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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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26

Es kamen Tage, die Ellen wieder ganz zum Kinde machten: das war die Adventszeit. Da hatte sie nur Gedanken für den Tannenbaum.

Allen wollte sie etwas schenken, und der Ohm mußte immer tiefer in den Säckel greifen. Aber er tat es mit lachender Freude ob ihrer Glückseligkeit.

Vater Wittmüs und Mutter Wittmüs, die Pastorsleute, auch Vater Karsten natürlich – sie alle sollten etwas haben.

Für die aber, die sie besonders liebhatte, machte sie eigne Arbeiten. Das waren der Ohm, Ewald und Jum und Jim. Da gab es soviel schöne Geheimnistuerei. Da gab es das ganze Zauberspiel der Erwartung und Ueberraschung.

Mit schweren Nebeln zog die Adventszeit daher. Und in den Nebeln zogen die Märchen. In die Schummerstunden kauerte sich Ellen mit dem Ohm. 271 »Erzähl mir von dem wilden alten König. Der da im Hünengrab schläft, unten am Reddewitzer Kreuzweg.«

»Das war König Floke Langhaar. Von den Königen des Nordens war er der siegreichste und blutigste. Die Küsten der nordischen Länder zitterten vor seinen Schiffen. Man sagte, er sei so hoch und mächtig, daß die Zeit nicht Hand an ihn zu legen wage. Das Alter rührte nicht an sein wallendes braunrotes Haar. Aber damit hatte es seine eigne Bewandtnis: König Floke färbte sein Haar mit Blut. Nicht mit dem Blut von Tieren, mit Menschenblut. Und ein besonderes Menschenblut mußte es sein. Nur das Blut von schönen jungen Frauen konnte er gebrauchen für seine eigne Jugend und seine eigne Schönheit. So ist manche Königstochter für ihn gestorben, die er geraubt oder auch als Weib gefreit hatte. Und jetzt gewann er Sigrid, König Gorms Tochter, zu eigen. Die war so schön, so kindlich zart und von so munterer Holdseligkeit, ihr konnte er nichts zuleide tun. Und sie ward ihm lieber als sein eignes Leben. So versäumte er, das Mittel für sein Haar und seine Jugend anzuwenden. Und das Alter, das er so lange 272 ferngehalten hatte, kam nun mit einem Male über ihn. Als eines Tages Sigrid auf seinem Schoße saß, stemmte sie die Arme gegen seine Brust: ›Pfui, was bist du für ein garstiger, alter Mann! Ich kenne dich nicht! Wo ist dein goldenes Haar? Wie ein Eisbär bist du. Und dein Haar ist nur als Pelzkragen etwas nutz.‹ Da erstarrte sein Blut, und dann kochte es auf in tödlichem Zorn. ›Den Kragen will ich dir bereiten!‹ Und er knotete eine Strähne um ihren Hals, dann sprang er in die Höhe und stand steil und fest. Sigrid zuckte in der Schlinge und verzuckte wie an einem Galgen. Da aber kroch das Grauen in sein Mark. Irr wurden seine Sinne. Niemand durfte die Tote von ihm lösen. Mit ihr legten sie ihn ins Grab. Aber wenn die Nachtstürme des Winters über den Hügel ziehen, dann steigt er empor und schüttelt wild sein mächtiges Haupt. Wir alle haben ihn gesehen. Und in seinen Haaren hängt ein zarter Leib und fliegt in dem Sturm wie eine Puppe. Weißt du noch, wie die Haare flogen das letztemal?«

Ein wohliges Gruseln schlich über sie her. So waren sie wie zwei Kinder, die allein durch den Wald tasten.

