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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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27

Am Weihnachtsabend brannte zum erstenmal ein Tannenbaum in Ohm Peters Hause.

Er blickte mit Ellen verloren in den Lichterglanz, und jedes Licht war ihm ein Erlebnis. Erlebnisse aber machen nicht froh: die guten nicht, weil sie gewesen sind, die schlimmen nicht, da sie einmal waren.

Und nachdenklich wie er war die Kleine. Der Gedanke, der all jene Tage in dem ahnungsvollen Nebel der Vorzeit dieses Festes geschlummert hatte, reckte sich jetzt in der Helle wieder hervor: daß sie nun fort müsse, bald, ganz bald, man konnte die Stunden zählen.

Die Freude des Tages hatte einen schweren Stand, mit diesem Gedanken fertig zu werden. Endlich aber zwang sie ihn doch. Und getragen von dem Entzücken über die Geschenke des Ohms, gehoben von der Wirkung ihrer eignen Gaben auf 281 ihn wie auf Vater und Mutter Wittmüs, dachte Ellen an das, was ihr heute abend noch bevorstand.

Sie sollten noch ins Pfarrhaus kommen. Jum und Jim warteten ihrer dort. Und noch einer. Auch Ewald würde da sein.

Sie ging mit so fröhlich federndem Schritt in den Winterglast hinein – die Sterne funkelten über ihnen, ihr Funkeln war so, als sprächen sie freudig untereinander. Auf die Erde hatte der Himmel Schnee gestreut als leichten losen Schmuck, nicht mehr als sie brauchte für ihr weihnachtliches Kleid. So war es ein prächtiger Gang durch die Felder.

Als sie ins Haus kamen, stürzten Jum und Jim ihnen nicht entgegen wie sonst. Da gab es schon ein Stutzen.

Die Jungen traten gemessen auf sie zu. Gemessen gaben sie ihnen die Hand.

Welt, wo ist dein Humor? Jum und Jim sind feierlich geworden. Jum und Jim sind gemessen und wohlerzogen.

Als der Ohm sie aber näher betrachtete, fuhren seine Blicke entsetzt zurück: sie – war es möglich! – sie sahen sich ja nicht mehr gleich! Jum und Jim sahen sich nicht mehr gleich! 282

Welt – wo ist dein Humor geblieben?

Wie soll es noch ein Lachen geben auf dieser Erde! Jim und Jum sind sich unähnlich geworden. Jim hatte eine Narbe auf der Stirn – Jum nicht. Und es war, als ob auf diesem leuchtenden Weg die Unähnlichkeit Zugang in das ganze Gesicht gefunden hatte. Ja – ja – ja – ganz verschieden waren die Züge, ihr Leben, ihr Spiel – ganz leicht zu unterscheiden für jedermann!

Fassungslos verkroch sich Ohm Peter in sich selbst, die den beiden zugedachten Kartoffelmännlein behielt er als witz- und bedeutungslos geworden in der Rocktasche. Und klagend tauchte er wieder aus sich hervor. Jum und Jim – was ist aus euch geworden! Nun war es nicht mehr schön auf dieser Welt.

Ellen hatte die Erschütterung schneller überwunden. Sie suchte nach Ewald – und fand ihn nicht.

Vater Karsten, der wie alljährlich auch heute ein Weihnachtsgast des Hauses war, erzählte ihr, sein Junge verlebe den Heiligabend und den ersten Festtag auf besonderen Wunsch der gnädigen Frau in deren Familie. Erst am zweiten Feiertag käme er her. 283

Des Vaters Stolz war größer als seine Sehnsucht. Ellen aber senkte traurig den Kopf. Und es lag wie ein Schatten auf diesem ganzen Weihnachtsabend im Pfarrhause. Die Kinderstimmen wollten nicht hell erklingen.

Hermann, der Musterknabe, hatte sich mit seinen Büchern in eine Ecke verkrochen und hielt sich versteckt vor aller Welt. Und die beiden Kleinen blieben auch wie abwesend in ihrer gedämpften Sittigkeit, den Eltern zur Freude, dem Ohm zum ehrlichen Herzenskummer.

