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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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1

Mönchgut, den 17. April.

Geliebtes altes Walroß,

Du hast ein so prachtvolles dickes Fell, auf dem man unverzagt mit beiden Fäusten herumtrommeln kann – und trommeln, trommeln muß der Mensch, sonst bleibt er nicht gesund!

Donnerwetternochmal! Du – Du, ein zweihundertfünfzigpfündiger, bänmeausreißender Riese, und bist nicht Herr in Deinem eignen Hause! Läßt Dich von diesen beiden – ich kann mir nicht helfen – von diesen beiden spitznäsigen dünnarmigen Dämchen, die Du beide auf einmal, ohne Dich weiter zu bemühen, in einem unbedachten Augenblick aus reinem Versehen totsitzen, -drücken oder -fallen könntest – läßt Dich von ihnen tyrannisieren und Dich an Deinen beiden langen Ohren dahin zerren, wohin sie Dich haben wollen.

Donnerwetternochmal! 6

Du darfst das Kind Deines leibhaftigen Bruders nicht mit ins Haus nehmen, weil es Deiner Schwiegermutter nicht paßt! Du darfst es nicht – und Du willst es auch nicht! Ihr Wille ist Dein Wille. Du bist mit Deiner Schwiegermutter identisch. Du bist Deine Schwiegermutter, und Deine Schwiegermutter ist Du. Erschauderst Du nun oder erschauderst Du nicht?

Ich will Dir mal was erzählen. Weißt Du, daß ich einmal ein Drama geschrieben habe? Nur ein einziges. Aber es war auch danach. Ein Löwenjunges. (Wie der Julius von Tarent. Von Leisewitz. Von welchem Löwenjungen Du als Zoologe gleichwohl keine Ahnung hast.) Dieses Drama hieß: Der Schnupfer oder die unsterbliche Schwiegermutter. Ich bin sonst ein geschworener Feind aller Schwiegermutterwitze. Denn sie sind schlecht. In meinem Schwiegermutterwitz aber war Weltordnung und Weltensinn.

Da war ein Kerl wie Du, der auch unter der Fuchtel seiner Schwiegermutter stand. Er schnupfte leidenschaftlich – die Kommandeuse verbot es ihm, und er gehorchte. Und lebte ein freudloses Leben ohne Schnupftabak. Dann starb des Hauses Gebieterin. Sie hatte bestimmt, daß ihre Leiche 7 verbrannt werden sollte, und so geschah es. Mit dem Aschenkästchen kehrte der Schwiegersohn nach Hause zurück. Schwarz war sein Gewand, doch seine Seele leuchtete. Indes, er lockte zu früh froh. Und nun paß auf! Nun kommt's.

Seinem besten Freunde schüttelte er sein Herz aus. Ihm offenbarte er, was er gelitten, ihm seine Erlösung, und daß seine Trauer Freude sei, nichts als Freude! Der harmlose Hang, den die Verflüchtigte nicht leiden wollte, den er all die Jahre hatte zurückdrängen müssen – – hurra! Jetzt wollte er eine Orgie feiern im Schni–Schna–Schnupftabak!

Eine Riesentabaksdose hatte er herbeigeschleift – und schnupfte und schimpfte und jubelte – und jubelte und schnupfte und schimpfte – und jubelte und schimpfte und schnupfte – –

Da – was sehen seine Augen – in dem Taumel der schimpfenden, jubelnden, schnupfenden Orgie – was ist geschehen? Die Tabaksdose ist voll und das Aschenkästchen ist leer! »Ich habe meine Schwiegermutter aufgeschnupft!« Damit bricht er zusammen. Und nach ihm der Vorhang.

Kannst Du Dir einen grandioseren Aktschluß denken? Ich auch nicht. Aber die Ochsen von Direktoren haben das Stück nicht gewollt. 8

Natürlich sind wir noch nicht fertig. Nun kommt es eigentlich erst. Also dieser Mann hat sich seine Schwiegermutter, von der er sich befreit glaubte, hat sie sich, während er ihr Andenken verfluchte, geradezu einverleibt, hat sie sich inkarniert, wie wir Gebildeten sagen, hat ihre Seele aufgerochen. Gerade jetzt, wo er glaubt, daß er sie los ist und darüber lasterhaft triumphiert, nimmt sie ganz von ihm Besitz, jetzt sitzt sie in seiner höchsteignen Stirnhöhle und leitet sein Fühlen und sein Wollen, jetzt ist sie die unentthronbare Königin seiner Gedanken – hahahaha! hihihihi!

Ist das nicht ein Weltenbau? Aber die Ochsen von Direktoren haben das Stück nicht gewollt.

Dir aber, Dir sage ich: Denk an Deine Stirnhöhle! Und an die Stirnhöhlenbewohnerin. Aber dummes Zeug. Es ist ja zu spät. Du bist ja bereits identisch mit Deiner Schwiegermutter. Ihr Wille ist Dein Wille. Und so kommt also die kleine Ellen nicht in Dein Haus.

