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Ohm Peter

Max Dreyer: Ohm Peter - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleOhm Peter
authorMax Dreyer
year1908
firstpub1908
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart / Leipzig
titleOhm Peter
pages332
created20170208
sendergerd.bouillon@t-online.de
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13

Am Nachmittage hatte Ellen bei Pastor Willers den ersten Religionsunterricht.

Es war immer noch etwas wund und weh in ihr, als sie allein über die Wiesen schritt, denselben Weg, den sie am Sonntag mit dem Ohm gegangen war.

Sie war immer noch nicht wieder ganz fest auf den Füßen, zuweilen fühlte sie deutlich, daß der Boden unter ihr schwankte – als wären die Zuckungen des gequälten Bootes noch mächtig über sie und ihre Zuversicht. Behutsam und nachdenklich schritt sie weiter.

Sie hatte sich bisher über Menschen nie ihren kleinen Kopf zerbrochen. Machte ihr jemals einer Gedanken, so waren es keine, die ihr an die Seele gingen, die sie ergriffen und packten und schüttelten.

Ihre Stille hatte sich früher keinem Menschen aufgetan. Wem hätte sie sich auch erschließen 121 sollen? Ihre Mutter war gestorben, als das Bewußtsein des Kindes just Augen bekommen hatte, ihr Vater war immer in seiner lautlosen, weltfernen, abwesenden Art an ihr vorübergehuscht.

Und die andern Menschen – sie blieben ihr noch ferner, es ward ihr bei ihnen nicht warm, nicht kalt. Dies und das verwunderte sie an ihnen, doch ohne sie zu erregen; über manches mußte sie lachen, doch ohne sich zu freuen. Sie hatte aus fremder Einsamkeit dem Leben wie einem Schauspiel zugesehen, das sie im Grunde nichts anging, das eigentlich ganz ungeeignet, zu weit und unverständlich für ihre Jahre war und dem sie mit kindlicher Verschlafenheit am besten diente.

So war sie zu Ohm Peter gekommen. Und hier war gleich etwas in ihre Seele gefallen, daß da, wo früher ein Nebel lag, Licht und Bewegung sich hob. Wie hatte es sich bald in ihr geregt von allerlei sehnsüchtigen Kräften!

Da der Ohm sie an die Hand genommen hatte, war sie in ein neues Land eingegangen, in das Land, wo lebendige Menschen lebten.

Menschen, die man liebhaben konnte, bei deren Berührung es einem warm durchs Blut ging.

Da waren außer dem Ohm Vater Wittmüs 122 und Mutter Wittmüs, beide ihr zugetan, sie in rauher, er in weicherer Güte, da waren Jim und Jum, die lustigen kleinen Banditen, deren ritterliche Ergebenheit sich aus der Verwunderung noch nicht ganz heraustraute, da war Lehrer Karsten mit so guten, bangen Augen, daß man immer nach seiner Hand fassen möchte, sie zu streicheln, und sein Sohn Ewald, der wunderschöne Primaner, der hier nun auch bald Einkehr halten würde und auf den sie sich freute wie auf ein Geschenk.

Und die Pastorsleute. zu denen sie ging? Meinten sie es nicht ehrlich gut mit ihr? Wer lebte überhaupt im Kreise, der ihr nicht wohlgesinnt war?

Keiner mehr als der Ohm! Das wußte sie, das fühlte sie, und das mußte ihr bleiben! Sie hatte ja auch keinen so lieb wie ihn, keiner war ihr so nah, von keinem drangen Worte und Wesen so tief in ihren Sinn. Sie mußte immer an ihn denken, an ihn und über ihn.

Wie elend feige hatte sie sich auf See gezeigt! Er mußte sie ja verachten!

Da war wieder das Schwanken unter ihren Füßen, und so stark wurde es, daß sie taumelte und sich setzen mußte. 123

Hier hatte sie am Sonntag gesessen, mit ihm zusammen, als sie sich den getrockneten Strumpf wieder anzog. Da war sie wie 'n Junge gewesen, aber die Jungenhaftigkeit hatte nicht lange standgehalten. Und heute ließ er sie wie zur Strafe allein, es war das erstemal, daß sie einsam einen so weiten Weg gehen mußte.

