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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6

Nun war das Jungfrauengemach hergerichtet. Sein Prunkstück war ein Himmelbett mit blaublumigen Musselinvorhängen; von demselben Stoff waren die Gardinen des Fensters, mit demselben war der kleine Toilettentisch bekleidet.

Niemals begab sich Peter in dieses erwartungsvolle, wolkige, träumende Reich der blauen Blume, ohne seine Schmierstiefel auszuziehen, als betrete er heiliges Land.

Und mit einer zagen Andacht betrachtete er immer wieder all die kleinen Möbel und Geräte, in denen so viel von zarter Sorge und scheuer Zärtlichkeit lebte. Um sich hinterher, wenn er wieder in seinen Transtiefeln saß, kräftiglich ob solcher frauenzimmerlichen Verzückung auszueseln und die bläßliche Verwaschenheit seiner Gefühle zu verhöhnen.

So kämpfte der schwarze Peter mit dem weißen 52 die alten Kämpfe, bis endlich die kleine Ellen leibhaftig bei ihm eintraf.

Vorher galt es noch, in dem ganzen Anwesen eine tiefgreifende Aenderung zu schaffen.

Es war nötig, daß eine ständige weibliche Bedienung im Hause blieb, und darum mußte Mutter Wittmüs dort ihr Nachtquartier aufschlagen. Sonst hauste sie mit ihrem Mann in dem kleinen Fischerkaten, der am Eingang von Peters Grundstück lag und ihm auch zugehörte.

»Nun müssen Sie also hier oben pennen, Ollsch, und wenn Sie's vor Sehnsucht nach Ihrem Johann nicht aushalten können, durchbrennen dürfen Sie wohl mal, darin bin ich nicht so – aber nicht die ganze Nacht wegbleiben, das ist gegen die sittige Hausordnung!«

Jetzt kam die Alte mit einer Schubkarre angefahren, auf der ihre Betten lagen und ein paar Habseligkeiten, die ihr den Schlafraum behaglicher machen sollten. Und Peter gab es einen tiefen, grausamen Stich ins Herz, wie sie so ins Erdgeschoß seines Hauses einzog, seines Hauses, das bis dahin seine Einsamkeit gewesen war.

Daran durfte er nicht denken – an seine Einsamkeit, ihre Grauen und ihre seligen Höhen, ihre 53 Grabesschauer, ihre atmende Totenstarre mit offenen, nächtigen Augen, und wieder ihr getragenes, müheloses lachendes Schweben über dem Vielen, über den wirren Dingen dieser Welt. Was war sie gewesen, was alles hatte sie ihm gegeben, an Qualen und Erhebung, an Verzagen und Verstehen, an Aengsten und Not und an befreitem Frohlocken!

Daran durfte er nicht denken, dann fluchte er dieser neuen Wendung seiner Lebensbahn. Denn das war es und blieb es, eine Wendung, wie sehr er sich mühte, das Neue leicht und lächelnd hinzunehmen.

Und heute trat er nicht mehr in das blaue Wolkenreich.

Am nächsten Tage sollte dann die kleine Ellen bei ihm eintreffen, geleitet vom Professor Ludwig Burgwart, dem »geliebten alten Walroß«.

Vater Heinrich hatte sich entschuldigen lassen – selbstverständlich! Er hatte mit den Vorbereitungen zu der Expedition, die in den nächsten Tagen abgehen sollte, noch immer alle Hände voll zu tun; er konnte beim besten Willen nicht abkommen.

Und er hätte beim besten Können nicht gewollt, so ergänzte sich Peter sein Bild, dem die krampfhafte Scheu des wissenschaftverlorenen Hethiterforschers vor allen praktischen Anordnungen und 54 lebendigen Regungen, insbesondere vor allem, was Dankbarkeit und Bitten einschloß, nur zu gut bekannt war.

Sie kamen von Putbus mit dem Wagen. Peter machte sich auf, ihnen entgegenzugehen. Er bürstete seinen Rock, schimpfte auf Mutter Wittmüs, die den so schlecht versorgt in den Schrank gehängt hatte, und verfluchte den Gesäuberten als eine Zwangsjacke, in die eigne Unvernunft ihn steckte.

