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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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7

Unten am Gartentor empfing Mutter Wittmüs die Kommenden. Mit unverhohlenem Kopfschütteln betrachtete sie Ludwig, den Koloß, wie er sich aus dem Wagen hob und mühsam den Boden gewann. Das war ihr vor allem wichtig und beachtenswert. Die Kleine mußte erst Peter ihr zuführen.

»So, Mutter Wittmüs, das ist Ellen. Hoffentlich vertragt ihr euch beide!«

Jetzt gewährte die Alte auch dem Kinde einen gnädigen Blick, dann versuchten ihre flatternden Augen noch einmal mit den Massen des sich reckenden Onkel Ludwig fertig zu werden, wobei sie vor sich hinbrummte: »Junge, Junge – der kann sich für Geld sehen lassen – in Bergen – auf'm Schützenfest,« und nun, wo sie mit ihm fertig war, wandte sie sich endgültig an die Kleine. »Na, denn komm nu man!«

Sie wollte mit ihr eiligen Schrittes ins Haus, 68 aber Peter rief ihr nach: »Halt, Ollsch, so geht das nicht los! Ich möcht' auch dabei sein, wenn die Kleine in ihr Zimmer kommt!«

Da trat Ellen an seine Seite, und er nahm das Kind an der Hand. So gingen beide zusammen den Gartenweg hinauf, vor ihnen trottete fahrig Mutter Wittmüs, hinter ihnen stieg mit schnaufender Bedächtigkeit der Professor.

Und so Hand in Hand traten Peter und die kleine Ellen in das Haus ein.

Er ließ dem Kinde nicht viel Zeit, sich in der Halle umzusehen, mit froher Eilfertigkeit zog er Ellen gleich an den Eingang zu ihrem Zimmer, stieß hastig die Tür auf, nahm die Kleine an den Schultern und stellte sie hinein.

»Hier. Das ist für dich!«

Und wie die Augen des Kindes aufjauchzten vor Glück, wandte er sich verlegen zur Seite.

Ellen stand noch immer auf der Schwelle, ohne ein Wort zu finden. Ohm Peter indessen fuhr rastlos in der Halle herum.

Als sich dann die andern einstellten, der Professor und Mutter Wittmüs, da kam das Kind zur Besinnung, und die Sprache kehrte bei ihm zurück. 69

»Hier soll ich wohnen – das soll ich alles haben – sieh doch« – sie schaute sich um nach einem Genossen ihrer Freude, nach einem Freunde ihres Glücks, suchte und fand keinen andern als den Ohm Peter – ihm, ihm mußte sie zeigen, was er ihr doch zu zeigen hatte – »sieh mal, das alles ist für mich!« Und sie nahm ihn mit sich in ihr Reich.

Der Professor machte es sich inzwischen mit Hilfe der Alten in der Halle bequem. Als die beiden zurückkamen und Ellen ihn, mehr aus Höflichkeit, fragte, ob er sich nicht auch die Herrlichkeiten ansehen wollte, lehnte er dankend ab mit einem trostreichen »Später«.

»Keine Gemütserschütterungen für meinen Freund Ludwig nach so anstrengender Fahrt! Erst sollst du dich jetzt der Spickaalforschung ergeben!«

»Wenn es sein muß! Was tut man nicht alles für die Wissenschaft!«

Mutter Wittmüs trug das Abendessen auf, während die Ankömmlinge sich wuschen.

Dann saßen die drei bei Tisch und sprachen von der Zukunft.

»Nun, du Oberhaupt der Familie, so ist es nun also hier – bei Peter Brandt, bekannt im 70 Land als Unband und als Unverstand. Wollt ihr nun oder wollt ihr nicht?«

»Ob wir wollen!« quiekte der Professor und kaute.

»Und was sagt klein Ellen?«

»Wenn ich bitten darf, behalt mich hier!«

Sie saß da, still, in sich gewandt, und aß keinen Bissen.

»Ja, aber wenn du hier so traurig bist –«

»Es ist hier so schön –«

Peter blickte suchend in das Kinderherz.

»Dann lacht man doch und ist froh!« hielt er ihr entgegen.

»Wenn etwas so ganz schön ist, dann kann ich gar nicht lachen.«

Da strich er die Segel und sah sie nur innig an, wie sie so dasaß, mit glücklichem Vertrauen in das versunken, was sie umgab, versunken bis in die Tiefe, wo die frohen Tränen quellen.

Und seine Hand streichelte ihren glatten, blonden Scheitel, um dann an dem einen ihrer Zöpfe hinunterzugleiten. Jetzt aber zog er mahnend daran.

