Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

19

Jum und Jim feierten heute ihren zehnten Geburtstag. Als die Liste der zu Ladenden aufgestellt wurde, hatten die Jungen sich alle Gäste außer Ohm Peter und Ellen verbeten.

Dieser Wunsch war ausdrücklich gegen Ewald gerichtet, der sonst nie, wenn er zu Hause war, an diesem Festtage gefehlt hatte. Waren die Kleinen niemals dem großen Jungen irgendwie freundschaftlich zugetan gewesen, so hatte dieser sich neuerdings, seit er Ellens erklärter Genosse war, eine Art Feindseligkeit der beiden zugezogen.

In den struppigen Gemütern der kleinen Burschen war eine stille, scheue Blume aufgesproßt, kaum ihrer selbst gewiß und ihren Besitzern so gut wie unbewußt. Aber es kam davon doch ein neuer Schein und ein andrer Farbenhauch in ihr Strauchräuberdasein. Vielleicht auch wäre diese Offenbarung mit hellerer Kraft aufgegangen, hätte sie 176 sich nicht einmütig. wie alles Wesentliche, bei beiden zugleich eingestellt, so daß jeder, was er schon sich selbst verbarg, vor dem andern noch besonders verstecken mußte.

So geschah es, daß Ellen von einer zärtlichen Empfindung bei ihnen nun schon gar nichts bemerkte. Wenn die beiden Jungen auch die letzten Male, wo sie zur Religionsstunde kam, immer zu Hause sich zeigten und in gleicher Weise vor wie nach dem Unterricht im Garten auftauchten. Und auch was im Hintergrunde geschah, hätte sie kaum mit sich in Verbindung gebracht. So wenn der eine eine Blume pflückte, dann auch der andre eine Blume pflückte – beide sich ansahen – sich voneinander abwandten – sich wieder ansahen – und dann die Blumen, statt sie sinngemäßer zu verwenden, sich grimmig gegenseitig an die Köpfe warfen.

Bestehen blieb indes, auch nach außen hin wahrnehmbar, die Tatsache, daß Ewald den beiden unleidlich geworden war, und es bedurfte des ganzen elterlichen Einflusses, seine Einladung, dem Gewohnheitsrecht getreu, durchzusetzen.

Nun hielt die Gefühle der Kleinen der Bann des Festtages mit seinem Kuchenduft, den guten 177 Anzügen, den neuen Kragen und Schlipsen und vor allem mit dem überwältigenden – wenn auch völlig mißglückten – Versuch einer Scheitelung der Haare so einigermaßen im Zaum, daß die Begrüßung Ewalds, als er mit Ellen erschien, wohl den Charakter eines Beriechens trug, nicht aber in Bissigkeit ausartete. Um Ellen aber strichen sie in sanftem Schnurren und Knurren, die eckigen Köpfe in die Schultern gezogen. Und wenn sie sich dann ansahen, lachten sie sich wohl prustend aus oder wollten sich gar in die Schöpfe fahren. Aber vor den letzten wundersamen Spuren des Scheitels, vor diesem überirdischen, unantastbaren Etwas, auf das sie hinstarrten wie auf einen Heiligenschein, ließen sie immer wieder die Hände sinken. Dann begruben sie im Kaffee und Kuchen die Qualen ihrer Seelen.

Frau Brigitte hatte mitten auf dem Rasen unter dem großen Apfelbaum den Tisch gedeckt. Hier saß sie bei den Kindern und plauderte mit ihnen laut und fröhlich. Nach einer Weile kam der Ohm. Die beiden kleinen Helden des Tages begrüßten ihn wie gewohnt trotz Kaffee, Kuchen und Heiligenschein mit jubelndem Ansturm.

»Sie sehen heute unglaublich würdig aus, Peter 178 Brandt!« meinte Brigitte, als er am Kaffeetisch Platz genommen hatte.

