude vollkommen zu verstehen schien. Dann verlangte er Schnaps und fügte scherzend hinzu:

»Daß du mir aber kein Gift hineintust.«

Hätte er jedoch den teuflischen Seitenblick sehen können, mit dem der Jude sich in die Lippen biß, als er an den Wandschrank ging, so hätte er seine Mahnung sicher nicht für unnötig gehalten.

Nachdem Sikes einige Gläser Schnaps hinuntergestürzt hatte, zog er gnädig die beiden jungen Herrn in ein Gespräch. Der Gannef erzählte umständlich und mit allerhand Ausschmückungen von Olivers Verhaftung.

»Ich fürchte, er wird uns verpfeifen, und wir kommen dann in Teufels Küche«, sagte der Jude.

»Höchstwahrscheinlich«, antwortete Sikes boshaft grinsend. »Du fällst unbedingt rein.«

»Doch wenn mir das Handwerk gelegt wird«, fuhr der Jude fort, die andern dabei scharf ansehend, »kommen auch noch andere in den Schlamassel. Jedenfalls würde es Euch schlimmer ergehen als mir.«

Sikes sprang auf und wollte gegen Fagin heftig werden. Dieser zuckte jedoch nur mit den Achseln und starrte die gegenüberliegende Wand an. Es trat eine lange Pause ein. Schließlich begann Sikes im gedämpften Tone:

»Wir müssen rauskriegen, was sich vor dem Richter mit Oliver zugetragen hat.«

Der Jude nickte zustimmend.

»Wenn er nicht gepfiffen hat und ist verurteilt, brauchen wir nichts zu befürchten, bis er wieder rauskommt. Dann aber müssen wir ein wachsames Auge auf ihn haben und versuchen, ihn in unsere Hände zu bekommen.«

Der Jude nickte wieder. Der Plan war gut, aber seiner Ausführung stellte sich ein großes Hindernis entgegen. Die vier Herren hatten einen nicht zu besiegenden Widerwillen dagegen, mit irgend etwas, das Polizei hieß, in Berührung zu kommen. Sie saßen stumm da und sahen sich unsicher an, als die zwei jungen Damen auftauchten, die Oliver bei einer früheren Gelegenheit kennengelernt hatte.

»Wie gerufen«, sagte der Jude. »Betsy wird hingehen, nicht wahr, meine Liebe?«

»Wohin?« fragte die junge Dame.

»Nur ein wenig auf die Polizei, Liebling«, sagte der Jude schmeichelnd.

Wir müssen der Dame Gerechtigkeit widerfahren lassen und sagen, daß sie dieses Ansinnen nicht geradezu ablehnte. Sie erklärte bloß mit Nachdruck, der Henker solle sie holen, wenn sie auf die Polizei ginge. Eine ungemein zarte Ablehnung der Bitte, die beweist, daß das junge Mädchen zuviel Gutmütigkeit besaß, um ihre Mitmenschen durch eine runde und entschiedene Weigerung zu kränken. Der Jude wandte sich nun an Nancy:

»Was sagen Sie dazu, meine Liebe?«

»Geben Sie sich keine Mühe, Fagin, ich tue es auch nicht«, versetzte diese.

»Wie soll ich das verstehen?« brauste Sikes auf.

»So, wie ich es gesagt habe, Bill«, sagte Nancy ruhig.

»Du bist gerade die rechte Person dazu«, entgegnete Sikes, »niemand kennt dich in dieser Gegend.«

»Ist mir auch sehr lieb, wünsche gar nichts anderes!«

»Also sie wird gehen, Fagin«, sagte Sikes.

»Sie wird sich hüten«, entgegnete Nancy.

»Doch, sie wird's machen, Fagin«, bekräftigte Sikes. Und er hatte recht. Das Mädchen ließ sich durch Drohungen und Versprechungen endlich bewegen, den Auftrag auszuführen.

Aus den Vorräten des Juden wählte sie eine weiße Schürze, die sie umband, und einen Strohhut. In die Hand nahm sie ein Deckelkörbchen.

»Ach, mein Bruder! Mein armer, lieber, kleiner Bruder!« rief Nancy, in Tränen ausbrechend. »Was ist aus ihm geworden? Wo hat man ihn hingebracht? Ach, habt Erbarmen, liebe Leute, und sagt mir, was mit dem Kinde geschehen ist. Bitte, bitte, sagt es mir doch.«

Als Nancy diese Worte im kläglichsten Tone hervorgebracht hatte, verbeugte sie sich lächelnd gegen die Zuhörer und verschwand.

»Das ist ein Mädel, Jungens«, sagte der Jude. »Da könnt ihr euch ein Beispiel dran nehmen.«

»Sie ist eine Zierde ihres Geschlechts«, rief Herr Sikes und hob sein Glas. »Sie lebe hoch!«

Nancy schlug indessen den nächsten Weg zur Polizei ein. Dort angekommen, trat sie durch die Hintertür in das Gebäude ein und klopfte leise mit dem Schlüssel an eine der Zellentüren. Dann horchte sie. Da sich nichts in der Zelle rührte, so hustete sie und horchte wieder. Abermals keine Antwort. Nancy wandte sich daher unmittelbar an den Gerichtsdiener und fragte mit den kläglichsten Jammertönen nach ihrem lieben Bruder.

»Er ist nicht hier«, sagte der alte Gerichtsdiener.

»Mein Gott, wo ist er denn?« meinte Nancy trostlos.

»Nun, der Herr hat ihn mitgenommen.«

»Was für ein Herr, um Himmelswillen?« rief Nancy.

Der Gerichtsdiener erzählte ihr den ganzen Vorgang und schloß damit, daß der alte Herr unweit Pentonville wohne.

Nancy eilte auf schnellstem Wege zum Juden zurück.

Sie hatte sich kaum ihres Berichtes entledigt, als Herr Bill Sikes schnell seinen Hund rief, den Hut auf den Kopf stülpte und sich schleunigst ohne Gruß entfernte.

»Wir müssen Oliver finden«, sagte der Jude in großer Aufregung. »Nancy, mein Liebling, ich muß ihn wiederhaben. Auf Sie und den Gannef kann ich mich am besten verlassen. Hier habt ihr Geld. Ich schließe heute nacht diese Wohnung, ihr wißt ja, wo ihr mich finden könnt. Eilt, zögert keinen Augenblick.« Mit diesen Worten schob er sie aus dem Zimmer, und nachdem er hinter ihnen die Tür doppelt verschlossen und verriegelt hatte, holte er das Kästchen aus seinem Versteck hervor und verbarg in aller Eile Uhren und Juwelen unter seinen Kleidern.

»Bis jetzt hat er noch nichts ausgeplaudert«, sprach der Jude zu sich, indem er in seiner Arbeit fortfuhr. »Wenn er uns aber bei seinen neuen Freunden zu verpfeifen gedenkt, so werden wir ihm wohl noch das Maul stopfen können.«

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