»Gegessen wird jetzt! Die Hausordnung will respektiert werden!« 71

Das kam lauter, rauher und befehlshaberischer heraus, als es gemeint war, denn er hatte etwas wie Rührung zu verbergen.

Die Kleine schrak davon zusammen, und ihre Blicke wankten in zager Scheu. Da nahm er ihre Hand und flüsterte ihr leise und lächelnd ins Ohr: »Nimm dir ein Beispiel an deinem Oheim väterlicherseits, dem viel reckenhaften Spickaalbändiger!«

Sie lächelte zurück, in dieser gemeinsamen Vertraulichkeit fand sie sich wieder. Und nun aß auch sie von dem, was Peter ihr auf den Teller legte.

»Peter,« begann jetzt der Professor in einer schmatzenden Pause, »Bruder Heinrich hat mir eins besonders ans Herz gelegt.«

»Was ist das?«

»Es betrifft Ellens Unterricht. Du bist ja auf allen Gebieten beschlagen und hast dich auch freundlichst bereit erklärt –«

»Na, auf allen Gebieten – Sprachen geht. Turnen und Singen gut. Religion ist aber sehr schwach.«

»Nun, das ist ja auch dasjenige, worauf wir am wenigsten Gewicht legen.«

»Ich weiß. Ich kenne euch, ihr Brüder ihr! 72 Aber das muß ich euch sagen: die Lehren der christlichen Kirche soll man kennen lernen. Wer sich in der Kirche wohlfühlt – gut. Wer nicht in ihr bleiben kann – auch gut. Aber ich muß erst einmal drin gewesen sein. Und so viel steht fest: an der Gestalt Christi kann im Grunde doch keiner etwas verderben. Wer dann die Erlösung von der Kirche braucht, dem wird gerade er auch zum Erlöser von der Kirche. Und praeter propter – hier ist ein Pastor, für den ich eine Schwäche habe. Und darum und deshalb werd' ich Ellen – unbeschadet eurer und meiner sogenannten Weltanschauung – zu ihm in die Christenlehre schicken.«

»Aber selbstverständlich! Das bleibt dir natürlich unbenommen. Das ist sogar Heinrichs Wunsch. Er hat doch nie daran gedacht, zwischen Haus und Schule einen Kampf heraufzubeschwören! Nur wär' es ihm lieb, wenn wir uns über einen bestimmten Stundenplan einigten –«

»Stundenplan – nee, nee, nee – so was machen wir nicht! Ich bin kein Küster! Was die Stunde gerade gibt, darüber unterhalten wir uns. Das ist unser Stundenplan, was, klein Ellen?«

»Ja, Oheim Peter.« 73

»Stundenplan – es geht doch nichts über eure Gelehrtenzunft! Sie wollen uns die Stunden einfangen und einsperren in Käfige nebeneinander. Und jeder Käfig hat seine Nummer und seinen Namen. Wollen wir das mit unsern Stunden geschehen lassen, Ellen?«

»Nein, Oheim Peter.« Sie strahlte zu ihm auf.

»Unsre Stunden sind kein zoologischer Garten, du Zoologe du! Und nun iß! Und mehre dich!«

Worauf Oheim Ludwig dem aussichtslosen Kampfe entsagte und sich wieder einwühlte in sein bequemes Behagen.

Er blieb dann auch bei einer guten Zigarre sitzen, als die Mahlzeit beendet war. Ellen ging in Haus und Garten auf abendliche Entdeckungen aus, Peter begab sich in die Küche, um mit der Alten für den kommenden Tag die Anordnungen zu treffen – der Professor wollte morgen in aller Frühe wieder von dannen.

Wie die beiden sich über wirtschaftliche Dinge besprachen, klopfte es von draußen an der Tür, Peter öffnete und sah die Kleine auf der Schwelle. In ihren Augen war ein angstvolles Entzücken.

»Ich habe einen Stern gesehen,« flüsterte sie keuchend. 74

»Ist der so seltsam?«

»Komm doch – einen ganz wunderbaren Stern. Größer als alle – und ist nicht immer da. Er verschwindet und kommt wieder. Und bald ist er weiß und bald ist er rot.«

Sie hatte Peter auf die Höhe gezogen, der wußte schon, was es mit der Erscheinung auf sich hatte, ehe sie nach Südosten wies.

»Sieh doch – jetzt!«

»Das ist kein Stern, mein Kind. Das ist das Leuchtfeuer von der Oie.«

»Das Leuchtfeuer! Das ist schade! Ich freute mich so, daß es solche Sterne gibt. Das ist für die Schiffer, nicht?«

»Ja, mein Kind.«

»Aber auch für uns ist es. Das kommt nun jeden Abend?«

»Gewiß.«

»Das ist man gut. Dann ist die See nicht so furchtbar einsam. Weißt du, daß ich immer Angst vor der See gehabt habe?«

»O ich denk', du sollst sie liebhaben wie ich.«

»Ich habe sie ja lieb. Aber ich hab' doch Angst vor ihr.«

Ellen blickte über die dunkle Flut, die heute nur 75 leise bebte und kaum hörbar raunte, forschte ihr nach, wie sie in die schwarzen, unsichtbaren Fernen hinüberschauerte, und schmiegte sich an Peters Arm.