»Kein Wunder. Ich komme aus der Gemeinderatssitzung.«

»Alle Achtung! Nehmen Herr Gemeinderat nicht ein Stück Kuchen?«

»Danke, danke!«

»Ja, ja! Politik verdirbt nicht bloß den Charakter, auch den Appetit.«

»Sie haben dir doch alle begeistert zugestimmt?« fragte Ellen, die von der Sitzung wußte, mit glühender Teilnahme.

»Begeistert – Frau Brigitte! Unsre Fischer! Nein, mein liebes Kind. Sie waren weder begeistert, noch haben sie mir zugestimmt.«

»Was war es denn?« erkundigte sich Brigitte.

»Eine Sache, die mich mehrfach beschäftigt hat. Unsre Fischerei ist hier doch ganz auf dem Hund. Gelohnt hat in den letzten Jahren eigentlich nur der Fang von Schollen, Butten und Seezungen. Zeitweilig gab es davon so viel, daß man sie weit unterm Wert losschlagen mußte. Das brachte mich auf den Gedanken, sie für die Zeit günstigerer Konjunktur aufzubewahren. In Bassins. Sie da zu füttern. Man kann sie da auch züchten. 179 Versuche, die ich im kleinen angestellt habe, gingen über alle meine Erwartungen. Also eine Anlage, die wirklich das Beste verspricht.«

»Und sie wollen nicht?«

»Wollen nicht.«

»Die Kaffern!« stieß Ellen in ehrlichem Zorn heraus. Da sich alle Blicke auf sie richteten, biß sie sich auf die Zunge und senkte den Kopf.

»Ist den Leuten die Sache auch ganz klar geworden?« fragte Brigitte.

»Du lieber Gott, 'n Mensch im Steckkissen begreift das. Ich hab' mir seit langem nicht mit einer Geschichte so viel Mühe gegeben. Einen Hümpel Zeichnungen hab' ich ihnen mitgebracht. Den sorgfältigsten Kostenanschlag hab' ich ihnen vorgelegt. Und dann haben wir gerade für so 'was hier an unserm Südstrand den geeignetsten Platz auf der Welt! Das leuchtet ihnen auch allen ein. Jeder einzelne glaubt felsenfest an die Sache. Und wie es zur Abstimmung geht, sagt Johann Kliesow, der Podesta: ›Die Sache is sehr schön, aberst sie is zu schön für uns gewöhnlichen Fischersleut'!‹ Und alle stimmen dagegen.«

»Ei wei, wird morgen der Fritz Kliesow verdroschen!« schrie Jim mit grimmem Fanatismus, 180 und Jum schlug auf den Tisch, daß die Tassen tanzten.

Frau Brigitte warf einen sehr sprechenden Blick hinüber, der die Glut der jungen Gemüter ein wenig dämpfte. Dann wandte sie sich wieder an Peter. »Ja, ja, es ist die alte Geschichte. Eh' von Gemeinde wegen etwas geschieht –«

»Einen Augenblick hab' ich dran gedacht, es allein zu machen!«

»Tun Sie's doch!«

»Das Geld krieg' ich schon zusammen. Und wenn die Anlage da ist – erst sträuben sie sich natürlich aus allgemein menschlicher Niedertracht – aber dann kommen sie ganz von selbst!«

»Nun also!«

»Nein, nein. Früher hätt' ich's vielleicht getan. Aber jetzt sag' ich: wozu! Man soll keinen Menschen zu seinem Glück zwingen. Und wer ein alter Knabe ist, der braucht seine Ruhe!« Damit lehnte er sich müde zurück.

Frau Brigitte sprach lebhaft auf ihn ein: das sei doch wirklich eine Aufgabe für ihn, und so etwas wäre das, was ihm fehlte.

Er schüttelte nur den Kopf. »Das war nun mein letzter Versuch. Was liegt auch an einer Enttäuschung mehr.« 181

»Nicht so, Peter Brandt!«

»Die Sache ist mir schon ganz ferngerückt. Sehen Sie, da läuft sie übern Berg. Sie ist froh, daß sie von mir weg ist, und ich bin's auch.«

Er nahm sich jetzt ein Stück Kuchen, hörte auf nichts mehr und machte Witze mit Jum und Jim.