Daß er sie nicht so lieb hatte wie sie ihn, das war ja selbstverständlich. Aber wenn er sie doch nur ein wenig leiden möchte! Nur ein wenig – mehr wollte sie ja gar nicht –

Und da kam wieder der eine Blick empor und stand vor ihr wie ein unerbittliches Gespenst, daß sie die Hände in die Augen preßte und sich zurückwarf und den Kopf mit den gedeckten Augen ins Gras einwühlte.

Nein, nein, nein! Das war er nicht, so war er nicht! Und sie klammerte sich an alle seine Worte, die er nachher zu ihr gesprochen hatte, und all seine freundlichen Blicke und Gebärden zog sie zusammen und legte sie sich ans Herz.

Er war ihr gut! Sie wollte sich auch so innig Mühe geben, ihn nicht zu verdrießen, ihn nicht zu stören und ihm nicht verächtlich zu werden, nach allen ihren Kräften. Daß ihm es nicht leid würde, 124 sie aufgenommen zu haben, daß er sie nicht gleich wieder fortschickte! Und die hellen Tränen liefen ihr die Backen hinunter.

Hierbleiben! Immer hierbleiben! Das wollte sie am liebsten! Dies war die Welt, in die sie gehörte! Und sie streichelte den Boden mit der Hand, ehe sie sich wieder auf die Beine machte.

Schon war ihr viel leichter zumute, und sie lief ein paar Schmetterlingen nach, einem Fuchs und einem Zitronenfalter, die in farbenblindem Uebermut miteinander spielten und kosten.

Aber die rechte Fröhlichkeit wollte sich doch nicht bei ihr einstellen, und sie betrat den Pfarrgarten mit demütig gesenktem Kopf. Für das christliche Wort war heute der Boden in ihr wohlbereitet.

Und Pastor Willers hatte seinen guten Tag. Er gab ihr keine Lehren, er gab ihr Bilder.

Ihr Religionslehrer in der Stadt hatte dafür gesorgt, daß für sie das Christentum nicht viel mehr gewesen war als der kleine Katechismus und daß die große Wasserfrage, die kein Mensch behalten konnte, sich ihr als der höchste Gipfel heiliger Gottesnähe darstellte.

Jetzt wurde ihr der Heiland leibhaftig, sie konnte ihm die Hand geben, er rief sie zu sich, er, der die 125 Kinder so lieb hatte und dessen Güte so lind und warm alle Not in die Arme nahm.

Und sie glaubte, sie würde jetzt beten lernen.

Früher hatte sie nur Worte gesprochen, ein Geplapper war es wie bei den Heiden. Denn der liebe Gott, an den sie sich unmittelbar wandte, war für sie stets ein fremder, ferner alter Mann gewesen, kühl, mit eisgrauem Bart und verdrossenen Brauen. Und daß er immer und immer auf einem Platz saß, das war ihr so maßlos unheimlich. Man konnte nur immer scheu auf ihn hinstarren und nur Gelerntes zu ihm hinaussprechen, Eignes konnte man ihm nicht sagen, beim besten Willen nicht.

Mit dem Heiland aber war es ganz, ganz anders. Und sie erschrak geradezu, wenn sie sich umblickte, über die große Leere, daß sie früher so gar nichts von ihm gewußt und gefühlt hatte.

Sie war voll Wärme und Licht. Und überströmend von beidem drückte sie dem Pastor die Hände, als sie nach der Stunde von ihm ging.

Frau Brigitte, die Krankenbesuche machte, war nicht zu Hause. Jum und Jim aber waren auf Wald-, Feld- und Wiesenraub unterwegs. So blieben alle ihre Gedanken bei ihr, als sie den 126 Heimweg antrat. Und sie beschleunigte ihre Schritte, um nur alles ungeschmälert vor ihren Ohm zu tragen.

Wie Peter so in die leuchtende Seele der Kleinen blickte, da wurde über ihn selbst die Gestalt des Heilands mächtig, das Schönste, was die Kindheit ihm gegeben. Und wie Ellen ihm alles erzählte, was sie von Christus gesehen hatte, da saß er vor ihr und hörte ihr zu, er selbst mit großen Kinderaugen, half auch wohl ein und ergänzte das Bild aus den eignen Erlebnissen.

So waren sie miteinander wie zwei getreue Gefährten, die unter sich teilen, was sie Schönes sehen und hören. Und in Ellen war ein reines Glück.