»Komm, Kleine, es ist kühl. Du mußt auch schlafen gehen. Morgen soll die Sonne dir von der See erzählen.«

Er führte sie hinein. Sie war gar nicht müde und wär' gerne noch aufgeblieben, aber sie wollte nicht widersprechen. So sagte sie still »Gute Nacht« und ließ sich von Mutter Wittmüs zu Bett bringen.

Die Männer blieben beim Wein in der Halle sitzen, und wenn sie auch zuerst die Stimme dämpften, später, da sie lange nicht einschlief, drangen doch manche Worte zu ihr hinein.

Sie sprachen über Naturgeschichtliches, über Fische vor allem, und Ohm Peter, das hörte sie wohl, konnte hier viel eigne Beobachtungen ins Feld führen.

Dann kam allmählich doch der Schlaf zu ihr. Und nun träumte sie von zwei Sternen, von einem weißen und einem roten, die sich suchten und suchten und niemals fanden.

Die beiden Männer aber saßen noch lange, 76 und Peter freute sich, der Professorenweisheit auf den Pelz zu rücken. Jetzt waren sie bei den Aalen, den vielbeliebten, angelangt.

»Das hört sich ja nach etwas an,« so legte sich Peter ins Zeug, »und für Romantik seid ihr deutschen Professoren ja immer zu haben! Die Männchen, die rauhen, harten und wilden, verlassen das Meer nicht, nur die zartgemuten Weibchen steigen in die sanften Flüsse auf. Dann aber, wenn die Liebessehnsucht über sie kommt, in dunkeln, verschwiegenen Herbstnächten, zieht es sie zurück ins Meer, wo die Männchen brünstig ihrer warten. Dann gibt es eine prächtige nächtige Liebesfeier und danach Mutterfreuden, an denen die Mütter sterben. O Gott, o Gott, wie rührt mich das! Steht das nicht auch in deinem neuen Buch?«

»Im wesentlichen ja.«

»Und ist doch alles nicht wahr.«

»Oho!«

»Ich hab' jederzeit im Meer sowohl unzweifelhaft weibliche wie männliche Aale gefunden –«

»Da kann es sich nur um Ausnahmen handeln!«

»Ausnahmen – richtig! Selbstverständlich! Aus Regeln und Ausnahmen baut ihr eure Lehrbücher und eure Welt! Und seid glücklich, wenn 77 ihr eine Regel habt, aber unglücklich, wenn ihr nicht auch gleich 'n Hümpel Ausnahmen dazu habt, je mehr, desto besser! Keine Regel ohne Ausnahme, und Ausnahmen bestätigen die Regel! Heiliger Brahma – na, du bist mein Gast! Prost – trink aus! Und erzähl mir mal was andres! Wie geht es denn deinen Damen? Lassen die mich nicht grüßen?«

Die wissenschaftliche Streitaxt war für diesen Abend begraben, was ein kräftiger Trunk besiegelte. Am andern Morgen freilich in aller Herrgottsfrühe sollte sie von Peter aufs neue hervorgeholt werden. Doch schlief er in der Nacht den Schlaf des Friedfertigen.

Nur wenig Gedanken wälzte er durch den weingewärmten Kopf, ehe er zur Ruhe kam, jedenfalls nicht mehr als gewöhnlich, obwohl der Tag so ereignisreich für ihn gewesen war.

So also sah die vollbrachte Tat aus!

Ein andres Antlitz, eh' sie geschehen – –

Wie schwer hatte er das alles genommen! Und alles war doch so leicht, wenn man es sich nicht selbst erschwerte, wenn man nicht kindisch mit Händen und Füßen dagegen anstrampelte. Die Kleine war ein so gutes, liebes Tierchen – so 78 schmiegsam und fügsam – wie sollte die es fertig bringen, ihm das Dasein zu verkümmern!

Und ihre Freude – ihre offene Herzensfreude – ihr Glücksgefühl – das war doch etwas! Er dachte nicht daran, weichmütig zu sein – beileibe nicht – aber das war doch etwas – und wenn auch Rührung und dergleichen bei ihm nicht vorkam – niemals! – so was gab es nicht! – er versetzte sich einen Ruck und noch einen, und dachte an was andres und dann an gar nichts mehr. 79

 

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