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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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32

Mit machtvollem, weit ausgebendem, gleichmäßigem Stoß fuhr Peter Brandt über das Eis.

Das Eis war schwarz und klar, man konnte bis auf den Grund des Wassers sehen. Vor dem Läufer her zog ein springender, klingender Ton, lockend und froh. Und der blieb sein Vorreiter. Wollte Peter ihn einholen, er war schneller und behielt die Spitze.

Und Peter Brandt gewann den Ton lieb, der so seine Gedanken anzog und festhielt, daß sie ihm nur immer folgten. Bald klang es, wie wenn die Sense in reifes Weizenfeld schlägt, bald so, wie Rapiere aufeinander sprühen, dann war es ein deutliches Gläserklingen, von lachenden Stimmen durchwoben, und jetzt – da sprang ein kristallener Kelch in Stücke – ein halberstickter Schrei – eine Stille – und dann das alte Klingen ungestört. 322

Er war der einzige Läufer hier, die Polizei hatte das Boddeneis noch nicht genehmigt, und die braven Stralsunder hielten sich auf den Wiesen. Er war allein mit dem frohen, lockenden Klang. Und immer schneller flog er dem Tone nach.

Vorüber an den welligen Ufern, wo mattes Wintersonnenlicht träumend durch den Rauhreif des Baumwerks streicht, in machtvoller Schnelle dem Glewitzer Feuerschiff zu. Dann geht's auf den weiten Greifswalder Bodden, der dem Meere sich öffnet, und dann auf die See – wenn sie trägt! – Wenn sie trägt –? Ihn würde sie tragen!

Und die Kraft seiner Fahrt machte ihn froher und froher.

Noch immer kein Mensch, der ihm begegnet, kein lebendes Wesen in seiner Nähe, nichts bei ihm als der treue, singende Klang. Jetzt ziehen ein paar Möwen über das Eis von einem Ufer zum andern. Das Wasser hat sich ihnen verschlossen, so gehen sie landwärts auf die Weide. Dorthin, wo ein Krähenvolk auf dem Acker hockt, richten sie den Flug.

Und nun leuchtet dort am Ufer eine fremde, warme Farbe in diese Winterwelt – da auf dem eingefrorenen Ewer – ein roter Fleck – eine Kappe ist es – ein kleines Mädchen darunter – 323 sie wippt von einem Fuß auf den andern – hält die Hände unter der Schürze – und erzählt sich was mit ihrem weißen Spitz.

Die Ufer treten immer mehr auseinander, die weite Fläche tut sich auf. Und jetzt – Peter mäßigt die Fahrt – sein Freund, der Ton ist nicht mehr vor ihm.

Bist du feige, du Ton du? Traust du dich nicht hinaus? Es ist dem Läufer, als bleibe der Klang winselnd zurück.

Scher dich zum Teufel! Und das nennt sich Treue!

Mit wilderem Stoß wirft Peter sich vorwärts. Blankes schwarzes Eis soweit er sieht. Und zu hören ist nichts als das Klirren der Schlittschuhe. Erst jetzt ist er wirklich allein, und er atmet tiefer und tiefer. So geht es eine Weile in glückseliger Gedankenlosigkeit.

Da weckt ihn ein leises Knistern, das vor ihm, hinter ihm und zur Seite springt, und das Knistern wird lauter und wird ein Knattern und Knacken.

Hallo! Da ist etwas mit dem Eis! Eine schwache Stelle. Vielleicht sind hier warme Quellen auf dem Grund. Oder hört das Eis hier nach der See überhaupt zu tragen auf? 324

Peter bremst unwillkürlich, aber er stoppt nicht ab, und wie er weiterfährt und dann alles ruhig unter ihm bleibt, gibt er sich den alten weitgreifenden Schwung. Eine schwache Stelle war es, weiter nichts. Und wieder ist er in der klaren, leeren Glückseligkeit.

Und wieder weckt ihn eine Stimme unter ihm: jetzt ist es ein Glucksen und Gurgeln und Schluchzen. Ja, ein Schluchzen, klagend und bitterlich.

Ihn stören und verwirren und quälen diese lauten Tränen. Das ist wie Abschied – das ist so wie Ellen weint.

Und nun schützt ihn nichts mehr. Der Gedanke an Ellen ist bei ihm und läßt nicht von ihm ab.

Wie kam es nur, daß er die ganze Zeit ohne diesen Gedanken gewesen war? Hatte ihn der Abschied so betäubt? Wie er sich losriß von ihr – wie er sie an sich riß – und dann von ihr fortstürzte –

Wie er sie an sich riß!