Aber Ellen merkte wohl, daß der reine Frohmut nicht bei ihm war. Seine Augen waren so ferne. Als hätte er etwas begraben, woran doch sein Herz gehangen.

Sie stand auf, trat zu ihm, legte die Hand auf seine Schulter und streichelte seinen Arm.

Er sah sie lange an, schob sie leise von sich und zog sie dann zurück, ihre Hände zu drücken und ihr Haar zu liebkosen.

Jetzt fand sich auch der Vater des Hauses ein. Auch er brachte Staub mit von der Berührung des Volkes, doch saß bei ihm der Unmut nur lose.

»Daß sich so etwas von Aberglauben hierzulande noch umtreibt!« ließ er sich vernehmen. »Ihr kennt doch Stine Parchow, die mit den grasgrünen Augen. Die hat auf den Tod gelegen. Keinem hat sie's sagen wollen. Erst mir hat sie sich offenbart. Dann haben sie den Doktor geholt, und der hat ihr den Magen ausgepumpt.« 182

»Magen ausgepumpt? Wie macht man das?« fragten Jim und Jum begierig. Sie hatten verteufelte Lust, eine so grausam verführerische Hantierung gelegentlich in ihrer Weise an einem lieben Nächsten vorzunehmen.

»Was hat denn dem Mädchen gefehlt?« forschte Brigitte.

»Ja, denk' dir, sie hat einen Liebestrank zu sich genommen.«

»Sie – zu sich genommen!« hielt Peter dagegen. »Ich denk', so etwas flößt man einem andern ein!«

»Wie genau Sie damit Bescheid wissen!« sagte die Pastorin und hob drohend den Finger.

»In diesem Falle haben es beide zu sich nehmen müssen,« fuhr Pastor Willers fort. »So steht es in dem Buch, sonst nutzt es nichts. Der andre ist der rote Krischan Ehlert.«

Peter erkundigte sich nach dessen »geschätztem Befinden«.

»O, der hat, als ihm der Leib knurrte, einen halben Liter Denaturierten auf die Lampe gegossen und damit sein Lebenslicht gewahrt.«

»Und wie war's mit der Liebe?« fragte der gottlose Peter. Dann, als er darauf keine 183 Antwort bekam: »Was war denn das für ein Zeug?«

»Ein unglaubliches Gebräu. Ingwer, Terpentin – Pulver von getrocknetem Eidechsenschwanz – sogar Stechapfelsaft ist drin gewesen. Und was von spanischen Fliegen.«

»Ist das ein Frauenzimmer, die Stine!« Peter schnippste mit den Fingern. »Geht die ihrem schlafmützigen Krischan mit Kanthariden zu Leibe! – Ich will Ihnen was sagen, Karl Christian, Aberglaube ist nicht das richtige Wort dafür. Der Eidechsenschwanz ist dabei ja allerdings entbehrlich. Aber im übrigen –«

»Na, Peter Brandt,« warf Frau Brigitte ein, »jetzt lassen Sie uns bloß mit Ihrer Naturforschung in Ruhe!«

»Immer den Dingen ins Gesicht sehen!« Er ließ sich nicht stören. »Wissen Sie, was Aphrodisiaka sind?«

»Nein. Aber ich kann es mir denken.«

»Das ist man gut. Und was auf dem Gebiet alles möglich ist –!«

»Wir glauben's Ihnen so!« bemerkte Brigitte mit leiser Sorge und warf einen Seitenblick auf die Kinder. 184

Peter aber blieb hartnäckig. »Meine Geschichten kann jeder hören. Sie sind natürlich, volkstümlich und lehrsam.«

»Ja, ja!«

»Und die ich eben jetzt erzählen will, die handelt sogar von unserm braven Vater Wittmüs. Hat sie mir selbst verraten. Wissen Sie, wie er zu seiner Mariek gekommen ist? – Durch sein Taschentuch.«