Wenn aber die Lampe gekommen war, die 273 warme Traulichkeit dieser dunkeln Tage, dann konnte es zwischen den beiden recht munter hergehen. »Wir wollen noch was Lustiges aushecken für Jum und Jim,« sagte die Kleine. »Zwei Hampelmänner, die sich ganz gleich sind! Und die müssen zusammensein. Und wenn man dran zieht, schlagen sie sich in die Nasen und stecken sich die Zunge aus. Und die Nasen bluten.«

»Und das Blut leckt ihnen auf die Zunge.«

»Eks!«

»Ja, du bist gut! Und das nennst du Friedensfest.«

»Dann sollen sie sich umärmeln und sich küssen.«

»Jum und Jim küssen sich!«

»Das ist doch ulkig!«

»Wenn sie so was von sich sehen, dann prügeln sie sich gewiß.«

Ellen ließ nicht locker, die beiden sollten ihr Ebenbild haben.

»Sie sind ja selbst ihr Ebenbild,« sagte der Ohm. »Und wie soll man das machen – Hampelmänner? Wie wär' das aber, wenn wir sie schnitzten!«

»Ei ja, das wär' fein!«

»Das Untergestell aus Holz. Und du machst 274 die Kleider dazu. Und die Köpfe aus Kartoffeln.«

Ellen klatschte in die Hände.

Und dann wurde in dem Kartoffelbestand von Mutter Wittmüs grausame Verheerung angerichtet.

Zwei Uhren in gleichmäßigem Gang zu halten ist schwer. Aus Kartoffeln zwei zum Verwechseln ähnliche Köpfe zu machen ist schwerer. So gab es denn bei dieser gemeinsamen Schnitzerei und Bastelei viel scherzhafte Mühe. Wollte einer verzagen, half ihm kindlicher Spaß wieder auf den Sprung.

Unterweilen kam es, daß Ellen ernsthaft wurde, nach der Uhr sah und mit irgendeiner Ausrede in ihr Zimmer schlüpfte. Dazu machte der Ohm ein ahnungsloses Gesicht, ihr die Ueberraschungsfreude nicht zu stören.

Wenn er dann so allein saß nach dem kindlichen Beieinander, wenn er ihrer gedachte, wenn seine Augen auf ihrer Tür ruhten, so stiegen wieder die Schatten in ihm auf, die Vorboten der unbarmherzigen Helle, die an sich noch schlimmer und unbarmherziger waren als die Wahrheit selbst.

Dann sprang er wohl auf und warf sich in den Abend und wehte durch die Nebel hinunter zur See, und er irrte hinein in zeitloses Dunkel. 275

Oder er stürzte zu Hacke und Karre, da er gerade jetzt, wo der Frost noch nicht im Boden saß, an einer Verbesserung des Gartenlandes arbeitete, dessen Sand er mit Lehm und Humus mischte.

Und er schlug in die Erde mit fast feindseligem Grimm, als wäre sie es, die ihm alles Leid ansänne. Und er karrte die hochgetürmte Last keuchend in Mühseligkeit, obgleich er kaum noch den Weg sehen konnte.

Dann wurde es ihm leichter unter der Last: es war doch sein Land, was er trug, seine Erde, sein Eigen! Nein, nein, nichts, was ihm feindlich war. Etwas, was es gut mit ihm meinte, was ehrlich und treu seiner Arbeit den Lohn gab.

Und er blickte jetzt, wenn er verschnaufte, fest und still auf den Lichtschein, der aus Ellens Fenster zog. Da saß sie und arbeitete an einem Geschenk für ihn. An ein Paar Morgenschuhen oder sonst etwas. Er sah ihr stilles liebes Gesicht. Und ihre weichen Lippen, die kaum geöffnet zu der Arbeit summten, wie es ihre Art.

Bald wird es Zeit, daß sie den Tisch deckt. Das tut sie mit all ihrer wichtigen Emsigkeit. Und dann tritt sie auf den Balkon und ruft ihn zum Abendbrot. 276

Gut ist das alles und auch nicht gut. Und wenn das neue Jahr anhebt, geht sie fort von hier.

Gut ist das. Oder ist es das nicht?

Er schlägt in den brüchigen Lehm, die Hacke ächzt unter der Wucht seiner Hände. –

Auch hatte diese Adventszeit Stunden, die die ganze Angst des Christentums über Ellen brachten.