Wie war es nur möglich, daß Stadt und Magisterschaft die beiden so verstört und zugerichtet hatten! Als hätte er es damals beim Abschied verrufen! Mit Hermann war es ja allerdings ähnlich gekommen. Und die beiden ließen sich außerdem jetzt gegenseitig im Stich. Da sie sich auch selbst voneinander entfernten, wie sollten sie sich wieder zurechtfinden!

Frau Brigitte strahlte dafür in blanker Zufriedenheit. Dann und wann war es Peter Brandt, als wechsle sie mit den artigen Kleinen bedeutsame, geheimnisvolle Blicke, die auf ihn hinzielten. Sollte hier noch eine Ueberraschung ans Licht wollen? 284

Das gute Abendessen besänftigte seine Unruhe. Dann aber geschah etwas – Peter Brandt hat es niemals vergessen.

Er hatte mit den Jungen gescherzt, hatte ihnen spaßhafte Verse aus seiner Schulzeit gegeben:

Hic, haec, hoc,
Der Pauker hat 'n Stock.
Is, ea, id,
Was will er denn damit?

Da hinten in ihren Augen saß doch noch der alte Kobold! Nur daß die brutale Plötzlichkeit des neuen Daseins ihn verschüchtert hatte! Und der Ohm gab die Hoffnung nicht auf, daß ihre alte struppige Kraft einmal aus der Begossenheit wieder hervorkriechen würde, sich schüttelnd und den andern in die Augen spritzend.

Da gab ihnen die Mutter das Zeichen fürs Schlafengehen. Sie verabschiedeten sich brav. Dann baten sie mit einer auffälligen Eindringlichkeit, die Mutter möchte ihnen doch wie früher etwas singen, wenn sie im Bette lägen.

Und Frau Brigitte tat es dann mit einer Bereitschaft, die sich selbst betonte.

Die Schlafstubentür wurde offen gelassen, so wie es immer war. 285

Erst sang sie ein Weihnachtslied. Und dann – ihre Stimme wurde lebhafter – ein Schlummerlied.

Ihre Stimme wurde lebhafter, obwohl es sich für ein Schlummerlied gehört hätte, daß sie sich noch mehr verschleierte.

Und Peter Brandt traute seinen Ohren nicht. Dann sträubte sich ihm das Haar, und das Entsetzen kroch ihm über den Rücken. Er wollte aufspringen, er wollte mit den Fäusten dreinwettern, wollte alles in Trümmer schlagen – und er saß wie gelähmt.

Er wollte aufstöhnen vor Schmerz, und seine Lippen starrten geöffnet, eisig und ohne Laut.

Das ihm! Und er wollte lachen aus der Höhe seiner Qual, aber er blieb in der starren, stummen, dumpfen Duldsamkeit.

Sie sang ihr Schlummerlied nach einer Weise, die er gefunden hatte. In seinem ersten Tonwerk stand die Melodie.

Da hatte Frau Brigitte sie herausgerissen und sich zurechtgestutzt. Und hatte sie dann an Worte verkuppelt – an Worte nach ihrer höchsteignen Bestimmung.

Und damit hatte sie ihm – ihm eine Weihnachtsfreude zurüsten wollen! 286

Das starrende Entsetzen aber ließ ihn hellseherisch alles erfassen, wie es gekommen war.

Die Jungen waren mit in dem Komplott. Ihr Pensionsvater war ein alter Professor, ein Musiknarr und Notensammler. Der hatte eins von den unglückseligen siebenundzwanzig Exemplaren aufgetrieben. Und so war Peters Weihnachtsfreude zustande gekommen.

Nun stellte sich doch eine lächelnde Wehmut bei ihm ein, eine klare erlöste Trauer.

Frau Brigitte, das hättest du nicht tun sollen! Mit welch zarter Zärtlichkeit hab' ich immer an dir gehangen. Und nun erwiderst du sie so!

Aber seine Trauer hatte etwas Getragenes und Schwebendes, etwas Freies und Leichtes.

Er sah auch nicht mit Grausen dem Augenblick entgegen, wo sie wieder hereinkommen und den Dank von ihm heischen würde.

