Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

22

Als sie wieder nach Hause kamen, fand Peter die beiden jungen Menschen nebeneinander in der Vorhalle sitzen.

Ellen ging ihm entgegen und hängte sich an ihn. Von seiner Todesfahrt wußte sie nichts. So konnten ihre Gedanken bei Ewalds Abreise verweilen. Der Ohm fühlte, daß eine stille, lichte Wehmut in ihr war.

Er reichte Ewald die Hand in ruhiger Freundlichkeit, ohne alle Regung einer Leidenschaft, mit der Güte des Alters. Und gütig waren die Worte, die er dem Jungen auf den Weg gab.

Wenn irgendeine Not über ihn käme, die ihn nach einer männlichen Hand suchen ließe, sollte er sich getrost an Peter Brandt wenden. Nie träte des Jungen offenes Wort bei ihm vor verschlossene Tür.

In diesen Worten war ein Ton, bei dem Ellen aufhorchte, dem sie nachging und der sie dann nicht 228 wieder von sich ließ. Sie empfand, daß mit dem Ohm etwas Hohes geschehen war. Von dem Glanz der Weihe, wie ihn die Hand des Todes denen, die sie berührt hat, mitgibt auf den Rückweg ins Leben, zitterte etwas in ihr Fühlen hinüber.

Auch der Junge spürte das Leuchten, nahm die Wärme dankbar in sich auf und sagte nicht ohne Bewegung Lebewohl. Ellen aber war zu Tränen gerührt, und wie sie sich über die Brüstung lehnte, ihm nachzusehen, brauchte sie das Taschentuch nicht bloß zum Winken.

Als sie mit ihren Grüßen und Tränen fertig war, nahm der Ohm sie bei der Hand und zog sie an sich heran.

»Wie leicht fließt doch so ein kleines Mädchenherz über,« sagte er väterlich. »In ein paar Wochen siehst du deinen Freund doch wieder!«

»Nein, Ohm Peter. Vorm Herbst kommt er nicht. In den großen Ferien bleibt er in der Stadt. Da will er streben, fürs Mündliche.«

»Das hab' ich nicht gewußt! Dann nehm' ich alles zurück.« Er streichelte ihren Scheitel.

Das Kind sah ihm groß in die Augen. »Daß er fortgeht, das ist es ja auch gar nicht, worüber ich so bin.« 229

»Nicht? Worüber bist du denn – so?«

»Weißt du, das kommt daher, daß du heute so anders bist und so anders sprichst.«

»Ich bin anders?«

»Ja. Auch zu Ewald. So – so ganz besonders gut. Und du magst Ewald doch nicht leiden.«

»Was du alles weißt!«

»Das weiß ich. Und alles gefällt mir ja auch nicht an ihm.«

»Wirklich.«

»Neulich hab' ich ihn beschlichen – da saß er in den Dünen – und da hab' ich gesehen, wie er sich eine lange Zeit von allen Seiten im Taschenspiegel beguckte.«

»Dafür malt er sich ja auch.«

»Aber 'n Taschenspiegel –! Und auch sonst – aber das meiste an ihm ist doch gut, nicht? Und so gut ist er anzusehen.«

»Das meint er selber offenbar auch.«

»Was er sagt, das ist ja nicht immer weit her,« bemerkte die Kleine mit der weisen Miene, die ihr durch drei Professorengenerationen angezüchtet war und dem Ohm an ihr besonders spaßhaft erschien. Und dann fügte sie, noch überlegener hinzu: »Das fällt aber nur auf, wenn du dabei bist.« 230

»Dann ist es also besser, ich bin nicht dabei.«

»Dann kommt er mir sogar manchmal dumm vor. Aber das ist er doch gewiß nicht. Und ich – wie komm' ich überhaupt dazu –«

Sie hielt eine Weile inne, mit sich selbst beschäftigt. Und dann meinte sie voll Ehrgeiz: »Heute abend bleibt es klar. Da mußt du mir noch mehr von den Sternen erzählen.«

Als sie beim Abendbrot saßen, sprach die Kleine unvermittelt vor sich hin: »Morgen früh um sechs geht er zu Fuß nach Putbus.«

»Möchtest du ihm noch einmal Adieu sagen?« Ellen antwortete nicht. »Wollen wir ihm den Weg abschneiden? Stehst einmal früher auf!«

Sie schwankte eine Zeit. Dann erklärte sie entschieden: »Nein – ich möchte es doch lieber nicht. Das sieht so aus – – Nein. Ich hab' mich ja doch von ihm verabschiedet.«

Als sie mit dem Essen fertig waren, nahm sie den Ohm bei der Hand und zog ihn auf den Balkon. Hier kauerte sie sich in eine Ecke und sah zum Himmel auf, an dem die blassen Lichter sich vertieften. »Jetzt erzähl mir was von den Sternen – bitte! Das ist schöner als alles.« 231

Ellen fragte ihn, und er gab ihr Auskunft, so gut er konnte. So war der Unterricht.

