Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

4

Mutter Wittmüs, ich krieg' 'n Kind!« Damit begrüßte Peter Brandt eines Morgens seine alte schwerknochige Aufwartefrau, als sie mit ihrem dröhnenden Grenadierschritt in die Halle trat.

Sie sah ihn aus ihren listigen, huschenden Mäuseaugen geringschätzig von der Seite an, mit dem ganzen überlegenen Gefühl ihrer Weiblichkeit und siebenfacher Mutterschaft und sagte nichts weiter als: »Hö!«

Danach erklärte er ihr des weiten und breiten, daß die kleine Ellen ins Haus käme.

Sie hörte ihm gelassen zu, dann hob sie das verwitterte Gesicht zu den Wänden und bemerkte mit trockener Entschiedenheit: »Denn hängen Sie man erst die schwein'schen Biller weg!«

»Ollsch, Sie sind verdreht.«

Er musterte aber doch seine Galerie, und allmählich wollte es auch ihm aufgehen, daß ein 28 dreizehnjähriges Mädchenauge vor diesem und jenem leichtlich sich verwundern oder gar erschrecken könnte.

Da hatte er vor allem ein paar Kupferstiche, die zu Bedenken Anlaß geben konnten, Meisterwerke in ihrer Art, die einen Künstlerdrucke, die andern Abzüge avant la lettre, dazu alte Erbstücke, denn der Stecher war ein Familienmitglied gewesen. Aber es waren Nachbildungen, und darum würde er sie nicht schmerzlich vermissen, wenn sie im Kasten lagen, lehnte er sich doch im Grunde seiner Seele gegen alle Uebertragungen in der Kunst mit seiner höchsteignen hochmütigen Unerbittlichkeit ganz entschieden auf. Also immerhin, hinab mit ihnen in den Orkus der Schublade!

Schlimm waren sie ja eigentlich nicht, und wären es Schöpfungen gewesen, er hätte ihren Platz verteidigt. Schlimm schon deshalb nicht, weil der fromme Rubens der Vater der Originale war. Des Meisters blühende Fleischtöne ohne Farbe wiederzugeben hatte den Kupferstecher offenbar gereizt, und man mußte zugeben, daß er mit seinen Mitteln einen überraschenden Schimmer quellender Blutwärme hervorgerufen hatte, die sich wie bei dem Schöpfer in den rosigen Grenzen nordischer, niederländischer Gelassenheit zu halten schien. 29

Da waren das Bacchanal aus der Petersburger Eremitage, die frierende Venus, Herkules zwischen Tugend und Laster, die Caritas Romana, die Milchstraße, Diana im Bade von Satyren überrascht, verliebte Zentauren, der Eremit und die schlafende Angelika, Venus und Adonis, Jupiter und Kallisto.

Auf dem Kopfe der Kallisto lagen seine Blicke fest. Wie fein war hier das Leben der Züge gegeben, die Angst vor der Liebe und ihrem Schicksal in den Augen, die bald vor Willfährigkeit überzugehen und zu verschwimmen drohen.

Ja, ja, er hatte auf seine Art doch etwas gekonnt, der alte Markus Brandt. Aber jetzt hinein mit ihm in den Kasten!

Und nach so schneller Musterung kam es Peter zu Bewußtsein, daß es mit der Säuberung seiner Sammlungen nicht getan war, daß es einer gründlichen Aenderung des ganzen Hauses, ja seiner ganzen Lebensführung bedurfte, sollte die kleine Ellen hier Boden gewinnen.

Das war ein Zwang, der ihn quälte und geradezu ängstigen konnte, und mit Zorn, ja mit Haß dachte er an die neue Hausgenossin.

Aber er hatte einmal sein Wort gegeben, und das nimmt Peter Brandt nicht zurück. 30

Und jetzt war er daran, mit einem grimmigen Behagen sich selbst zu zausen und zu frisieren.

Es war eine Zeit gewesen, wo er sein Aeußeres sorgsam pflegte, auf gute Kleidung bedacht war und sich nur in sauberen Umgangsformen wohl befand. Aber das lag hinter ihm.

Hier auf der Halbinsel unter den Fischern und Bauern war der Hang zur Struppigkeit, der in ihm gesteckt hatte, zu fröhlicher Selbstgefälligkeit gediehen, und er konnte sich etwas darauf zugute tun, daß seine Manieren immer mehr nach Schmierstiefeln rochen.