Und knurrend ging er aus dem Haus, die Höhe hinunter und dann auf den Weg, den die beiden kommen mußten.

Dieser Weg führte ihn in den Wald, und das war gut. Denn hier trieb etwas sein Wesen, dem kein Unmut dieser Erde widersteht.

Spätnachmittag war es, die Stunde des Tages, wo dieser, ehe er zur Ruhe geht, noch einmal all seinen Glanz aufflammen läßt und mit so lachendem Uebermut, mit so schelmischer Freude seine Lichter und Funken dem Abend in die noch verschlafenen Augen sprüht, daß der nur hineinblinzeln kann in die übermütigen Wellen schillernder, leuchtender Farben.

Und die Farben hatten sich noch nicht an ihrem Lichte verzehrt, denn noch war alles im 55 Maienglanz, von zartem Schmelz und dabei von spröder, fester Innigkeit.

Wie die Sonnenstrahlen um dieses junge Grün erst strichen und webten mit werbenden Fingern, wie sie dann erschreckt von so viel junger Schönheit alles keusch in goldene Schleier hüllten, um tastend sehnsuchtsvoll die Schleier wieder zu lösen!

Peter ging durch den Wald mit erhobenem Kopf, die Augen weit; alles was alt in ihm war, sank in die Tiefe, und das Junge in ihm stieg auf, wanderlustig und zukunftsfreudig, fast abenteuerfroh.

Er reckte die Arme und knabenhafte Märchenwünsche flatterten in ihm auf: an eine Drachenhöhle führt ihn der Pfad, und der Drache bewacht eine junge Prinzessin, die ihre weißen Glieder in ihr wallendes Blondhaar hüllt, und er schlägt den Drachen, befreit die Prinzessin und wird König eines großen Landes.

König Peter! Er fühlte so viel Königliches in sich, so viel Macht und Sieghaftes gab ihm der Maienwald. Und er träumte sich weiter durch das lichte Grün.

Erst ein Tannenhäher, den er aufscheuchte und der nun krächzend vor ihm herflog – immer gerade 56 auf seinem Weg, als machte es dem mißtönigen Gesellen Freude, den Verfolgten zu spielen – zerriß mit seinem Geschrei die summende Stille. Das war kein Vogel, wie er Helden voranfliegt, ihnen den Weg durch den Zauberwald zu weisen, kein Vogel, der Geheimnisse in die Seele singt.

Jetzt gesellte sich noch ein zweiter dazu, und mit doppeltem Kreischen schreckten sie vollends das Märchen aus dem Walde.

»Bande – Schweinebande – gemeine Bande!« Peter griff einen Stein auf und warf ihn nach den Schreihälsen.

Abseits strichen die Störenfriede, ihr Krächzen verhallte, aber das Märchen wollte nicht wiederkommen.

Unglücksvögel waren die Häher, das wußte er von Vater Wittmüs, der die Geheimnisse der Natur kannte wie niemand auf Mönchgut und sich vor allem auf Vogelruf und Vogelflug verstand.

Begegenst du eenen,
Denn giwt wat wo weenen.
Begegenst du twee –
Ach herreje, herrejemineh!

Einmal hatte der Alte einen jungen Häher gefangen. Er hoffte, aus dem Teufelsbraten durch 57 seinen christlichen Umgang einen gesitteten Hausgenossen zu gewinnen. Der Vogel zeigte sich, soweit es seine Knarrlaute zugaben, zum Sprechen wohlgelehrig, und mit vieler Mühe gelang es Vater Wittmüs, seinem Zögling in stillen Stunden den Namen seiner Holden: Mariek, welcher der spröden Zunge lag wie kein andrer, fest einzuprägen. Johann wollte seine Gattin, mit der es in letzter Zeit manch harten Strauß gegeben hatte, durch diese versöhnenden Laute an ihrem Namenstage friedfertig überraschen. Als der Vogel aber so, ein sanfter Mittler und ehrlicher Makler, seinen Glückwunsch darbringen sollte, da schrie er immer nur mit unheimlich wachsender Deutlichkeit: »Verreck!« – »Verreck!« – »Verreck!« Und als die also Begrüßte, statt dem Unglücksvogel an die unholde Kehle zu gehen, eine Bosheit, eine kriegerische Tücke ihres Alten witterte und dem kampfbereit in die Haare fuhr, gelang es dem Höllenvieh zu entfleuchen.