»Du hast mir einmal gesagt, im Süden sind die Sterne anders.«

»Anders? Wie meinst du das?«

»Sie flimmern und glitzern da nicht so wie bei uns.«

»Nein, das tun sie nicht. In den Tropen haben auch die Fixsterne einen ruhigen Glanz, wie bei uns die Planeten.«

»Und wovon kommt das?«

»Bei uns sind so viel Schwankungen in der Atmosphäre, die machen das Licht ungleichmäßig.«

»Erzähl mir vom Kreuz des Südens. Das hast du doch selbst gesehen, nicht?«

»Ja. Bei den Seychellen war's.«

»Die Seychellen – aber die liegen doch im Norden bei Schottland.«

»Wie? Was? Bravo, Kleinchen! Verwechselst du die Shetlandinseln mit den Seychellen!« Der Ohm lachte sie herzhaft aus.

»Ach nee, ach ja, ich sage man! Die Seychellen – Seychellen und Amiranten. Das war mal wieder dumm.« Sie schämte sich ein wenig.

Und dann fragte sie weiter nach dem Sternbild 232 des Kreuzes, und was Ohm Peter von ihm für einen Eindruck bekommen hätte.

Und dazu sagte sie dann: »Das ist gut, daß die Sterne da nicht flackern. Zu dem Bilde vom Kreuze würde das doch gar nicht passen.« Er nickte und streichelte sie zur Belohnung.

»Man spricht immer von den ewigen Sternen,« warf sie dann ein. »Sie sterben doch wie wir.«

»Das tun sie.«

»Aber für uns leben sie doch noch viele Jahre nach ihrem Tode. Weil ihr Licht so lange braucht, um zu uns zu kommen.«

Sie hatte, ermuntert durch sein Streicheln, von ihrer Weisheit auszukramen begonnen, mit halben Gedanken. Dann aber, wie sie sich bemühte, diese Erkenntnis auszudenken, wurde ihr doch ein wenig schwindlig. Wie verirrt in der großen Himmelswelt schloß sie die Augen.

»Früher hab' ich geglaubt, die Sterne, das wären die Seelen der Gestorbenen. Aber wenn sie selber sterblich sind, dann können sie das doch nicht sein. Und früher hatte ich auch einen Stern – einen ganz bestimmten, der gar nicht besonders war, nicht besonders groß und auffällig, aber ich fand ihn doch jeden Abend wie von selbst. Das 233 war meine Mutter. Später aber hab' ich dann meine andern Gedanken gehabt. Und nun – wenn ich doch bloß wüßte, wo die Seelen der Gestorbenen sind!«

»Ja, wer das wüßte.«

»Pastor Willers hat mir gesagt, es gäbe Menschen, die an die Unsterblichkeit der Seele nicht glaubten. Du glaubst doch daran?«

»Ich glaube an die Sehnsucht und ihre Kraft. Ich glaube an den Willen. Wer weiterleben will mit aller Macht seiner Sehnsucht, der bleibt am Leben.«

»Ich habe die Sehnsucht. So fest. Und du hast sie auch, nicht? Du sollst auch unsterblich sein. Und auch in der Ewigkeit sind wir beide zusammen, nicht? Und Ewald? Glaubst du, daß der auch unsterblich sein wird?«

»Wenn du meinst –«

»Ganz gewiß wird er das. Ja. Und was wird aus unsern Seelen?«

»Die kommen auf den Stern, dem ihre Sehnsucht zufliegt.«

»Und wenn der Stern selber stirbt?«

»Haben sie ihre Sehnsucht, fliegen sie auf einen neuen. Der Wille ist das Unsterbliche.« 234

»Werden auch immer neue Sterne geboren?«

»Ja.«

»Und die Erde wird auch einmal sterben?«

»Ja.«

»Und all die Fixsterne, sagst du, sind Sonnen – und um jede dieser Sonnen kreisen wieder Planeten wie die, die um unsre Sonne sind – und auf allen, allen sind lebendige Wesen oder Seelen – –« sie hielt inne und war wieder ganz benommen und verirrt. »Davon kann man den Verstand verlieren.«

Und wieder preßte sie ihre Schläfen in den Händen zusammen. »Das ist alles so furchtbar groß und weit –« sie drängte sich fest an den Ohm. »Sag mir, daß man keine Angst zu haben braucht.«

»Wovor?«

»Vor all dem – all dem Großen. Hast du keine Angst?«

»Vor dem Himmel? Nein.«

»Wenn du bei mir bist, hab' ich auch keine Angst.«

Sie hängte sich an seinen Hals. Sie fühlte, wie ein Zittern an ihm niederfloß. »Ist dir kalt? Es kommt so kühl vom Wasser. Soll ich dir deinen Mantel holen?« 235

»Nein, laß, mein Kind.« Er fragte in kurzem, trocknem Ton: »Was ist das für ein Sternbild?«

»Der Orion.«

»Was weißt du von seinem Nebel?«

Er war für diese Abendstunde ein unnachsichtiger Lehrer. Und dabei hob er sich wieder zu der stillen, besonnenen Güte. Noch war die Weihe, die ihm die rührende Hand des Todes gegeben hatte, nicht von ihm gegangen.

Und zwischendurch konnte seine Munterkeit das Wort ergreifen, daß er sie neckte mit Arion, Orion und Orinoko. 236

 

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.