Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Dreyer >

Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

15

Die nächsten Religionsstunden waren schon nicht mehr wie die erste. Der Katechismus wurde auch hier in seine heiligen Rechte eingesetzt, Ellen mußte lernen und lernen, Worte, die ihr fremd blieben und ohne Leben.

Wie verzweifelnd irrte sie mit dem Buch durch Haus und Garten.

»Lern man nich so viel!« riet ihr Mutter Wittmüs in ihrer unbekümmerten Art. »Was du nich weißt, brauchst du nich wieder zu vergessen!«

Aber das konnte sie nicht retten.

In der Stunde hatte sie heute ihre Aufgabe wohl hersagen können, aber sie kehrte doch trostlos aus dem Pfarrhause zurück.

Pastor Willers hatte ihr den Heiland gegeben – jetzt nahm er ihn ihr wieder, denn er machte ihn zum Wort und Buchstaben.

Das Dogma der Dreieinigkeit hatte er ihr 145 heute aufgeladen, und daran schleppte ihre Seele sich hin.

Jeden, der ihr auf dem Heimweg begegnete, hätte sie bitten mögen, die Last von ihr zu nehmen. Jeden Bauer, jeden Fischer, jeden Fuhrmann war sie im Begriff zu fragen, wie sie denn bloß das große Geheimnis zu verstehen hätte, das sie so quälte.

Warum hatte sie sich nicht an Frau Brigitte gewandt, da sie den Pastor selbst nicht bitten konnte, nachdem er mit solcher Selbstverständlichkeit so viel Göttliches zwischen ihnen aufgerichtet hatte!

Frau Brigitte hatte ihr zum Abschied so kräftig den Kopf gestreichelt und ihr so herzhaft lustig Lebewohl gesagt –

Aber das war es – sie war so laut – Ohm Peter nannte sie eine Frau, die nicht flüstern kann – und wer das nicht kann, dem kann man selber nicht gut von Geheimnissen was sagen.

Da hinten ging Lehrer Karsten übers Feld. Sie lief spornstreichs zu ihm und hatte ihn kaum begrüßt, als sie ihn auch schon um Hilfe bat.

»Lieber Herr Karsten, wollen Sie mir nicht sagen, wie das ist? Der Vater und der Sohn und der Geist, das sind drei und doch ist ein Gott!« 146

Er sah sie an mit seinen stillen, bangen, fernen Augen, dann sagte er ihr, wie er es gelernt hatte und so gut er's wußte: »Verstehen läßt sich das nicht, mein Kind. Das muß man glauben.«

»Aber das ist doch so furchtbar schwer!«

»Wäre es nicht so schwer, würde dann wohl die ewige Seligkeit der Lohn dafür sein?«

Das brachte ihr keinen Trost.

Mutter Wittmüs war die nächste, der sie mit ihrer Not kam. Die war beim Kesselscheuern und gab die kurzfertige Antwort: »Wie kann man sich darüber den Kopp zerbrechen! Das steht so geschrieben und darum is es! Un wenn es anners wär', denn wär' es auch noch so!«

Das half ihr noch weniger. Wenn nur der Ohm zu Haus gewesen wäre!

Jetzt mußte Vater Wittmüs dran glauben.

Der Alte verstaute seinen Priem auf die andre Seite und sagte gemächlich: »Ja, mein Kind, wie kannst du dir nu gerade das so zu Herzen nehmen? Wo man hinguckt in der Welt, findt man doch sowas, was man sich nich erklären kann. As wie zum Beispiel: da is ein Mensch, un da is noch 'n andrer Mensch, un die tun sich zusammen, un davon kommt denn 'n dritter Mensch. Jä – is 147 das nich reichlich ebenso wunderbar as die ganze Dreieinigkeit? Siehst du, un so is die ganze Welt voll lauter Wunders. Un was man nich verstehen kann, das is denn Glauben. Un weil's soviel von der Sorte gibt, darum is das auch gar nich so schwer.«

Nun hatte der eine ihr gesagt, wie schwer der Glaube sei. Und hier hörte sie davon wie von einer ganz leichten Sache reden.

Das machte sie nur noch ratloser und verzagter.

Erst als Mutter Wittmüs ihr sagte, sie möchte doch von ihren Bohnen pflücken, die seien für die nächsten Tage fällig, kam sie wieder auf andre Gedanken.

Als dann aber der Ohm gegen Abend nach Hause zurückkehrte, lebte ihre Not wieder in ihr auf, um so regsamer, als sie bei ihm ihre Hilfe ahnte.

Wie sie so in der Vorhalle bei ihm stand und in ihrer Bedürftigkeit sich an ihn schmiegte, gab er ihr keine Worte wie die andern.

»Komm!« sagte er, und er zog sie auf die Bank. »Wir wollen in die Wolken sehen und in die Sterne.«

Er wußte, daß in solchem Schauen alle Not menschlicher Enge sich löst. 148

Er wußte, daß die Wolken keine Freunde der Satzungen und daß die Sterne deren Feinde sind.

Sie blickte hinaus zu dem heiligen Zug der schweigenden Abendwolken, sie sah, wie die Sterne sich voll Licht tranken aus der quellenden Ewigkeit.

Und im Schauen sank sie hin, daß ihr Kopf sich in Ohm Peters Schoß bettete.

Sie fühlten dasselbe, sie waren wie eins, die große Sicherheit, daß ein Großes um sie war, das sie hielt und sie hütete, umschlang sie beide und trug sie zusammen empor.

»Du bist mein Kind – mein Ellenkind,« sagte er leise.

»Und du bist mein Vater.« 149

 

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.