Unglücksvögel sind die Häher. Vater Wittmüs sagt es, und der muß es wissen.

Begegenst du twee –
Ach herreje, herrejemineh!

Das war ihm, Peter, dem harmlosen Wanderer, soeben geschehen. Und nun mochte er zusehen, wie 58 er aus dem »ach herreje, herrejemineh!« herauskommen würde.

All die Schatten des Unmuts, des Zweifels und der Verdrossenheit legten sich wieder auf ihn, wie sehr er sich mühte, über Johann Wittmüs und seine Häherei zu lachen. Er war in seinem Leben viel törichte Wege gewandelt. Dieser wollte ihm der törichtste von allen dünken. Er fing an, in alter Weise gegen sich zu stürmen und zu wettern und sich zu beschimpfen, erst leise, dann lauter. Die Heimlichkeiten des Waldes versteckten sich vollends in ihre Tiefen.

Ein Eichhörnchen hüpfte jetzt über den Fußsteig, sprang eine Fichte an und lief an dem Stamm in die Höhe, zuckend, schnalzend und kichernd. Es lachte ihn aus, das Biest!

Und plötzlich waren es zwei, und das zweite machte es gerade so – schnalzte und lachte ihn aus.

Auch zwei – alles zu zweien. Nun ja, der Frühling war im Land.

Begegenst du twee –
Ach herreje, herrejemineh!

Und er, er trottete allein durch den Wald, gram und grimmig.

Als er damals die Reise um die Welt machte, 59 hatte ihm auf Ceylon in Dambulla ein Elefantenjäger – er sah ihn noch, den verhutzelten kleinen Paniki, der ein so putziges Englisch sprach – allerhand Erbauliches erzählt von den einsamen Dickhäutern, die abseits von der Herde leben, gefürchtet von den andern und die andern fürchtend, unwirsch, zornmütig und bösartig.

Solch ein old Elephant-bachelor war auch er, gerade so trottete er durch den Wald, unwirsch, zornmütig und bösartig. Und jetzt mußte er doch schon wieder lachen.

Alter Peter – Peter Brandt!
Old, old bachelor-elephant!

Er sang das und trollte sich weiter im Takt.

Unsinn! Was konnte ihm denn geschehen! Was stand ihm denn so Fürchterliches bevor! Und war es fürchterlich, konnte er nicht jederzeit heraus aus dem Zwang, aus dem Beisammen, aus der Sorge und der Pflicht, wieder hinein in die zornige und unwirsche Wildnis seiner Einsamkeit?

Seine Freiheit, sie war ihm zu allen Stunden gewiß! Nur so, nur in dieser Sicherheit gab er etwas von ihr auf.

Und er hatte ja noch nichts von ihr aufgegeben. Noch hatte er die Pflicht nicht auf sich genommen, 60 noch konnte er abwinken, noch konnte er für sich allein bleiben – selbstverständlich konnte er das! Ganz wie er wollte!

›Es ist doch besser, vieledler Ludwig – ich hab' mir das reiflich überlegt – du nimmst die Kleine wieder mit nach Hause!‹

Dumme Gesichter würden sie ja machen – aber du lieber Gott, was hatte er schon für dumme Gesichter vor sich gehabt, solche, an denen er schuldig und unschuldig war, in Hülle und Fülle!

Mochten sie dumm aussehen, beim Professor kam es auf einmal mehr oder weniger überhaupt nicht an, und die kleine Ellen –

Er wollte sich ihre Züge vorstellen, ihre Augen vor allem, aber er brachte es nicht zustande. Wie seltsam! Es war etwa ein halbes Jahr her, daß er sie gesehen hatte, und gestern noch hatten seine Gedanken sie leibhaftig vor ihm erscheinen lassen. Heute aber, wie sehr er sich darum mühte, je mehr er sich darum mühte, um so ferner blieb sie ihm, um so wesenloser.