»Wieso?«

»Was Taschentücher in den Beziehungen zwischen Mann und Weib für eine Rolle spielen, das wissen Sie nicht bloß aus Ihrem geliebten Shakespeare. Johann Wittmüs sein Rotgeblümtes aber verdient als Standarte der Liebe in deren Zeughaus einen Ehrenplatz. Also Mariek machte sich nicht viel aus unserm Johann. Sie waren wieder einmal auf dem Tanzboden, halb widerwillig scherbelte sie mit ihm herum. Dabei kamen sie beide, sie wohl aus ihrem Widerstreben und er aus dem Bemühen, durch schmelzende Zärtlichkeit ihren Widerstand zu besiegen, ganz mörderlich in Schweiß. Als der Tanz zu Ende war, wischte er sich mit seinem Tuch die Stirn. Sie aber, der ihr eignes, noch unberührtes dafür zu schade war, riß es ihm 185 kurzfertig aus der Hand und trocknete sich damit nun auch ihr perlendes Gesicht. Und seit dem Augenblick war es um sie geschehen.«

»Armer Johann Wittmüs!«

»Dadurch erklärt es sich auch, daß der alte Bursche, nachdem das Wunderbare so verhängnisvoll in sein Leben eingegriffen hat, in einem fort hinter die Welträtsel her ist.«

»Nun tun Sie so, als sollte man das alles glauben!« rief Brigitte, und ihre hellen, rationalistischen Augen sprühten.

»Glauben Sie das nicht?«

»Das ist ja Unsinn!«

»Reizen Sie mich nicht, Frau Brigitte! – Kennen Sie nicht die verbürgte Geschichte von dem französischen König und der burgundischen Prinzessin?«

»Was ist das nun schon wieder?«

»Die ist auf demselben Boden gewachsen. Ball bei Hof. Dabei schwitzt die Prinzessin so, sie kann sich nicht helfen, sie geht in eins der hinteren dunkeln Zimmer und wechselt das Hemd. Das ausgezogene bleibt auf dem Stuhl liegen. Der König kommt nach einer Weile in dasselbe Zimmer, auch er vom Tanzen erhitzt. Sieht da das weiße 186 Stück Linnen und wischt sich damit das Gesicht ab. Und seit der Zeit ist der König wahnsinnig verliebt in die Prinzessin!«

Jum und Jim brüllen laut auf vor Vergnügen. Sie behaupten mit einhelliger Begeisterung, niemals eine schönere Geschichte gehört zu haben, und trampeln außer Rand und Band mit den Füßen.

Die Mutter gebietet ihnen Ruhe, dann wendet sie sich mit einem Nachdruck, der ihr eignes Schmunzeln übertönt, an Peter Brandt:

»Nun ist es aber genug mit dem Zeug!«

»Glauben Sie das auch nicht? Das steht bei Brantôme, wenn ich nicht irre –«

»Dummes Zeug, sage ich!«

»Frau Brigitte, Sie reizen mich immer mehr. Ich kann nicht anders, ich muß Ihnen nun auch noch die Geschichte –«

»Um des Himmels willen!« Jetzt sprang sie angstvoll in die Höhe. »Wir wollen etwas spielen, Kinder, Versteck oder von Baum zu Baum!«

So stellte Brigitte das seelische Gleichgewicht wieder her. Auch Peter und der Pastor beteiligten sich an der kindlichen Kurzweil.

Dann turnten die Jungen an den Geräten. Am Reck zeigte Ewald besondere Fertigkeit. Die 187 Krone seiner Leistungen war der Riesenschwung, den er dreimal hintereinander ausführte.

»Das ist gar nichts!« schrien Jum und Jim. »Onkel Peter kann ihn sechsmal!« Und sie zogen den Ohm an das Gerät.

