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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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8

Mit Sonnenaufgang erhob sich Peter am andern Morgen als erster im Hause. Schnell zog er sich an, ging dann ins Freie und sah prüfend ins Wetter.

Mühsam glomm die Feuerkugel durch Nebel und Daak, dann wurde der Dunst dunkler und dichter, Wolken zogen auf, und ein feiner Regen rieselte hernieder.

Das beunruhigte ihn nicht weiter. Wie sagte Vater Wittmüs, der Mann der Wetterregeln? »Morgengäste herbergen nicht.« Morgenregen war selten von Dauer.

Und bald darauf, als Mutter Wittmüs sich regte und den Professor weckte, wie es verordnet war, da blaute schon der Himmel durch das Gewölk.

Ellen lag noch in festem Schlaf, als die Männer sich beim Kaffeetisch zusammenfanden, und Peter verbot, sie zu stören. 80

»Ihr werdet beide am Leben bleiben, auch wenn ihr euch nicht Lebewohl sagt –«, wogegen der Professor nichts einzuwenden hatte.

Jetzt flatterte der erste Sonnenstrahl in die Halle, durch den leuchtenden Staub sah man ein paar Fliegen sich tummeln.

»Das sind die ersten in diesem Jahr,« erklärte Peter. »Uebrigens – Mann der Wissenschaft, wie ist das mit der Preisfrage, die ich an dich gerichtet hab'?«

»Mit welcher Preisfrage?«

»Na, mit dem Fliegenschmutzproblem! Oder solltest du, du der Erforscher der Natur, das Kleine verachten? Solltest du nicht wissen, daß aus dem Kleinen das Große entsteht, daß das Kleine das Größere und das Große das Kleinere ist?«

»Ja – ja –« der ungeheure Professor lächelte ohne Zuversicht, »ich weiß ja, um was es sich handelt! Der Schmutz ist auf hellen Gegenständen schwärzlich und auf dunkeln Gegenständen weiß.«

»So ist es. Und die Erklärung?«

»Ja –«

»Und die Erklärung?«

»Ich hab' mit dem Kollegen von der Chemie groß und breit darüber gesprochen.« 81

»Das ist brav.«

»Zunächst müssen wir uns natürlich durch den Augenschein vom Tatbestand überzeugen.«

»Das müßt ihr.«

»Hat deinen Gewährsmann seine Beobachtung nicht getäuscht, dann will der Kollege gern eine Analyse machen, dazu braucht er aber frische Präparate, und da die Fliegenzeit erst eben anbricht –«

»Dagegen läßt sich nichts einwenden!«

»Er will auch den Darminhalt sorgfältigst untersuchen –«

»Das soll er man!«

»Und dann kommt es darauf an, genau ein gewisses Aktions- und Reaktionsverhältnis zwischen dem farbigen Substrat und der aufgetragenen Masse festzustellen.«

»Sehr gut. Und das ist eure verdammte Pflicht und Schuldigkeit! Das erwartet die Wissenschaft von euch!«

Draußen auf der Treppe zur Vorhalle dröhnte ein schwerer, bedachtsamer Schritt.

»Das ist mein Maat, Johann Wittmüs. Der will die Losung für den heutigen Tag.«

Peter stand auf und wollte ihn draußen abfertigen, dann brachte er ihn aber doch hinein. 82

Er, Johann Wittmüs, war ja der eigentliche Vater der wissenschaftlichen Frage, die sie eben beschäftigt hatte. So trat dieser gemächlich trampelnden Ganges in die Halle, ein alter Mann, gedrungen und stiernackig, auf dem kugelrunden Schädel ein paar graue Borsten spärlich verstreut, das Gesicht von einem Seemannsbart weiß umrahmt, versonnen und fast tiefsinnig die weiten, fernen blauen Augen, aber lebensfroh und sich selbst wohlgefällig der breite, beredte Mund, den Schmunzeln und Priemtabak abwechselnd in zuckende Bewegung setzten.