Ja, das war etwas Betäubendes gewesen. Wie er sie küßte und küßte – der Schreck ihrer Augen, der sich in Glück verklärte – und wie es ihn selbst durchströmte mit den Gluten, die das Glück austrinken wollten! 325

Die sehnsüchtige Seligkeit ihres jungen Mundes –

Vorbei! Das erste- und das letztemal! Nie würde das wieder geschehen! Vorbei!

Was in dem Kinde geweckt war, würde wieder einschlafen – und dann einem andern entgegenwachen.

Geweckt war – wie tief und zart er alles nehmen wollte! Oder nein, was seine Eitelkeit für Gesichte hatte! Die Eitelkeit eines alten Narren!

Geweckt – die Zärtlichkeit kindlichen Dankes hatte ihm ins Auge geblickt. Und sein eignes erregtes Blut hatte ihm ein weibliches Aufdämmern vorgezaubert! Bei Ellen, dem Kind!

Er reckte sich und hob den Kopf und stürmte mit wilderen Stößen weiter.

Es war nichts Weibliches in ihrem Gesicht gewesen – nichts Weibliches in ihren Augen – nichts Erwachendes in ihrer Seele! Nicht einmal etwas Fragendes – nein, nein!

Und da stolperte er über einen Riß im Eise, mit allem Aufwand seiner Geschicklichkeit hielt er sich mühsam auf den Beinen. Aber der Ruck hatte ihm gut getan, und er lachte laut in die stille klare Luft. 326

Wogegen kämpft er? Warum kämpft er? Warum sollte sich nicht in den Tiefen ihrer Träume die erste erwachende Stimme beflügelt haben? Warum sollte er daran nicht denken? Warum sollte er sich dessen nicht freuen, daß diese Stimme zu ihm geflüstert hatte!

Sein Schwanengesang! Damit verklang Ellen für ihn in die Ferne. Er würde sie nicht wiedersehen.

Jetzt mußte sie in Anklam sein. Dann kam Pasewalk – Prenzlau – Angermünde – Berlin.

Anklam – Pasewalk – Prenzlau – Angermünde – Berlin. Er wiederholte es gedankenleer.

Nun ja. Und er selbst, er konnte in zwei, drei Stunden zu Hause sein. Auch eher schon, wenn er noch schneller lief.

Aber er wollte nicht schneller laufen. Er wollte nicht eher zu Hause sein.

Da hantierte noch Mutter Wittmüs herum. Sie hatte Auftrag, das Haus wieder herzurichten, wie es früher war, daß es nur seiner Einsamkeit diente. Doch sollte das Zimmer der Kleinen vorläufig so bleiben wie es gewesen.

Vorläufig. Er konnte es jederzeit ausräumen lassen und den Mädchenkram auf den Boden schaffen. 327

Er dachte an das Zimmer, das blaue Wolkenreich. Und wußte nicht recht, ob dieser Gedanke es war, was die Sehnsucht nach seinem Hause so schwächte.

Oder machte er sich nur blauen Dunst damit vor, fehlte ihm die Bewohnerin dieses Zimmers – ihm und dem Hause? Hatte es darum nicht mehr die alte Kraft, ihn an sich zu ziehen?

Wie konnte er sein Haus so lästern? Sein Haus, das ihn all die Zeit in so treuer Einsamkeit gehütet hatte! Nun ward es wieder wie es früher war. Und das war gut – und das war gut.

Er sprach es mehrmals vor sich hin, damit es die feste, harte Wahrheit werden sollte. Nun blieb ihm ein ruhiges Alter. Sein Haus und sein Land, sein Boot und sein Cello – war er nicht reich? Und hatte er nicht die See?

Die See – da hinter dem Thiessower Vorgebirge lag sie. Er wollte ihr Auge, ihr großes, weites, freies Auge.

Und hatte er nicht seine gesunden, festen Knochen und Schlittschuhe und Eis unter den Füßen?

Wie das Donnerwetter sauste er über die ächzende, knarrende, knatternde Decke. 328

Nun ragte die Thiessower Spitze vor ihm auf. Da herum ging es auf das offene Meer.

Und sie war in Pasewalk. Mochte sie!

Er aber war bei Thiessow, an Mönchguts äußerstem Höwt, und lief hinaus auf die offene See.

Schlechter wurde das Eis. Und vor ihm ein Schollengeschiebe. Aber das war hier nur, wo Bodden und Meer zusammenbranden. Dahinten –

Aber da hinten war es noch krauser und wüster. Ein Trümmerfeld, das ihm den Weg verlegte.