In jugendlicher Freudigkeit schnellte er sich mit gewandter Schwungstemme zum Stütz auf die Stange empor, schon wollte er kampflustig zum Riesenschwunge ausholen, da, wie seine Blicke auf Ellen fielen, ertappte er sich bei bewußter Eitelkeit. Es erschien ihm so lächerlich, daß er im Begriff war, Ewald in den Schatten zu stellen, und er ließ sich kopfschüttelnd hinabgleiten.

»Es geht nicht mehr!« sagte er bestimmt, und dann nahm er, ohne auf die Bestürmungen seiner kleinen Freunde zu achten, einsam an dem Tisch seinen Platz.

Bald setzten die Pastorsleute sich zu ihm, sie riefen dann auch Ewald herbei, dem die Freude über seinen Sieg auf der Stirn leuchtete, während Ellen die Geburtstagskinder mit sich hinaus auf die Wiese führte. Sie wollte dort, nachdem ihre zarten Künste den Widerstand der rauhen Jungenhaftigkeit leicht besiegt hatten, Blumen mit ihnen pflücken und Kränze binden. 188

Die Großen sprachen über Ewalds Zukunft. Daß er Theologie studieren sollte, war unantastbar. Der Malerei des Jungen gedachte Pastor Willers in mißtrauischer Verdrossenheit. Und auch Frau Brigitte, so kunstfreundlich sie sich fühlte, reichte Ewalds stillem Wunsche nicht ihre Hand.

Peter aber saß da und bohrte seine Blicke in den Jungen. Er lechzte nach einer Offenbarung des jungen Herzens. Aber Ewald nickte bloß ergeben zu allem, was Hochwürden sagten.

Ein Schuster! Ohne den Mut seiner Liebe! Ohne den Trotz seiner besten Kraft! Was ging der Bengel ihn an!

Weiß Gott, es war nichts von Feindseligkeit gegen den Jungen in ihm. Und er hätte ihm zugejauchzt, wäre nur ein Funken, ein scheuer, verlorener, hinsterbender Funken in ihm aufgesprüht.

Aber diese dumpfe, ducknackige Ergebenheit, die nach dem Keller roch und alle Sehnsucht verriet!

Bescheidenheit! Vielleicht –

Und wenn man so jung ist und in kleinen Verhältnissen steckt –

Nein, nein, das macht es nicht besser!

Nur die Lumpe sind bescheiden!

Und immer tiefer suchte er in den Jungen 189 hineinzublicken. Ein bloßes Brotstudium war für ihn die Theologie – ganz gewiß. Mittellos war er – und »leben muß der Mensch!« Das ist ein Sphärengesang – ha ha! – so gut wie der, daß der Mensch sterben muß! Also studiert der Bengel Theologie.

Peter richtete sich auf. Er würde Ewald gern alles geben, was er brauchte – mehr als das großte theologische Stipendium ihm zuwiese –, so wenig Feindseligkeit war gegen den Jungen in ihm, das mußte er sich aufs neue bestätigen. Wenn er nur den Funken sähe – nur den Funken!

Hei, wie wollte er dann dem Pastor mit seiner kühlen Selbstverständlichkeit, wie wollte er dem sich entgegenwerfen! Auf Leben und Tod wollte er mit dem kämpfen um die junge Seele!

Nur mußte der Funke sprühen!

Denn er sehnte sich ja, sehnte sich so unbändig nach einer noch so leisen Lebensspur des Mutes und der freien Tat, sehnte sich nach der Sehnsucht einer jungen Seele, in dieser Welt des Gleichmaßes und des Mittelmaßes, die ihn umgab.

Und der Junge kroch auch fein sänftiglich hinein in die traurige Sicherheit. 190

Ein pflaumenweiches Jüngelchen – mit wunderbaren blauen Pflaumenaugen –

Nicht so, alter Peter! Er gab sich einen Ruck. Du wirst gehässig. Und nicht gegen den Jungen gehässig werden – gegen ihn am allerwenigsten.

Du brichst wieder aus der Bahn. Bleib hübsch auf der Straße und halte Maß. Gleichmaß. Mittelmaß.

Wer bist du auch? Was hast du getan? Wo ist deine Befreiungstat?

