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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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21

Peter Brandt lag im jungen Unterholz des Buchenwaldes, so lang er war. Er betrachtete die Feinheit des jungen Farnkrauts und sprach zu sich: Dies alles gibt es, und man weiß es nicht. Und wenn man davon gewußt hat, man hat es vergessen oder denkt doch nicht daran.

Denn der Mensch hat seine Arbeit und seine Pflichten. An diesem einen Farnwedel ist so viel zu sehen, daß ein ganzes Menschenleben dafür nicht ausreicht. Und was gibt es sonst noch alles: die Bäume, die Wolken, die Sterne.

Aber der Mensch hat keine Zeit für das reine Schauen. Er hat seine Pflichten und seine Arbeit. So sagt Pastor Willers, und so sagen alle. Und sie singen Lieder auf die Arbeit.

Ich aber will ein Lied auf die Faulheit singen – ein Lied im höheren Chor.

Göttliche Faulheit – ja, nichts ist göttlich 215 außer dir! Du bist der Traum über dem Leben, die Ruhe über den Wellen, das Licht hinter dem Wolkenzug. Du bist die ruhende Heiterkeit. Du bist das glückliche Schweigen.

Und ich – ich bin voll bis zum Rande von der süßen Gottähnlichkeit.

So faul!

So kann nur einem großen Gott zumute sein oder einem ganz kleinen Jungen, der die Schule schwänzt.

Die Faulheit ist das Glück!

Wo hat ein größerer Weiser gelebt als der indianische Häuptling. der dem Yankee, dem Projektenmacher, zu Gemüte führte: »Ach, mein weißer Bruder, du wirst nie die Seligkeit schmecken, nichts zu tun und nichts zu denken! Gibt's – außer dem Schlafe – was Besseres auf der Welt! So waren wir vor der Geburt, so sind wir einst nach dem Tode.«

Soll die Zeit mehr sein als die Ewigkeit? Das Hasten mehr als die Dauer der Ruhe?

Freilich, eine geistige Höhe gehört zu der Faulheit. Sie ist da, wo die sorgenden Gedanken nicht hinausreichen.

Furchtlosigkeit ist ihre Seele, ein Mut, den keine Gedanken ängstigen können. 216

Wer sich fürchtet, braucht die Arbeit, er flüchtet sich zu der Mühsal des Denkens und Schaffens.

Wer furchtlos ist, hat das große, stille, selige Schauen.

Furchtlos sein! Das ist es.

Und er blickte in sich und sah, daß er nicht ohne Furcht war. Und seine Furcht ängstigte ihn. Er wollte es leugnen und wußte es doch. Die Furcht war in ihm. Und das, worauf sie hinstarrte, wovor sie zitterte, das war etwas, was er nicht nennen konnte, was noch nicht stark genug war für ein Wort, was dalag wie ein Hauch, der noch kein Nebel, noch keine Wolke ist, und was doch da war, wirklich und wahrhaftig, und sein Wachstum, seine furchtbare Zukunft in sich trug.

Er sprang in die Höhe. Dann rief er laut: »Dummes Zeug!« und lachte noch lauter. Aber das Laute war das Unwahrhaftige, und er suchte die Stille aufs neue. Er wollte sich hineinzwingen in die stille Sicherheit, die nichts zu leugnen braucht. Und er schmiegte sich aufs neue ins Farnkraut, und seine Augen wollten wieder langsam und innig den feinen Linien der Blätter nachgehen.

Das reine Schauen, gedankenlos! Die Gedanken, 217 sie sind es, die das Häßliche hineinbringen. Denn in ihnen sind die Wünsche eingeschlossen.

Alle Dinge betrachten wie die Farne, wunschlos versunken. Alle Dinge und alle Menschen. Auch die, die uns am nächsten sind.

Und ihm – wer ist es, der ihm am nächsten steht?

Am nächsten? Ellen doch wohl. Womit nicht gesagt war, daß sie ihm wirklich nahestand. Wer hatte ihm im Leben wirklich nahegestanden?

