Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Kurt Aram >

Oh Ali!

Kurt Aram: Oh Ali! - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorKurt Aram
titleOh Ali!
publisherLeser-Vereinigung Gutenberg Verlag Christensen & Co.
yearo.J.
firstpub1927
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140415
projectid3f183a3f
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel

Die Parade weit draußen im Nordwesten der Stadt auf weitem, von sonnenverbranntem Gras bedeckten, unbebauten Feld war glänzend verlaufen. Der Prinz war vor den hohen Exzellenzen, die vom Gouverneur, dem Buluk Baschi, dem Bürgermeister und dem Polizeimeister begleitet wurden, denen der »Mignon« vorausritt, von dem Klappstuhl vor seinem geräumigen, blütenweißen Zelt aufgestanden und den Gästen sogar drei Schritte entgegengegangen. Dann hatte man mit Muße im Zelt gefrühstückt, während die Truppen in möglichst weiter Entfernung davon, um nicht zu stören, Aufstellung nahmen. Dann hatte man die Front abgeritten. Die Infanterie präsentierte das Gewehr, so gut oder so schlecht sie noch die Griffe der europäischen Instruktionsoffiziere, möchten sie zum Teufel fahren, in den Gliedern hatte. Die Militärkapelle spielte. Erst die russische Nationalhymne, die so schwer von dunkler Inbrunst altslawischer Kirchenmusik ist, immer wieder erleuchtet von hellaufloderndem, patriotischen Enthusiasmus. Dann die persische Nationalhymne, eine aus dem Dutzend, wie sie nach dem Muster der englischen für alle möglichen Staaten fabriziert werden. Dazwischen feuerte die Artillerie die Kanone ab, daß das Echo in den nahen Bergen noch lange nachdröhnte, grollte und murrte. Ein herrliches Schauspiel, das die ganze Bevölkerung der Stadt ringsum und auf den flachen Dächern in Atem hielt. Dann nahmen die Gäste den Tee im Feldherrnzelt, und darauf gab es Reiterspiele.

Erst gegen Abend bestiegen die hohen Exzellenzen wieder ihren Tarantas, um weiter nach Süden zu reisen. Auch die bescheidene Kalesche mit den beiden Popen war wieder zur Stelle, um die man sich nicht weiter gekümmert hatte. Eine stattliche Eskorte wurde den Gästen mitgegeben, welche sie sicher bis Urmia zu geleiten hatte.

Kaum befanden sich die beiden so lustigen, jovialen alten Herrn außer Sehweite, ging es allerseits mit aller Heiterkeit zu Ende. Die hohen Exzellenzen in ihrem Tarantas waren voll Galle und Bitterkeit, weil sie gegen die glatte Höflichkeit und Zuvorkommenheit der Perser, die sie in Watte wickelte, einfach nicht aufkommen konnten. Für den Rückweg von Urmia nach Djulfa war es nichts mehr mit dem bequemen Tarantas. Da würde jeder für sich und in weitem Abstand von dem andern, allein, zu Pferd oder gar zu Esel so unauffällig als nur möglich und in sicherer Verkleidung seines Weges ziehen, um endlich diese ganze interessante Gegend etwas genauer und ungestört inspizieren zu können.

Der königliche Prinz, die Stütze des Königreichs, war in schlechter Laune, weil der Gouverneur, kaum hatten die Gäste den Rücken gewandt, ihre Stühle im Zelt waren sozusagen noch warm, so unhöflich wurde, sich in aller Ehrerbietung zu erkundigen, für wie lange der Berater des Staates, Segen über ihn, die Stadt mit seiner Gegenwart noch zu verherrlichen gedenke, und wann er wieder in die Gegenwart des Königs, des Schatten Gottes, Gott erhalte seine Herrschaft, gehen werde? Der Gouverneur aber war direkt erbittert, weil der Glanz des Staates erwidert hatte, Seine Majestät erwarte den Vertrauten der geheimen Gemächer erst im nächsten Monat zurück.

Nur die Soldaten waren guter Dinge und stahlen sich, als die Sonne sank, in die Stadt, die seit fast einem Jahr ohne Einquartierung gewesen war. Es lohnte sich also, bei ihren Bürgern sich zu Gast zu laden und Ausschau zu halten, wo man etwas mitgehen heißen konnte.

