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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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31

Um Mitternacht war es, da ging Vater Wittmüs nach seinen Marderfallen. Da sah er auf der Bank des Balkons die Gestalt – eines Beters gehobenen Kopf, gegen die Wand gesteift – die Arme leblos gestreckt – die Augen schlafend.

Langsam ging er hinauf mit sachten, wundergläubigen Schritten. Dann packte er die Gestalt und schüttelte sie, wie nur Johann Wittmüs schütteln konnte.

Die Winternacht war emsig dabei, aus dem Leib, dessen Seele in Sternennähe flog, eine Statue zu machen. Jetzt störten zwei rohe Hände alle Bildkraft. Alle Linien wurden durcheinander geworfen. Ein Taumelnder hob sich auf tastende Füße. Seine Augen irrten zurück in das irdische Dunkel. Halb getragen wurde er in die Halle geschafft, dann an den Ofen gesetzt und in Decken gehüllt. Noch war die Sternennähe bei ihm, daß er kein Wort sagte. Und als der 315 Alte ihn zu Bett brachte, ließ er das ruhig geschehen, wie ein Kind, dessen Augen in der Ferne sind.

Am andern Morgen aber nach tiefem Schlaf waren seine Augen wieder treu und fest bei den harten Dingen dieser Welt. Doch weil von dem Sternenlicht eine Sicherheit in ihnen war, gaben sie frei ihre ganze Zärtlichkeit.

Ellen aber bettete all ihre abschiedswehen Sinne in diese Innigkeit seiner Augen. Schwer hatte sie in der letzten Nacht geträumt; am Morgen war sie so verschlafen, daß Mutter Wittmüs sie nur mit Mühe auf die Beine brachte.

Mit großen traurigen Augen blickte sie immer wieder in die Wirklichkeit. Dann nahmen die vielen kleinen Reisebesorgungen sie hin, und die ruhige Geschäftigkeit des Ohms mahnte sie, gefaßt zu sein. Es gelang ihr denn auch, alle Tränen niederzuzwingen, als Bauer Kliesow mit seinem Wagen vorfuhr, als sie Vater und Mutter Wittmüs Lebewohl sagte, als sie die Wand des Hauses zum Abschied streichelte. Wie sie dann aber, ehe sie den Wagen bestieg, noch einmal in den Garten eilte, sich etwas Erde mitzunehmen, fielen doch, als sie das hartgefrorene Stück mit kindlicher Nachlässigkeit in ihr Taschentuch knüpfte, ein paar Tropfen darauf. 316

Und als sie dann durch den Wald fuhren, da kam wieder eine Erinnerung nach der andern.

»Hier war es, Ohm, wo du damals an unsern Wagen tratst. Bei dieser großen Birke. Ich hab' sie so gut behalten. Sieh, drei schwarze Knorren sind dran. Sehen aus wie Vogelnester. 's sind aber Auswüchse.« Sie sprach lebhaft und viel, um den Schmerz zu übertönen.

Doch tiefer und immer tiefer ward ihr Kummer, daß die Worte drin ertranken. Und nun saß sie still neben dem Ohm, der fest vor sich hinblickte. Er hatte schon lange geschwiegen. Wohl weil er seiner Stimme nicht traute.

Er wollte sie nicht noch weicher machen durch zärtlichen Klang seiner Zusprache. Nichtiges aber mochte er nicht sagen.

Ellen hätte sich gern an seiner schweigsamen Festigkeit aufgerichtet. Sie wollte sie als Gleichgültigkeit nehmen und sich damit die Trennung erleichtern.

Aber dann wuchs gerade daran ihr Schmerz empor. Nein, nein – so nicht! So sollte es nicht sein. Und sie suchte seine Hand und streichelte sie und faßte sie mit ihren beiden Händen. Wie er sie ansah und ihr zunickte, so hastig es war – 317 da wußte sie, daß die Trennung ihn nicht froh machte.

Und sie gewann neue Kraft, mit ihrem Gram zu kämpfen.