Und jetzt trat sie wieder ins Zimmer – täuschte er sich oder lugten die beiden Jungen durch den Türspalt, seiner Rührung gewärtig? – und ging in einer gewissen holden Beschämtheit, die um so erwartungsvoller sich ausnahm, an ihm vorüber, in Karl Christians knochigem Gesicht aber stand ein breites, forderndes »Na?« 287

Peter Brandt sagte kein Wort. Er fühlte, wie peinlich denen sein Schweigen war, fühlte es an ihrem Räuspern und Sichdrehen – aber er blieb in der Stille.

Ellen hatte ihm abgewandt gesessen. Sie hatte nichts von seiner Qual gesehen. Und das war gut. Er hätte sonst zerren müssen an seiner Pein – so konnte die ruhig in die Welt blicken und sich ausleben und ungestört sich erhöhen zu einem festen, frei schauenden Zorn. Zu einem reinen Zorn, der lachen kann und verzeihen.

Diesen Zorn sah jetzt Ellen in seinen Augen. Und sie forschte unruhig, was geschehen war.

Er aber hatte just seine Freude daran, wie die beiden Pastorsleute immer noch drucksten, um ein Wort von ihm herumschlichen und selber keins sagen mochten – in ihrer Zartheit.

Ja, ja, in ihrer Zartheit!

Endlich aber wurde es in Karl Christian doch zu stark, und er stieß die Frage heraus: »Nun, Peter Brandt – haben Sie nichts gemerkt?«

So viel ehrliche Unbeholfenheit war darin, Peter behielt ganz seine klare Ruhe, und fast war er versucht, mit einem leichtfertigen: »Ja, es war 288 wunderschön – und ich danke auch vielmals!« der Sache ein Ende zu bereiten.

Was wußten sie von ihm? Was begriffen sie von seiner Verwundbarkeit?

Und sie meinten es ja gut. Diesen Wappenspruch der heiligen Bequemlichkeit – warum ließ er ihn nicht über sie wehen hier im Pfarrhause, am Abend des Friedensfestes?«

»Er hat's ja gemerkt!« sagte jetzt Frau Brigitte, die die klügeren Augen hatte. Und es stak eine Schärfe in diesen Worten, etwas von getäuschter Hoffnung und gekränktem Stolz.

Da meinte der Ohm mit kühlem Ernst: »Wir wollen es gut sein lassen.«

Nun aber regte sich ihr Stolz um so heftiger. Und bitter warf sie hin: »Ja, ja – natürlich! Seine Melodien sind zu schade dafür, daß sie gesungen werden.«

Jetzt begriff Ellen, was geschehen war. Sie zuckte auf, sie ahnte, was sie dem Ohm damit angetan hatten.

›Gib es auf, Peter,‹ sprach der zu sich selbst. ›Sie sind aus einer andern Welt. Was wollen hier Worte?‹ Er preßte alles zurück und hielt sich still. 289

Aber Karl Christian hielt sich nicht still, er, der sich als Mittler wohlfühlte. »Sie haben uns ja einmal auseinandergesetzt, daß Sie das Lied nicht für voll ansehen. Wir wollten Sie durch Sie selbst eines Besseren belehren.«

Peter lächelte leise.

»Wir haben diese wundervolle Stelle« – »Stelle« sagte er – – »in Ihrer Symphonie gefunden, ›cantabile‹ setzen Sie selbst dazu; sie lebt einem im Herzen und will wieder heraus, und da singt man sie. Als Schlummerlied gab sie sich uns, und die Worte stellten sich mühelos ein.«

»Die Worte stellten sich mühelos ein« – so sagte Karl Christian, und Peter lachte.

Aber es drang doch eine Güte aus dem, was Pastor Willers zu ihm sprach, und Peter sah lange in die ehrlichen Augen, die ihm lieb waren, bis er nicht anders konnte, als seine hohe Schweigsamkeit verlassen, die nicht durch Hochmut Karl Christian weh tun mochte.