Außerhalb des großen Zeltlagers fanden sich die Soldaten in kleinen Trupps zusammen, um zunächst im Christenviertel Umschau zu halten. Ihnen ein wenig von dem wieder abzunehmen, was sie den Söhnen des Propheten gestohlen hatten, war ein gutes Werk, und jeder Hauptmann drückte gern ein Auge zu, wenn Christen nachher bei ihm Klage führten. Oh Ali! wie fest waren hier alle Tore und wie sicher verschlossen. Wie hoch die Mauern und ohne Löcher. Eine Schande, daß so etwas in einer persischen Stadt geduldet wurde. Der Gouverneur stand wohl ganz im Solde dieser Hunde? Und nirgends ein Mensch mehr auf den Straßen, den man hätte anbetteln können. Unheimlich war das, und alles beeilte sich, in die mohammedanischen Stadtviertel zu kommen. –

Die alte Fürstin blickte von ihrem französischen Roman, der ebenso untrennbar von ihr war wie der russische Samowar, immer wieder verstohlen auf ihren Sohn. Er gefiel ihr gar nicht.

Daß Mähmäd erstochen vor dem Tor gefunden wurde, wußte sie. Nur ein Mohammedaner konnte so gedankenlos und fatalistisch sein, sich nachts einfach auf die Straße zu setzen und zu schlafen. Sogar in Tiflis wäre er unweigerlich ausgeraubt worden. Daß er hierzulande auch gleich ermordet wurde, paßte durchaus zu den unzivilisierten Zuständen dieser Gegend und ihrer Bevölkerung. Viel merkwürdiger wäre es gewesen, wenn er unter solchen Umständen weder ausgeraubt noch ermordet worden wäre. Doch so etwas kam wohl nur in Westeuropa vor, wo alle Leute solche Angst vor dem Gesetz haben, weil man sich von keiner Strafe, die es bestimmt, loskaufen kann. Daß Mähmäd dann in aller Eile und Stille in den Weingärten begraben wurde, bewegte sie auch nicht sonderlich. Es war ja kein Christ. Und daß man derlei Unfälle nach Kräften vertuscht, unsichtbar macht und nicht an die große Glocke hängt, wenn es sich irgend vermeiden läßt, leuchtete ihr ebenfalls ein. An solche Zustände war Hakob, der nun schon solange unter lauter Heiden lebte und nur noch in Geschäften nach Rußland kam, doch noch mehr gewöhnt als sie. Sie kam doch nur ab und zu für kurze Zeit auf Besuch hierher, seitdem sie es aufgegeben hatte, sich in Westeuropa von allem Ärger mit ihren Schiffskapitänen auf dem Kaspischen Meer und mit den Angestellten der russisch-kaukasischen Post zu erholen, weil man in Westeuropa ja nicht einmal laut husten kann, ohne gegen ein Gesetz zu verstoßen. Weshalb also war Hakob so anders und schien alle gute Laune verloren zu haben?

Auch war es gewiß ärgerlich, daß dieser persische Prinz seine Soldaten gerade hier auf die Weide trieb und Hakob Akunian dafür mitzahlen mußte. Aber das gehörte doch nun einmal zu den Geschäftsunkosten, die in diesem Lande unvermeidlich waren und mit einkalkuliert wurden wie anderswo Steuern und Abgaben. Alles kein zureichender Grund, um so zerstreut und schlechter Laune zu sein, wie es ihr Sohn seit vierundzwanzig Stunden war. Die Last mit den jungen Leuten in den Weinbergen hatte er doch freiwillig auf sich genommen, und es lohnte sich durchaus, sie zu tragen. Sie war eine leidenschaftliche Patriotin, auch pekuniär konnte der Sohn da jederzeit auf sie rechnen, wenn es ihm zu viel wurde. Das wußte er. Weshalb also mit einemmal so launisch und wetterwendisch!

Sie schlug energisch ihren Roman zu und sah ihn herausfordernd an. Er meinte lächelnd: »Ja, Maman, was wünschst du mir zu sagen?«

»Jetzt weiß ich, was dir fehlt, Hakob!«

»Da bin ich wirklich neugierig.«

»Heirate!«

Er lachte laut, um seine Verblüffung zu verbergen, denn im Unterschied zu anderen Müttern hatte sie davon nie zu ihm gesprochen. Er nahm an, weil ihr die Ehe eine Last gewesen. Jedenfalls bekam es ihr ausgezeichnet, schon solange von ihr wieder frei zu sein.