Als sie in Putbus am Bahnhof den Wagen verließen, fragte Bauer Kliesow den Ohm, ob er auf ihn warten und ihn wieder mit nach Hause nehmen sollte.

»Wenn Se mit den neechsten Tog von Ollefähr werrer trügführen, finn' Se mi noch hier.«

Der Ohm aber hielt ihm seine Schlittschuhe vor die Nase. »Nee, Korl Kliesow, ik loop öwern Bodden.«

»Wenn dat Jis man all hölt!«

»Ja, so veel hölt dat.«

Der Zug stand schon bereit. Er brachte die beiden nach Bergen. Von hier ging es dann nach Altefähr.

Die rasselnde Rastlosigkeit der Räder tat den feinen Schwingungen ihrer Gedanken weh. Und es war wie aus der Notwehr, daß sie beide wieder gesprächiger wurden.

»Wie lange dauert es, dann habt Ihr da am Genfer See den Frühling.«

»Ach ja, da ist er wohl eher als hier. Und schön ist das gewiß. Aber –« 318

»Ende Februar war ich einmal da. Da wuchsen schon Veilchen im Freien.«

»Das ist ja wundervoll. Aber so schön wie unsre Maiglöckchen auf dem Höwt sind sie doch nicht.«

»Erst sehen, Kind – dann sagen!«

Sie sprachen danach über Ellens Vater, über seinen letzten Brief aus dem Hethiterland, zaghafter von Onkel Ludwig und seinen Damen, deren Gesellschaft der Kleinen nun einmal für die nächsten Tage bevorstand und an die ihre Gedanken sich gewöhnen sollten. Aber es wurde ihr bitterschwer, sich nicht zu schütteln.

Jetzt hielten sie in Altefähr und stiegen auf den Fährdampfer. Vor ihnen ragten die Türme von Stralsund sonnenbeschienen in den klaren Wintermittag.

Wie sie durch die offen gehaltene Fahrrinne der Stadt entgegenfuhren, die so frei, so wehrhaft und kampfesfreudig sich bot, hatten beide denselben Gedanken, und Ellen sprach ihn aus: »Wallenstein. 1628.«

Der Ohm nickte ihr zu. Schon wollte er ihr froh verkünden, daß er zur selben Zeit dasselbe gedacht habe. Wie er aber ihre Augen sah, drängte 319 er sein Bekenntnis zurück. In ihrem Blick stand es so deutlich: Sieh, ich weiß ja so viel. Ich hab' ja so viel bei dir gelernt. Was soll ich in der Pension? Laß mich bei dir. Ich kann ja auch noch mehr bei dir lernen! Da wandte er sich wieder dem klaren, sicheren Städtebild zu, schweigend und fest.

Ellen aber sah zur Insel hinüber, die immer weiter zurückwich.

Jetzt betraten ihre Füße das Festland. Dort stand der Zug. Wenn der Ohm sie hineingesetzt hatte, würde er sich von ihr verabschieden. Er kehrte um und sie blieb ohne ihn.

Der Ohm reichte ihr die Sachen in den Wagen. Dann stieg er hinein zu ihr. Sie waren allein. Er nahm ihre beiden Hände, drückte sie fest und sagte einfach: »Adieu, mein Ellenkind!«

Sie wollte seine Hände küssen, das wehrte er ihr. Da warf sie sich an seine Brust, umschlang seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich her. Und dann küßte sie ihn auf den Mund. Die Tränen liefen darüber.

Und dann umfing er sie und küßte sie und küßte sie wieder, so, daß ein Schrecken in ihren Augen starrte, dann aber leuchtete ein Glück hindurch. 320

Da riß er sich los und sprang aus dem Wagen, ohne die Trittbretter zu nehmen. Und er schwenkte wild die Schlittschuhe in der Luft, daß sie klirrten und rasselten. So enteilte er zum Strande.

Sie wollte ihm nachsehen. Aber die Tränen ließen es nicht. Da sank sie nieder auf die Bank und legte das Gesicht in die zitternden Hände. 321

 

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