Daß deine »Seelenkeuschheit« stärker war als deine Kunst, worauf du dir so viel zugute tust, ist das so Großes? Wie wenn du dafür sagtest: deine Kunst war schwächer als deine Scheu!

Und deines Geistes sonstiger Wandel –! Nur keine allzu hohe Ueberhebung!

Und wenn man so blutjung ist wie Ewald – vielleicht bricht es später um so stolzer und freier heraus –

Hm – doch wenn man so jung ist, haben nicht gerade achtzehn Jahre die stolzeste Sehnsucht – ! –

Still – friedlich – gütig sein!

Peter zwang sich zur Sanftmut. Vielleicht wenn man dem Jungen hilft mit sachter Hand –

Pastor Willers war gerade dabei, Ewald die 191 Malerei als gesittete Beschäftigung in den Mußestunden gnädigst zuzugestehen, als Peter, so zart er konnte, hineinwarf: »Das wär' doch auch ein gemeiner Mord, wenn der Junge seine Malerei ganz einfach an den Nagel hängte.«

Und dann sang er sein Lob der Malkunst.

»Ich glaube, wenn sie mir gegeben wäre, mit ihr hätt' auch ich mich zur Not vertragen.«

»Wieso?« fragte Frau Brigitte, die Peter gern auf solchen Gängen begleitete. »Ist sie so wesentlich anders als die andern Künste?«

»Sie hat in ihrer Temperatur etwas Besonderes. Sie ist kühler als die andern. Sie ist objektiver. Sie ist keuscher. Sie verlangt von uns nicht unser Innerstes und gewinnt doch ihre Lebenskraft.«

»Ist die Plastik nicht noch kühler?« fragte Brigitte mit all ihrer Freude am Gedanklichen.

»O nein. Wenn sie auch steinern ist. Sie ist inniger, weil sie die Dinge umfaßt mit beiden Händen. Ein Bildwerk ist nahe. Und hat einen Rücken zum Streicheln. Die Malerei hat die Fläche ohne Rücken, ohne Rundung, ohne Nähe. Die ferne, kühle Fläche.«

Jetzt kamen die Kinder herzu, fein sittiglich ließen sich die beiden Jungen von Ellen an der 192 Hand führen. Auf ihren Köpfen, die nun allerdings die Weihe des Scheitels vollends eingebüßt hatten, strahlten Kränze von Wiesenblumen.

Ohm Peter schüttelte das Haupt. »Jum und Jim als säuselnde Frühlingsgeister! O Ellen, wundertätigste der Feen!«

Ellen strahlte zu ihm herüber, die beiden Jungen aber waren in eine Verlegenheit eingeschlossen. Die ungewohnte duftige Zier umspannte ihre Schädel, die sonst nur indianischen Kriegsschmuck kennen gelernt hatten, wie mit betäubendem Bann, so daß ihre Lust, sich den weibischen Tand gegenseitig aus dem Haar zu reißen und um die Ohren zu schlagen, in den zuckenden Fingerspitzen blieb.

So standen sie da, kauend und an etwas würgend, mit unsicheren Blicken.

Erst als Peter, um sie aus ihrer Peinlichkeit zu befreien, ihnen die Gewißheit gab, daß im Mittelalter die stärksten Männer in der Maienluft solche Kränze getragen, kamen sie wieder zu der ungezwungenen, wenn auch gehaltenen Benutzung ihrer Gliedmaßen.

Ellens Zartheit war nach wie vor mächtig über sie. Immer wieder waren die vier langgestielten Spitzbubenaugen nach der Anmut des Mädchens unterwegs. 193

Als die Abendtafel gedeckt wurde, baten sich die beiden Wildlinge nachdrücklich ihre Bändigerin als Tischdame aus, so daß sie also zwischen ihnen zu sitzen kam.

Und es gab ein fröhliches Nachtessen unter dem blühenden Apfelbaum, mit zwiefacher Maibowle für Kinder und Erwachsene.