Das war ein andres Gruseln als vor dem Märchennebel, das war ein Grauen, wenn sie in der Dämmerung an den Ohm sich klammerte und ihre junge Seele in fragender Not zu ihm rief: ich soll und muß glauben – wenn ich den Glauben nicht habe, komm' ich in die Hölle – damit straft mich der liebe Gott, das droht er mir an – und mein Glaube soll doch frei sein und freiwillig, nicht aus der Furcht und kein blinder Gehorsam!

Und wenn er dann ihren Kopf streichelte und ihre Hände, sagte sie glückhaft versunken: »Wie seltsam das ist! Ein Mensch ist gut zu mir – und die Furcht vor Gott ist nicht mehr da.«

Und dann bat sie den Ohm: »Du bist im Heiligen Lande gewesen. Du hast an dem Brunnen gesessen, wo Christus saß. Erzähl mir von dem Brunnen und von dem Lande.«

Und der Ohm erzählte. 277

»Es war Abend, als ich an dem Brunnen saß. Da, wo die Sonne untergegangen war, zog sich ein tiefgelber Schein. Will man die Klage malen, braucht man diese Farbe. Klar und weit war die Luft. Und darum war die Einsamkeit so groß. Abseits vom Brunnen standen ein paar träumende Oelbäume. Vor dem Abendschein, dem klagenden Gelb, hob sich eine schwarze Zypresse. Um ihre Spitze kreiste lautlos immer und immer ein einsamer dunkler Vogel.

Als er dann in den Schein hineinflog und langsam in ihm versank, war ich ganz allein.

Und da hab' ich zum erstenmal etwas gefühlt, wovon ich bis dahin nichts gewußt hatte. Und wenn es einen Namen haben soll, muß ich es Heimweh nennen.

Ich hatte damals gewiß nichts Trauriges in mir. Gerade in jenen Tagen ging es mir besonders gut. Ich hatte Freude an der Jagd, und kurz vorher war es mir geglückt, im Libanon einen Klippschliefer zu schießen.

Und hier ertrank alles, was an Reiselust und munterer Zufriedenheit in mir war, in einer Tiefe, die mir sonst fremd gewesen.

Heimweh mag es heißen. Es war nicht die 278 enge Sehnsucht nach Hause – ich hatte ja auch kaum eines –, nach der gewohnten Umgebung, nach deutschem Wort und deutschem Wald. Es schritt weiter und weiter – durch die Zeiten hindurch, durch die Ewigkeit, die war, durch die Ewigkeit, die wird, hinein in die Himmelsräume, hinaus zu den Sternen. Das Heimweh des Lebenden – zugleich nach des Lebens Urgrund und des Lebens Ziel. Ein Weh, das eigentlich kein Schmerz ist, denn es trägt seinen Glanz in sich. Es ist wie eine glückliche Träne.

Hier war es, wo der Heiland leibhaftig zu mir kam, der Sohn unsrer lieben Frau, unser lieber Freund. Leibhaftig saß er bei mir am Brunnen.

Ist er nicht selbst das große Heimweh?

Wer seine Augen gesehen hat, weiß es. Das Heimweh, die große Stille.

Jetzt fahren sie große wissenschaftliche Kanonen auf und schießen Viktoria in die Welt ob ihrer Entdeckung, daß Christus ein bloßer Mensch gewesen sei.

Was ist das, ein bloßer Mensch?

Sie reiben sich die Hände und setzen sich mit breitem Wohlgefallen auf ihre breite Seßhaftigkeit 279 und sagen mit schmatzendem Gleichmut: Nun haben wir ihn. Und haben ihn gerade nicht. Denn was ist das alles als eine neue Begriffsprotzerei?

Das ist das Vergängliche. Das alles sind Worte. War das Wort zu Anfang, ist es auch am Ende – wo aber bleibt das, was über Anfang und Ende ist?

Das Heimweh ist der Odem der Ewigkeit.«

Von dem allen sprach der Ohm zu ihr, so faßlich er es ihr geben konnte. Und sie nahm es an sich und empfand, was er empfand.

Dann hüllten die Mysterien sie in ein sanftes Glück, das dem Schlummer nahestand und den Träumen. Und er hielt sie stillatmend an seiner Schulter. 280

 

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