Ja, aber wie denkt Ihr Euch das? Wie denkt sich das insonderheit der Vater dieses Kindes?

Ich weiß ja, Dein Bruder Heinrich ist ebenso scheu, wie Du dickhäutig bist. Hat mir einen großen 9 Schreibebrief geschrieben, sieben und 'ne halbe Seite lang, aber davon, daß er dächte, meinte, hoffte, wünschte, ich könnte seine Ellen zu mir nehmen, schreibt er kein Sterbenswort. Schreibt mir alles Menschenmögliche über seine Expedition nach Nordsyrien und lauter ungefragte Sachen über das Volk der Hethiter, das ja selbstverständlich ein bärenmäßig interessantes Volk ist. Und zum Schluß schickt er mir dann »viele herzliche Grüße«. Und aus dem allen soll nun ein Mensch die Folgerung ziehen, daß der gute Heinrich auf seinem Hethiterherzen die Bitte hat, man möchte seine Ellen bei sich aufnehmen!

Himmel, ich will ja gern tun, was ich tun kann. Aber ich bin ein altes, verwildertes Rauhbein von Junggesellen – sitze hier fern von der Kultur in einem Blockhaus – und ich soll solch eine zarte Pflanze und so weiter und so weiter. Das macht Euch doch klar!

Ihr sagt, der Arzt will einen Sommer Seeluft für das Kind. Schön. Aber die Frauenhand fehlt hier. Freilich, ob keine Frauenhand nicht immer noch besser ist als die zwanzig knöchernen Knöbel Deiner beiden Damen – –

Aber überlegt Euch die Sache.

'n dreiviertel Jahr dauert ja allerdings die 10 Geschichte nur für mich. Und so lange könnte ich zur Not ja wohl Prinzessinnenerzieher sein –

Aber verrückt ist es doch. Komplett verrückt.

Warum kann denn die Kleine nicht gleich nach Genf in die Pension! Wie? Was? Bloß weil die fürtreffliche Tante Amalie (genannt Amélie) nicht eher Platz bei sich hat? Himmel, dann soll sie eine von ihren Gänsen eher heimwärts flattern lassen! Ist die Kleine mit ihr nicht mindestens ebenso verwandt wie mit mir! Mutterbruderschwagerschwesterkind oder so was! Doch wie Gott und die mit Recht so beliebte Tante Amélie will!

Aber was Du mir von der kleinen Ellen und ihrer ausgesprochenen Lust, gerade bei mir zu bleiben, erzählen möchtest, dazu sag' ich: Na, na!

Du schreibst, »sie kennt Dich sehr gut,« (was ich bezweifle), »sie spricht von Dir mit besonderer Anhänglichkeit.«

Ehrt mich, ehrt mich. Im übrigen ist es gelogen.

Indessen, jedennoch und bei alledem, wie soll das werden! Wie soll das bloß sein! Habt Ihr denn eine Ahnung von meinem Wesen, von meinem Hausen, von meinem ganzen Leben? Tut mir wenigstens den Gefallen und werft erst einmal einen Blick in meinen Bau. 11

Natürlich, der Heinrich ist ein so guter Kerl, und versagen möchte ich mich ihm nicht. Aber er soll wenigstens erst mal herkommen. Und dann los! Dann nehme das Schicksal seinen Weg!

Uebrigens da Dich der Herrgott, der es doch wissen muß, nun einmal zum Zoologen gemacht hat – kannst Du uns in ein Geheimnis der Natur hineinleuchten? Vater Wittmüs, was der Mann von meiner Aufwartefrau und mein Bootsmannsmaat ist, ein Sinnierer und Weltweiser, steht am Rande des Tiefsinns ob einer Entdeckung, die ihn seit Jahren nicht losläßt. Wie kommt es, daß der Fliegenschmutz auf weißen Gegenständen schwarz ist und auf schwarzen weiß? Fabelhafte Geschöpfe! Zwei Apotheker hat er schon gefragt, den in Putbus und den in Göhren (den Doktor nicht, weil er Angst hat, das kostet was), und keiner hat ihm das Rätsel lösen können. Nun sitzt er und sinnt und müht sich, aus den Eingeweiden der Fliegen zu weissagen, und kann doch die Wahrheit nicht finden. Vermagst Du ihn zu erleuchten, ordentlicher öffentlicher Professor der Zoologie? Das wäre schön von Dir, könntest Du dem Mann seine Lebenszuversicht wiedergeben. Gruß!

Peter Brandt.

12 Noch eins laß Dir verklaren: Wenn Du mich noch einmal auf Deinen (übrigens ausreichend femininen) Briefumschlägen als »Komponisten« anredest, dann – dann – dann sag' ich nie wieder Walroß zu Dir. 13

 

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