Nur Peter fand heute nicht den rechten Weg in die Welt der Jugend.

Wozu saß er hier? Was sollte er hier eigentlich? Was waren ihm diese in ihrer Fröhlichkeit so sicheren Menschen? Und die alte Verlassenheit legte sich auf ihn, die er nur durch seine Einsamkeit überwältigen konnte.

Ellen ist hier, sein Pflegekind, für das er zu sorgen hat.

Pflichten – ja – aber Pflichten freuen ihn nicht, Pflichten sind nicht sein Leben. Sie sind es für die sicheren, seßhaften, geruhigen Menschen mit dem göttlichen Gleichgewicht, für die Pastorsleute und solche Glücklichen.

Er aber ist ein Wanderer.

Und Ellen, würde sie mit ihm gehen, hinaus in die ziellose Weite, in die heimatlosen Fernen?

»Suchet, so werdet ihr finden!« sagen die 194 Gewissen, die Zuversichtlichen, und sie klopfen sich auf die Brust ihres Selbstgefühls und auf den Bauch ihrer Sattheit.

Wer sucht, der hat – wer findet, der verliert! Das ist sein sehnsüchtiger, schmerzensstolzer Wanderspruch.

Und Ellen – gehört sie nicht im Grunde zu denen, die suchen, um zu finden? Vielmehr als zu ihm, der da sucht, um zu suchen!

Was hat sie innerlich zu schaffen mit seiner krausen Rastlosigkeit, mit dem borstigen Zigeunertum seiner Gedanken?

Was mit seinem rauhen, verknorrten Alter, in dessen Falten die Reflexionen lauern, um sich beutegierig auf alle Dinge zu stürzen?

Wenn sie noch etwas erbeuteten! Aber was bringen sie mit nach Hause? Was bleibt ihm? Was ist seine Habe?

Was ist all seine räsonierende Ueberlegenheit, was seine urteilsprechende Ueberhebung, die den Besitz vernichtet, die das Suchen preist und das Finden schmäht, was ist sie im Grunde als die Entbehrung des Alters, die sich mit Stolz und Erhabenheit drapiert? Die Eitelkeit der Armut!

Eitelkeit! Ja, ja! 195

Und ist in der Eitelkeit ein alter Esel nicht viel ekelhafter als ein junges Blut?

Wie darf er, er, so mit dem jungen Ewald ins Gericht gehen?

So nahm sich der Ohm bei den Ohren und zauste sich weidlich. Bei kräftiger Art solcher Selbstbehandlung fand er sonst sein inneres Schmunzeln wieder. Heute aber brachte er es kaum zu einer verdrossenen Ruhe.

Die Pastorsleute wußten, daß er gerne in ein langes Schweigen fiel, und sie störten ihn nicht.

Ellen aber, die ihn nie so wortkarg gefunden hatte, verließ öfters den kindlichen Frohsinn, der in ihr und um sie war, und hängte an den Ohm ihre stillen Blicke.

Als die Tafel aufgehoben wurde, stellte sie sich zu ihm, ihre Sorglichkeit aber weckte gleich in ihm den frischen Ton eines kräftigen Widerstandes. Er packte sie bei den Schultern und schüttelte sie.

»Ich freue mich, daß du fröhlich bist! Sind doch auch nette Kerle, der Jum und der Jim.«

»Ja! Und jetzt, glaub' ich, kann ich sie schon unterscheiden. Wenn sie ganz still sitzen.«

»Das tun sie ja aber nie!«

»Auf der Wiese, das war sehr drollig, da sollt' 196 ich ihnen mit Gewalt sagen, wen ich von ihnen am liebsten möchte! Wie kann man das, wenn man nicht weiß, wer der und wer der ist!«

»Und wen magst du jetzt am liebsten?«

»Ja weißt du, so weit, zum Lieberhaben, kann ich sie doch noch nicht auseinander halten.«

»Wenn das nur keine Katastrophe gibt!« 197

 

 << Kapitel 19  Kapitel 21 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.