Die Fürstin seufzte. »Es tut mir leid, Hakob, aber die Natur hat es nun einmal so eingerichtet, und es gibt Zeiten, wo sie stärker ist als alles andere. Selbst in Europa, wo sie doch schon soviel erfunden haben, um die Natur überflüssig zu machen. Ich habe mich seinerzeit auch gewehrt und bin doch unterlegen. Die Natur will nun einmal, daß die menschliche Rasse nicht ausstirbt. Weshalb sie solchen Spaß daran hat, wird mir immer rätselhafter, je besser ich die Menschen kennenlerne. Das einzige, was man dabei tun kann, ist, den richtigen Partner zu wählen, damit man sich wenigstens nicht auch noch in der Nachkommenschaft vor sich selbst blamiert. In Europa gelingt es ja schon, die Natur auch darum zu betrügen und sich diese Blamage zu ersparen.«

»Und wie findet man den richtigen Partner, Maman?«

»Als ich deinen Vater kennenlernte, fielen mir sofort seine Hände auf. Er war ja auch sonst ein hübscher, angenehmer und keineswegs dummer Mensch. Aber darüber wäre ich hinweggekommen. Doch in die Hände verliebte ich mich. Es war aussichtslos, sich lange dagegen zu sträuben, und so heiratete ich ihn denn.«

Der Sohn lachte. »Ein bißchen wenig, Maman.«

»Sage das nicht, mein Sohn. Hände ändern sich nur wenig und bleiben deshalb immer ein Trost, wenn sich sonst auch noch so vieles ändert, und man bald gar nicht mehr weiß, weshalb man sich eigentlich auf die Sache eingelassen hat. Auch Füße sind zuverlässig, und wenn ich dir einen Rat geben darf, am zuverlässigsten sind die Ohren. Sie scheinen sich überhaupt nicht zu ändern. Wenn du dich in sie verliebst, bleibt dir immer etwas, woran du dich halten kannst.«

»Aber der Mensch besteht doch nicht nur aus Händen, Füßen und Ohren!« lachte der Sohn.

»Aber es ist besser, du verliebst dich in etwas, das bleibt und dich so leicht nicht enttäuscht. Ganz schlimm ist es, wenn du dich in den ganzen Menschen verliebst, wie er gerade vor dir steht, denn der ändert sich immer, und schon nach einem Jahr erkennst du ihn einfach nicht wieder und begreifst deine Dummheit nicht. Schrecklich ist das, und doch ist es das Gewöhnliche, wie man jeden Tag erleben muß. Erst wenn es zu spät ist, merkst du, daß ihr Mund dich eigentlich schon beim ersten Anblick ein wenig gestört hat. Nur warst du von der ganzen Erscheinung so betrunken, daß dein Verstand schweigen mußte. Ihr Auge war ein bißchen zu groß oder ihr Lachen zu hell. Wenn du erst ein halbes Jahr verheiratet bist, siehst du auf einmal nur noch diesen störenden Mund, das zu große Auge, als lebtest du plötzlich mit einer Kuh, oder hörst überhaupt nur noch ihr Lachen. Auch wenn dich ihre Konversation im ersten Augenblick bezaubert, sei auf der Hut. Du glaubst nicht, wie langweilig und dumm der Mensch im Alltag werden kann.«

»Da lasse ich lieber die Finger ganz davon, Maman«, scherzte der Sohn.

»Es bleibt auch dir nicht erspart, Hakob. Im stillen hoffte ich es, aber jetzt weiß ich es besser. Du wirst launisch, Hakob, mißmutig, du weißt nicht recht, was du mit dir anfangen sollst. Du siehst Gespenster, du starrst plötzlich begeistert an die Decke, wo gar nichts zu sehen ist. Du seufzt ohne stichhaltigen Grund, du ißt schlecht, der Tee schmeckt dir nicht. Und jetzt wirst du sogar verlegen, Hakob, und zündest dir eine Zigarette an, um es vor mir zu verbergen.«

»Du bist gräßlich, Maman.«

»Siehst du, Hakob, wie recht ich habe. Ich denke, sie ist schön, wie man so sagt. Geschmacksfragen, über die ich nicht streite. Für einige Monate soll das für euch Männer recht angenehm und unterhaltend sein. Ihr seid ja soviel bescheidener als wir. Aber schau ihr auf die Hände, die Füße, die Ohren, und wenn du dich nicht in eins davon verlieben kannst, ganz unsinnig und ganz unabhängig von allem anderen, mache kehrt, nimm ein kaltes Bad und schau sie nicht wieder an.«