»Wir wollen uns nicht wieder in hitzige Worte stürzen,« sprach Peter Brandt. »Wir wollen uns nicht übereinander beklagen.«

»Dazu haben Sie auch Anlaß!« erklärte Frau Brigitte, die mit dabei sein mußte. 290

»Nein, nein. Ist alles meine Schuld. Man darf nicht verraten, was man in sich hat. In der Seele muß es bleiben, in der Stille. Im Fühlen muß es seine Gestalt haben. Was nach äußerer Gestalt verlangt, nach Lumpen und Plunder, nach Papier, Leinwand, Tinte und Töpferton und Darmsaiten – gleichgültig, was damit geschieht! Ganz gleich, was die andern damit machen.«

»Ja so,« sagte Brigitte. »Jetzt sind Sie so weit, jetzt möchten Sie die Kunst einfach aus der Welt schaffen!«

»Sie würden besser sagen, ich möchte die Welt aus der Kunst schaffen.«

»Das ist auch wieder so etwas –« antwortete der Pastor mit Kopfschütteln.

»Ja, Karl Christian, so etwas ist das –« Und Frau Brigitte rang die Hände dazu. Peter aber bat mit klarer Friedfertigkeit: »Jetzt wollen wir es wirklich lassen.«

Und sie ließen es. Aber ein trostloser Unmut lag über dem Rest des Abends. Sie fühlten alle, daß sich hier eine Kluft befestigt hatte. Grau und trostlos blieb auch der Abschied, den sie nahmen. So war der Weihnachtsabend dieses Jahres im Mönchguter Pastorenhause. 291

Schweigend gingen der Ohm und Ellen heimwärts durch die stille Winternacht.

Zärtlich schob sich die Kleine an seine Seite. Sie fühlte, daß von der Pein noch etwas in ihm nachzitterte.

Sie war so froh, daß sie alles Quälende mit ihm fühlen durfte. So froh auch, daß sie das, was er dachte, wo ihr Verstehen zu schwach war, doch mit ihrem Gefühl erreichen konnte. Und darein zog sich doch eine Trauer über die unerbittliche Ferne seiner Gedanken.

Wie damals, als er dort im Pfarrhause über das Lied so harte und kalte Klarheit breitete, erfüllte sein Wesen sie mit wehmütigem Staunen. Eine klagende Bewunderung geleitete ihn in seine vereinsamte Unbarmherzigkeit.

Das Kind sah ihn höher und höher steigen, dahin, wo nichts Grünes mehr scheint, wo keine Blume atmen kann, wo nichts lebt außer ihm, dem Wanderer, der hier nicht leben kann.

Ihm fehlte etwas, das fühlte sie deutlich. Und bald deutlich, bald dämmernd ging es durch ihre Mädchenseele: ein Mensch fehlt ihm, der es so gut, so gut mit ihm meint, wie es ein Herz nur kann! 292 Der ihn mit all seiner Zärtlichkeit hält, dessen freudige Sorge nicht von ihm läßt.

Sie – sie selbst – wie hing sie an dem Ohm! Aber das war nicht genug für ihn. Und wer war sie denn? Du lieber Gott – sie – ein dummes Ding! Ein Nichts.

Vielleicht gar eine Störung für ihn und ihm lästig. Würde er sie sonst wohl mit so bereitwilligem Gleichmut fortlassen?

Jetzt drückte er ihre Hand. Sie fühlte darin, was er dachte: daß sie ihn verstand nach ihrem schwachen Vermögen, daß sie treulich sich zu ihm hielt, daß sie seines Geistes Kind war. Und ihr Glück war groß. Aber darum mußte sie doch fort von ihm!

Immer trauriger versank sie in sich selbst. Er hatte ihr so viel gezeigt. So viel hatte er ihr gegeben. Und jetzt, wo ihr immer Größeres durch seine Weisung aufgehen sollte, mußte sie fort.

Wie sollte das bloß werden? Wie sollte sie da in Genf unter den Pensionsgösseln sich und ihre Habe bewahren?

Das war ein Weihnachtsabend. Was hatte sie sich auf ihn gefreut! Und jetzt? Seine Lichter, seine Sterne waren Tränen. 293

 

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