Als der Ohm, bei dem der alte Förster Hagen gemeldet war, sie längst allein gelassen hatte, jubelte noch alles in ihr Hosianna, sie schwenkte die Palmenzweige lauter Offenbarungslust und mußte springen und tanzen wie die Kinder Israels.

So hüpfte sie in die Küche, flog der Mutter Wittmüs an den Hals und schrie ihr ins Ohr: »Ich bin ja so glücklich!« Die mußte ihre ganze lachende Aergerlichkeit zu einem kräftigen: »Diern, wat geht denn mi dat an!« zusammenraffen, um kraft solchen Wortes die Kleine von sich abzuschütteln. 127

Dann lief sie in den Garten, besah ihre Bohnen, fand, daß die ersten Schosse bereits ans Licht wollten, und hatte die Gewißheit, daß ihre Hände gesegnet seien.

Zuguterletzt bekam der alte Wittmüs seinen Besuch. Der war an seinem Schuppen, der hinter dem kleinen Hause stand, mit Zimmerarbeiten beschäftigt.

Er hörte die Kleine nicht, sie schlich sich heran, sah ihm still eine Weile zu, dann sprach sie aus der Welt ihrer Gedanken: »Joseph aber war ein Zimmermann –«

Er drehte sich um, wurde zuerst nicht recht klug aus ihr, als ihm dann aber einfiel, woher sie kam und woher sie sprach, kniff er seine großen Philosophenaugen, die weiß Gott wo in den Geheimnissen dieser Welt herumgekramt hatten, listig zusammen und kraute sich hinterm Ohr. Dann sagte er kauend und kopfschüttelnd: »Nee, mein Kind, Joseph – nee, nee! Mit den Josephs, weißt du, hab ich nie so die richtige Fühlung gehabt. Mit den in' Alten Testament nich, un mit den in' Neuen – nee, nee, mit den noch viel weniger. Da kann man nu nix gegen machen!«

Der Schuppen, an dem der Alte herumflickte, 128 war ein Atelier, ein Laboratorium, ein Raritätenkabinett, ein Observatorium, ein Museum, eine Bibliothek, eine Apotheke, eine Menagerie.

In der Mitte stand eine hölzerne Drehbank, auf der die verschiedensten Geräte, Feilen, Bohrer, Messer, Lötkolben, Hämmer und Zangen wild durcheinander lagen. Die Wände aber suchten sich an geradezu kribbelnder, schwindelerregender Buntheit und Wirrnis zu übertreffen. Da waren Bilder, Bücher, Flaschen, Gläser und Tiegel, Knochen, Steine, ausgestopfte Bälge, gedörrte Fische, Bündel getrockneter Pflanzen, Kästen und Vogelbauer, zum Teil bewohnt, zum Teil ohne Insassen.

Das alles schien fremden Augen völlig ungeordnet und willkürlich sich zu mengen, für Johann Wittmüs aber schlangen sich von Ding zu Ding beziehungsvolle Fäden einer höheren Ordnung und banden jedes an seinen Platz. Für ihn war das Universum nicht besser und sauberer gefügt als diese Welt.

Hier war es, wo er in seinen Mußestunden dem kosmischen Geheimnis nachging.

Hier war es, wo er der hilfsbedürftigen und leidenden Mitwelt nach seinen Kräften mit Rat und Tat Beistand leistete, sei es, daß ein 129 Schirmgestell aus den Fugen gegangen oder eine Wanduhr innerlich vergrämt war, sei es, daß in dem menschlichen Räderwerk selbst sich eine Stockung zeigte oder daß beim lieben Vieh die Maschine nicht richtig schnurren wollte.

Hier war es auch, wo er, so oft er eheflüchtig ward, ungestörten Frieden fand, denn seine Mariek kam nie in diesen Raum. Dessen geheiligte Ordnung, die sie kurzweg Staub und Dreck nannte, war ihr zuwider wie wimmelndes Ungeziefer, und der Forschungsgeist, der hier umging, hatte für sie etwas Beklemmend-Irrsinniges. Nachdem der bewußte Häher von hier aus seinen Weg in ihre Geburtstagsstube genommen, war ihr Mißtrauen gegen diese »versaute Rumpelkammer« nicht geringer geworden.

»Wo hast du denn deinen Klaas?« fragte ihn die Kleine.

»Der wird wohl binnen sein.«

Sie ging an die Tür, und richtig da saß er auf der Drehbank, neigte seinen grauen Dohlenkopf und blinzelte sie mit dem hellen Lid erwartungsvoll, doch ohne Ergebenheit an.