»Ich danke für deine Teilnahme, Maman.«

»Um wen handelt es sich?«

Hakob Akunian lächelte. »Ich weiß es selbst noch nicht, Maman.«

Der Fürstin trieb der Ärger das Blut in den Kopf. »Für wie dumm hältst du eigentlich deine Mutter?«

Eine Weile schwiegen beide, dann fing die Fürstin wieder an: »Auf Geld gebe ich nichts. Davon haben wir beide genug. In einem Gurkenfeld wirst du sie auch nicht gerade aufgelesen haben. Ihr Vater verkauft sicher nicht Wasser aus einem Ziegenschlauch, und ein Popenkind ist es gewiß ebenfalls nicht.«

Der Sohn schwieg.

»Wenn dir das Land zu trocken wird und du durchaus ins Wasser mußt, laufe nicht lange am Ufer hin, sondern springe in Gottes Namen hinein. Um so schneller bekommst du wieder festen Boden unter die Füße.« Sie seufzte. »Einmal springen wir alle ins Wasser. Dann lieber jung, als wenn es nur noch zu einem Rheumatismus gut ist.«

»Wenn es nun eine Perserin wäre, Maman?«

Die Fürstin war so entsetzt, daß sie kein Wort herausbringen konnte. Dann rief sie plötzlich nach den Dienern und Dienerinnen. »Ich reise morgen ab, und der Fürst begleitet mich nach Tiflis! Sputet euch, in Gottes Namen!«

Der Fürst war blaß geworden, schwieg aber, bis die Diener wieder verschwunden waren. »Ich will nicht sagen, daß es nur ein schlechter Scherz war, um dich zu erschrecken, Maman, oder um dir deine Heiratspläne durch ein einziges Wort wieder aus dem Kopfe zu treiben, aber daß ich dich jetzt nicht nach Tiflis begleiten kann, selbst wenn ich wollte, weißt du so gut wie ich. Ich brauche dich nur an Scharef Pascha zu erinnern. Es tut mir aufrichtig leid, daß du so erschrocken bist, denn sonst hättest du nicht diese Befehle gegeben, auf die ich nicht gefaßt war und die ich nicht billigen kann. Ich hätte nicht geglaubt, daß dich irgend etwas so völlig aus allen Fugen bringen könnte, Maman. Hättest du nur einen Augenblick ruhig überlegt, dann müßtest du dir sagen, daß ich ja gar keine Perserin heiraten könnte, selbst wenn ich es wollte. Hier ist es doch unmöglich, ganz unmöglich.«

»Du bist imstande und läßt alles im Stich, gehst nach Europa oder auch nur nach Rußland, um deine Absicht doch möglich zu machen. Wenn es so um euch steht, seid ihr zu allem fähig, ist keine Dummheit dumm genug, um sie nicht auszuführen!«

»Du irrst dich, Maman, ich bin nicht dazu fähig. Ich kann hier nicht fort, selbst wenn ich wollte. Ich erinnere dich wieder nur an das eine: Scharef Pascha. Also beruhige dich, Maman.«

»Ich zittere an allen Gliedern, so hast du mich erschreckt.«

»Es ist wirklich kein Grund dazu, Maman. Überlege doch nur einen Augenblick in aller Ruhe.« Bitter fügte er hinzu: »Es wäre leichter für mich, eine Tochter des Königs von England zu heiraten als eine Perserin. Siehst du das nicht ein, Maman?«

Die Fürstin beruhigte sich ein wenig. »Warum spielst du dann mit solchen Gedanken?«

»Sie spielen mit mir. Gute Nacht, Maman.« Er küßte ihr die Hand und ging.

Am anderen Morgen lief die böse Kunde mit Windeseile durch die Stadt, Diener und Weiber riefen sie einander von einem Dach zum anderen zu: O Gottvertrauen! O Gerechtigkeit! Derweil sich die Soldaten die Nacht über in der Stadt herumtrieben, war die Kanone gestohlen worden. Deutlich sah man noch die Spuren ihrer Räder auf dem vertrockneten Gras, im dürren Sand. Die Artillerie war den Radspuren mit lautem Jammergeschrei nachgesprungen, Infanterie schloß sich an. Die Spuren führten zu den Bergen. Als man ihnen nahe kam, pfiffen aus den Büschen und hinter Felsen Kugeln und schwirrten wie Hornissen um die Ohren, so daß man nicht weiter konnte und umkehren mußte. Oh Ali! Was würden die Fußsohlen zu leiden haben!