»Na, ihr beiden Fliegengötter, dann sprecht euch miteinander aus, wie's sich gehört!«

Peter blieb an der Glastür stehen und blickte nach dem Wolkenzug, um die Windrichtung festzustellen. Und Vater Wittmüs verbreitete sich nun, vom Professor befragt, gesprächig über seine Beobachtungen, die ihm neue Wunder gezeigt hätten an diesem kleinen und verachteten Geschöpf, wogegen der Gelehrte ihm verhieß, daß wissenschaftliche Forschung auch diese Rätsel lösen würde.

Während aber so freudiger Wunderglaube und selbstbewußte Schulweisheit munter gegeneinander plätscherten, fielen Peters Blicke auf die Glasscheiben 83 der Tür, und als die beiden entgegengesetzten Geister sich am lebhaftesten und mit strahlendster Zuversicht zu regen begannen, da sah er eine Anzahl kleiner Flecken auf dem Glas und sah sie genauer an, und seine Augen wurden größer und immer größer und sein Herz so lustig wie nie.

Jetzt lachte er schallend in den Redefluß der beiden hinein.

»Ihr seid Geister! Donnerwetter noch mal! Na, nu kommt einmal her – alle beide!«

Sie traten zu ihm an die Glasscheibe.

»Was ist das – was sind das für Flecke?«

»Das ist offenbar Fliegenschmutz,« erklärte der Professor.

»Ja, Fliegenschmutz is das,« bestätigte der alte Wittmüs, und er holte seine Brille heraus, um noch sorgfältiger alles zu prüfen, ohne Feindseligkeit gegen diese Feindin des Wunderglaubens.

»Und was seht ihr nun an diesen Flecken?«

»Sie sind nicht alle gleich gefärbt,« antwortete der Professor mit logischem Blick auf das Ziel.

»Nein – die einen sind hell und die andern sind dunkel! Hier auf der transparenten Glasscheibe sieht man beide. Sonst aber – und das ist der ganze Witz – sieht man auf hellen Sachen 84 eben nur die schwarzen und auf dunkeln sieht man eben nur die weißen Flecke! So, wie steh' ich nun da, wie steht der Fliegenschmutz nun da, und wie steht ihr nun da! Jetzt sperrt die Mäuler auf und hujahnt euch an, Wissenschaft und Wunderglaube!«

Die beiden prüften alles noch einmal mit aller Hingabe.

»Ja, Walroß, Liebling, es ist so! Ich habe eine Entdeckung gemacht! Hurra!« Und er jubelte wie ein Junge.

»Aber schade ist das! Jammerschade! Warum hat sich nicht erst die Chemie in die Fliegendärme hineingekniet – und in die Aktion und Reaktion – warum sind nicht erst ein paar Perückenköpfe darüber verrückt geworden!«

Eben trat Mutter Wittmüs ein.

»Ollsch – daran sind Sie nur schuld! Sie und Ihr mangelhaftes Fensterputzen!«

So hatte auch sie ihr Teil an der Fliegenforschung.

Und auch die kleine Ellen war von ihr nicht ungestört geblieben. Schon als Ohm Peter mit dem Professor davon zu reden anfing und die beiden lebhafter wurden, war sie aufgewacht. 85 Schnell hatte sie sich angekleidet, jetzt trat sie strahlend in die Halle.

Zärtlich begrüßte sie der Ohm und ließ sich erzählen, wie sie geschlafen und was sie geträumt hatte.

Vater Wittmüs stand immer noch verloren vor der Glasscheibe, forschend gingen seine Blicke von Fleck zu Fleck.

»Ja, Alter, das ist nun so und wird nicht anders!« rief Peter zu ihm hinüber. Da nahm der Alte die Brille ab und wandte sich um.

Ellen ging auf ihn zu, bot ihm die Hand und wünschte ihm guten Morgen. Abwesend blickten seine großen Augen auf das Kind. Dann sagte er: »Ja. So is es woll. Aber es is schade, daß es so is. Nu is schon wieder ein Wunder weniger auf der Welt.«

Und als die Kleine solche Worte hörte, die sie so gut empfand, wenn sie auch nicht wußte, was deren Ursprung war, und dabei in die weiten blauen Augen des alten Mannes sah, in denen sie die Heimat eigner Gedanken fühlte, da schloß sie im Innern auf der Stelle Freundschaft mit ihm, obwohl er sie gar nicht beachtete. 86

 

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