Aber gleichviel. Ellen – warum sie nicht so betrachten, wie er das Farnkraut betrachtete!

Hätte er es nur noch betrachten können, so wie er es vorhin sah.

Doch die Linien waren nicht mehr klar und rein. Sie zitterten. Sie gaben seinen Blicken keinen Halt. Und seine Augen taten, was sie nicht sollten, sie suchten und gingen in die Weite. Und sie sahen, was sie sich verboten.

Es geht nicht mehr! Es geht nicht! Peter stand auf den Füßen und legte sich nicht wieder hin.

Einen Schlachtenbummler hatte ihn Pastor Willers genannt. Als Faulenzer galt er dem. Zu viel Ehre, Karl Christian! Viel zu viel Ehre!

Du weißt ja nicht, was das heißt! Du weißt nicht, was dazu gehört! Wenn ich imstande wäre, 218 das zu sein, was gäbe ich darum! Nicht stark genug dafür! Nicht groß genug!

Die Größe, die dazu gehört – Du begreifst von ihr nichts. Aber darum ist sie nicht geringer. Und ich, der ich sie begreife, ich habe darum nicht mehr von ihr.

Die laue Dämmernis des Waldschattens quälte jetzt seine Sinne. Unruhig strebte er hinaus in die helle Offenheit der Felder.

Als er aus den Bäumen heraustrat, sah er sein Haus. Dahinter stand eine runde schwarze Wolke, die es umspannte wie ein Heiligenschein der Finsternis.

Sonst war der Himmel klar, nur etwas dumpfig erschien sein Blau, und am Horizont unterhalb jener einzelnen Wolke zog sich eine Wand von bleiernem Dunst.

Hurra! Es liegt was in der Luft!

Wieder eins jener lauernden Gewitter des Frühsommers, die sich noch nicht recht zu benehmen wissen, die so etwas wie Scheu haben vor ihrem eignen Ungestüm. Brechen sie aber los, sind sie die wildesten von allen.

Die Wolke! Schon einmal hatte er so etwas gesehen – solch einen düsteren Vorboten des 219 kommenden Grauens, das dort in dem Dunstkreis kauerte!

Es sollte kommen! Es sollte heraus aus seinem Hinterhalt! Das war es, was er brauchte! Und er wollte es locken, daß es über ihn herstürmen sollte. Sein Wille wollte es herbeizwingen! Zum Kampf wollte er es fordern! Es mußte ihm kommen!

Eilig ging er nach Hause. Beim Schuppen von Vater Wittmüs machte er Halt.

»Bist du da drin, Alter?«

»Jawoll, Herr Brandt.«

»Mach dich fertig. Netze setzen.«

Der Alte kam heraus, warf einen Blick nach dem Himmel und sagte bedeutsam: »Na ja.«

»Was?«

»Mein Wetterprophet hat scheint's wieder mal recht.«

»Es kommt 'rauf.«

»Das tut's woll. Was die eine von meinen weißen Mäusen is, die läuft ganz unruhig rum. Un immer im Zickzack. Grad so wie der Blitz is. Is das nich schnurrig?«

»Ja, ist es. Aber nun munter.« Der Alte lugte noch einmal nach dem Horizont. »Oder bist du bang?« 220

»Bang?« Vater Wittmüs zog die Achseln, den Mund und die Brauen. »Denn hätten Sie mich woll nich so lange um sich gehabt.«

»Geh du gleich an den Strand. Ich komme sofort.«

Peter Brandt holte sein Oelzeug. Ellen war nicht daheim. Sie hatte heute nachmittag wieder Religionsunterricht beim Pastor. Ewald wollte sie dort abholen und nach Hause bringen, um sich dann zu verabschieden, da seine Ferien zu Ende waren.

Ellen – –

Und Ewald –

Peter Brandt blickte auf die See, dann auf die bleierne Schwere, die dort am Himmel kroch. Und es zuckte seine Faust, und alles in ihm war ein Drohen und ein Drängen zum Kampf und eine Freude an der Gewalt und dem Gewaltigen, das über die Not der Sinne lacht, an Vermessenheit und Todesnähe!