Wie sonderbar! Er stand still, er nahm den Hut ab, als zwänge der seine Vorstellungskraft ein, nichts – kein noch so fernes Bild – nicht einmal ein Nebelstreif – er stampfte mit dem Fuß 61 auf, dann setzte er sich an den Wegrand und deckte die Augen.

Aber auch so fand er das Bild nicht mit all seinen eigensinnigen Kräften – da schüttelte er den Kopf und lachte sich aus.

Und schon war er wieder auf den Füßen und auf der Wanderschaft. Der Wald lichtete sich immer mehr. Jetzt trat Peter heraus und erblickte vor sich die grünen Breiten des welligen Geländes, an die zur Seite die blauen Buchten des Sundes zärtlich herandrängten.

Und dahinten auf dem einsamen Weg die Staubwolke, sie hatte für ihn nichts Drohendes mehr. Das war der Wagen, der die Zukunft trug. Näher kam er und näher – nun grüßte ihn Peter mit munteren, erwartungsfrohen Augen.

›Ich verstecke mich hier! Als Wegelagerer überfalle ich sie!‹

Jungenhaft-lustig warf er seinen Hut in die Höhe und suchte sich dann einen Strauch, der ihn bergen konnte. Ohne einen Schreck sollte es für diese Attentäter auf seine Einsamkeit denn doch nicht abgehen!

Er lugte nach dem Wagen. Jetzt hörte man die Räder schon, aber von den Gesichtern war noch 62 nichts zu erkennen, hell leuchtete nur der weiße Strohhut des Kindes herüber.

Nun galt es, sich still und sorgfältig versteckt zu halten, denn eben fuhren sie in den Wald ein.

Und jetzt – jetzt war es Zeit – jetzt wollte er sich mit einem Indianergeheul auf das Fuhrwerk stürzen.

Da sah er noch soeben, daß des Professors mächtiges Haupt schlafend nickte, und krampfhaft erwürgte er den Schrei. Sollte er den ungeheuern Mann aufwecken? Mochte der doch in Gottes Namen wo anders sein und bleiben – er, dessen Masse hier ganz überflüssig war.

Und Peter trat aus dem Gebüsch, eilte wortlos, den Finger auf dem Mund, zu dem Wagen und reichte der kleinen Ellen, die durch all ihr Erstaunen hindurch ihn wohl begriff, mit lachenden Augen die Hand.

So, ihre Hand in seiner, ging er eine Weile neben dem Wagen her. Vertraut und nah sahen sie sich einander ins Gesicht, das Gefühl, daß sie beide ein schweigsames Geheimnis hatten, durchfloß sie und tat ihnen wohl. Und es war gleich alles Fremde von ihnen beiden genommen.

So sah sie also aus, der Gast seiner nächsten 63 Zeit. Jetzt hatten und hielten sie seine Augen, die seine Gedanken nicht hatten sehen wollen.

Es gab so vieles in ihrem Gesicht, so viel kindlich Unausgeglichenes, Verschiedenartiges und sich Widerstreitendes – was war das Große und Starke, das Bleibende und Wahrhaftige?

War es die Schelmerei, das leichte, sorglose Spiel, das um die zuckenden Flügel ihrer kleinen, leichtgebogenen Nase ging? Oder die stille, fast klagende Tiefe ihrer großen, grauen Augen, deren Lider Staub und Frühlingssonne leise gerötet hatten, daß sie nach halbgeweinten Tränen aussahen?

War der Mund mächtiger als die Stirn – dieser volle, träumerisch-geschweifte, leuchtend-selbstgewisse Mund, hinter dem so lustige, weitgestellte Zähne glänzten? Und die Stirn so blaß, so kalt schimmernd, so herbe, hart und spröde, so übersinnlich knabenhaft!

Was war das Bleibende, das Zukünftige, was war das Frauengesicht in diesen Kinderzügen?

»Onkel schläft schon über 'ne halbe Stunde,« flüsterte sie jetzt, und dann brachte sie in schalkhaftem Spiel die Blume ihres Hutes in leise Berührung mit der satten, leuchtenden Nase des Schläfers.