Als Sureja davon hörte, spitzte er gewaltig die Ohren. Ein Plan schoß ihm durch den Kopf, der zu vielen Dingen nützlich sein konnte. Er wandte und drehte ihn nach allen Seiten. Er gefiel ihm immer besser. Er ließ Jussuf satteln und sprengte hinaus zum Prinzen in das Feldlager, wo man vor dem Zelt hockte und jammerte, oder ratlos durcheinander lief, oder wütend seine Flinte nach den Bergen abschoß. Unzweifelhaft waren Bergkurden durch den gewaltigen Lärm, den die Kanone zu Ehren der hohen Exzellenzen gestern hatte vollführen müssen, aufmerksam geworden. In der Nacht waren sie in das verlassene Lager geschlichen und hatten die große Flinte, die soviel mehr Lärm machen konnte, als sie es gewohnt waren, mit in die Berge geschleppt.

Sureja eröffnete dem Prinzen seinen Plan, soweit er für dessen Ohren bestimmt war. Er erbot sich, als Parlamentär in die Berge zu gehen und mit den Kurden zu verhandeln, um welchen Preis sie die Kanone wieder herausgeben würden.

Der jugendliche Prinz stand ebenso stumm und grün vor Ärger in seinem stolzen Feldherrnzelt wie die hohen Offiziere, die ihn trauernd umringten. Durch die ratlose Stille gellte nur ab und zu der Schrei eines Artilleristen, der die Bastonade bekam.

Stumm, mißtrauisch, erbittert musterten alle den Kurden, der einen Klappstuhl näher zog und sich setzte. Er hatte Zeit. Mehr Zeit als der Prinz. In der Stadt gab es eine Station des russisch-persischen Telegraphen, der ein Vetter des Prinzen vorstand. Alle Stationen dieses Telegraphen wurden möglichst mit Verwandten des königlichen Hauses besetzt, denn sie konnten ja ohne besondere Schwierigkeiten direkt mit dem Schah in Verbindung treten. Lange würde sich der Vetter nicht hinhalten lassen, den Unglücksfall nach Teheran zu melden. Sonst konnte es ihn seine angenehme, viel begehrte Stellung kosten, und einer solchen Gefahr setzte er sich nur aus, wenn ihm angemessene Entschädigung sicher war. Sureja erhob sich wieder, verneigte sich vor einem zierlichen Herrn, der sich im Hintergrund hielt, und setzte sich. Da stand er ja schon, der Vetter, und wartete.

Der Prinz begann mit seinen Offizieren zu flüstern und zu tuscheln. Auch der zierliche Vetter wurde herbei gewinkt und zu Rate gezogen. Endlich dankte der königliche Prinz dem Prinzen von Maku in einer längeren Ansprache für seinen Vorschlag, der die Zustimmung aller Anwesenden gefunden habe.

Sureja erhob sich, verneigte sich, führte die Hand zur Stirn, zum Mund, zur Brust (mein Kopf denkt an dich, mein Mund preist dich, mein Herz schlägt für dich) und sagte, er hoffe bis zum Abend wieder hier zu sein und einen Vorschlag mitzubringen, der für den Erhalter des Staates, Gott segne ihn, annehmbar wäre. Im Galopp verschwand er nach den Bergen zu.

Als die Sonne sich dem Untergang zuneigte, waren dieselben Männer wieder im Zelt des Feldherrn versammelt und warteten. Sie brauchten nicht lange zu warten, denn bald meldete ein Geschrei der Soldaten, das immer lauter anschwoll, daß der Prinz von Maku in Sicht gekommen war.

Alle erhoben sich, als der Erwartete, sehr bestaubt und ein wenig erhitzt, in das Zelt trat. Es wurde Tee gereicht und im Hintergrund des Zeltes eine große Wasserpfeife in Brand gesetzt. Nachdem alle Tee getrunken hatten und Sureja die Wasserpfeife überreicht worden war, daß er die ersten Züge aus ihr tue, eine Ehre, die sonst dem Prinzen zukam, berichtete er. Die Kurden seien bereit, da sie außerordentlichen Mangel an Zucker litten, wenn man ihnen zwei Stunden nach Sonnenaufgang zwölf Zuckerhüte bei der großen, einsamen Pappel im Nordwesten, wo die Berge nahe an sie herantreten, niederlegen würde, die Kanone in der nächsten Nacht zu derselben Stunde, wo sie sie geraubt, wieder an die alte Stelle in das Lager zurückzubringen.