»Komm Klaas, komm!« rief sie. Der Vogel rührte sich nicht. Sie hielt ihm die Hand hin, 130 aber er sperrte den Schnabel auf und machte Miene zu beißen.

Da lief sie wieder hinaus. »Ein ekliges Tier!«

»Komm mal, mein Klaas, komm mal her!« rief nun der Alte. Und der Vogel flog gleich auf seine Schulter. »Was hat sie gesagt? 'n ekliges Tier? Büst du 'n ekliges Tier?« Der Vogel schmiegte seinen Kopf an den haarigen Hals.

»Dich haben alle Tiere lieb, Vater Wittmüs! Warum mich eigentlich nicht?«

»Die fühlen ganz genau, ob man sie selber richtig liebhat. – Na, nu laß man!« Er nahm die Dohle und warf sie in die Luft. Sie flog aufs Dach und schrie von dort sich lebhaft neigend laut und vergnügt zu ihm herunter.

»Jetzt singt sie dein Lob.«

»Jeder so gut, wie er's kann. Aber wenn du mal was Schönes von Gesang hören willst, ich hab' jetzt 'n Maus, die singt, da kommt keine Opernsängerin gegen an.«

»Ach, deine Mäuse, weißt du« – Ellen rümpfte die Nase – »die stinken mir zu doll!«

»Na siehst du! Un da wunnerst du dir, daß die Tiere nix mit dir in 'n Sinn haben. Die wahre Liebe weiß nix von Gestank.« 131

Sie ging ein wenig der Tragweite dieser Worte nach, dann flogen ihre Gedanken wieder in die Religionsstunde, und sie begann ein christliches Gespräch.

»Jesus hat gesagt, wir sollen alle Menschen lieben wie uns selbst. Daß wir auch alle Tiere lieben sollen, davon sagt er nichts.«

»Weil es viel schwerer is, alle Menschen liebzuhaben, als alle Tiere. Ja.«

»Wie du das sagen kannst!«

»Wer das fertig bringt, alle Menschen liebzuhaben, der hat noch viel eher alle Tiere lieb un alle Pflanzen un alle Steine.«

»Das kann man doch nicht zusammenbringen!« sagte die Kleine belehrend. »Der Mensch ist doch ein höheres Geschöpf.«

»Weißt du das so genau?«

Sie trug ein hochmütiges Gesicht. »Das ist doch selbstverständlich! Und das soll mir mal einer vormachen, all die vielen ekligen Tiere liebzuhaben!«

»Ich will dir was sagen, Kindting, es gibt Menschen, da sind Flöhe, blinde Fliegen und Pferdebremsen die reinen himmlischen Geister gegen.«

»Ae gitt! Dann bist du auch wohl so wie die indischen Büßer!« 132

»Wie sünd die?«

»Von denen hab' ich gelesen, daß sie – daß sie sich ruhig beißen lassen. Daß sie ihrem Ungeziefer nichts zuleide tun.«

»Hast du das Buch, wo das in steht?« fragte der Alte lebhaft.

»Nein, aber du kannst es mir glauben, so ist es. Das kommt daher, weil sie sich einbilden, daß es eine Seelenwanderung gibt. Weißt du, was das ist?« Das Professorenblut regte sich in ihr.

»O ja,« entgegnete Johann Wittmüs, nicht ohne Stolz. »Davon steht was in das eine Buch, das mir Herr Brandt gegeben hat.«

»Na, und denn siehst du wohl, zu welchem Unsinn man kommen kann mit solchen Tiergeschichten!«

»Unsinn, mein Kind? Das laß dir von mir erzählen, es gibt soviel Menschen mit 'ne Lauseseele, warum soll es nicht Läuse mit Menschenseelen geben können!«

»Du bist gräßlich, Vater Wittmüs. Du machst abscheuliche Witze. Du schmähst das Ebenbild Gottes!«

Das letzte kam mit dem Pathos zornigen 133 Selbstbewußtseins heraus, für das der Alte nur sein stilles Schmunzeln hatte.

Sie wandte ihm die Rückseite ihrer gekränkten Gottähnlichkeit zu und ging ein paar Schritte von ihm.