Der hob die Hand, als sollte sie ein Insekt 64 verscheuchen, drehte den Kopf ein wenig und druste weiter. Da lachten die beiden einhellig sich zu.

Peter wandte sich an den Kutscher, er solle ihn mit auf den Bock nehmen. Im Fahren stieg er auf, beim Platzmachen aber rückte der Rosselenker zu lebhaft an der Leine, die Pferde trabten allzu heftig an, und nun wurde Onkel Ludwig doch aus der Traumwelt gerissen.

Es dauerte eine Zeitlang, ehe er es glauben wollte, daß statt des einen Mannes zwei auf dem Kutschbock saßen. Er blickte die Kleine an, und als die mit schelmischer Absichtlichkeit ganz selbstverständlich dreinsah, wurde er geradezu hilfsbedürftig.

Endlich machte er sich Mut, zu fragen: »Wer ist denn das?«

Da konnte Ellen nicht anders, als dem ratlosen Riesen die Wahrheit sagen.

Er räusperte sich – hm – hm – noch traute er sich nicht so recht. Dann rief er: »Guten Tag, Peter!«

Es war eine lächerlich dünne Stimme, die aus dem übermenschlichen Körper herauskroch, und Peter machte es Spaß, sie zu überhören.

Und jetzt wagte der Professor einen Handstreich, er tupfte mit seinen gewaltigen Fingern Peter auf 65 den Rücken – da war der Bann gebrochen, Peter drehte sich um, warf die Arme in die Höhe und hieß ihn willkommen.

»Sei mir gegrüßt, mein Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel! Die Insel schätzt sich glücklich, durch dich um eine landschaftliche Schönheit reicher zu werden!«

Der Professor piepte vergnügt.

»O Berg, bist du ein kreißender Berg? Mir ist's, als hörte ich den ridiculus mus

Und der Großmächtige, selber am meisten von Peters Witzen über ihn belustigt, quiekte mit erneutem Wohlbehagen. Dann, da er einmal im Wohlgefallen saß, erkundigte er sich, ob es zurzeit Spickaal im Lande gebe und ob ihn nicht wie damals vor Jahren in Peters gastlichem Hause dies gesegnetste Tier der Schöpfung erwarte.

»Auch Spickaal sollst du haben, du ausgehungerter Wanderer! Obwohl du großer Zoologe in deinem neuen Buch ihr Familienleben verleumdet hast, hat sich doch noch einer für dich in den Rauch hängen lassen.«

Ellen blickte zu ihrem Onkel Peter mit großen Augen empor. Solche Munterkeit war ihr neu und tat ihr im Innersten wohl.

Ihr Vater lebte in einer blassen Welt, sein 66 Haus war wie verschollen, Staub hatte sich hier auf ihre natürliche Fröhlichkeit gelegt, und wenn sich das Kind in das Haus von Onkel Ludwig flüchtete, taumelte es hier irrend und traurig zwischen fettumpanzerter Gleichgültigkeit und knochiger, spinöser Härte. Eine wirkliche Freundin unter Altersgenossinnen fand sie nicht, ihr ständiger weiblicher Umgang, die Haushälterin ihres Vaters, die bald in bigotter Inbrunst um ihren Heiland, bald mit den letzten Flammen weltlicher Lust um das empfindungslose Herz des Hausherrn warb, war ihr abwechselnd lächerlich und zuwider.

Das war ihr Leben gewesen. Eine Kindheit unter grauem Himmel. Nun sah sie in ein neues Land mit einem Farbenschein, an dem ihre Augen sich freuten, noch ehe sie ganz an ihn glauben konnten.

Peter hatte jetzt die Zügel genommen, der schläfrige Kutscher fuhr ihm zu langsam. Kräftig griffen die Braunen aus, bald hielten sie vor der Höhe, die Peters Wohnhaus trug.

Andächtig hob Ellen die Blicke empor. Das sollte nun ihre Heimstätte werden. Sie hatte das Haus lieb, noch ehe sie eingetreten war. 67

 

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