Ein Lächeln lief durch die Reihen der Offiziere. Man atmete auf. Sureja berichtete weiter, er habe die Bürgschaft dafür übernommen, daß zu der verabredeten Stunde sich nicht mehr Soldaten im Lager aufhielten als in der Nacht, da die Kanone verschwand.

Die Gesichter der Offiziere wurden wieder ernst und nachdenklich. »Sie verlangen das zu ihrer eigenen Sicherheit. Damit sie nicht bei dieser Gelegenheit hinterrücks überfallen und niedergemacht werden. Ich habe mich dafür verbürgen müssen und gelobt, in eigener Person, ohne weitere Begleitung, die Kanone hier in Empfang zu nehmen.«

Es gab ein langes Schweigen, derweil eine neue Wasserpfeife in Gang gebracht wurde.

»Wenn die Wölfe nun mit den Zuckerhüten abziehen und die Kanone behalten?« fragte freundlich der zierliche königliche Vetter.

»Dann zahle ich alle Kosten für eine neue Kanone«, erwiderte Sureja feierlich. Da er es laut vor so viel Leuten gelobte, war dagegen nichts einzuwenden.

»Wenn sie nun die Kanone wiederbringen, aber dafür die Zelte ausrauben?« fragte einer der Herren.

»Dann weiß ich mich verpflichtet, den Schaden zu ersetzen.«

»Wenn sie aber,« flüsterte ein anderer ganz leise, damit es nur ja niemand außerhalb des versammelten Kreises hören konnte, »wenn sie die günstige Gelegenheit zu einem Überfall auf die Stadt benutzen?«

Sureja entgegnete ein wenig spöttisch: »Sie wissen doch, daß hier ein Heer versammelt ist, das sich in voller Kampfbereitschaft nur wartend vor dem Lager aufgestellt hat und alles niederknallt, was sich nicht genau an den Vertrag hält.«

Man dachte ausgiebig darüber nach, aber das mußte einleuchten, wie man es auch drehte und wendete.

Lässig meinte Sureja: »Der sicherste Bürge bin ich. Ich stehe allein da. Verletzt ihr irgendwie die Abmachung, schießen mich die Kurden nieder, verletzen sie die Abmachung, habt ihr eine ganze Armee gegen mich.« Er verneigte sich und verließ rasch das Zelt, schwang sich auf seinen Hengst und ritt zur Stadt zurück.

Verwundert sahen die Perser einander an. Wie unhöflich, so brüsk jedes weitere Gespräch abzubrechen. So führt man doch keine Unterhandlungen. Was bildet sich dieser Kurde eigentlich ein?

Sie blieben stumm, tranken Tee und rauchten.

Wie merkwürdig, daß der Makuer ihnen aus der Patsche zu helfen gedachte, ohne bisher auch nur mit einem Wort seine Gegenforderung genannt zu haben.

»Ist er mit seinem Bruder so verfeindet, daß er uns helfen will, nur um ihn zu ärgern?« fragte plötzlich der zierliche Vetter.

Alle blickten auf. Das wäre ein Grund, der allen einleuchten konnte. Aber man verbindet doch das Angenehme mit dem Nützlichen. Man kann seinen Bruder ärgern und braucht darüber doch nicht seinen Vorteil zu vergessen.

Das machte sie immer von neuem mißtrauisch, und schließlich entschieden sie sich dahin, bevor sie einen endgültigen Entschluß faßten, den Kurden zu sondieren, was er als Gegendienst forderte.

Sureja hatte nur darauf gewartet und wunderte sich gar nicht, als zwei Offiziere bei ihm erschienen. Nach langem Hin und Her stellte der ältere der beiden und der würdigste, denn sein Bart war weiß, die Frage, womit der Schatten des Königs ihm zu Diensten sein könne?

Sureja lächelte: »Mit tausend Herzen bin ich stets zu seinen Diensten.«

»Es ist Güte und Freundlichkeit von Ihnen.«

Nun fiel der jüngere Offizier ein: »Der Vertraute der königlichen Gegenwart möchte Ihnen einen Dienst erweisen.«

»Er hat sich sehr lobend über Eure Exzellenz ausgesprochen«, ermunterte der ältere.