Heiliges Ungewitter, so sah ein Prinzessinnenerzieher aus!

Er hatte das Dach eines Schuppens geteert, in dem er seine Fischereigeräte aufbewahrte, und sich im Arbeitskittel an den Teetisch gesetzt. Hose und Jacke waren mit Teer beschmutzt, ebenso die Finger, und im Gesicht hatte er Spritzflecke.

»Guten Appetit!« sagte er zu sich selbst. Aber der Wunsch war überflüssig, es schmeckte ihm auch so.

Dann streckte er die Beine von sich, räkelte sich im Sofa und hob die Hand ans Kinn, das seit drei Tagen unrasiert war. 31

All diese gemütvolle Nachlässigkeit sollte nun ein Ende haben!

Heiliger Teerquast, warum, wozu und wofür?

Wie kam er dazu, sein neunundvierzigjähriges, sein neunundvierzigdreivierteljähriges, verdämmerndes Dasein in den lichten Morgenglanz so junger Jahre zu stellen? Was sollte seiner abgetönten Bequemlichkeit diese grelle Regsamkeit der Pflichten?

Ein alter Esel war er, daß er sich von diesem infamen dicken Zoologen so hatte krummlegen lassen!

Aber jetzt gab es nun einmal nichts andres mehr.

Er schlug auf den Tisch.

»Ollsch!« Mutter Wittmüs polterte herein. »Wo soll die Kleine schlafen?«

Vier kleine Zimmer stießen an die Mittelhalle, zu jeder Seite zwei. In einem der nach Westen gelegenen Räume schlief Peter Brandt, das Zimmer daneben bewahrte seine Sammlungen, naturwissenschaftliche Seltenheiten von Strand und See, Versteinerungen zumeist, dann auch Funde aus Hünengräbern, Waffen und Geräte von Stein und Bronze, Bernsteinschmuck und Tongefäße; an den Wänden aber hing eine Anzahl von Geweihen und Gehörnen aus der Zeit, wo er noch Jäger war. Deshalb hatte Mutter Wittmüs diesem Raum den vornehmen 32 Namen »Jagdzimmer« zuerkannt, Peters Hohn aber sprach von ihm als dem Ehemannszimmer, und er ging an diesem Orte mancherlei Erinnerungen nach, mehr in Heiterkeit oder Zorn als in Reue.

Diese beiden Räume mußten nun schon bleiben, was sie waren; von denen auf der andern Seite – in dem einen waren seine Bücher haufenweise wie Runkelrüben ausgeschüttet, der zweite war vollends eine Rumpelkammer für alte Kleider und Stiefel, zerbrochene Möbel und alle möglichen halbbrauchbaren Ueberflüssigkeiten – von denen also kam dieser oder jener als Nest für den kleinen Gast in Frage.

Die beiden Ratschlagenden einigten sich dahin, die Rumpelkammer leer zu machen.

Hier sollte die Kleine schlafen, nach Osten zu, auf der Seite, wo die Sonne aufgeht.

Und schön wollte er ihr alles herrichten! Licht und zierlich und voll Anmut sollte alles sein, wie es sich für ein kleines Fräulein gehört. Die Vorhänge, das kleine Bett und die kleinen luftigen Möbel all! Ein kleines Schmuckkästchen träumte er sich zusammen.

»Fein wird das gemacht!« rief er aus. »Aber 33 wer soll das besorgen? Ich bin zu plump und zu dumm dafür, und Sie, Ollsch, Sie auch!«

»Denn muß woll die Frau Pastern 'ran.«

»Frau Pastern – hm – ist auch nicht zart genug. Weiß nur mit Jungs umzugehen. Hat zu harte Hände gekriegt von den viereckigen Dickköpfen ihrer drei flachshaarigen Bambusen. Aber schließlich ist sie doch die einzige. Ja – hm – denn muß sie 'ran.«

Und er schrieb sofort einen Brief an sie.

»Geliebte Feindin,

leben Sie noch? Ich auch. Und hab' wieder einmal eine Bitte an Sie. Es handelt sich diesmal aber weder um Frühkartoffeln noch um das neueste Shakespeare-Jahrbuch, nicht um Rügensche Volksüberlieferungen und um kein Mittel gegen Erdflöhe. Nein, um ganz was andres. Worüber ich wann wo mit Ihnen sprechen darf?« 34

 

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.