Und in weiten Sätzen sprang er die Höhe hinunter, den Dünen zu.

Vater Wittmüs war schon bei dem Boot, doch hatte er noch nichts vorbereitet. Der Himmel gefiel ihm nicht, und er hegte den stillen Wunsch, daß 221 irgendein unvorhergesehener Ruck in Peter Brandts Entschlüssen ihnen die Fahrt ersparen möchte.

Peter aber war von geradezu stürmender Geschäftigkeit, und der Alte hütete sich wohl, irgend wie abzuwiegeln. Er wußte genau, daß er damit dem Ungestüm nur neuen Antrieb geben würde.

Wortkarg blieb der alte Wittmüs auf der Fahrt.

»Woran denkst du?« fragte ihn Peter. »An deine Blitzmaus mit dem Zickzackkurs? Oder daran, daß wir ins Verderben fahren?« Er wies nach dem Horizont.

Der bleierne Schimmer hatte sich vertieft, stahlblau dunkelte der Streif herüber, und er hielt die Linie nicht mehr, einige Köpfe hoben sich heraus, dem ganzen Haufen voran aber zog die dunkle Wolke.

Langsam zog sie, schwer, sicher und unverrückbar wie das Ereignis. Und Peter hob den Kopf und steuerte ihm entgegen, geradeswegs dem Ereignis entgegen. Und er sah mit einem jauchzenden Grauen, daß es kam und näher kam, daß es ihm entgegenzog, daß es sich ihm bot, von seiner Forderung gezwungen.

Es durchzuckte ihn freudig bis ins Mark, daß alles, was ihn störte und irrte und trübte, 222 zurückwich vor dieser dunkeln, geraden Bahn, in die er hineinfuhr, schneller und schneller, tiefer und tiefer, Auge in Auge mit dem Großen, das schweigend und ohne Hast, doch ohne abzuirren, ihm sich stellte, so sicher, so unwandelbar.

Und Sicherheit war in ihm, aufrechte, feste und geradäugige Klarheit.

Was hast du auch ins Unterholz zu kriechen, ins blattgrüne Zwielicht träumender Dämmerungen? Wo die Wirklichkeiten sich lösen in ein gedämpftes Spiel zaghaften Scheines und verflogener Schatten!

Wo es keinen Himmel gibt und keine See, kein Boot, kein Ruder und keine Wolken! Wo es keine Tat gibt, kein Ereignis, keine Mannesfaust – wo Leben und Tod nichts von ihrer Stärke wissen, wo sie im Grase spielend miteinander wie Kinder herumkriechen, nicht sich aufrecken zu jubelnder Gewalt.

Das Boot lief vor dem Wind, und die Kraft des Windes schwoll immer mehr an, immer heftiger warf sie sich dem aufziehenden Wetter entgegen. Aber die Wolken zogen stetig unverrückbar ihren Weg.

Und schneller flog das Boot seinen geraden Kurs, immer auf die führende schwarze Wolke zu, so stetig, so unwandelbar wie diese.

Jetzt lösten sich kleine helle Wolken aus dem 223 dunkeln Heerbann, wie Plänkler kamen sie hervorgeschossen, zogen unter der führenden hin und flogen ins Blaue.

Und es war, wie wenn sie als Schrittmacher dem schweren Zuge dienten: denn die Masse kam plötzlich in wuchtigere Bewegung, daß die Luft dumpfhallend bebte. Die hellen Wolken hatten die Sonne erreicht, Schatten flogen über die See, und jetzt kam eine Stille, durch die nur ein Zittern kroch. Der Wind duckte sich nieder, schlaff fiel das Segel zurück.

Die Männer im Boot aber kannten diese Stille des kauernden Sprunges.

Und jetzt – jetzt warf sich der Wind bellend und heulend der schwarzen Wolke an die Kehle.

Ein kurzes Grollen nur – hoheitsvoll schüttelte sie den Wütenden von sich ab.