»Ich bin seines Lobes nicht würdig«, erwiderte Sureja.

Man sah den beiden Persern an, daß sie allmählich merkten, daß sie zum Narren gehalten wurden, und schleunigst lenkte Sureja ein und nannte als seine Forderung einen Orden. Das kostete den Prinzen nicht viel und beseitigte jedes Mißtrauen gegen ihn.

Die beiden Abgesandten atmeten auf. Sie hatten Schlimmeres erwartet. Nun konnten sie dem Prinzen von Maku endlich mitteilen, daß die zwölf Zuckerhüte zur angegebenen Zeit an Ort und Stelle sein würden und alles nach seinen Befehlen vor sich gehen solle.

In der folgenden Nacht kam die Kanone denn auch wieder in das Lager und wurde am nächsten Morgen im Triumph durch die Stadt gefahren. Alles freute sich und pries Sureja von Maku.

Nun man die Kanone wieder hatte, erging der strenge Befehl an die Soldaten, daß sie nur tagsüber die Stadt besuchen dürften, des Nachts aber im Lager zu bleiben hätten. Zuerst murrten sie, dann aber richteten sie es so ein, daß sie eben den Tag über in der Stadt kalten Tee tranken, tanzten, bettelten, stahlen, um sich in der Nacht vom Rausch und allen Anstrengungen in ihren Zelten tüchtig auszuschlafen und zu neuen Taten für den neuen Tag zu stärken.

Eines Morgens, die Sonne war noch nicht aufgegangen, fuhr die ganze Stadt zu derselben Zeit jäh aus dem Schlaf und lauschte beklommen. Vom Lager her wildes Geschrei und heftiges Gewehrfeuer. Oh Ali! Schlugen sie sich gegenseitig tot? Gott sei gepriesen!

Aber die Schüsse kamen näher, das Geschrei wurde immer toller, Pferde rasten durch die Gassen, Kugeln klatschten an die Mauern, Menschen stöhnten und rannten. »Kurd! Kurd!« schrie es. Die Kinder begannen zu weinen, die Weiber rauften sich die Haare, die Männer brüllten, hüteten sich aber, die Tore zu öffnen. Ein Kurdenüberfall. O Gottvertrauen! O Gerechtigkeit! Das sauste und brauste, brüllte, krachte, knallte und raste durch die Stadt wie ein Nachtgewitter, daß alles bebte und ächzte.

Nach zwei Stunden war es vorbei. Die Sonne strahlte, und alles kletterte auf die Dächer. Tote Soldaten, sterbende Soldaten, ein paar Kurden, die starr und steif auf dem Rücken lagen, weggeworfene Flinten und dazwischen einzelne Pferde, die auf Reiter warteten, die nicht wiederkamen. Und der Prinz, seine Offiziere und ihre Armee? Wie fortgeblasen, aus der Stadt verschwunden, von den Kurden wie eine Hammelherde durch die Straßen auf das freie Feld im Osten gejagt, zerstreut, zersprengt und zerrieben. Von Soldaten und Kurden weit und breit nichts mehr zu sehen. Und das Lager? Die Zelte niedergetreten. Alles still und stumm.

Die Beherztesten eilten dorthin, und ihr Mut wurde belohnt, denn sie fanden zwischen den Zelten vielerlei, was sie gut brauchen konnten. Die Neugierigen liefen zum Basar, dem Mittelpunkt aller Neuigkeiten. O weh! Mussa-Riza haben sie erschossen, dem Schreiber des Gouverneurs das Haus in Brand gesteckt, die Schwester ist dabei umgekommen, und Miryäm wurde geraubt. Sie hielten es immer mit den Reichen. Gott wende alles zum Guten.

Als sich die Aufregung zu legen begann, weil der Schaden nicht so groß war, wie man nach all dem Schreien und Schießen befürchtet hatte, zerstreuten sich die Leute bald wieder, und ein jeder ging seiner Arbeit nach. Die Hauptsache war, daß keine Soldaten mehr da waren. Gott sei gepriesen.

Am erfreutesten war der Gouverneur über dieses Ereignis. Der Anteil an Miryäm ließ sich verschmerzen. Aber war es nicht wie ein Wunder, daß er den Prinzen und sein Heer mit einem Schlag los wurde, ohne daß es ihn einen einzigen Thuman kostete? Es ist kein Schutz und keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen und Erlauchten!

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.