Er fluchte, lief zur Seite und ging an Land. Er wollte die Landzunge überschreiten. Dort an dem andern Strand hatte die See ein andres Gesicht. Da würde sie ihn willkommen heißen.

Als er die Eisen abgeschnallt hatte und sich über die Wiesen trollte, sah er auf einem Hügel mehrere Männer stehen, ein paar Lotsen darunter. Der eine hatte ein Fernrohr in der Hand.

Wie Peter Brandt näher kam, begrüßten sie ihn laut, daran merkte er schon, daß hier etwas Absonderliches unterwegs war, und Karl Reinhold Jahn, der Mann mit dem Fernrohr, rief ihm zu: »Na, Herr Brandt, Se könen von Glück seggen!«

»Wieso?« 329

»Dat Jis hölt doch noch gor nich!«

»Nee. Un ick bün richtig vesapen. Un nu kamt all mit – nu will'n wi mien Fell vesupen, solang as de Fisch dor noch keen Löcker in gnagt hebben!« Sie gingen in den Krug und tranken Grog.

Der Reiter übern Bodensee! Peter Brandt war voll Lustigkeit und Stärke. Der Schwabsche Reitersmann war ihm immer als einer der Uebelsten von den Uebeln erschienen. War das ein Reitersmann, dieser traurige Mond!

Sie tranken viel und logen noch mehr. Dann machte sich Peter auf den Heimweg. Am Seestrand hätte das Eis sich so getürmt, daß an Schlittschuhlaufen hier erst recht nicht zu denken sei, so sagten ihm die Thiessower. Wenn es auch am Lande vielleicht tragen mochte.

Das hinderte Peter aber nicht, selbst nachzusehen. Er fand es dann freilich wie sie's ihm geschildert hatten.

So ging er zu Fuß am Strande entlang heimwärts.

Die Dämmerung fiel, Nebel stiegen dort hinten aus dem freien Wasser und krochen über die kantigen Schollen.

Mühsam war der Weg über den gefrorenen 330 Sand. Die Farben des Abendhimmels stickten in dem Daak. Graue Verdrossenheit schlich über das Ufer.

Peters vom Grog aufgereizte Lustigkeit ließ schwerer und schwerer die Flügel sinken.

Und wie er so weiter sich tastete, war es ihm, als schritte er aus diesem farbigen Leben hinüber ins Schattenreich.

Warum auch nicht? Was hatte er im Grunde zu verlieren? Und was war an ihm verloren? Wer würde groß nach ihm fragen und um ihn klagen?

Ellen vielleicht – nein sicherlich – das heißt heute und morgen noch. Dann aber – du lieber Gott!

Nein, nein, nein – nicht dieses Hinüberdämmern, nicht dieses Sichhinausschleichen in Trübsinn und Wimmern und Wehmut! Das kann das Ende nicht sein!

Ein froher und starker Tod ist sein Ende!

Er ist kein Nebelwanderer, nein und dreimal nein! So wenig wie er ein Reiter übern Bodensee ist. Keiner, den die Tiefe, die überflogene, zurückreißt.

Waren es keine Tiefen, worüber diese letzte 331 Zeit ihn trug? Es ging wohl nicht über brauende Gründe betörender Qual, wo Entzücken mit Entsetzen sich wirrt?

Freundesnähe hatte ihn stark gemacht. Der Tod ist sein Freund. Er weiß es von ihm selbst, da sie mehr als einmal sich gesprochen haben.

Er glaubt an den Tod, daß er die Höhe des Lebens ist. Darum gibt der Tod ihm seine Freundschaft. Und dessen ist er gewiß, wenn er stirbt, der Tod wird ihn nicht in Niedrigkeit sterben lassen.

Stolz und stark wird sein Sterben sein. Ein kraftvoller Sternenflug.

Dank dir, Leben, für deine Höhe!

Schneller ist sein Schritt geworden, nun ist er nah bei seinem Hause. Nebel kriechen über das Dach, Rauhreif deckt den First. Dort aber, den Gartensteig hinunter – was schiebt sich da fort in die dunstige Ferne? Eine mächtige Frauengestalt, vor sich die Schubkarre – Mutter Wittmüs zieht um, sie schafft ihren Kram wieder in ihre eigne Behausung. Langsam schließt sich hinter ihr der Abend, so versinkt sie groß und breit und träge, ein gewaltiges Gespenst, wie eine Zeit, die gestorben ist. 332

Atmend hebt Peter sich auf und blickt nach oben, da grüßt durch die fallenden Nebel ein erster Stern seine Einsamkeit. Und wie er die Tür öffnet und in die Halle tritt, klingend empfängt ihn sein Haus.

 


 

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