Dann aber, als der Wind mit weitem Anlauf vom Lande her zu neuem Angriff ausholte, hielt das Wetter seinen eignen Sturm in Bereitschaft.

So stürzten sie aufeinander und verkrallten sich tosend, der Wind und der Sturm.

Dort auf dem Lande war es, wo sie sich umschlangen und umwanden in keuchendem Ringen. Und seitwärts zog der kreisende Wirbel nach dem 224 Wasser zu – Staub hüllte die Kämpfenden ein, Gräser und Sträucher rissen sie vom Boden – dort eine Fichte – da eine Krüppeleiche – und schlugen sie sich um die Häupter –

Und jetzt rasten und pflügten und bürsteten sie durch die Dünen, daß eine himmelhohe wirbelnde Säule von weißem Sand sich hob –

Und ins Wasser zerrten und rissen sie sich im Kreise – und rissen das Wasser empor so hoch wie den Sand –

Und ein Wasserwirbel, so hoch und gewaltig, daß die Wolken ihm wichen, zog über die Flut, langsam, lautlos und düster, so wie die großen Vernichter schreiten.

So schritt er über das Meer. So schritt er auf das Boot, näher und näher.

Und Peter sah auf den Tod mit klaren Augen und klarem Herzen.

Es war so rein und hell in ihm, er fühlte Sternenlicht.

Und er wußte, daß das Sterben die Höhe und die Größe des Lebens ist.

Und doch griffen seine Hände, als der Wasserschwall über ihnen schattete und der Wirbelwind sie an sich riß, nach der Schot, das Segel loszumachen – 225

Dann irrte er um sich selbst in einem tosenden Schwindel – Nacht – Feuerkugeln – und ein Orgeln überweltlicher Töne –

Und als seine Sinne sich miteinander wieder ins Leben halfen, fand er sich in einem prasselnden Hagelschauer – das Boot warfen Wellen und Wind einander zu, die Segelfetzen flatterten über ihm.

Als Peter wieder denken konnte, dachte er an seinen alten Maat. Und er fand ihn treu auf seinem Platz im Vorderraum.

Sie sagten beide nichts. Sie taten auch nichts, dem Boote zu helfen.

Was sollten sie tun? Und wofür sollten sie sich regen? Gehörten sie noch dem Leben? War dies das Vorspiel? Wie weit waren sie? Wie weit vom Leben? Wie weit vom Tode?

Am Horizont ward es hell. Und Peter griff nach dem Ruder, triebmäßig, als ob das Fahrzeug ohne Segel dem Steuer gehorchen würde.

So rollten die Wellen weiter mit ihm.

Da hörte er den Alten sagen: »Der Klüver is heil geblieben.«

Und der Hagel ließ nach, der Wind stieß nicht mehr so, und reißend wuchs die Helle am Horizont. 226

Das Wetter war vorüber. Und sie lebten. Und der Klüver konnte sie an Land bringen.

Schweigend brachte der Alte das Segel in Ordnung. Und Peter wandte zur Heimfahrt.

Nun hat er doch seinen Willen gehabt! dachte Johann Wittmüs.

Als sie dann eine Strecke gelaufen waren, sagte er mit einem Schulmeistergesicht und gehobenem Zeigefinger: »Das war eine Wasserhose.« Und Peter mußte lachen, wie der Alte in solcher aktenmäßigen Beglaubigung seine Haltung wiederfand.

Wenn Johann Wittmüs aber vermeinte, daß Peter sich nun zufrieden gab, so war er doch auf dem Holzweg.

Als sie an Land kamen, ließ Peter den Alten das Reservesegel holen. Er hatte sein festes, unzugängliches Gesicht.

Johann Wittmüs brummte vor sich hin. Er hätte lieber nachgesehen, wie den zartwitternden Seelen seiner Mäuse die Wasserhose bekommen war. Aber im Grunde gefiel es ihm doch, daß sein Herr nicht locker ließ.

Sie fuhren dann wieder hinaus und setzten die Netze, so wie es die Meinung und Losung gewesen. 227

 

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