Dann fiel ihr ein, daß dieser alte Lästerer heut morgen der Zeuge ihrer Schmach gewesen sei, und das zog sie zu ihm zurück. War das Gespenst jener Stunde auch gebannt, sie fühlte doch den unheimlichen Reiz, seines Schreckens sich zu erinnern. Und sicher konnte der Alte ihren Gedanken über den Ohm, die noch nicht zur Ruhe gekommen waren, wenn sie sich jetzt auch auf ebenen Bahnen ergingen, Führerdienste leisten.

»Ich hab' dir noch nicht gedankt, Vater Wittmüs.«

»Wofür?«

»Daß du heut morgen so gut zu mir warst!«

»Daß ich dir den Kopp gehalten hab' –! Was ist da zu danken!«

»Ich glaube, Ohm Peter war sehr böse auf mich!«

»Meinst das?«

»Hat er dir nichts davon gesagt?«

»Nee.« 134

»Ich denk' mir das so, weil er – weil er sich im Boot gar nicht um mich gekümmert hat.«

»Ja mein Kind, das bißchen Spucken, da gibt man hier nix auf. Un wenn einer am Ruder sitzt –«

»Ja, ja, dann hat man keine Zeit, sich um was andres zu kümmern, dann hat man nur Blicke für das Boot und seinen Kurs!«

»Was 'n richtiger Steuermann is –«

»Und das ist der Ohm! Nicht wahr, das ist er?«

»Ob er das is!«

»Alles kann er und alles weiß er! Sag mal, wundern sich die Leute nicht, daß ein so gebildeter, feiner und kluger Mann hier so unter ihnen lebt?«

»Wundern – so was tun die Leut' hier nich!«

»Was tun sie denn?«

»Sie brauchen ihn.«

»Ja, er hilft jedem, dem er kann! Und nicht wahr, sie schwärmen alle für ihn!«

»Schwärmen – so was tun sie auch nich.«

»Aber gut sind ihm alle!«

»Die meisten sind ihm bös!«

»Das ist nicht wahr! Warum?«

»Dankbarkeit macht böse.«

»Das versteh' ich nicht.«

»Das wirst du noch kennen lernen.« 135

»Das sagst du wieder bloß, weil du die Menschen nicht leiden magst. Magst du mich eigentlich leiden?«

»Ja.«

»Bin ich denn kein Mensch?«

»Du sollst doch erst einer werden.«

»Bitte. In sieben Monaten werd' ich vierzehn!« Das kam mit so scharfem Stolz heraus, daß jede weitere Behandlung dieser Frage abgeschnitten war.

Jetzt sah sie den Ohm auf der Höhe mit dem alten Förster, den offenbar sein amtlicher Bericht wieder zu dem Retter in der Not geführt hatte. Wie Peter sagte, litt der alte Herr an einer heillosen Periodenverschlingung, die Sinn und Verstand in allem, was er schrieb, ohne Rettung strangulierte.

Nachdem sie selbander das Wirrsal aufgeknotet und geglättet hatten, brachte Peter den Gast zu seiner jungen Birkenanpflanzung, die nicht recht gedeihen wollte. Auf den Stämmen zeigten sich bösartige Rostflecke, gegen diese sollte der Förster ihm ein Mittel an die Hand geben.

»Ohm!« rief die Kleine von unten mit ihrer hellen Stimme, und sie winkte hinauf. Peter nickte ihr freundlich zu.

Als er dann mit dem Förster zu ihnen herunterkam, lief sie ihm entgegen. 136

Der alte Hagen grüßte das kleine Fräulein mit seiner soldatisch-ritterlichen Grandezza. Dann erkundigte er sich bei Johann Wittmüs nach dessen Menagerie.

»O, unser alter Johann,« so erklärte Peter Brandt, »der verbessert die Natur.«

»Wie denn das?«

»Jetzt ist er auf Kreuzungen versessen. Seine Mäusezucht müssen Sie sich 'mal ansehen. Er hat 'ne Hausmaus mit 'ner Waldmaus und 'ne Zwergmaus mit 'ner Brandmaus gepaart – oder ist es anders?«

»Nein, so is es,« sagte Johann Wittmüs mit Gewichtigkeit.

»Jetzt will er Ratten und Mäuse zusammenbringen. Und dann alles mögliche. Wer weiß, wohin wir da geraten. Sein höchster Ehrgeiz ist 'n Bastard von 'm Stiefelknecht und 'ner wilden Ente.« 137

 

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