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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23

Es kam ein Sommer ins Land von einer Fruchtbarkeit so selten und so groß, daß die Menschen vor ihr sich zu fürchten begannen.

Auf dem Sandberg vom Bauer Looks, wo sonst nur die erbärmlichsten Haferhalme zitterten oder ein Kartoffelkraut herumtrauerte, das schon welk ans Tageslicht gekrochen war, wuchsen dieses Jahr die Kartoffeln in dichter, geradezu leuchtender Selbstgefälligkeit, daß die Leute davor wie vor einem heiligen Wunder stehen blieben.

Und der Bauer mit dem ganzen Vollgefühl, das dem Besitzer eines heiligen Berges zukommt, erklärte jedem, der es hören wollte, er hätte im Frühjahr gar keinen Dung auf das Land gebracht; Seetang, der doch das beste wäre für Kartoffeln, hätt' es ja nicht gegeben, weder am Südstrand noch am Nordstrand, und Kuhmist wär' ihm zu schade für diese Abseite, daß er aber Lupinen 237 untergepflügt, das wär' schon sieben Jahre her. Und nun ein solches Wachstum!

Und wie gesegnet war ringsum die ganze weite Flur! Winter- und Sommerkorn gediehen zu gleicher schwerer Ueppigkeit, die Wiesen konnte man dreimal mähen, und in den Gärten gaben die Gemüsebeete unerschöpfliche Erträge. Beerenobst aber wuchs so viel, daß die Menschen es nicht bewältigen konnten und vieles an den Sträuchern dorrte und faulte.

Es war zu viel des Guten, und darum wurden die Menschen des Guten nicht froh.

Viele bekamen geradezu Angst vor der Ueberfülle, sie prophezeiten Unwetter und vernichtende Scharen von Ungeziefer, Krankheiten, Pestilenz und den Untergang der Welt. Und ihre Angst wurde wahrlich nicht geringer, weil die Erfüllung zögerte, sich einzustellen.

Wen aber die Furcht nicht einnahm, der brachte es doch schwerlich zu einer reinen Freude, denn es war etwas in der Luft, was alle Fröhlichkeit einhüllte und einlullte mit weichlich-dumpfer und lascher Schwüle.

Eine Treibhausluft lag über den Breiten, etwas Tropisches atmete durch die nordische Welt. 238

Warmer Regen fiel in den Nächten, und durch den Tag zog sich der warme Dunst der dampfenden Erde.

Peter Brandt aber suchte wie sonst sein Unbehagen in Reflexionen zu bannen, in Gedanken darüber, daß dieser Sommer die gegebene Zeit wäre für den Kult, für die Religion der Faulheit, daß die Menschen aber, wenigstens seine nordischen Brüder, für diese einzige Religion, die die Furcht ausschlösse, nicht geschaffen seien. Statt gläubig und hingegeben an den Brüsten der Natur zu liegen, ließen sie sich von deren heiliger, nährender Güte sogar mit neuen Aengsten erfüllen.

Auch die Naturphilosophie von Vater Wittmüs wurde durch die Offenbarungen dieses Sommers mehr verblüfft als erfreut. Nicht nur, daß alles, was er an Ablegern in die Erde steckte, Wurzel schlug und aufwuchs, auch seine Kreuzungen gelangen ihm ohne Ausnahme, so großmütig gab die Natur das Leben in die knifflige Menschenhand.

Und so konnte der Alte bei Bastarden von einer Waldmaus und einer Hausmaus, sowie von einer Zwergmaus und einer Brandmaus glücklich Gevatter stehen. 239

Aber es mischte sich doch in sein Glück ein leises Gefühl der Beschämung und Beklemmung ob solcher Freigebigkeit der großen lebendigen Güte, die über die menschliche Schnörkelsucht lächelte und sich hier fast schalkhaft offenbarte.

Wurde so nicht recht einer dieses Sommers von Herzen froh, geradezu Qualen brachte er mit seiner reifenden Kraft über die kleine Ellen. Denn er riß sie so jäh aus der Kindheit, daß es ihr wehtun mußte.

Sie lag die Nächte in unruhigem Schlaf. Es hämmerte in ihren Adern, es zog und drängte und wogte in ihr, daß ihr die Brust zu eng wurde, daß sie nicht wußte, wohin mit sich selbst.

Am Tage war sie müde und meist traurig. Dann und wann aber konnte sie lachen über nichts und herumdalbern wie närrisch – das war der Geist der Kindertage, der wie ein Kobold mit krausen Sprüngen und überwütigem Tollen Abschied nahm.

Ohm Peter hatte für diese Vorgänge eine durch die Wachsamkeit seiner Scheu gespannte Empfindung. Und eben seine Scheu bannten immer fester seine Blicke auf dieses unheimliche Werden.

Zwischendurch schüttelte wohl seine Borstigkeit 240 alles Unbehagen von sich, oder er wickelte sich in sein Räsonieren, und die Schwüle, die sich über seine Sinne breitete, wollte er allein der feuchten, treibenden Wärme dieses unleidlichen Sommers schuld geben.

Es kam dabei, daß er sich mehr und mehr von Ellen zu entfernen suchte, je tiefer und dunkler es ihn zog, all ihre stillsten und zartesten Regungen mit zu erleben.

Bei Ellen aber klang durch all die Verworrenheit ihrer Unruhe das wehe Gefühl, daß sie dem Ohm etwas zu verschweigen und zu verbergen hatte, was bisher niemals geschehen war. Daß sie mit Mutter Wittmüs und der Frau Pastorin ein Geheimnis vor ihm hatte. Fremde Menschen waren das. Aber es waren Frauen.

So trat es scharf und schmerzend in ihr Bewußtsein, daß der Ohm und sie durch das Geschlecht geschieden waren. 241

 

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